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DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN
IN ISRAEL
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Anschrift: Sderot Hame'iri 2, Kirjat Mosche
IL - 91032 Jerusalem ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJEZE
Nr. 542
9. Kislev 5766
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
Telefax: (+972 2) 6519 780
e-mail: kimizion@012.net.il
separate Homepage:
www.kimizion.org
-Archiv der
"Betrachtungen"
-Kostenloser Antwortservice "Frag'
den Rabbi" auf deutsch
-früher aktualisiert (update)
als die Machon-Meir-Seite
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was
ist TOLERANZ wirklich?
Über
die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das
Gebot der Einwanderung nach Israel
Der
Holocaust
DAS
VOLK ISRAEL
Politik
und Judentum
Die
Tora und der Mensch
oder
"Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die
Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion
"2000"-
Israel und das Christentum
- Briefe der ehemaligen Oberrabbiner
Israels
- Israelfreundliche Christen?
"Ich
bin ein Palästinenser"
Die
Sudeten von Palästina
König
Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der
Kampf um Israel
Wie
man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn
Erew Pessach auf Schabbat fällt
"Jerusalem
Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals
jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim
AUF HEBRÄISCH:
"Schall
und Ru'ach"
Kurze Vorträge von
Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten
Themen,
zum Zuhören
online,
desgleichen auf Französich
Diese Woche in der Tora (Gen. 28,10
- 32,3):
G~ttes Versprechen an Jakov, ihn im Exil
zu schützen,
Begegnung mit Rachel, Jakov in Charan
bei Lawan, Leah, die
vertauschte Braut, Hochzeit mit Rachel,
Geburt der Stämme,
Lawans Betrügereien und göttliche
Wende zu Jakovs Vorteil,
beschleunigte Abreise nach Kana'an und
Showdown mit Lawan
auf dem Wege.
| Am
Schabbes-Tisch...
Jakovs Wahrheit
Rav Iti'el Ari'el
Gemeinderabbiner in Bet Schemesch |
Der Streit zwischen Jakov
und Lawan am Ende des
Wochenabschnittes bietet
uns einen gewissen Begriff von der
immensen Größe
unseres Vorvaters Jakov. Dieser Streit
begann im Zorn, mit der
Erniedrigung durch Verfolgung und
Durchsuchen der Habseligkeiten
des eigenen
Schwiegersohnes, der ihm
so treu gedient hatte. Ausgerechnet
die Pedanterie Jakovs, die
in jener Stunde erwachte, zeichnet
uns ein genaues Bild des
treuen und vertrauenswürdigen
Angestellten, der es sich
in keiner Weise leicht machte, obwohl
sein Arbeitgeber, Lawan,
sein derzeitiger Streitpartner, die
versprochenen Arbeitsbedingungen
nicht nur nicht einhielt,
sondern sie immer wieder
willkürlich änderte.
Der Midrasch macht auf den
sanften und doch konsequenten
Stil des Auserwählten
der Vorväter aufmerksam, in dem er
Lawan ermahnte, und auf
die sanften Worte, mit denen ihm
schnell die Versöhnung
gelang: "Die [ausgleichende] Pedanterie
der Väter und nicht
die [zwiespältige] Demut der Söhne"
(Bereschit raba 74,10).
Doch nicht nur der Stil ist
beachtenswert, sondern vor
allem der Inhalt. Bei dieser
Ermahnung erwähnte
Jakov nämlich nicht so sehr das von
Lawan begangene Unrecht,
sondern hauptsächlich seine eigene
Verläßlichkeit
bei der Arbeit als Hirte. Ein Aspekt dieser
Verläßlichkeit
war seine ununterbrochene Wachsamkeit bei Tag
und bei Nacht, bei Hitze
und Kälte, weit über alles hinaus, was
in diesem Beruf als recht
und billig galt. Unser Vorvater Jakov
bezeugte über sich
selbst, wie er weit strengere Maßstäbe an
sein Verhalten anlegte als
gesetzlich vorgeschrieben und sich
nicht mit der üblichen
Wachsamkeit begnügte (wie ein
"Stadtwächter" und
nicht wie ein Viehhirte, siehe Baba mezia
93b), darum ersetzte er
Verluste aus eigener Tasche.
