DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Num. 4,21-7,89):
*Erew
Schabbat (außerhalb Israels auch am Schabbat): Schawu'ot
/ Wochenfest
Bei der Versammlung des Volkes Israel am Sinai vor der Übergabe der Tora heißt es: "Und Moscheh führte das Volk hinaus aus dem Lager, G~tt entgegen, und sie stellten sich auf am Fuße des Berges" (Ex. 19,17). Der Raschikommentar erklärt "am Fuße des Berges": "nach dem einfachen Sinn: unten am Berg; der Midrasch (Mechilta) sagt, der Berg wurde von seiner Stelle losgerissen und über ihnen [drohend] gewölbt wie eine Tonne" (siehe auch Schabbat 88a). Warum wölbte G~tt den Berg über ihnen wie eine Tonne? Damit sollte die Bedeutung der Tora betont werden, ohne die es nicht geht; wenn sie nämlich die Tora aus freien Stücken angenommen hätten, könnten sie behaupten, die Tora sei eine freiwillige Angelegenheit und man könne auch ohne sie auskommen, sie wurde in freier Entscheidung angenommen, und sie hätte aus freier Entscheidung auch abgelehnt werden können. Darum wölbte G~tt den Berg über ihnen wie eine Tonne, um ihnen bewußt zu machen, daß es für sie ohne die Tora keine Existenz gibt - so wie es für die ganze Welt keine Existenz ohne die Tora gibt (MaHaRaL, "Gur Arije"). Auch König Chiskijahu, ein Rückkehrer zur Tora, verfuhr nach dieser Methode: "Er pflanzte ein Schwert vor der Tür des Lehrhauses auf und sprach: Wer sich nicht mit der Tora befaßt, werde mit diesem Schwerte erstochen. Man suchte von Dan [im Norden] bis Beer Scheva [im Süden], und man fand keinen unwissenden Menschen... und man fand weder einen Knaben noch ein Mädchen, weder einen Mann noch eine Frau, die nicht in den Gesetzen über Reinheit und Unreinheit kundig waren" (Sanhedrin 94a). Rabbiner Awraham Jizchak Kuk sah als Vision voraus, "daß unsere Nation erbaut und errichtet werde, zu ihrer Stärke und den Fakultäten ihres Lebens zurückkehre, dadurch, daß ihre Glaubensinhalte und die Ausdrücke ihrer Himmelsfurcht, d.h. ihr fürstlicher, geheiligter und göttlicher Inhalt, sich ausbreitet, anschwillt, vervollkommnet und bekräftigt. Alle Erbauer der Nation werden sich der tieferen Wahrheit dieses Punktes bewußt werden" (Orot HaTeschuwa, 15,11). Wie wird die Nation zu ihrer spirituellen Natur zurückkehren? Durch Torastudium der Massen, Toraschulen für Kinder, um eine neue Generation von Toragelehrten heranzuziehen, und Toraschulen für die breite Masse, für Menschen, die täglich eine bestimmte Zeit für das Torastudium reservieren. Nach dem Stand der Dinge können wir bei der Wiedererstehung des Volkes Israel zwei Stufen ausmachen. "Führe uns aufrecht (komemiut) zu unserem Lande" (Tischgebet). komemiut kann auch auf zwei Stufen/Stockwerke hindeuten (komot). Die erste Stufe: Einsammlung der Zerstreuten und Gründung des Staates, wirtschaftliche und militärische Stärke. Zweite Stufe: Spirituelle Wiederbelebung, Erfüllung der prophetischen Versprechen: "Und werde auf euch sprengen reines Wasser... und ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist in eure Brust..." (Jecheskel 36,25-26), und Rückkehr der Fähigkeit zum Empfang von Prophezeiungen, wie Rabbiner Kuk schrieb: "Die große Umkehr, die die Nation wiederbeleben wird, und die ihr und der Welt Erlösungen bringen wird, wird die Umkehr sein, die der heiligen Spiritualität entstammt, die sich in ihr [der Nation] mehren wird". Was wird diese spirituelle Erneuerung und Wiederbelebung auslösen? Das Torastudium. Der Tag ist nicht mehr fern, an dem in allgemeiner Übereinstimmung ein Gesetz zur Pflichterziehung in Tora