DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 16,18-21,9):
Wir sind zur Einsetzung gerechter Richter aufgefordert, wie es heißt: "Richter und Beamte sollst du dir setzen in all deinen Toren... und sie sollen das Volk richten ein gerechtes Gericht... der Gerechtigkeit sollst du nachjagen, auf daß du lebest und einnehmest das Land, das der Ewige dein G~tt dir gibt" (Dt. 16,18/20). Der Raschikommentar erklärt dazu: "Setze erfahrene und gerechte Richter ein, damit sie gerecht urteilen... die Einsetzung von frommen Richtern ist so verdienstlich, daß sie Israel am Leben erhält und es in seinem Lande wohnen läßt". Auch Jitro sagte, als er zu unserem Lehrer Moscheh kam, um ihm bei der Einsetzung von amtswürdigen Ältesten und Richtern über das Volk zu beraten: "Und du ersiehe aus dem ganzen Volke tüchtige Männer, G~ttesfürchtige, Männer der Wahrheit, Gewinn hassende... daß sie das Volk richten alle Zeit" (Ex.18,21-22). Entsprechend wandte sich der Prophet Jeschajahu gegen die pervertierte politische Führung beim Anblick des Sittenverfalls im Volke mit den Worten: "Deine Fürsten Unbändige und Diebesgesellen, allzumal Bestechung liebend und jagend nach Bezahlung" (1,23). Doch wußte er auch das Volk zu trösten, daß eine Zeit komme, wenn die ganze verdorbene Führung verschwände, und an ihre Stelle wird eine reine und gerechte Führung treten: "Und wende meine Hand gegen dich, und läutere wie Lauge deine Schlacken und schaffe fort all deinen Beisatz. Und stelle her deine Richter wie vormals, und deine Räte wie zu Anfang. Nachher wird dir zugerufen: Stadt der Gerechtigkeit, bewährte Feste! Zion wird durch Recht erlöst, und seine Bekehrten durch Gerechtigkeit" (V.25-27). Nach dem Stand der Dinge
brauchen wir dringend eine ehrliche und gerechte Führung reiner Hände,
und darum beten wir jeden Tag: "Bringe unsere Richter wieder wie zuvor,
und unsere Räte wie am Anfang", und dadurch "wende ab von uns Kummer
und Seufzen". Wir brauchen eine Führung, die ein Mitgefühl für
den Kummer und die Schmerzen der Öffentlichkeit, der Allgemeinheit
und des Individuums hat. Eine bodenständige Führung, die Verantwortung
für das Volk, das Land und unser kulturelles Erbe übernimmt,
wie schon Rabbiner Awraham Jizchak Kuk sagte, der am 3. Elul vor 71 Jahren
verstarb: "Es ist dem Menschen unmöglich, wirklich den Schmerz der
Öffentlichkeit zu spüren, außer durch Heiligung seiner
Verhaltensweisen, durch Vervollkommnung seiner Charaktereigenschaften und
vollständiger reumütiger Umkehr. Die Anteilnahme am Leiden der
Öffentlichkeit aus der Tiefe des Herzens... ist nur den Reinen der
Seele vergönnt, den Vollkommenen in ihren Wegen, die nach G~ttes Tora
wandeln" (Orot Hateschuwa 13,4).
