DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Lev. 1,1 - 5,26):
Der "Maggid von Dubnow" erzählte, wie es seine Art war, ein Gleichnis zu folgendem Vers aus der Haftara: "Aber nicht mich hast du angerufen, Jakov, daß du dich um mich bemüht hättest, Israel" (Jeschajahu 43,22). Dieser und verschiedene andere Verse der Haftara benutzen Begriffe von Mühe und schwerer Arbeit zur Beschreibung des Opferdienstes, die damit ausdrücken wollen, daß G~tt an dieser Mühe gar nicht interessiert ist, solange die Opfernden mit ihrem Dienst keine reinen Absichten verfolgen. In seinem Gleichnis erzählte der "Maggid von Dubnow" von einem Lastenträger, der sich für einen zu niedrigen Lohn verdingte, weil er die Schwere der auf seinem Rücken zu transportierenden Waren unterschätzt hatte. Am Ende des Tages kam der Lastenträger zum Eigentümer der Waren mit der Behauptung, jener habe ihn irregeführt, als er ihm sagte, die Ware sei ganz leicht. Und sieheda, nicht nur, daß seine Klage auf taube Ohren stieß, vielmehr hielt ihm der Handelsmann überraschend entgegen: "Es scheint mir, die Last auf deinem Rücken ist gar nicht meine, denn meine Ware ist wirklich leicht und gar nicht schwer, und darum bin ich dir für deine Arbeit überhaupt nichts schuldig". Auf ähnliche Weise erklärte der "Maggid" den genannten Vers: Wenn du bei deinem Dienst große Mühe verspürst, dann ist das ein Zeichen, daß du an die falsche Adresse gelangt bist, und dein Dienst ist gar kein Dienst an G~tt. Das Gefühl der Mühsal, das den Menschen beim erhabenen Dienst an G~tt überkommt, entspringt ausschließlich einem Mangel an Identifizierung mit dem Inhalt des jeweiligen Gebotes. Diese Schwierigkeit führt zwangsläufig zu einer ganzen Reihe Irrtümer, die einer aus dem anderen resultieren und den Betreffenden in einen Teufelskreis bringen, aus dem er nicht so leicht ausbricht. Die Fremdheit, die der Betreffende dem spirituellen Inhalt des Gebotes gegenüber verspürt, veranlaßt ihn dazu, sich mit den äußerlichen Aspekten zu beschäftigen, und das so entstehende geistige Vakuum versucht er, mit künstlicher Erschwerung des tätlichen Joches zu überbrücken. Je mehr sich zum Beispiel der Opfernde vom Wert der G~ttesnähe und dem Inhalt des Opferdienstes entfernt, steigt seine Motivation, ein größeres und teureres Opfer zu bringen, um damit seine Entfernung von G~tt zu überspielen. Nur daß diese verzweifelten Versuche zum Scheitern verurteilt sind, und am Ende richten sie mehr Schaden an als daß sie Nutzen bringen. Die erhöhte Anstrengung zur Erlangung eines künstlichen spirituellen "High" verstärkt bloß das Gefühl der Enttäuschung, und je mehr Kräfte eingesetzt werden, umso magerer das Ergebnis. Nicht umsonst bemüht sich die Tora um die Klarstellung, nicht die Menge sei die Hauptsache, sondern die Qualität, und spart auch nicht mit Worten, um uns einen reichhaltigen Fächer von Tier- und Speiseopfern aufzuzeigen, deren Kosten von extrem teuer bis extrem billig reichen. Das soll uns lehren: "ob viel oder wenig, wenn er nur sein Herz zum Himmel richtet" (Menachot 110a). Dieser Gedanke kommt im Gebot vom Salzen des Opfers zum Ausdruck: "Und all deine dargebrachten Opfer mußt du mit Salz bestreuen" (Lev. 2,13). Es liegt in der Natur des Salzes, daß es zum guten Geschmack des Fleisches nur dann beiträgt, wenn man eine geringe Dosis hinzufügt, eine größere Menge hingegen macht die ganze Speise ungenießbar. Dazu schrieb Rabenu Bechaje, daß der Bund über das Salz geschlossen wurde, weil es die Welt sowohl erhalten als auch zerstören kann. Einerseits ist es der Urtyp allen Gewürzes, das den Speisen einen angenehmen Geschmack und besonderen Charakter verleihen kann, andererseits kann es den Erdboden versalzen und das Land unfruchtbar machen. Man könnte auch sagen, der Gefallen, den der Mensch am Gebote findet, gleiche dem Geschmack des Salzes im Verhältnis zu der damit gewürzten Speise. Solange die Identifizierung mit dem Gebot im Mittelpunkt steht, und der Salzgeschmack bleibt Nebensache, so ist es gut, doch wenn das Salz Hauptsache sein will, gibt es nichts Schlimmeres, das Gericht zu verderben. So verhält es sich auch mit dem wahren Dienst an G~tt - man muß das richtige Salz und die genaue Dosierung finden, um den wirklichen Wert des Gebotes hervorzuheben, "schmeckt und sehet, daß gütig der Ewige ist" (Psalm 34,9). Möge es der Wille G~ttes
sein, daß wir bald den Geschmack freier Menschen verspüren mögen,
die ihre Speise einzutunken pflegen [nämlich am Sederabend].
