DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 3,23-7,11):
Der moderne Jude (einschließlich der modernen Orthodoxie, die sich auch gerne "vernünftiger religiöser Zionismus" nennt) fürchtet den Maschiach ("Messias") und achtet den Begriff "Messianismus" wie ein Schimpfwort. Dabei wird vollkommen ignoriert, daß ohne diesen "Messianismus" das jüdische Volk nicht in sein Land zurückgekehrt und der Staat Israel nicht entstanden wäre. Diese simple Wahrheit erkannte sogar David Ben-Gurion: "Ohne das messianische Feuer, das hunderte von Jahren anhielt, obwohl es doch scheinbar keine realistische und praktische Chance hatte, wäre der wunderbare Pioniergeist nicht erschienen, der das Geheimnis der praktischen Ausführung kannte, der viele Generationen lang in der Seele der Nation verborgen ruhte, ohne daß jemand etwas von seiner Existenz gespürt hätte, bis er aus seinem Versteck hervorpreschte und das Angesicht von Volk und Land veränderte". Ähnliches schrieb auch sein Freund Berl Katzenelson: "Die Bewegung der Arbeiter des Landes Israel ist eine messianische Bewegung, sie bringt die Endzeit heran, sie betrachtet den Zionismus als einen Teil der Erlösung der Menschheit". Und weiter: "Eine Bewegung, die sich nach Messianismus sehnt, der es sich offenbart, wie der Maschiach immer näherkommt - kein Wunder, wenn sie mit ganzer Seele an der Vision festhält". Die Krise des Zionismus in unserer Generation beruht auf der Abwendung vom Messianismus und der Hinwendung zu den engen Grenzen des jeder Zukunftsvision ermangelnden Realismus, nach dem Motto: "Laßt uns essen und trinken, denn morgen sterben wir" (Jeschajahu 22,13). Die Erwartung des Maschiach gehört zu den dreizehn Glaubensgrundsätzen des Judentums nach Maimonides. In einer Zeit, in der wir Trost benötigen, paßt es gut, sich den Glauben an das Kommen des Maschiach ins Bewußtsein zu rufen. Nach alter Überlieferung wurde der Maschiach am Tage der Tempelzerstörung geboren, wie es im Talmud jeruschalmi heißt: "Einst pflügte ein Jude sein Feld, plötzlich muhte seine Kuh vor ihm; da kam ein Araber vorbei und hörte ihre Stimme. Sagte er zu ihm: Jehudi, Jehudi, spanne deine Kuh ab und spann deinen Pflug ab, denn der Tempel wurde zerstört! Da muhte die Kuh zum zweiten Male, sagte der Araber: Jehudi, Jehudi, spann die Kuh an, spann den Pflug an, denn König Maschiach wurde geboren!" (Brachot 2,4). Seitdem vergingen fast zweitausend Jahre, und der Maschiach läßt immer noch auf sich warten... Ein weiteres talmudisches Gleichnis berichtet von einer Begegnung zwischen Rabbi Jehoschua ben Levi und dem Maschiach: "Er fragte: Wann kommt der Meister? Erwiderte der Maschiach: Heute!... Er meinte es wie folgt: heute - wenn ihr auf seine Stimme hören werdet" (Sanhedrin 98a, Psalm 95,7). Nach dieser Antwort kann der Maschiach jeden Tag kommen, aber unter der Bedingung, daß die Juden bußfertige Umkehr tun und auf die Stimme G~ttes hören. So erklärten einige der talmudischen Weisen, wie der Midrasch Tanchuma aufführt: "Rabbi Jehuda sagt: "Wenn Israel keine Umkehr tut, werden sie nicht erlöst", oder im "Sohar chadasch": Rabbi Eli'eser sagt: Das letzte Exil hat kein bestimmtes Ende oder Dauer, vielmehr hängt alles von der Umkehr ab". Nach dieser Ansicht haben wir wirklich ein Problem, wenn wir noch die Worte des Talmuds hinzuziehen: "Alles ist in den Händen des Himmels, ausgenommen die G~ttesfurcht" (Brachot 33b). Ist doch die Umkehr ein Ausdruck von G~ttesfurcht, und theoretisch wäre es möglich, daß die Juden niemals Umkehr tun, und dann würde auch der Maschiach niemals kommen. Diese Möglichkeit machte anscheinend Rabbi Jehoschua ben Levi sehr zu schaffen, nachdem er die Worte des Maschiach gehört hatte, und er