verabschiedet wird. So werden alle jüdischen Kinder die Tora lernen, die Heimstatt und den Erbbesitz des ganzen Volkes Israel, so wie sie am Sinai dem ganzen Volke Israel gegeben wurde, und dann werden wir mit eigenen Augen das göttliche Versprechen in Erfüllung gehen sehen: "Und ich - dies ist mein Bund mit ihnen, spricht der Ewige - mein Geist, der auf dir ist, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt, sie sollen nicht weichen aus deinem Munde und aus dem Munde deiner Nachkommen, und aus dem Munde der Nachkommen deiner Nachkommen, spricht der Ewige, von nun an bis in Ewigkeit" (Jeschajahu 59,21). Mit den besten Wünschen
zu einem frohen Torafest und in Erwartung der vollkommenen Errettung,
Ich fühle ein seltsames Sehnen in meinem Inneren: lehachmir ! [so nennt man das Befolgen der strengeren Auslegung eines Religionsgesetzes]. Warum eigentlich "seltsam"?! Bei den talmudischen Weisen heißt es doch immer: "Der Machmir leitet Segen auf sich". Und wer will etwa keinen Segen auf sich leiten?! Doch sogleich halte ich inne und spreche zu mir: Wenn das der Beweggrund ist, dann tue ich es also für mich selber und nicht für den Herrn der Welt, ich kümmere mich also nur um mich selbst - wie habe ich das demnach zu bewerten? Aber gleich fasse ich mich wieder und entscheide: Lehachmir - das ist auf jeden Fall eine höhere Stufe des Dienstes an G~tt. Und wer möchte nicht auf so einer erhabenen Stufe sein?! Natürlich gelingt es nicht jedem, die Stufe eines "Enthaltsamen" oder gar eines "Frommen" zu erklimmen, wie es im Buche "Messilat Jescharim" steht (Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto, 13. Kap.). Ein "Enthaltsamer" ist so streng mit sich selbst, daß er sich sogar erlaubter Dinge enthält, und ein "Frommer" gar (nach der hier gebrauchten Definition) erfüllt Dinge, von denen er an sich befreit ist. Der erlauchte Kreis der Wenigen aber, die immer vor G~tt stehen und seiner Nähe vergönnt sein wollen - müssen immer die strengere Regelung aufsichnehmen. Und ich möchte doch auch zu diesen Wenigen zählen; darum werde ich zum Machmir. So weit, so gut. Plötzlich meldet sich eine innere Stimme: Halte ein, Mensch! Steht es dir gut an, mit einem Riesensatz auf eine Stufe zu springen, die gar nicht zu dir paßt?! Schlage doch wieder das Buch "Messilat Jescharim" 14. Kapitel auf und lies, was dort über die "Enthaltsamkeit" steht: Die Enthaltsamkeit umfaßt drei Bereiche, einer davon die "Enthaltsamkeit bei den Gesetzen". Das bedeutet, man muß bei einer Meinungsverschiedenheit zwischen den Gesetzesautoritäten immer der strengeren Ansicht folgen. - Was? Dazu bin ich nicht bereit. Ich würde wohl einen Teil der strengeren Auslegungen annehmen, z.B. beim koscheren Essen, wenn es leckere Dinge mit einem strengeren Hechscher [Koscher-Bescheinigung] zum gleichen Preis wie mit einem weniger strengen Hechscher gibt. Darum will ich gerade beim Essen das Joch des Machmir aufmichnehmen - aber bei jeder gesetzlichen Meinungsverschiedenheit? Das ist nichts für mich. Was steht dort noch geschrieben? "Gesellschaftliche Enthaltsamkeit", wenig reden, Einsamkeit bevorzugen, und die ganze Zeit - Dienst an G~tt. Auch das paßt nicht zu mir. Ich mag mich nämlich gerne mit allen möglichen interessanten Dingen beschäftigen. Drittens: "Enthaltsamkeit von Genüssen", Konsum nur von unbedingt lebensnotwendigen Dingen, in geringstmöglicher Menge, beim Essen, Kleidung, sonstigen Vergnügungen... Keinesfalls! Ich hatte da eher an selektive Enthaltsamkeit gedacht, z.B. beim Essen, wo es mir paßt und