DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJISCHLACH
Nr. 543
16. Kislev 5766

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Gen. 32,4 - 36,43):
Jakovs Heimkehr nach Kana'an, Kampf mit dem Engel, 
Geschenke an Eßaw, Jakov trifft Eßaw, Landkauf bei 
Sch'chem, Entführung Dinas durch Herrscher von Sch'chem, 
Scheinvertrag, Tötung der Verantwortlichen durch Levi und 
Schimon, Jakov>Israel, Beschränkung des Awraham und 
Jizchak gegebenen Versprechens des Landes Israel auf Jakov 
und seine Nachkommen, Tod Rachels bei der Geburt 
Benjamins.
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Jakovs Ringkampf

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Jakovs Ringkampf mit dem Engel (Gen. 32.Kap.) bietet ein 
Musterbeispiel für viele Kämpfe, bei denen der Angegriffene 
einem stärkeren Angreifer gegenübersteht, der ihn ohne jeden 
triftigen Grund attackiert. Wollen wir versuchen, aus Jakovs 
Kampf etwas für ähnliche oder andere Fälle zu lernen.

Des nachts setzt Jakov über die Furt des Jabbok. Verschiedene 
kleine Gegenstände werden am anderen Ufer des Baches 
vergessen. Doch da sie nicht durch Raub oder List in seine 
Hände kamen, sind sie ihm lieb und wert. Und genau in diesem 
Moment, da er retten will, was er ehrlich und mühsam erarbeitet 
hat, greift ihn ein Unbekannter an. Ganz allein steht Jakov 
seinem Angreifer gegenüber. Niemand kommt ihm zuhilfe. 
Niemand weiß etwas davon. Auch Jakov selber weiß gar nicht, 
was er verbrochen hat, wofür und warum er angegriffen wird. 
Nun muß er stundenlang im Ringkampf standhalten, bis zum 
Morgengrauen. Seine Verteidigung fordert einen Preis, und er 
ist bereit, ihn zu zahlen. Erst als der Engel merkt, "daß er nichts 
gegen ihn vermochte" - "da stieß er an seine Hüftpfanne, und es 
verrenkte sich Jakovs Hüftpfanne, während er mit ihm rang" 
(Gen. 32,26). Erst in der Morgendämmerung stellt sich heraus, 
daß Jakov die Oberhand hat und sich nicht eher vom Engel 
trennt, bis er dessen Segen erhält: "Nicht Jakov heiße fortan 
dein Name, sondern Israel; denn um den Vorrang gekämpft hast 
du mit göttlichen Wesen und mit Menschen und hast obsiegt" 
(V.29).

Jakovs Kampf wird normalerweise als Musterbeispiel für das 
jüdische Standhalten durch die langen Jahre der Galut (Exil) 
gesehen. Wir versuchen, als Schaf unter den 70 Wölfen zu 
überleben. Wir bemühen uns, unser Brot in Recht und 
Ehrlichkeit zwischen blutrünstigen und betrügerischen Leuten zu 
verdienen. Trotz alledem werden wieder und wieder angegriffen.

In so einem kompromißlosen Kampf läßt sich nur schwer 
standhalten. Darüberhinaus sind die Meinungen geteilt 
bezüglich der Gründe für die Probleme. Manche glauben, sie 
bei uns selber suchen zu müssen: Wir sondern uns ab und 
halten uns für was Besseres, oder assimilieren und vergehen 
uns an der Reinheit unseres Stammes; wir sind zu reich oder zu 
erfolgreich; wir sind arme Schlucker und machen einen 
vernachlässigten Eindruck; wir sind nicht "normal"; wir sind nicht 
moralisch genug, oder, im Gegenteil, spielen anderen 
gegenüber durch unser gutes Vorbild den Moralapostel; und so 
weiter und so fort. Der gemeinsame Nenner: Wir sind selber 
schuld. Die Nichtjuden verhalten sich normal, und wir - mit 
unserer Unnormalität - provozieren geradezu die Probleme. 
Dieser gedanklichen Linie folgend hätte Jakov die Schuld bei 
sich suchen müssen. Warum erwarb er das Erstgeborenenrecht 
unter Ausnutzung Eßaws Hunger-Notlage? Warum "raubte" er 
den väterlichen Segen? Warum versteckte er sich in den Zelten 
Schems? Warum hob er seine Besonderheit hervor? Warum 
schmeichelte er sich bei seiner Mutter ein? Warum legte er sich 
mit seinem Bruder Eßaw an und sandte ihm Boten?