Besonders deutlich wird
Jakovs Ehrlichkeit im Kontrast zu
Lawans Hinterhältigkeit,
der keine Gelegenheit ausließ, seinen
eigenen Schwiegersohn und
sein eigen Fleisch und Blut um
dessen Lohn zu betrügen.
Wer jemals in seinem Leben
Wache schieben mußte, kann
bezeugen, wie sehr diese
abstumpfende Beschäftigung von der
Ehrlichkeit des Wächters
und seiner Arbeitsmoral abhängt.
Stunde um Stunde vergeht,
ohne daß irgendetwas
Außergewöhnliches
geschieht. Das kann leicht in Sorglosigkeit
und Apathie enden. Nur eine
eiserne Selbstdisziplin läßt ihn bei
dieser monotonen Arbeit
durchhalten. Nicht umsonst steht der
Beruf des Wächters
am unteren Ende der Lohnskala und der
beruflichen Befriedigung,
da doch selbst ein Schwerbehinderter
noch als "Hüter eines
Gurkenfeldes" tauglich ist. Und für wen
dieser ganze Einsatz? Für
Lawan, den Betrüger, der Treue mit
Hinterlist dankt? Sollte
Jakov nicht seine hohe Arbeitsmoral
etwas dessen dubioser Zahlungsmoral
anpassen? (Als jemand,
der ungezählte Stunden
auf Wache verbrachte, kann ich die
Größe der Frustration
bezeugen, die sich gerade während des
Dienstes wegen erlittenen
Unrechts einstellt, wie zum Beispiel
verspätete Ablösung
und ungerechte Diensteinteilung, was sich
unmittelbar auf den weiteren
Dienst auswirkt).
Gerade deswegen glänzt
Jakovs Persönlichkeit besonders im
Maße ihrer Wahrhaftigkeit
- "Gib Wahrheit an Jakov" (Micha
7,20). Jakov lehrt uns,
Werte von Verläßlichkeit und
Arbeitsmoral nicht an den
niedrigen Maßstäben von Lawan zu
messen, sondern an ganz
anderen Begriffen, nämlich denen der
Ewigkeit. Die vielschichtigen
Beziehungen mit Lawan machten
zwar den Erwerb von einer
gewissen Übung in der Grauzone
von Intrige und Listigkeit
notwendig, und deren Einsatz, wo
nötig - "mit dem Krummen
windest du dich" (Psalm 18,27) - aber
wehe dem Menschen, der sie
sich zu eigen macht und selber zu
den "Krummen" übergeht.
Ein Mann der Wahrheit wie Jakov
kennt den Wert der Einhaltung
seines Wortes und versteht, daß
G~tt ihm diese wichtige
Aufgabe des Hütens der Herden
zugespielt hat, und wenn
er Zeugnis über seine Verläßlichkeit
hätte ablegen müssen
- "Mein Elend und die Mühe meiner
Hände hat G~tt angesehen
und entschied gestern" (Gen.
31,42).
Und so, wie bei Jakov sein
Glauben die Treue zu seinem
konsequenten Wege vertiefte,
möge es auch uns beschieden
sein, diesem seinem Wege
zu folgen.
| HaRav
Aviner
Meine Welt ist
nicht verloren
Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa
von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt |
 |
Ich gehöre zu den aus
dem Katif-Gebiet Vertriebenen. Meine
Welt zerbrach. Wir waren
gute Bürger, mein Mann arbeitete,
auch ich arbeitete, und
wir verdienten einen würdigen
Lebensunterhalt . Nicht
reich, aber ok. Es gelang uns sogar,
etwas Geld auf die Seite
zu legen und ein kleines Häuschen zu
kaufen. Keine Luxusvilla,
aber doch sehr schön. Dort sind
unsere Kinder glücklich
aufgewachsen, und überhaupt waren
wir da sehr glücklich.