suchte eine Antwort darauf in den heiligen Schriften. Diese fand er in einigen widersprüchlichen Versen. "Rabbi Jehoschua ben Levi wies auf einen Widerspruch hin. Es heißt: zu seiner Zeit (Jeschajahu 60,22), dagegen heißt es: es beschleunigen? Haben sie sich verdient gemacht, so will ich es beschleunigen, haben sie sich nicht verdient gemacht, erst zur Zeit" (Sanhedrin 98a). Zum gleichen Ergebnis kam Rabbi Jehoschua ben Levi auch beim folgenden Vers: "Es heißt: wie ein Menschensohn kam er mit den Wolken des Himmels heran (Daniel 7,13; Raschi: mit Schnelligkeit), dagegen heißt es: demütig und reitet auf einem Esel (Secharja 9,9; Raschi: in Trägheit)? Auch hier lautet die Antwort: "Haben sie sich verdient gemacht, mit den Wolken des Himmels, haben sie sich nicht verdient gemacht, demütig und auf einem Esel reitend. Diesen Prozeß der Erlösung, der sich nicht auf verdienstvolles Verhalten des Volkes Israel stützen kann, sondern nur auf göttliche Gnade, und deren Ablauf, zu Beginn materielle Erlösung und erst am Ende spirituelle Erlösung durch himmlisches Erwecken, finden wir beim Propheten Jecheskel beschrieben (Kap. 36): Wegen unserer Sünden wurden wir aus unserem Lande verbannt, und die Anwesenheit des Volkes Israel in der Galut (Exil) bedeutet eine Entweihung des göttlichen Namens, "indem man von ihnen sprach: Das Volk des Ewigen ist das, und aus seinem Lande sind sie ausgezogen!" (V.20). Die göttliche Oberlenkung kann sich nicht mit dieser Lage abfinden, G~tt erbarmt sich seines unter den Völkern entweihten Namens und erlöst sein Volk Israel. "Nicht euretwegen tue ich es, Haus Israel, sondern meines heiligen Namens wegen, den ihr entweiht habt unter den Völkern" (V.22). Die erste Stufe der Erlösung lautet: "Und ich werde euch nehmen aus den Völkern, und euch sammeln aus all den Ländern, und euch nach eurem Lande bringen" (V.24). Die Juden werden in ihr Land zurückkehren, obwohl immer noch die Unreinheit an ihnen haftet, und besiedeln ihr Land. Der Prophet verrät uns nicht, wielange diese Stufe andauern wird. Nach der ersten Stufe folgt die zweite, die spirituelle Stufe, die sich wiederum in zwei Teile teilt: 1. Reinigung - "Und ich werde auf euch sprengen reines Wasser, und ihr werdet rein sein von allen euren Unreinheiten, und von all euren Scheusalen werde ich euch reinigen" (V.25). 2. die spirituelle Erlösung: "Und ich gebe euch ein neues Herz, und einen neuen Geist gebe ich in eure Brust... und mache, daß ihr nach meinen Satzungen wandelt und meiner Rechte wahret und sie tut" (V.26-27). (Diese prophetische Beschreibung entspricht dem Gleichnis der talmudischen Weisen am Anfang des Talmud jeruschalmi, wonach die Erlösung Schritt um Schritt erfolgt). Am Ende der vollständigen Erlösung erlangen die Juden Ruhe und Erbbesitz: "Und ihr sollt wohnen in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben" (V.28). Einen ähnlichen Ablauf
von Galut, deren Ende in der Erlösung nicht von Umkehr abhängt,
zeichnete vor uns Rabbiner Chajim ben Attar in seinem berühmten Torakommentar
"Or Hachajim" auf. Auch dort beginnt der Prozeß mit Zerstörung
und Exil mit mehreren Möglichkeiten der Erlösung. Die erste liegt
in der Hand des Gerechten, der die Herzen der Menschen aufrüttelt
"und ihnen sagt: Haltet ihr es denn für gut, draußen zu sitzen,
verbannt vom Tische eures Vaters?!". Nur daß die Gerechten ihre Aufgabe
nicht erfüllten, "und dafür werden sie in Zukunft Rechenschaft
ablegen, alle Herren des Landes, die Größen Israels, und von
ihnen wird G~tt die Schande des beschämten Hauses [=Tempel] einfordern".
Dann kommt die zweite Möglichkeit, die Leiden des Exils, "denn die
Leiden und die Galut dienen der Besserung der Nation und zu ihrer Vorbereitung".