genehm ist, aber doch keine generelle Enthaltsamkeit. An dieser Stelle begann ich zu überlegen: Warum will ich das eigentlich tun? Ich überlege und überlege, dabei blättere ich in Kapitel 20, wo es um die "Frömmigkeit" geht: Überlege dir gut, bevor du strengere Regeln aufdichnimmst, sieh dich sehr vor, vielleicht ist dein böser Trieb hier mit im Spiel. Es kann dir passieren, daß du viele Dinge für Gebote hältst, und in Wirklichkeit begehst du damit Sünden. Oweh! Wie verflixt hinterlistig ist dieser böse Trieb. Er verkleidet sich als guter Trieb und gaukelt mir Sünden als Gebote vor. Ich dachte, der gute Trieb wollte mich zum Machmir machen, und in Wirklichkeit ist es der böse Trieb! Oh Schreck! Und ich lese weiter: Manchmal
rennst du zu einer Gebotserfüllung, und dabei konkurrierst du mit
anderen, bis ein Streit ausbricht. 1:0 für den bösen Trieb. Oder
nehmen wir mal an, ich sehe jemanden, der ein Gebot nicht einhält,
und ich sage ihm dazu gehörig meine Meinung - mit dem Ergebnis, daß
er noch weniger von der Tora wissen will. 2:0 für den bösen Trieb.
Dort im Buch wird eine Geschichte aus dem Talmud erwähnt von einem
der großen Weisen, Rabbi Tarfon, der der strengeren Auslegung von
"Bet Schammai" folgte, wofür er sich eine schwere Rüge der anderen
Weisen einhandelte, weil er damit die Autorität von "Bet Hillel" untergrub,
deren meistens leichtere Entscheidung als Gesetz gilt.
Ein Freund erzälte mir einmal eine (wahre) Geschichte von einem Rabbiner, der bei einem anderen Rabbiner zu irgendeiner Feierlichkeit eingeladen war. Als der Gastgeber eine bestimmte Speise servieren ließ, wollte der Gast nicht davon essen, weil er sie nicht für koscher genug hielt. Da schloß der gastgebende Rabbiner die Tür mit einem Schlüssel ab, baute sich vor dem Gast auf und sagte: "Sie essen jetzt auf der Stelle davon, und wenn nicht, dann haue ich Ihnen diesen Stuhl über den Schädel!". Alle Achtung! Wenn der Gast nicht auf die Kaschrut des Gastgebers vertraut, soll er gar nicht erst kommen. Er hat kein Recht, den Gastgeber zu beschämen. Ja, wenn ich mal ehrlich mit mir bin, folge ich nicht immer der strengeren Regel, um den Herrn der Welt zu erfreuen, sondern um einen Eindruck als "Streng-Orthodoxer" zu machen. Mancher gibt mit seinem Reichtum an, mancher mit seinem Wissen, mancher mit seinem Mut und mancher mit seiner Schönheit - und mancher eben mit seiner Religiosität. Überheblichkeit! Religiöse Angeberei. Der böse Trieb ist wirklich durchtrieben; wenn er mir nämlich sagte: Begehe eine Sünde!, würde ich natürlich nicht auf ihn hören. Also treibt er mich zu einer scheinbaren Gebotserfüllung. Ich habe schon gemerkt, daß ich besonders gerne in der Anwesenheit von anderen den Machmir spiele. Aber selbst ganz alleine fühle ich eine gewisse Eitelkeit. Nach "Messilat Jescharim" ist auch die versteckte Eitelkeit verabscheuungswürdig. Ich habe auch bemerkt, daß die Verschärfungen meinen guten Trieb durcheinanderbringen. Gestern z.B. habe ich meine Frau beleidigt, und mein guter Trieb wollte mich sofort zur Rechenschaft ziehen. Mir wurde bereits sehr mulmig zumute, doch was tat ich? Ich aß ein Dessert extra-koscher und fühlte mich großartig. Der gute Trieb ist wirklich dumm! Merkst du nicht, wie man dich reinlegt?! Dieses Prinzip, daß
religiöse Verschärfungen manchmal über Böses hinwegtäuschen,
lernte ich von meinem großen Lehrmeister durch eine erschütternde
Geschichte: Einst kam eine Frau zu ihm und fragte: "Ist mein Mantel koscher
für Pessach?" Der Rabbiner blinzelte ungläubig mit den Augen.