"Drei Gebote wurden den Israeliten für die Stunde ihres Eintritts in das Land [Israel] geboten: Sich einen König zu wählen... die Nachkommen Amaleks auszurotten... und sich den Tempel zu bauen". So lautet das Gesetz nach Maimonides (Mischne Tora, Gesetze von Königen und Kriegen 1,1). In der Tora selbst hört sich dieses Gebot jedoch ganz anders an: "Wenn du in das Land kommst... und du sprichst: Ich will über mich einen König setzen, wie all die Völker, die rings um mich: So setze einen König über dich, den der Ewige, dein G~tt erwählen wird" (Dt. 17,14-15). Das bedeutet, es besteht gar keine Pflicht, einen König über sich zu setzen, sondern wenn du einen König willst, so wie die anderen Völker ringsum, dann wähle dir einen König, der G~ttes Willen entspricht. So erklärt z.B. der Sfornokommentar, die Königswahl sei kein Pflichtgebot, sondern eine Erlaubnis. Nach seiner Ansicht ist G~tt zwar am Vorhandensein eines Führers über Israel interessiert, wie Moscheh vor G~tt sagte: "daß nicht sei die Gemeinde des Ewigen wie Schafe, die keinen Hirten haben" (Num. 27,17), allerdings sollte dieser Hirte den Rang eines "Richters" haben, nicht aber den Rang eines "Königs". Worin besteht der Unterschied? Beide leiten das Volk, und beide befehligen das Volk im Krieg. Der Richter allerdings lenkt das Volk nur so lange er lebt, er vererbt die Führungsrolle nicht an seinen Sohn. Beim König hingegen, "wie bei allen Völkern", wird der Job vom Vater an den Sohn vererbt. Der Unterschied ist kein technischer, sondern ein wesentlicher. Vererbbares Königtum bedeutet, der Staat gehört dem König. "Der Staat - bin ich!" verkündete der französische König Ludwig XIV., und so blieb es bis zur Revolution. So verhält es sich beim Königtum der Völker. Der jüdische Staat hingegen gehört nicht dem Regenten, sondern dem Volk, und darum kann die Führung nicht vererbt werden. Maimonides war allerdings
anderer Ansicht. Er basierte das Gesetz auf eine Stelle im Talmudtraktat
Sanhedrin, wonach die Einsetzung eines Königs über Israel ein
Pflichtgebot der Tora darstellt. Dann allerdings lebt die Frage wieder
auf, wie diese Einsetzung vom Willen des Volkes abhängen kann, sich
einen König wie alle anderen Völker zu wählen? Nachmanides
beantwortete diese Frage mit der Feststellung, daß so die Wirklichkeit
aussah, als die Israeliten in den Tagen des Propheten Schmu'el einen König
erbaten. Diese Erklärung befriedigt jedoch nicht. Wir sehen doch,
daß der Willen des Volkes eine unverzichtbare Bedingung zur Gründung
israelitischen Königtums bildet. Daher betrachten wir hierzu den Kommentar
des Neziw's aus Woloschin (Rabbiner Naftali Zwi Jehuda Berlin),
der in seinen Tagen die Unterschiede von Monarchie und demokratischem Staat
an eigenem Leibe verspürte. Er schrieb wie folgt:
Die Quelle der Autorität zur Errichtung einer Monarchie ist das Volk. Wenn man das Volk in eine Herrschaftsform zwingt, die es nicht will, wird dieser Staat keinen Bestand haben, selbst wenn er so vom Religionsgesetz vorgeschrieben ist. Zur Königswahl braucht man die nationale Zustimmung. Darum ist es unmöglich, die Königswahl zwingend zu gebieten, solange das Volk nicht übereinstimmt, das Joch eines Königs zu ertragen, weil es sieht, wie die Länder ringsum durch Könige besser regiert werden. Erst dann unterliegt das Sanhedrin der Gebotspflicht, einen König zu bestellen. Auf jeden Fall besteht das Gebot für das Sanhedrin erst, wenn das Volk seinen entsprechenden Willen ausdrücklich erklärt hat. Darin stimmt Maimonides mit dem Sfornokommentar überein. Auch wenn ein König gewählt wird, liegt der Ursprung seiner Autorität beim Volke, dessen Willen über die Form der Staatsführung entscheidet. So schrieb Maimonides in den "Gesetzen vom Geraubten und vom Verlorenen", wobei vom Königtum der Völker die Rede ist, und der Gültigkeit seiner Gesetze. Diese Macht des Königtums stützt sich aber auf die Zustimmung der Bürger. So heißt es am Ende des 5. Kapitels: "In welchem Falle [daß das Gesetz des Königs gültig ist, auch bei Enteignungen]? Bei einem König, dessen Währung in jenen Ländern akzeptiert wird, denn offensichtlich geben dem die Bürger dieses Landes ihre Zustimmung, und sie kamen überein, daß er ihr Herr sei und sie ihm seine Diener [denn die Akzeptierung der Währung bedeutet die Aufsichnahme der königlichen Autorität]. Wenn seine Währung aber nicht akzeptiert wird, dann gilt er als gewaltsamer Räuber, und wie eine bewaffnete Räuberbande, deren Gesetze nicht gültig sind. Ebenso gelten so ein König und alle seine Diener in jeder Hinsicht als Räuber". Nach diesem Prinzip - daß
die Monarchie ihre Autorität vom Volke bezieht - können wir die
Gesetzesentscheidung unseres Lehrers Rabbiner A.J.Kuk (erster Oberrabbiner
Israels) verstehen, der die religionsgesetzlichen Grundlagen des neuen
Staates Israel schuf: "Die Dinge scheinen so zu liegen, daß in einer
Zeit ohne König... alle Rechte der Gesetzgebung in die Hände
der Nation in ihrer Allgemeinheit zurückkehren... denn was die Gesetze
des Königtums betrifft, die Führung der Allgemeinheit, stehen
sicher auch allgemein anerkannte Richter und generelle Präsidenten
an der Stelle eines Königs" (Mischpat Kohen, S. 337).
