DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Gen. 1,1-6,8):
Jedes Kind in Israel weiß, daß der Mensch "im Ebenbilde G~ttes" geschaffen wurde, Staub des Erdbodens. Etwas größer geworden lernen allerdings viele Schüler im Biologieunterricht, daß der Mensch nicht wie in der Tora erzählt geschaffen wurde, sondern vom Affen abstamme. Ich werde mich hier nicht in den bekannten Streit einmischen und auch nicht versuchen, die Richtigkeit dieser Theorie zu widerlegen, weder vom wissenschaftlichen Standpunkt aus noch vom religiösen. Mir klingen noch die Worte meines großen Lehrers, Rabbiner Zwi Jehuda Kuk sel. in den Ohren: Für einen Widerspruch zwischen der Tora und der Naturwissenschaft muß man sich ersteinmal vergewissern, daß die im Namen der Tora hervorgebrachten Argumente wirklich Tora sind, und die im Namen der Wissenschaft wirklich Wissenschaft. - In unserem Fall treffen beide Bedingungen nicht zu. Der Wissenschaft fehlt jede Möglichkeit des eindeutigen Beweises, daß es wirklich so geschah, und andererseits läßt sich bei der Toradeutung nicht ausschließen, daß G~tt den Menschen nicht direkt aus dem Staube der Erde schuf, sondern über Zwischenstufen, über einen langwierigen und komplizierten Entwicklungsprozeß. Darum möchte ich dieses Thema nur vom Blickpunkt ethischer Wertung aus behandeln. In dieser Hinsicht lassen sich vier Schwachpunkte an der Behauptung aufzeigen, der Urvater des Menschengeschlechtes sei kein anderer als der Affe. Das erste Problem besteht in der Aufstellung einer Alternative zur göttlichen Schöpfung an sich. Bis dahin zeugte die Schöpfung für einen Schöpfer. Wenn wir von der Existenz der Welt ausgehen, müssen wir zu dem Schluß gelangen, daß es jemanden gibt, der sie geschaffen hat. Von dem Moment aber, als Wissenschaftler anfingen von der Möglichkeit zu reden, die Welt sei in einem Entwicklungsprozeß entstanden, sind die Dinge schon nicht mehr selbstverständlich, und es ist schon eine größere intellektuelle Anstrengung erforderlich, um von der Schöpfung auf die Existenz eines Schöpfers zu schließen. Das zweite Problem besteht in der Implikation, der Mensch unterscheide sich nicht vom Tier. Der an den Menschen gerichtete moralische Anspruch, sich nicht wie ein Tier im Dschungel nur nach Instinkten zu richten, sondern ein moralisches Leben zu führen, beruht auf der Erkenntnis, daß der Mensch sich seinem Wesen nach vom Tier unterscheidet. Gläubige Juden sprechen in diesem Zusammenhang vom "Ebenbild G~ttes" im Menschen und "die Seele, die Du in mich gegeben, rein ist sie" (Morgengebet). Andere reden von "menschlichem Antlitz" oder "Humanismus". Die einen wie die anderen erkennen die Einzigartigkeit des Menschen an. Wenn der Mensch aber nur ein weiterentwickelter Affe wäre, woher nähmen wir dann das Recht, von ihm zu fordern, sich "wie ein Mensch" zu benehmen und nicht wie ein Tier oder ein Raubtier? Und worin bestünde überhaupt der Unterschied zwischen der Schlachtung eines Suppenhuhns und dem Mord an einem Menschen? Wenn der Mensch nur ein "Suppenhuhn plus" darstellt (oder, genauer gesagt, "Suppenhuhn plus/minus"), und