Andererseits lehren uns die talmudischen Weisen, daß die 
Nichtjuden das Problem sind. Der Antisemitismus sitzt als 
bedrohliche Krankheit in der Seele der Menschheit. Er kann 
immer wieder andere Formen annehmen, bringt 
unterschiedliche und widersprüchliche Begründungen vor, doch 
der Grund des Übels ist ganz einfach: die Nichtjuden können 
das Volk Israel nicht ertragen. "Ein ehernes Gesetz: Bekanntlich 
haßt Eßaw Jakov". Wir haben keine Schuld. Am Antisemitismus 
sind die Antisemiten selber schuld. Es hat keinen Sinn, 
Wohlgefallen in ihren Augen zu suchen oder "in Ordnung" zu 
sein, sich einzuschmeicheln oder sich zu unterwerfen, 
"vertrauensbildende Maßnahmen" zu ergreifen oder 
"schmerzhaften Verzicht" zu üben. Was wir auch tun, immer 
werden wir die "Schuldigen" und die "Bösen" sein. Wir müssen 
um jeden Preis unsere Identität und unsere Besonderheit 
behüten. Dazu müssen wir in Verteidigungsstellung gehen und 
unsere Seele mit den besten zur Verfügung stehenden Mitteln 
schützen. Kurzfristig hat das seinen Preis. Am Ende jedoch wird 
sich herausstellen, daß nur auf diesem Wege der Kampf 
gewonnen werden kann, und selbst die Nichtjuden werden ihren 
Segen dazu geben: "So spricht der Ewige, der Erlöser Israels, 
sein Heiliger, zu dem von Menschen Verachteten, zu dem 
Abscheu der Völker, dem Sklaven der Herrscher: Könige 
werden schauen und sich erheben, Fürsten, und sich bücken" 
(Jeschajahu 49,7).

Diese Situation ähnelt der einer geschlagenen Frau. Der 
gewalttätige Ehemann behauptet, sie sei selber schuld, daß sie 
Schläge von ihm bezieht: sie respektiert ihn nicht genug, sie 
vernachlässigt die Kinder, sie verschönt das Haus nicht, 
verschwendet das Haushaltsgeld, kümmert sich nicht um ihr 
eigenes Aussehen. Sie dagegen versteht nicht, was er von ihr 
will. Sie versucht doch so sehr, alles "in Ordnung" zu halten, 
ihm zu gefallen, ihm nachzugeben und sich seinem Willen zu 
unterwerfen, und all das nützt nichts. Manchmal gelingt es dem 
Mann, sie von ihrer Schuld an der Lage zu überzeugen. Sie 
glaubt bereits, mit ihr stimme etwas nicht. Sie fühlt sich auf sich 
allein gestellt, und sie ist wirklich alleine in dieser 
Auseinandersetzung. "Blicke rechts und siehe, da ist mir kein 
Bekannter" (Psalm 142,5), liest sie, und weiter: "entschwunden 
ist mir die Zuflucht; niemand, der sich meiner annimmt". Es fällt 
ihr schwer, die Schuld bei ihm zu suchen, daß er der Bösewicht 
ist. Sie muß verstehen, daß die Schwierigkeiten in den 
familiären Beziehungen vielleicht auf beidseitige Irrtümer 
zurückgehen - doch Gewalttätigkeit geht immer nur auf Konto 
des Gewalttäters. Sie mag vielleicht nur schwer begreifen, daß 
sie etwas zur Änderung der Lage beitragen kann, doch bezeugt 
das noch lange nicht irgendeine Schuld. Eine Übernahme von 
Verantwortung wird gerade darin Ausdruck finden, daß sie nicht 
mehr das Haupt senkt, sondern sich und ihre Kinder verteidigt - 
durch eine wirksame Verteidigung, durch eisernes Bestehen auf 
ihren Rechten. So wie unser Vorvater Jakov muß sie die 
"Morgendämmerung einleiten", die Finsternis verlassen, die 
drückende Isolation in das Licht der offenen gesellschaftlichen 
Unterstützung. Dazu dienen die Sozialbehörde oder die Polizei, 
Einsatz von Verwandten, Nachbarn und Freunden, die ihr - und 
ihrem Gatten - zeigen, daß sie nicht alleine ist. Die Reaktion, 
der Kampf, hat seinen Preis auf kurze Sicht, wie bei Jakov, der 
an der Hüfte verletzt wurde; doch am Ende, unter passender 
professioneller Anleitung, kann so die Gesundheit und die 
Würde der geschlagenen Frau gerettet werden, sogar die 
Einheit der Familie. Vielleicht wird sich sogar der Angreifer dem 
Kreis der Segnenden anschließen und seine Frau dafür preisen, 
daß sie auch ihn aus einem Teufelskreis zerstörerischer 
Ehebeziehungen gerettet hat. "Ein wackeres Weib, wer findet 
es... Es vertraut auf sie das Herz ihres Mannes, und sein 
Erwerb nimmt nicht ab... Gebet ihr von der Frucht ihrer Hände, 
und es rühmen sie in den Toren ihre Werke" (Sprüche, 
31.Kap.).
 