Dieser Krieg ist der Krieg schlechthin. So sprach unser großer Lehrmeister, Rabbiner Zwi Jehuda Kuk, trotz der furchtbaren Grausamkeiten des Holocausts, dieser Krieg, der mit dem Unabhängigkeitskrieg begann, ist der Krieg schlechthin, denn bei diesem Krieg geht es um die Wiedererstehung der Nation, um die Erlösung Israels, und damit auch um die Erlösung der Welt und die Erlösung der Göttlichkeit. Dieser Krieg nimmt wechselnde Formen an, denn wir haben es mit einem entschlossenen und grausamen Feind zu tun, der nicht einen Moment ruht, sondern seine finsteren Pläne ohne Unterlaß erneuert. Unsere Feststellung, dieser Krieg begann mit dem Unabhängigkeitskrieg, ist allerdings nicht ganz exakt. Der Kampf zur Auslöschung des Volkes Israel wird schon seit uralten Zeiten geführt, von Pharao, Amalek, Sissera, Babylon, Griechenland, Rom, und in unseren Tagen vom widerlichen Monstrum Hitler, möge sein Name ausgelöscht werden. Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") erklärte im Sendschreiben an die jemenitischen Juden (Igeret Teman), daß es sich dabei in Wahrheit um einen Krieg gegen den Herrn der Welt handelt. Da man jedoch keinen Krieg gegen den Himmel führen kann, denn "der im Himmel thronet, lacht, spottet ihrer" (Psalm 2,4), kämpfen sie gegen das Volk, das G~ttes Wort in der Welt lehrt, das Ethik, Ehrlichkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit, Heiligkeit und Reinheit lehrt. Nur daß wir zweitausend Jahre lang wegen der Verfolgungen des Exils nicht kämpfen konnten, sondern nur, so gut es ging, die Schläge auffingen und zu überleben versuchten. Doch jetzt, durch die Gnade G~ttes über uns, kehrte die Möglichkeit der Selbstverteidigung zurück und das Gebot des Krieges rückte in den Bereich des Möglichen. Entsprechend definierten die talmudischen Weisen unsere Kriege gegen die Völker als "den Beginn der Erlösung" (Megilla 17b). Dieser Krieg begann bereits vor dem Erscheinen des Volkes Israel, nämlich nach der talmudischen Deutung beim Kriege unseres Vorvaters Awraham gegen die vier Könige (Gen. 14.Kap.), der mit dem Krieg gegen Nimrod identisch ist, dem Pol des Bösen in der Welt, durch Awraham, den Pol der Gerechtigkeit (Eruvin 53a). Wollen wir uns darum nichts vormachen etwa mit dem Glauben, eine Erfüllung der gegnerischen Forderungen würde uns Ruhe vor deren Belästigungen erkaufen. Glauben wir ja nicht, daß ein Verrat an Teilen unseres Landes und deren Übergabe in die Hände unserer Feinde diese zur Friedensliebe bekehren könnten. Schon der MaHaRal ("hohe Rabbi Löw") aus Prag schrieb in Deutung des Haggada-Verses "aber Lawan hatte geplant, alles zu entwurzeln", daß wir Gegner haben, die nicht aus einem bestimmten Grund gegen uns operieren, - eine Beseitigung des Grundes würde ja automatisch die Gegnerschaft beenden - sondern aus prinzipieller Gegnerschaft, nämlich weil wir das Volk Israel sind (Gwurot Haschem, S.236). So erhob sich in