das Leben eines Suppenhuhns nichts anderes ist als ein komplizierter chemischer Mechanismus - was ist denn dann an seiner Tötung so schlimm? Das dritte Problem besteht im Verlust des Gewissens. Wenn wir den Menschen als zufällige Weiterentwicklung des Affen ansehen, und alle seine besonderen Eigenschaften nur Zufälle dieses Entwicklungsprozesses bedeuten, wie können wir uns dann einem "menschlichen Gewissen" verpflichtet fühlen, oder dem natürlichen Streben des Menschen nach Bedeutung, nach Werten? Ohne Seele "Anteil G~ttes von oben" kann man sich nicht ernsthaft mit den ihm innewohnenden moralischen und prinzipienbezogenen Neigungen auseinandersetzen. Das vierte Problem liegt im "Gesetz des Dschungels". Die übliche wissenschaftliche Erklärung für die Ausrichtung der Entwicklung alles Lebens lautet "Existenzkampf". Jeder kämpft gegen jeden. Der Starke reißt den Schwachen, oder drängt ihn wenigstens an den Rand. Als Resultat überleben von jeder Art gerade die Stärksten, die die Schwächeren im Existenzkampf eliminieren, und darum erwächst gerade aus ihnen die nächste Generation. Auf den Menschen übertragen erhalten wir die Rechtfertigung des "Gesetzes des Dschungels" für die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn dieses Naturgesetz für die Entstehung des Menschen verantwortlich ist, wie kann dann eine natürliche Lebensgesetzlichkeit wie diese plötzlich als unmoralische Tat angesehen werden? Und das ist noch nicht alles. Wenn nun der Existenzkampf die Entwicklung alles Lebens im allgemeinen und des Menschen im besonderen voranbringt, würde ja ein Verzicht darauf einem Verzicht auf den Fortschritt der Menschheit gleichkommen! Wer demnach auch nur ein wenig Verantwortung für die Menschheit spürt, muß diesen Kampf unterstützen, aber nicht mithilfe von moralischen Prinzipien unterdrücken. Dieses Prinzip der Rechtfertigung des "Gesetzes des Dschungels" kam in den vergangenen Generationen in zwei Theorien zum Ausdruck. Die erste von ihnen war der "gesellschaftliche Darwinismus", eine sozio-ökonomische Weltanschauung, die in den USA vor etwa 150 Jahren akzeptiert war. Ihre Vertreter befürworteten eine freie Marktwirtschaft mit unbeschränkter, unbarmherziger Konkurrenz. Der Starke überlebt, der Schwache bleibt auf der Strecke. Nach ihrer Ansicht war jede Rücksichtnahme auf die Schwachen und Armen unmoralisch, sei es durch die Regierung, sei es auf privater Ebene. Diese Auffassung wurde vor einigen Jahren von einem israelischen Minister zu recht als "Schweinekapitalismus" bezeichnet. Die zweite und schlimmere von den beiden war keine andere als die "Rassenlehre" der Nazis, die das starke Volk ermunterte, einen Vernichtungskrieg gegen alle "minderwertigen" Völker zu führen mit der Bestrebung, das Menschengeschlecht zu "veredeln". Darum geht es im tieferen
Sinne bei diesem Streit: Zwischen dem einen, der im Leben nur eine hochentwickelte
Maschinerie sieht und im Menschen nur ein hochentwickeltes Raubtier, und
dem anderen, der den Menschen als Geschöpf im Ebenbilde G~ttes sieht,
dessen Persönlichkeit göttliche Moral und göttliche Werte
einschließt.