Frage: Darf man seine Freizeit mit diversen Unterhaltungsmöglichkeiten gestalten, oder muß man jede freie Minute mit Torastudium, guten Taten und Gebotserfüllung verbringen, wobei die ganze Freizeitkultur nichts Anderes ist als Toraverhinderung, Willensschwäche und geistige Leere? Antwort: Sicher besteht das höchste und erhabenste Ideal in pausenlosem Dienst an G~tt, denn dafür wurde der Mensch schließlich geschaffen - für die Tora und die Gebote, fürs Lernen und gute Taten. Damit fühlt er sich außerdem wohl und glücklich. Doch steht derzeit nicht Jeder auf einer so hohen Rangstufe der Frömmigkeit. Nicht Jeder ist derzeit imstande, keine 4 Schritte ohne Tora zu gehen. Die meisten Menschen brauchen etwas Ablenkung. Man muß sich nur darum kümmern, daß sie "koscher" ist. Der Mensch wird an seinem Maß an Gerechtigkeit gemessen, oder auch der "Sauberkeit" [in Wort und Tat; siehe "Der Weg der Frommen", Kap. 10-11]. Man darf sich seine eigene Freizeitkultur gestalten, sei es zum Ausruhen, sei es zum Vergnügen. Nur "koscher" muß sie sein. Rabbi Meir Simcha aus Dvinsk [einer der größten Toragelehrten vor etwa 100 Jahren] schrieb, daß die Tora nicht jeden Menschen verpflichte, jederzeit Tora zu lernen, denn dafür sind so große seelische und körperliche Kräfte nötig, wie sie heutzutage nicht Jedem zur Verfügung stehen, vielmehr ist Jeder verpflichtet, besondere Zeiten für regelmäßiges Torastudium zu reservieren; je mehr desto besser, versteht sich. In diesem Zusammenhang scheint ein Widerspruch im Gesetzeswerk des Maimonides in den Gesetzen vom Torastudium zu bestehen: Im ersten Kapitel schrieb er, man müsse bestimmte Zeiten fürs Lernen reservieren, und im dritten, daß man jeden freien Moment dazu ausnutze. Die Auflösung: Im ersten Kapitel wendet er sich an den Durchschnittsmenschen, im dritten an die Toragelehrten. Darum muß man für
zwei Dinge sorgen:
2. Die Freizeitgestaltung muß den Religionsgesetzen entsprechen und ein gewisses Minimum an Niveau aufweisen, darf also nicht in hirnlosen Zeitvertreib ausarten. Darum distanzierten sich die talmudischen Weisen mit aller Schärfe von einem "Aufenthaltsort der Spötter", wie z.B. die Theater und Zirkusse der Nichtjuden - "Wer Wettkampfplätze besucht" (Raschi: Ort, wo man den Stier absticht), "und Belagerungsbelustigungen" (so nach Raschi), "und dort die Zauberkünstler" (Raschi: Schlangenmenschen und Zauberer), "und die Chabrin" (Raschi: Schlangenbeschwörer), "Musikanten, Possenreißer, Reitkünstler, Bauchredner, Tänzer und Puppenspieler" (Raschi: verschiedene Arten Spaßmacher) sieht, "befindet sich an einem 'Aufenthaltsort der Spötter'; über ihn spricht die Schrift: "Heil dem Manne, der nicht wandelt im Rate der Frevler... sondern an der Lehre des Herrn seine Lust hat" (Psalm 1,1-2; Awoda Sara 18b). "Die Rabbanan lehrten: Man darf keine Theater und Zirkusse besuchen" (ebda.; siehe auch Schulchan Aruch O.C. §307,16). Entsprechend handelt es sich bei der "griechischen Weisheit", die unsere talmudischen Weisen so sehr ablehnten, nicht um Wissenschaft, wie der MaHaRaL ("hohe Rabbi Löw" aus Prag) erklärte, denn Wissenschaft ist ja keine typisch griechische Angelegenheit, sondern ganz universal-menschlich, vielmehr sei damit die billige, geistlose Literatur gemeint. Wir haben nichts gegen Literatur und auch nichts gegen Kunst - im Gegenteil, wir lieben alles, in dem sich strömende Lebendigkeit offenbart. Unter der Bedingung jedoch, daß es sich um reine, "koschere" Lebendigkeit handelt. Vielleicht könnte man Juwal als den ersten Künstler bezeichnen - "der war der Vater aller Zither- und Flöten-Spieler" (Gen. 4,21), nur leider übte er seine Kunst aus, "um zum Götzendienst zu musizieren" (Raschikommentar). In diesem Fall wäre es besser, wenn der Mensch gar keine freie Zeit hätte, sondern Tag und Nacht arbeite, denn Arbeit ist etwas Positives, und der Fluch "im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brot essen" (Gen. 3,19) bedeutet keine göttliche Rache, sondern dient wie alle Strafen G~ttes der Besserung. Die Wirklichkeit zeigt jedoch, daß die Freizeit einen immer größeren Raum einnimmt, und eine Soziologin behauptete bereits, die Qualität einer Gesellschaft lasse sich am Niveau ihrer Freizeitkultur ablesen. Als Schüler unseres
Lehrers Moscheh wollen wir uns darum nach besten Kräften bemühen,
unsere Zeit der "Tora des Lebens, der Liebe und der guten Taten" zu widmen,
und wenn wir einmal "abschalten" müssen, unsere Freizeit auf reine
und saubere Weise zu gestalten; dann wird uns auch diese Bemühung
als Dienst an G~tt angerechnet.
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
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