DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Ex. 25,1
- 27,19):
In der Mischna "Sprüche der Väter" (4,17) heißt es: "Es gibt drei Kronen: die Krone der Tora, die Krone der Priesterwürde und die Königskrone". Der "hohe Rabbi Löw" (MaHaRaL, Derech Chajim) aus Prag fand dafür einen Hinweis bereits beim Toraabschnitt vom Bau des Wüstenheiligtums. Die goldene Umkränzung, die die Bundeslade zierte, weist auf die "Krone der Tora" hin, der Kranz um den Tisch [der Schaubrote] weist auf die Königskrone hin, gemäß dem bekannten Begriff der "Königstafel", und der Kranz um den Altar weist auf die Krone der Priesterwürde hin. Im einfachen Sinne können wir die "Krone" als ein Symbol für die Würdigung verstehen, die wir diesen Werten schulden, die von so großer Bedeutung für unser spirituelles und nationales Leben sind. Nur begnügt sich die Mischna nicht mit den genannten drei Kronen, sondern fährt fort: "..aber die Krone eines guten Namens überragt sie alle". Dadurch werden die anderen Kronen in ihrem Rang eine Stufe heruntergeschraubt. Im Midrasch findet sich auch für diese Krone ein Hinweis aus dem Wüstenheiligtum, nämlich der Leuchter (Menora). Der Leuchter hat zwar keinen Kranz, doch wird er von den Ölleuchten gekrönt, die über ihn hinausragen. Entsprechend zeugt der gute Name für die Vollkommenheit des Geistes und der guten Taten des Betreffenden, der sich nicht auf den Rahmen einer Umkränzung beschränkt, wie bei den anderen Kronen, vielmehr wächst er unbegrenzt über alle hinaus. Den Grund dafür finden wir in dem Umstand, daß Torastudium und Priesterdienst nicht viel über den jeweiligen Ausübenden aussagen; nur ein guter Name kann Zeugnis über das Wesen eines Menschen ablegen. "Es reicht nicht, wieviel Talmud du gelernt hast, sondern was der Talmud dich gelehrt hat...". Damit wollen wir gar nicht einmal die Toragelehrten verdächtigen, sich ihr Wissen nur für einen nützlichen Zweck angeeignet zu haben, aber g~ttbehüte nicht mit ganzem Herzen dabei zu sein, doch offensichtlich reicht das nicht aus. Und auch der vollkommen in seinem Opferdienst im Tempel aufgehende Priester und selbst der seinem öffentlichen Amte treuestens ergebene König erwerben nicht zwangsläufig einen guten Namen durch ihre Tätigkeit, selbst wenn sie rein uneigennützliche, himmlische Ziele verfolgen. Immer muß ein jeder der Vorgenannten besondere Energien aufwenden, um sich auch einen guten Namen zu machen. Warum ist das so? Der Schlüssel zu dieser Frage scheint in den knappen Worten der Tora über das Wesen des Heiligtums zu liegen: "Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, auf daß ich in ihrer Mitte wohne" (Ex. 25,8). Die talmudischen Weisen hoben hervor, daß es nicht heiße: "auf daß ich darin [in diesem Heiligtum] wohne", sondern "in ihrer Mitte", weil sich die Heiligkeit des Heiligtums und die Reinheit des Priesterdienstes letztendlich in der Seele eines jeden Einzelnen der Kinder Israels widerspiegeln müssen, und erst dann kann man von einer Vollkommenheit des Dienstes sprechen. Nicht etwa, weil wir den praktischen Dienst auf den verschiedenen Gebieten geringschätzten, oder daß wir darin lediglich eine Art Anschauungsmaterial für ein spirituelles Erlebnis sähen, sondern weil die höchste Stufe der göttlichen Präsenz auf das "Ebenbild G~ttes" im Menschen zugreift, weit mehr als auf seine Taten und sonstigen Aktivitäten, die ihm geboten wurden. Dieser Gedanke kommt in der berühmten Deutung zum Ausdruck: "Du sollst den Herrn, deinen G~tt, lieben - der Name des Himmels soll durch dich beliebt werden" (Joma 86a). Auch hier begnügt sich die Tora nicht mit einem bestimmten Standard praktischer Erfüllung, sei er auch noch so hoch, sondern fordert eine bestimmte Ausstrahlung des Menschen auf seine Umgebung. Die Erfahrung lehrt, wie stark der Eindruck sein kann, den ein Gerechter seiner Umgebung aufprägt, weil sich seine enorme Persönlichkeit nicht mit dieser oder jener Stellung begnügt, die er einnimmt; seine großen Bestrebungen können sich nicht auf die funktionale Seite der Projekte beschränken, mit denen er betraut ist. In einer Generation, in der
sich die Krone der Regierung in Häresie verwandeln kann, die Krone
der Tora und die Weisheit der Gelehrten zu entarten drohen und die Krone
des Priestertums der Entweihung anheimfallen kann, weil ihr wahrer Wert
keinen festen Platz in den Herzen der mit ihr Beschäftigten erwarb,
sind wir dazu aufgerufen, uns in diese Dinge zu vertiefen und die lebendige
Verbindung zwischen diesen Werten und ihrer himmlischen Quelle offenzulegen.
Vielleicht hatten dies die talmudischen Weisen bei ihrem Ausspruch [über
das messianische Zeitalter] im Sinn: "Auf wen anders sollten wir uns verlassen
als auf unseren Vater im Himmel?!" (Mischna Sota 49b).