 
 
HaRav Aviner

Diskussion der Beleidigten
 

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Ich heiße Josef. Ich mag es nicht gern, wenn man mich 
beleidigt. Wenn mir jemand dumm beikommt, bleibe ich nichts 
schuldig, sondern zahle es ihm auf der Stelle heim - aber ohne 
Zinsen. Soweit ich mich in der Halacha auskenne, darf ich mich 
verteidigen; d.h., wenn mich jemand schlägt, darf ich ihn 
zurückschlagen, um mich zu retten (Schulchan Aruch C.M. 
§421,13) - natürlich ohne zu übertreiben. Dasgleiche gilt, wenn 
man mich beschämt, auch dagegen darf ich mich verteidigen 
(Anm. ebda.). 

Ich heiße Aharon. Ich wäre schon froh, wenn ich nicht 
heimzahlen würde, aber ich kann nicht an mich halten. Wenn 
ich eine Beleidigung höre, kann ich nicht dazu schweigen 
(Responsen Ribasch 216), ich kann einfach nicht anders, und 
wer will mich für meinen Schmerz verantwortlich halten? (Jam 
schel Schlomo zu Baba kama Perek Hameniach). Mir ist 
bekannt, daß es Menschen gibt, "die beschämt werden und 
nicht beschämen" (Gittin 36b), doch nicht jeder kann da 
mithalten (Schita mekubezet zu Ketuwot 14a). Ich bin kein 
Stein, dem das alles nichts ausmacht, und die Tora hat uns 
auch nicht geboten, wie Steine zu Beleidigungen zu schweigen 
(Sefer Hachinuch §338). Das ist gegen meine Natur (Chafez 
Chajim, Einleitung, Verbote 9).

"Ah, Sie rächen sich!" "Nein, Rache wird kaltblütig genommen, 
d.h. einige Zeit später, nach einer gewissen Vorbereitung. Bei 
mir erfolgt die Reaktion sofort vor Ort, solange das Herz noch 
brennt". "Aber letztendlich beleidigen Sie doch die 
Gegenseite?" "Die Tora hat nur verboten, damit anzufangen, 
selbst die Initiative zu Beleidigungen zu ergreifen, aber wenn ich 
angegriffen werde, brauche ich nicht dazu zu schweigen 
(Chinuch ebda.). Übrigens, wenn meine Eltern mich beleidigen, 
schweige ich ja, auch wenn es schwerfällt, doch so hat es der 
Herr der Welt befohlen (Maimonides, Hil. Mamrim 6,7)". "Ich war 
gerade Zeuge Ihres Gespräches, mein Name ist Moscheh, im 
Prinzip stimme ich mit Ihnen überein, daß Sie nach dem 
Buchstaben des Gesetzes rechthaben und es erlauben. Was 
aber mich selbst anbetrifft, so möchte ich Beleidigungen nicht 
erwidern, um mich nicht auf dieses niedrige Niveau 
herabzubegeben. Die Ehre meiner Seele und die Reinheit 
meines Charakters sind mir wichtiger als der Sieg mit Worten 
über irgendeinen Dummkopf (Maimonides, Briefe). Darum 
ignoriere ich Beleidigungen, weil mir meine Ehre teuer ist, und 
ich will sie nicht besudeln (Sefer Hajaschar). Unterschätzen Sie 
mich nicht, ich vermag durchaus eine scharfe Zunge zu führen, 
mit der ich jeden Gegner ausschalten kann, doch befürchte ich, 
bei diesem Spiel endet der Sieger als Besiegter (Me'iri). Man 
mag mich wohl beschmutzt haben, doch fühle ich, wenn ich 
Widerrede führe, wie mein Mund mich selbst beschmutzt, wie 
jemand 'der sein schmutziges Ponem mit seinem eignen 
Schmutz putzt'" (Gr"a). 