"Ja, denn ich habe die Knöpfe mit der gleichen Nadel angenäht,
mit der ich mit Teig gefüllte Rouladen zunähe!". Mein Rabbi strich
sich seinen Bart. "Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Kam ein
Mann zum Rabbi und sagte: 'ich habe eine Schnur von der Straße aufgehoben'.
'Dann gib sie zurück'. 'Rabbi, mit dieser Schnur war ein Pferd verbunden'.
'Dann gib auch das Pferd zurück'. 'Rabbi, das Pferd lief nicht einfach
so herum, es war vor einen Wagen gespannt'. 'Nu, dann gib auch den zurück!'.
'Aber Wagen rollen nicht einfach leer durch die Gegend, auf diesem Wagen
war eine wertvolle Truhe'. 'Dann gib auch die zurück'. 'Rabbi, sie
verstehen mich nicht - da waren auch Menschen mit auf dem Wagen'. 'Was
haben Sie bloß angerichtet!?', schrie der Rabbi. 'Ich habe sie getötet...'.
'Warum haben Sie getötet, warum haben Sie getötet', schrie der
Rabbi wieder". - An dieser Stelle der Geschichte sagte die Frau: "Ja, ich
habe getötet... ich habe das Kind getötet, das ich von einem
außerehelichen Fehltritt geboren habe". Mein Rabbiner hatte gespürt,
daß die außergewöhnliche religiöse Pedanterie der
Frau etwas Schlimmes überspielen sollte. Als er eines Tages meine
übertriebene Begeisterung für religiöse Verschärfungen
bemerkte, sagte er mir: "Wenn du ein Machmir sein willst, dann halte
zuerst, was in den 'Sprüchen der Väter' steht, denn diese betreffen
mehrheitlich die Frömmigkeit". Damit hier keine Mißverständnisse
entstehen - mein Lehrmeister war ein großer Machmir, aber
ihm stand es gut an, denn er war ein großer Mensch und ein wahrhaftig
Gerechter. Verglichen mit ihm bin ich eine Null und lehre über mich
selbst: "Nicht ein jeder, der sich den Ruf [eines übermäßig
Frommen] zulegen will, darf ihn sich beilegen" (Mischna Brachot 2.Kap.,
8.Mischna). Einmal traf es sich, daß ich gemeinsam mit meinem Lehrer
Reservedienst in der Armee leisten mußte. Im Speisesaal gab es Fleisch
mit regulärer Kaschrut, von dem fast alle Soldaten aßen, und
"glatt"-koscheres Fleisch, das die besonders himmelsfürchtigen Soldaten
wählten. Und sieheda, mein Lehrmeister nahm von dem regulären
Fleisch. Auf meine Frage, warum er denn nicht der verschärfenden Ansicht
folge, antwortete er nach einigem Zögern: "Ich bin ein Machmir
in Fragen der jüdischen Allgemeinheit".
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