"Wenn du deiner Hände Arbeit genießest,
Heil dir, und dir ist wohl"
(Psalm 128,2). Im ganzen Katif-Gebiet
gab es keine Arbeislosigkeit.
Jetzt haben wir schon ein
paar Monate lang keine Arbeit. Die
wenigen Ersparnisse sind
aufgezehrt. Früher konnten wir den
Bedürftigen spenden,
und jetzt müssen wir selber Almosen
annehmen, um Nahrungsmittel
kaufen zu können. Was für eine
Schande! Am Anfang war man
an meinem früheren Arbeitsplatz
bereit, mir einen Halbtagsjob
zu geben, doch jetzt sitzen wir am
anderen Ende des Landes,
und die endlose Fahrerei zur Arbeit
und die damit verbundenen
Unkosten haben mich geschafft.
Wir leben aus unseren Koffern
in diesem verfluchten Hotel, das
bereits die fünfte
Station seit unserer Vertreibung darstellt. Wir
leben alle zusammen in zwei
kleinen Zimmern. Ich gebe zu,
Andere haben es schlechter.
Manche haben die Großmutter mit
dabei, und bei Anderen leben
die großen Kinder, Jungen und
Mädchen zusammen in
einem Raum. Manche haben zwar zwei
Zimmer nebeneinander, aber
ohne direkten Durchgang. Es ist
zwar nicht nett, so zu reden,
aber ich hasse dieses Hotel. Was
für eine Strafe! Menschenunwürdig!
Noch nicht einmal eine
Klobürste gibt es hier.
Wir haben keine eigene Telefonleitung,
und die Rechnung für
das Handy wird langsam unbezahlbar.
Man läßt uns
nicht in die Küche. Das Essen schmeckt nicht,
und es fehlt an Abwechslung.
Mittags und abends gibt es
fleischig, was die Kinder
nicht gewohnt sind und deshalb nicht
essen. Auch uns kommt es
schon zu den Ohren heraus. Es
versteht sich von selbst,
daß wir keine Gäste einladen dürfen,
nicht einmal meine alte
Mutter - und wie sollen wir in Kürze Bat-
Mitzwa feiern? Und dann
müssen wir für unseren
Zwangsaufenthalt in diesem
verdammten Hotel auch noch
selber bezahlen, d.h., die
Kosten werden von unserer
Entschädigung abgezogen.
Wegen all dieser Dinge kommt
es zwischen meinem Mann und
mir zu Spannungen. Wir streiten
und sind einander böse. Mein
Mann, der immer ruhig und
gutmütig war, wurde depressiv und
macht sich Sorgen. Er besucht
bereits einen Psychiater, der wie
alle Vertreter dieses Berufsstandes
ein Vermögen für die
Behandlung nimmt, das wir
nicht haben. Unser ältester Sohn ist
mit der ganzen Welt böse,
mit der Regierung, mit dem Staat, mit
der Armee, mit den Rabbinern,
mit uns, mit Allem. Die Schule
betritt er schon nicht mehr.
So wie ihn gibt es schon Hunderte.
Die große Tochter
lassen wir in der Schule zu
Internatsbedingungen, denn
die Hin- und Herfahrerei wurde
unerträglich. Sie weint
die ganze Zeit und sehnt sich nach
Hause. Dazu kostet das Internat
eine Stange Geld. Aber wir
wollen uns gar nicht einmal
beklagen, denn wir haben Bekannte
in ähnlicher Lage,
deren Kinder mit Drogen angefangen haben
oder an Selbstmord denken.
Verglichen mit diesen Zores,
können einem die Nervereien in
den Behörden fast unbedeutend
vorkommen, obwohl auch
diese jeden normalen Menschen
verrückt machen können. In
den Büros der Umsiedlungsbehörde
hat man anscheinend
entschieden, uns das Leben
so schwer wie möglich zu machen:
Ahh, Sie wollen eine Entschädigung?