Der Segensspruch (Bracha) in der Schmone-Esre über den "Sproß Davids" beginnt mit den Worten: "Den Sprößling deines Knechtes Davids laß rasch emporsprießen, sein Horn erhöhe durch deine Hilfe". Im Begriff des Emporsprießens klingen Zeit und kontinuierliche Entwicklung an. Das Sprießen kann allerdings machmal schnell und manchmal langsam erfolgen. Wir beten um "rasches" Sprießen, es muß aber zwangsläufig kontinuierlich sein. Es gibt keine Alternative, die Erlösung wird nicht in Hast ablaufen, entsprechend dem Prophetenwort: "Ja, nicht mit Hast werdet ihr fortziehen, und nicht in Flucht davongehen" (Jeschajahu 52,12), im Gegensatz zur Erlösung aus Ägypten, die eine von Wundern begleitete Erlösung war - das Wunder nimmt keine Rücksicht auf den natürlichen Ablauf der Dinge und unterliegt nicht den Beschränkungen der Zeit. Die ultimative Erlösung soll gerade auch die Natur erlösen, und die Natur nimmt daran teil. Und weil die Natur an der Erlösung Israels und ihrer eigenen Erlösung teilnimmt, braucht das notwendigerweise eine gewisse Zeit, denn so verhält es sich eben mit der Natur. Wir sind an der Erlösung interessiert, sie soll alles erlösen: Trockenlegung der Sümpfe, Erlösung der Wirtschaft durch Gründung von Banken, und die Erlösung der Nationen der Welt durch ihre Beteiligung an der politischen Entscheidung zur Gründung des Staates Israel. Gleichfalls sind wir daran interessiert, alle Bereiche der Kultur zu beteiligen, und alle Ideen, die seit Beginn der Menschheitsgeschichte entwickelt wurden... Darum gibt es keine andere Wahl für die Erlösung als die kontinuierliche Entwicklung, denn sie muß auf die Gewöhnungsbedürftigkeit an neue Ideen von Teilen der Nation Rücksicht nehmen. Die Erlösung kann nicht von einem Moment auf den nächsten stattfinden. Wir beten vielmehr, daß diese Erlösung schnell vonstatten gehe, selbst als kontinuierlicher Prozeß. Trotzdem werden von Zeit zu Zeit Sprünge erfolgen, wie es in jedem evolutionären Prozeß nach einer langen Entwicklungphase unter der Oberfläche geschieht. Auch bei der Erlösung gibt es ab und zu Sprünge. Diese Tatsache kann zu einem Streitpunkt selbst zwischen treuen Anhängern der Erlösung werden. Im Talmud (Sota 37a) wird erzählt: Als die Kinder Israels am Schilfmeer standen, wetteiferten der Stamm Benjamin mit dem Stamm Jehuda, wer als erster ins Meer hinabsteige. Am Ende sprang der Stamm Benjamin zuerst hinein, woraufhin sie die Fürsten Jehudas mit Steinen bewarfen, wie es heißt (Psalm 68,28): da ist Benjamin, der jüngste, sie beherrschend [rodem], und man lese nicht rodem [sie beherrschend], sondern rad jam [der ins Meer stieg]. Rabbiner Naftali Z.J. Berlin aus Woloschin erklärte zu diesem Wettstreit Folgendes: Die Söhne Jehudas sagten, weil G~tt die ganze Nacht einen starken Ostwind wehen ließ, ersehen wir daraus G~ttes Willen, in einem kontinuierlichen Prozeß Stück um Stück zu erlösen, und darum muß abgewartet werden, bis der Wind das Meer gänzlich ausgetrocknet hat, und erst dann ist es uns erlaubt, hindurch zu gehen. Die Söhne Benjamins sagten, wenn wir das tun, läßt sich das Wunder nicht erkennen, und darum muß man sofort ins Wasser springen, damit das Meer sich teilt. In Wirklichkeit geschahen nämlich beide Dinge: Das Meer trocknete langsam aus, und die Wogen teilten sich, wodurch das Wunder offensichtlich wurde - die Teilung des Schilfmeers. Weil dieser Ablauf aber der ideologischen Auffassung der Söhne Jehudas zuwiderlief, die glaubten, "Stück um Stück" sei eine absolute Zwangsläufigkeit, und jedes Überspringen von Stufen sei verboten, bewarfen sie die Söhne Benjamins mit Steinen. Was können wir daraus lernen? Ganz offensichtlich läuft der Erlösungsprozeß langsam und kontinuierlich ab, wenn aber eine Möglichkeit zum Überspringen besteht, um ab und zu die Vorgänge zu beschleunigen, so ist sie zu nutzen; auf jeden Fall hast du kein Recht, selbst wenn du dich nicht an so einem "Sprung" beteiligen willst, deinen Nächsten mit Steinen zu bewerfen. Denn die Hauptsache bei der Erlösung ist die Einigkeit der Nation und die gegenseitige Rücksichtnahme innerhalb des Gesamtspektrums der Ansichten. Auf diese Weise wird sich auch erfüllen: "sein Horn erhöhe durch deine Hilfe" (s. o.) - die Erhöhung des Horns Israels wird offenbar werden bis an die Enden der Welt [das Horn als Gefäß für das Öl, mit dem der Maschiach gesalbt wird, und als Symbol für die Macht Israels wie die Macht des Stieres]. bogrey33
Kommentare von Rabbiner
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(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
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