unseren Tagen der (spirituelle) Amalekiter Hitler, uns auszulöschen. Auf seinen Spuren folgten die Briten, die uns an der Gründung unseres Staates zu hindern suchten, nach den Worten von Rabbiner Z.J. Kuk zum "Schwarzen Schabbat" (29. Juni 46, landesweite Razzia der Briten gegen die Juden Palästinas); ebenso die Araber. Vielleicht gibt es Leute, die sich dessen gar nicht bewußt sind, daß es bei ihrem Kampf gegen uns um unsere Existenz geht, doch sicher gibt es welche, die sich durchaus dessen bewußt sind, so wie Hitler und jene Araber, die den Staat Israel auslöschen wollen. Wie dem auch sei, wir müssen auf jeden Fall den Selbstbetrug zerschlagen, wonach eine versöhnliche Politik mit unseren Feinden den Frieden brächte. Das Gegenteil trifft zu, so wie es den Engländern unter Chamberlain und auch uns geschah. Vielmehr muß man einen langen Atem bewahren und in Opferbereitschaft diesen hartnäckigen Kampf gegen das Böse fortführen bis zu dessen bedingungsloser Unterwerfung. Unterdessen sollten wir uns über die Möglichkeit an sich freuen, kämpfen zu können, und wir nicht wie Vieh zum Schlachthaus geführt werden, wie es in allen Exilen der Fall war. Einmal betete ein Jude in einer charedischen Synagoge am Unabhängigkeitstag (Jom HaAtzma'ut). Als der Vorbeter plötzlich mit dem Sühnegebet anfing [Tachanun, das an Feiertagen ausgelassen wird], begab sich jener Jude ans Vorbeterpult, schlug mit Wucht darauf und rief aus: "Ich war in der Schoa - daß mir hier keiner was am Staat Israel rummäkelt!" und betete das Hallel mit Bracha. Nach dieser langen Einleitung wollen wir uns nunmehr mit dem gegenwärtigen Krieg befassen. Wovon hängt unser Erfolg ab? Von der Stärke unserer Armee? Von der politischen Führung? Von reumütiger Umkehr - wenigstens in der Glaubensfrage, ob das Land Israel uns zusteht? Die Antwort lautet, dies ist ein mehrstufiger Krieg, und man muß sich darum aller zur Verfügung stehenden Mittel bedienen: spirituelle, nationale und militärische Mittel. Diese sind allerdings miteinander verflochten: Auf hoher spiritueller Motivation beruhen Nationalstolz und militärischer Heldenmut. Und noch eine Frage müssen
wir hier ansprechen, die von Vielen gestellt wird: Sollten wir weiter den
Militärdienst mittragen, obwohl unser Regierungschef bereits für
die Zeit unmittelbar nach Beendigung der Feindseligkeiten weitere Vertreibungsverbrechen
und Zerstörung des Landes à la Gusch-Katif angekündigt
hat, unter dem neuen Schlagwort "Gesundschrumpfung"? Dabei müssen
wir jedoch bedenken, daß wir ja nicht für den Regierungschef
kämpfen, sondern für den Herrn der Welt, der uns das Gebot des
Verteidigungskrieges gegeben hat. Dieses Gebot besteht aus drei Teilen:
1. Verteidigung des Volkes, 2. Verteidigung des Landes, und 3. Heiligung
des großen göttlichen Namens (siehe Rabbiner Z.J. Kuk, Lenetiwot
Israel I, S.157).
Weitere Kommentare
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