Beweisen Sie, daß Sie im
Katif-Gebiet gewohnt haben!...
Meldebestätigung reicht nicht,
da kann man ja alles Mögliche
eintragen lassen!... Beweisen
Sie, daß Sie das Haus
gekauft haben!... Bringen Sie den
Kaufvertrag... Bringen Sie
eine Bestätigung von der Baufirma in
Be'er Schewa, daß
Sie dort registriert sind... Das reicht aber
immer noch nicht, beweisen
Sie, daß Sie auch wirklich dort
gewohnt haben!... Bringen
Sie eine Bestätigung des E-Werkes
in Be'er Schewa, daß
Sie alle Jahre Ihren Strom bezahlt
haben!... Und jetzt verlangen
sie noch Bestätigungen, daß
unsere Kinder im Katif-Gebiet
zur Schule gingen, aber auch das
reicht noch nicht aus, denn
vielleicht ist die Bestätigung fiktiv...
Bringen Sie die Schulzeugnisse
der 1. und 2. Klasse! ... Die
sind in Ihrem Container?
Ihr Problem!
Sagt mal, wollt ihr uns umbringen?!
Erst vertreiben, und dann
umbringen! Wir wissen auch
gar nicht, wo sich genau unser
Container zwischen all den
anderen befindet. Die Regierung hat
nicht für eine genaue
Auflistung gesorgt. Wieviel Kummer hat
uns dieser Container schon
bereitet! Noch während des
Packens wurden uns einige
wertvolle Sachen gestohlen, z.B.
der Computer, und ich verstehe
auch gar nicht, warum der
Container, der uns von der
Behörde zur Verfügung gestellt
wurde, mehr kosten muß
als einer von einer Privatfirma.
Nebenbei bemerkt, wenn es
darum geht, von uns Geld zu
kassieren, braucht es gar
keine besonderen Bestätigungen: Wir
zahlen der Bank weiter die
Hypothek für ein Haus, das schon
gar nicht mehr existiert,
wir zahlen weiter Versicherung für ein
Haus, aus dem wir vertrieben
wurden, und wir mußten sogar
dem E-Werk viel Geld für
die Entfernung des Zählers bezahlen.
In den Büros der Umsiedlungsbehörde
aber werden wir gequält,
dort gelten wir grundsätzlich
als Lügner, und wir müssen uns
beide Beine ausreißen,
um zu beweisen, daß wir die Wahrheit
sprechen. Sie schicken mich
vom Norden des Landes nach
Be'er Schewa, um eine Bescheinigung
des E-Werkes zu
besorgen, wo sie sämtliche
Informationen über alle Siedler per
Knopfdruck austauschen könnten,
da alle Regierungsbehörden
und -betriebe per Computernetz
miteinander verbunden sind.
Uns ist absolut klar, daß
dafür nicht die bekannten Mühlen der
Bürokratie verantwortlich
sind, sondern eine bestimmte Planung
dahintersteckt, kein bürokratisches
Versagen, sondern Befehl
von oben. Sie wollen uns
brechen. Übrigens betreffen diese
Schikanen auch diejenigen,
die von vornherein mit der
Umsiedlungsbehörde
zusammengearbeitet haben.
Das sind schon echt verbrecherische
Menschen, die unser
Leben und unsere Familie
ruiniert haben und weiterhin in den
Medien die Öffentlichkeit
belügen, daß alles in Ordnung sei.
"Für jeden Siedler
haben wir eine Lösung!" So verkündeten sie,
und das behaupten sie immer
noch. Verdammte Lügner! Wir
dürfen auch nicht den
Mund aufmachen, denn dann heißt es
gleich: Heulsusen, Parasiten,
Entschädigungsjäger! Wir?! Im
Gegenteil! Wir hatten uns
in einer trostlosen Gegend
niedergelassen und in einen
blühenden Garten G~ttes
verwandelt, trotz ständigen
Granatwerferbeschusses. Und jetzt
sagt man uns: Wir sollen
verzeihen und vergessen. Die
Vergangenheit vergessen
- und auch die Gegenwart?!