"Entschuldigen Sie, wenn ich mich so einfach in die weisen 
Unterredungen gelehrter Juden einmische, aber vielleicht 
kommt Ihnen meine persönliche Erfahrung etwas zugute. Ich 
heiße Ralph Nader und bin Rechtsanwalt. Im Jahre 1965 
schrieb ich ein Buch mit dem Titel 'Dangerous At Any Speed', in 
dem ich auf die rücksichtslosen Praktiken der amerikanischen 
Autofirmen aufmerksam machte, auf die Vernachlässigung der 
technischen Sicherheit ihrer Produkte und damit auf deren 
Verantwortung am Tode und an Verletzungen vieler Tausend 
Bürger. Damals erwähnte ich besonders ein bestimmtes Modell, 
dessen Hersteller um seinen guten Namen fürchtete und eine 
ganze Armee von Privatdetektiven auf mich losließ, mit deren 
Hilfe meine Glaubwürdigkeit unterminiert werden sollte. 
Dummerweise hatte das die genau entgegengesetzte Wirkung: 
Ich wurde im ganzen Land als Kämpfer für den 
Verbraucherschutz berühmt!".

Mein Name ist Elijahu. Auch ich halte es mit jenen, "die 
beschämt werden und nicht beschämen", allerdings aus einem 
ganz anderen Grund. Ich fühle mich gar nicht beleidigt, ich bin 
sozusagen überhaupt nicht da. Das lernte ich von meinem 
Lehrmeister Rabbi Elijahu diVidas: "Wer an der höheren Welt 
festhält, spürt keine Schande in der niederen Welt" (Reschit 
Chochma). 

Ich kann Ihnen nicht beipflichten - ich bin Zwi Jehuda von der 
Merkas-Harav-Jeschiwa. Unser großer Lehrer, Rabbiner 
A.J.Kuk erklärte, daß das Empfinden von Beleidigungen ein 
natürliches Gefühl ist, und die Tora hat nicht das Ziel, normales 
Leben zu unterdrücken. Nach Ihren Worten hätte es 
folgendermaßen in der Tora heißen müssen: "Über die, die 
nicht beschämt werden und nicht beschämen", stattdessen 
steht: "die beschämt werden" und diese Beschämung spüren. 
Nach Ihnen hätte es heißen müssen: "die nicht ihre 
Beschimpfung anhören und nicht antworten", es steht aber, daß 
sie "ihre Beschimpfung anhören" und sehr gut verstehen. Wenn 
man mich beleidigt, schmerzt es mich, aber ich reagiere nicht, 
genau aus diesem Grunde, um nämlich Anderen keinen 
Schmerz zuzufügen. Rabbiner Kuk lehrte, daß man das ganze 
Volk Israel lieben müsse, auch jene, die sich einem gegenüber 
nicht korrekt verhalten (Ejn Aja). 

Rabbiner Kuk, sagten Sie? Ich habe diegleiche Sache beim 
"Chason Isch" gelesen! Ich heiße Ephraim Fischel und bin aus 
Bnej-Brak. Er schrieb, daß jemand, der sich danach sehnt, 
seinen Nächsten zu helfen, nicht getroffen wird, weil sein Herz 
so voller Liebe ist, die alle Bosheiten überdeckt. Er erträgt in 
Liebe alle Wunden, weil er weiß, daß die Mehrheit der 
Menschen nicht zu den edlen Charakteren gehört, darum 
begegnet er ihnen mit Respekt (Emuna uBitachon 1,11). 