Schon die Existenz an sich des vierten Bittsegensspruches der Schmone-Esre, "Erlöser Israels", löst Verwunderung aus, da doch auch der zehnte Segensspruch von der Erlösung handelt, nämlich: "Stoße in das große Schofar zu unserer Befreiung", und wozu brauchen wir zwei Segenssprüche zur Erlösung? Anscheinend gibt es verschiedene Erlösungen. Einerseits die Erlösung des jüdischen Volkes aus der Zerstreuung - das ist die letztendliche Erlösung. Sie bildet das Thema des Segens "Stoße in das große Schofar zu unserer Befreiung", die eigenstaatliche Selbständigkeit. Im Gegensatz dazu hat der Segensspruch "Gelobt seist du, Ewiger, der du Israel erlösest" die Beschreibung der Erlösungen Israels in jeder Generation zum Thema, sowohl in Zeiten des Exils (Galut) als auch [und sogar] während der endgültigen Erlösung. Wir benötigen Erlösung von den Qualen, die uns Tag für Tag heimsuchen. Auch wenn diese zahlreichen Erlösungen uns nicht zur endgültigen, vollkommenen Erlösung führen, brauchen wir doch ab und zu Erlösung von einem Leiden. Wenn zum Beispiel eine wirtschaftliche Notlage über uns hereinbricht, oder antireligiöse Gesetzgebung, oder sonstige ungerechte Verordnungen, dann beten wir: "Schaue auf unser Elend, führe unseren Streit", auch wenn wir nicht die vollkommene Erlösung meinen. - Diese Bracha enthält zwei Bitten: "Schaue auf unser Elend", daß sich der Herr der Welt unser erbarme, da wir uns in einer Notlage befinden, so wie es heißt: "Gesehen hab ich das Elend meines Volkes, das in Ägypten, und seine Klagen über seine Treiber habe ich gehört, ja, ich kenne seine Leiden. Und ich bin herabgekommen, es zu retten" (Ex. 3,7-8). Der Herr der Welt hat sozusagen sein eigenes Schicksal mit dem unsrigen verknüpft, und unsere Leiden sind die Leiden der göttlichen Präsenz; darum bitten wir: "Schaue auf unser Elend". "Führe unseren Streit"
verbirgt eine tiefsinnigere Bedeutung. Mit dem Ausdruck "Streit" bezeichnet
die Tora die Rechtsprechung: "So sollen die beiden Männer, welche
den Streit haben, hintreten vor dem Ewigen" (Dt. 19,17). Wir bitten G~tt
um Beistand vor dem Rechtsspruch der Geschichte. Worum geht es im Einzelnen?
Im Talmud (Ketubot 111a) wird berichtet, daß G~tt mit Israel und
den Völkern der Welt einen Bund schloß, eine Art Vertrag für
die Dauer der Galut. Damit sie wie vorgesehen stattfinden kann, wurde über
uns für die Zeit der Galut verhängt, daß wir uns nicht
gegen die Völker auflehnen können, daß wir "nicht die Mauer
erstürmen" (ebda.). Gleichzeitig verpflichtete G~tt die Völker,
uns nicht über die Maße zu knechten. So lauteten die Bedingungen,
das war der Vertrag über die Galut, solange die Galut dauern mußte
- und g~ttseidank haben wir sie bereits hinter uns. Manchmal hielten sich
die Völker nicht an ihre vertragsmäßige Verpflichtung,
Israel nicht zu sehr zu unterdrücken. Ganz sicher war es den Völkern
der Welt während unseres Aufenthaltes in ihren Ländern erlaubt,
uns an der Bemächtigung von Schlüsselpositionen zu hindern, nicht
die Herrschaft über ihr Land an uns zu reißen - aber daß
sie uns verfolgen?! Das gehört in die Kategorie "über die Maße",
die im Talmud erwähnt wurde. Wir erbitten von G~tt "Führe unseren
Streit", wenn die Völker der Welt ihr Verbot übertreten und Israel
über die Maße knechten. Wir verfügen damit über eine
rechtliche Handhabe, daß G~tt uns zur Seite steht. Wir bitten auch
darum, diese Erlösung schnellstens abzuwickeln. In manchen Lesarten
heißt es: "erlöse uns schnell in vollkommener Erlösung"
oder "schnelle Erlösung", oder ähnliche Ausdrücke. Bei den
anderen Bittsegenssprüchen finden wir keine solche Klausel der beschleunigten
Ausführung, nur bei denen, die etwas mit der Erlösung Israels
zu tun haben. Nicht bei der Heilung - die kann ruhig langsam erfolgen.
Verzeihung der Sünden - kann langsam erfolgen. Selbst die "Begnadung
mit Erkenntnis" kann langsam erfolgen. Aber nicht die Erlösung. Bei
der Erlösung besteht eine besondere Dringlichkeit, weil jedes Übergangsstadium
der Nation gefährlich werden kann. Die Galut funktioniert nach ihrer
eigenen Gesetzmäßigkeit, und darum haben wir keine Schwierigkeit,
irgendwie durchzukommen. Ebenso, wenn wir in unserem eigenen Lande leben,
dort sind wir stark und können unsere Existenz sicherstellen. Das
Problem besteht in der Übergangsphase, wie die talmudischen Weisen
sagten: "für den Aus- und Einziehenden gibt es keinen Frieden
- sogar von Talmud zu Talmud [vom jerusalemischen zum babylonischen]" (Secharja
8,10; Chagiga 10a). Wenn es in der Übergangsphase der Erlösung
zu langsam vorangeht, geraten wir in Gefahr, und darum beten wir: "Erlöse
uns rasch [eine vollkommene Erlösung] um deines Namens willen".
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
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