Trotzdem hegen wir keinen
Haß, das paßt auch gar nicht zu
uns, ich kann überhaupt
niemanden hassen, ich habe auch
keine Lust, jemanden zu
hassen. Ich möchte tanzen und fröhlich
sein, auch in schweren Zeiten.
Ein Glück, daß
es Freunde und Bekannte gibt, die uns mit
ganzem Herzen unterstützen.
National-religiöse Leute und auch
ein paar Nichtreligiöse,
die uns mit Geld helfen, von ihrer Zeit
opfern, psychologische und
medizinische Hilfe, Hilfe bei
organisatorischen Problemen,
mit den Kindern und der Wäsche.
Vielen Dank, liebe Freunde;
wenn ich an euch denke, steigen
mir Tränen in die Augen.
Ich bin immer noch auf einer
Reise ins Ungewisse in diesem
unmöglichen Land -
das ich dennoch liebe, trotz alledem. Ich
wandle auf unsicherem Pfade,
in einem langen
Abnutzungskampf, aber ich
halte stand. Das ist schwer und tut
furchtbar weh, aber ich
mache weiter. Ich habe mir immer noch
etwas von meiner Fröhlichkeit
bewahren können, von meiner
Sanftmütigkeit und
meiner Freundlichkeit. Manchmal frage ich
mich, was sein wird, das
schwächt und quält, ich aber mache
weiter und verzweifle nicht.
Ich dachte, wir hätten die Exile
hinter uns, dem ist aber
nicht so, das Exil steckt in uns,
anscheinend befreit man
sich nicht so schnell davon. Sie haben
eine neue Schikane erfunden,
aber ich bin über jeden Tag froh,
den ich standhalte, über
jeden Tag, an dem ich etwas Freude
habe. Im Buch "Weg der Frommen"
steht, daß die Welt voller
Versuchungen und Schwierigkeiten
ist (1.Kap.) - das ist wirklich
nicht einfach. Ein Leben
in wirtschaftlicher Ungewißheit, das
kann wirklich nerven.
Mein Leben ist schwerer geworden,
doch entdeckte ich in mir
auch neue Seelenkräfte
und frischen Glauben. In dem
stürmischen Meer dieses
nationalen Wahnsinns finde ich hier
und dort sichere Festpunkte,
an die ich mich halte. Einmal fand
ich einen Text von Rabbiner
Kuk, der mich sehr rührte:
"Der entwurzelte Mensch:
Dieser Schrecken erschüttert die
Seele am meisten, der Mensch
muß einen festen Stand haben,
und daß dieser Stand
nicht hin- und herwankt. Was ist das
Hauptproblem mit der Galut
(dem Exil)? Die Entwurzelung. Sehr
bedrohlich ist die Sache,
wenn der Mensch fühlt, wenn er in
bestimmten und hauptsächlichem
Sinne entwurzelt ist,
umherwandert, in der Schwebe
hängt..." (Ma'amarej Hara'aja
S.161).
Doch auch in der Galut gelang
uns, weiter zu existieren. Trotz
allseitiger Verwunderung
lebt und besteht das Volk Israel voller
Mut, weil es in jeder Lage
etwas hat, daran festzuhalten.
Auch König David gibt
ein Beispiel dafür. Seit seiner Kindheit litt
er unter seinen Brüdern:
"Ein Entfremdeter bin ich meinen
Brüdern geworden, und
ein Unbekannter den Söhnen meiner
Mutter" (Psalm 69,9). Woher
nehme ich also meine Kraft? Von
dem, was ich im Laufe der
Zeit ansammelte.
Zuallererst kommt der Zusammenhalt.