Mein Name ist Jisro'el, bin ein Chassid, und ich sehe 
Beleidigungen nicht als Wunden, sondern im Gegenteil eher als 
Heilmittel, das mich von meinen Sünden befreit; so steht es im 
Testament eines frommen Schülers des Ba'al-Schem-Tov: "Das 
ist ein wichtiges Prinzip - suche die Demut; daß man sich bei 
allen seinen Taten besonders bemühe, als schmählich 
angesehen zu werden, danach strebe er und sage in seinem 
Herzen: Möge man mich doch beleidigen und verfluchen, damit 
ich verschmäht und abstoßend in meinen eigenen Augen und 
denen Aller sei, damit es mir Sühne aller meiner Sünden 
verschaffe, und wenn er so in seinem Herzen denkt, werden 
ihm alle Verwünschungen nichts ausmachen und er wird sich im 
Gegenteil darüber freuen, denn genau das ist ja sein Wille". Ich 
selber erreichte nicht diesen erhabenen Rang, Beleidigungen zu 
erbitten, doch wenn sie eintreffen, akzeptiere ich sie in Liebe, 
denn ich glaube daran, daß Alles von G~tt ist, und wenn G~tt es 
mir so zubestimmt hat, dann hat das seinen guten Grund, und 
jener Mensch, der mich beleidigt, ist nichts anderes als der 
Stock in G~ttes Hand. Natürlich befreit mich das nicht von 
eigener Verantwortung, aber ich brauche keine Pfeile der 
Vergeltung abzuschießen. So hielt es König David, als ihm 
Schimi ben Gera fluchte und ihn mit Dreck bewarf. Als Awischai 
ben Zruja dagegen vorgehen wollte, bat David ihn um 
Zurückhaltung mit den Worten: "Lasset ihn, daß er fluche; denn 
der Ewige hat es ihm gesagt" (Schmu'el II, 16,11), d.h., es 
geschah auf G~ttes Veranlassung (Sefer Hachinuch, Gebot 
241).

Meiner Meinung nach steckt noch viel mehr dahinter - ich bin 
Nachman, meines Zeichens Chassid Breslav. Unser Rabbi 
erklärte die Sache so: der Mensch benötigt das "Blutvergießen" 
durch Beleidigungen, wegen des Blutes in der linken Kammer 
des Herzens, denn dort ist der böse Trieb zuhause, der noch in 
voller Kraft steht. Deswegen muß der Mensch Beschimpfungen 
und "Blutvergießen" erdulden, damit dam (Blut) zu dom 
(Stillhalten) wird, damit er zu denen gehöre, "die ihre 
Beschimpfung anhören und nicht antworten". Er nehme es mit 
der Mißachtung seiner Ehre nicht genau, und wenn er vor G~tt 
stillhält, wird G~tt alles Böse aus seinem Weg räumen, wie 
geschrieben steht: "Ergib dich dem Ewigen und harre sein" 
(Psalm 37,7), und er wird das Böse forträumen (siehe Gittin 7a); 
dann "ist mein Herz ein leerer Ort in meiner Brust" (Psalm 
109,22), nämlich deswegen, es mindert sich das Blut der linken 
Herzkammer - das gilt als Opferung des bösen Triebes (Likutej 
Moharan 6).

Und meine Wenigkeit, heiße Moschik, halte mich bescheiden an 
die Eigenschaften meines Schöpfers, wie es bei Rabbi Moscheh 
Cordovero steht, "da doch der Heilige, gelobt sei er, ein 
beschimpfter König ist, leidet Schimpf, den kein Gedanke 
ertragen kann". Im selben Moment, wenn der Mensch gegen 
den Heiligen sündigt, läßt ihm G~tt Leben und Kraft zuströmen, 
und der Sünder benutzt genau diese Lebendigkeit, um seinen 
Meister zu beschimpfen. "Und deswegen nennen die 
Dienstengel den Heiligen, gelobt sei er, einen beschimpften 
König". Und er endigt mit den Worten, daß auch wir uns G~ttes 
Weise zueigen machen müssen: "Ist dies doch eine 
Eigenschaft, die der Mensch sich angewöhnen sollte, ich meine 
die Duldsamkeit, und ebenfalls sich verborgen halten, ja, auch 
diese Rangstufe, und neben alledem vorenthalte er seine Güte 
nicht dem Empfänger" (Tomer Dvora 1.Kap.). 

* * *
"Über die, die beschämt werden und nicht beschämen, ihre 
Beschimpfung anhören und nicht antworten, aus Liebe handeln 
und sich der Züchtigungen freuen, heißt es: die ihn lieben, sind 
wie der Aufgang der Sonne in ihrer Pracht" (Richter 5,31; Gittin 
36b).

"Mein G~tt, bewahre meine Zunge vor Bösem und meine Lippen 
vor trüglich reden. Lasse meine Seele schweigen denen, die mir 
fluchen, und meine Seele allem gegenüber dem Staube gleich 
sein. Öffne mein Herz in deiner Lehre..." (Ende des Schmone-
Esre-Gebetes).
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten
(Audio +TV) aus Israel:
www.israelnn.com
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