Die Leiden sühnen zwar einen Teil der Schuld, es bleibt aber ein Teil
offen. Und wenn G~tt sieht, "daß das Volk keine Kraft mehr hat, Schmerzen
zu erdulden und ihre Schuld ihnen über den Kopf wächst", dann
tritt die dritte Möglichkeit ein, das durch die höchste Vorsehung
gesteckte Ende der Galut ("erst zur Zeit", s.o.). Wenn es soweit ist, kommt
die Erlösung, auch wenn Israel ihrer nicht würdig ist, "denn
es gibt ein Ende der Galut, auch wenn die Israeliten - g~ttbehüte
- vollkommene Bösewichte wären" (zu Lev. 25,25).
Manche sagen: "Eine Zeit der Bedrängnis ist es für Jakov" (Jirmijahu 30,7). Im Gegenteil! Viel besser ist der Ausspruch: Eine Zeit des Heldentums ist es für Jakov! "Zeit der Not" liegt dann vor, wenn das Königtum Israels zerstört wird wie zur Zeit des ersten und zweiten Tempels. "Zeit der Not" bedeutet: Vertreibung aus Spanien, und der Holocaust. Eine Zeit der Not gab es in den ersten Tagen des Jomkippurkrieges, als wir nicht wußten, wie wir die ägyptische Armee zum Stehen bringen, wie uns die Munition auszugehen drohte und man schon die Atomsprengköpfe als letzten Ausweg auf die Raketen montierte. Wenn wir allerdings den Feind am Tore schlagen, dann nennt man das nicht "Zeit der Not", sondern "Zeit der Macht". Man muß die Realität mit scharfem Blick betrachten und sich nicht falsche Vorstellungen machen: Wir haben viele Gegner und Feinde: Hunderte Millionen Araber in den umliegenden Ländern, dazu ungefähr eine Milliarde Moslems und eine Milliarde Christen, die uns auch nicht gerade lieben. Sicher wird einmal der Tag kommen, wenn "nicht erheben wird das Schwert Volk gegen Volk, und sie nicht mehr den Krieg lernen" (Jeschajahu 2,4). Doch in der Zwischenzeit, wenn wir kämpfen müssen, befinden wir uns in der Zeitperiode, die unsere talmudischen Weisen "Beginn der Erlösung" nannten (Megilla 17b). Wenn wir uns nicht verteidigen können, oder weil wir uns vor lauter Angst nicht verteidigen wollen - dann ist das "eine Zeit der Bedrängnis für Jakov". So stehen die Dinge aber nicht heute. Wenn ein Jude umkommt, weinen wir natürlich, ob er nun Soldat ist oder Zivilist. Jeder Gefallene bedeutet eine Katastrophe. Doch liegt es in der Natur des Krieges, daß Soldaten fallen. Das macht die Sache nicht weniger furchtbar. Auch wenn ein Mensch bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt - 1,5 pro Tag - oder durchs Rauchen - 30 pro Tag, davon 5 durch Passivrauchen - weinen wir. Und das ist noch viel trauriger, denn wir fragen uns: Wozu? Wofür? Sicher ist jeder Verlust eines Juden eine furchtbare Tragödie, allerdings eine individuelle Tragödie. Wenn wir das nämlich nicht so sehen würden, wäre jeder Tag eine Zeit nationaler Not. Entsprechend ist die heutige Zeit vom Standpunkt der Nation gesehen allerdings eine Zeit des Heldentums. Eine heldenhafte Regierung, eine heldenhafte Armee. Die heldenhaften Bewohner Nordisraels. Alle stehen gemeinsam "wie ein Mann", ein Herz und eine Seele, in vollem gegenseitigen Einverständnis - und kämpfen gegen jene von keiner Moralität getrübte, grausame und verbrecherische Bedrohung. Darum soll man uns jetzt nicht mit Kritik und Moralpredigten von wegen Frieden kommen. Es gibt kein Volk, das den Frieden mehr liebt als unser sanftmütiges Volk. Manchmal jedoch vergißt man vor lauter Haarspalterei die einfachsten Dinge: Wenn man uns schlägt, müssen wir mit gleicher Münze zurückzahlen, in bar und nicht auf Raten. In der Galut (Exil) waren
wir ein Schaf unter siebzig Wölfen. Seit unserer Staatsgründung
werden wir wieder zum Löwen. Wir kehren zurück zum Heldentum.
Wir staunen über unsere starke Armee. Und der Herr der Welt - geht
uns voran.
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von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
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