Den haben sie nicht
brechen können. Mit
den anderen Vertriebenen gibt es zwar
viele Streitpunkte wegen
der gemeinsamen Notlage, auch
innerhalb der Familie, doch
wir hüten den Zusammenhalt, es
gelingt uns sogar, ihn zu
stärken. Die goldene Regel der
Gemeinsamkeit: Es müssen
nicht Alle gleich denken, brauchen
nicht Alle dasgleiche Käppchen
auf dem Kopf zu haben,
brauchen nicht gleich zu
glauben und nach dergleichen
Methode zu verfahren. Aber
Allen gemeinsam sind zweifelsohne
der Schmerz und die Härten
des Lebens. Am Schlimmsten ist
die Ungewißheit, darum
machen unterschiedliche Ansichten und
Gefühle nicht so viel
aus. Man darf anders denken, anders sein.
So wie in einer Jeschiwa:
im Bet Midrasch gibt es lautstarke
Debatten, aber alle respektieren
einander.
Bei uns gibt es wahre Spezialisten
für Debatten: die
Jugendlichen! Jeder eine
zweibeinige Talmudausgabe, jederzeit
bereit, über alles
zu streiten. Alles, was ich sage - sie sagen das
Gegenteil. Welch ein Glück!
Ich streite nicht, ich will keinen
besiegen. Ich freue mich
über meine so integrierten und
sozialbewußten Kinder.
Sie haben viele Verdienste, ich bin
richtig neidisch auf sie.
Sie beschuldigen uns aller möglichen
Dinge, Tatenlosigkeit -
was nicht? Das kann einen aufregen.
Warum regt mich das eigentlich
auf? Bis ich verstand: Ich
beschuldige mich selber
und mache mir Gedanken. Darum
habe ich beschlossen, mich
nicht mehr aufzuregen. Ich suche
die Punkte der Übereinstimmung,
und dann stärken wir die
positiven Seiten. Ich sehe
mich vor, nicht die Psychologin zu
spielen. Nur ihre Mutter.
Meinem Zweijährigen fällt es viel
schwerer, denn er fühlt
sich unter Druck und kann sich nicht
artikulieren. Die Anzeichen:
Nässen, unregelmäßige Verdauung
und manchmal Fieber. Es
wundert mich nicht. Ich umarme und
küsse ihn und gebe
ihm zu trinken. Auch bei meiner Tochter im
Kindergarten beobachte ich
eine ähnliche Entwicklung:
Zurückgezogenheit,
undeutliche Aussprache, Bettnässen. Ich
spiele mit ihr "wenn ich
groß wäre", so fühlt sie eine gewisse
Entscheidungsmacht.
Nur mein Sohn in der dritten
Klasse wird richtig aggressiv. Er
drückt seine Gefühle
so aus: "Ich bringe Soundso um!" Das
macht mir Sorge. Er wird
natürlich niemanden umbringen. Ich
werde auch keine Energien
darauf verschwenden, solche
Wortausbrüche zu unterbinden.
Wenn ich ihn zum Schweigen
brächte, würde
er gar nicht mehr reden. Bei mir darf man reden.
Ich weiß gar nicht,
warum ich euch all diese persönlichen Dinge
erzähle. Anscheinend
muß auch ich loswerden, was mir so
widerfährt. Ich muß
die ganze Zeit einstecken, immer wieder
den kleinen Kindern antworten:
"Ima, der Soldat da, ist das ein
guter Soldat, der uns beschützt,
oder ein böser, der uns
vertreibt?". Sie fühlen
sich immer noch bedroht. Darum sorge
ich für ein warmherziges
Familienleben. Oder ein warmes Bad,
ohne große Aufpasserei.
Ich bestreite nicht, daß
die Zukunft viele Ungewißheiten birgt.
Ich bemühe mich aber,
sie soweit wie möglich einzuschränken:
"Meine Kinder, ich werde
immer bei euch sein, wir werden
zusammen weitermachen, auch
wenn wir nicht wissen, was sein
wird". "Mein Ehemann, ich
bin immer dein, in jeder Lage". Viele
Dinge in unserer Welt gingen
zu Bruch, aber ich nicht. Immer
wenn es nötig ist,
gibt mir der Herr der Welt neue Kraft. Mein
G~tt, du verläßt
mich nicht.
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