DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Num. 30,2-36,13):
Die Bitte der Söhne Gads und Re'uwens: "Führe uns nicht über den Jordan" (Num. 32,5) wurde von Moscheh mit dem Ausdruck "eine Brut von Sündern" (V.14) bedacht. Worin bestand die Sünde bei dieser Bitte? Auf den ersten Blick, weil sie nicht den Jordan überqueren und den westlichen Teil des Landes Israel besiedeln wollten. Aus dem weiteren Verlauf des Wochenabschnitts wird jedoch ersichtlich, daß es Moscheh gar nicht darum ging, wo sich diese beiden Stämme ansiedelten, denn am Ende wurde ihnen ja die Ansiedlung im Lande Gilead gestattet - was also war ihre Sünde?! Nicht umsonst berichtet uns die Tora: "Und viele Herden hatten die Söhne Re'uwen und die Söhne Gad in gewaltiger Menge" (V.1). Dieser Sachverhalt stand hinter der Bitte der beiden Stämme, nicht den Jordan überqueren zu müssen, und das nahm Moscheh ihnen übel - aber warum? Die Söhne Gads und Re'uwens befanden sich in geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen, obwohl zu jener Zeit die Kinder Israels noch mitten auf dem Wege nach dem Lande Israel waren, ohne bisher alle ihre Bestrebungen verwirklicht zu haben. Das alles schien die beiden Stämme jedoch nichts anzugehen. Sie sorgten sich vielmehr um ihre eigene wirtschaftliche Zukunft und kümmerten sich nicht um die allgemeine Bestimmung der Nation. Eine ganz ähnliche Erscheinung spielt sich in unserem eigenen Zeitalter ab, wie es Rabbiner Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner Israels) in seinem Buch "Orot" voraussagte: "Die materielle Sorglosigkeit, zu der ein Teil der Nation gelangen wird, der sich dann einbildet, schon gänzlich an sein Ziel gelangt zu sein - verkleinert die Seele, und es werden Tage kommen, von denen man sagen wird, es gibt kein Verlangen mehr, das Streben nach erhabenen und heiligen Idealen wird aufhören und von ganz alleine wird der Geist absinken und untergehen" (S.84). Dieser Prozeß der Abkehr von persönlichen und nationalen Idealen, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, ist das Ergebnis ausschließlicher Beschäftigung mit materiellen Errungenschaften und dem Rennen nach materiellem Überfluß. Der Erwerb von Besitztümern
an sich ist keine schlechte Sache, die Bewertung, ob gut oder schlecht,
erfolgt nach zwei Kriterien: Auf welche Weise wurde der Reichtum erlangt,
und zu welchem Ziel wird er verwendet. Unsere Vorväter Awraham, Jizchak
und Jakov verfügten nämlich über großen Besitz, wie
der Torakommentar von Rabbi Awraham Ibn-Esra bezeugt: "Awraham, Jizchak
und Jakov waren in der ganzen Umgebung für ihren Reichtum bekannt"
(zu Ex. 21,2). Nicht nur, daß ihr großes Vermögen ihrer
spirituellen und moralischen Vorstellungswelt keinen Abbruch tat, er war
ihnen bei ihrem Dienst an G~tt noch eine große Hilfe. Auch Rabbi
Jehuda Halevi, Autor des "Kusari", war der Ansicht, "ein geringer Erwerb
von Gütern gilt nicht als Dienst an G~tt bei jemandem, dem sich der
Erwerb ohne Mühe bietet und ihn nicht vom Erlernen der Weisheit und
der guten Tat abhält, und besonders, wenn sich dieser Mensch um Kinder
zu kümmern hat und er danach strebt, sein Geld auf g~ttgefällige
Weise auszugeben" (II,3). Im Gegenteil: "bei so einem Menschen ist die
Mehrung des Erwerbes eher angebracht". Die Söhne Gads und Re'uwens
verhielten sich allerdings nicht so mit ihrem Reichtum, und an ihnen erfüllte
sich der Vers: "Reichtum bewacht von seinem Besitzer zu seinem Unheil"
(Kohelet 5,12), und daran scheiterten sie, wie es im Midrasch heißt:
"Ebenso findest du bei den Söhnen Gads und Re'uwens, die sehr reich
waren und viel Vieh hatten, und das Vieh sehr werthielten, und sich außerhalb
des Landes Israel ansiedelten - darum wurden sie als erste von den Stämmen
ins Exil geführt, wie es heißt: und er trieb sie aus, den
Re'uweni und den Gadi (Chronik I, 5,26); und was veranlaßte sie,
sich von ihren Brüdern wegen ihres Viehs zu trennen, und woher? Aus
dem, was wir in dieser Sache lesen: und viele Herden hatten die Söhne
Re'uwens und die Söhne Gads (Num. 32,1; Midrasch Tanchuma). Die
Blendung durch den Reichtum brachte den beiden Stämmen die Wertordnung
durcheinander. Dazu sagten die talmudischen Weisen: "das Herz des Toren
ist zu seiner Linken (Kohelet 10,2) - das sind die Söhne Re'uwens
und Gads, die die Hauptsache zur Nebensache machten und die Nebensache
zur Hauptsache, die ihr Vermögen mehr werthielten als die Seelen,
denn sie sagten zu Moscheh: Schafhürden wollen wir hier bauen für
unsere Herden und erst danach fügten sie hinzu: und Städte
für unsere Kinder (Num. 32,16). Da sagte Moscheh zu ihnen: Nicht
so; machet die Hauptsache zur Hauptsache und die Nebensache zur Nebensache;
bauet euch zuerst Städte für eure Kinder und dann Hürden
für eure Schafe" (Raschi ebda. nach Midrasch Tanchuma). Die Bevorzugung
des Vermögens vor der Sorge um die Kinder bedeutete ein persönliches
Versagen der beiden Stämme, doch nicht das war es, was Moscheh beunruhigte;
vielmehr sah er die Gefahr auf nationaler Ebene durch das Verhalten dieser
beiden Stämme, er spürte den Beginn eines Prozesses der Abkoppelung,
bei dem es einem Teil des Volkes egal ist, was einem anderen Teil des Volkes
zustößt, wobei der etablierte Teil in der falschen Vorstellung
lebt, er habe alle seine Probleme bereits gelöst, da er doch über
große Herden verfügt und über Ländereien, die dafür
bestens geeignet sind. 'Es geht uns gut, was brauchen wir Verantwortung
für die Nation, belästigt uns nicht mit dem Joch eines gemeinsamen
Schicksals des jüdischen Volkes, wo wir unsere Seelen in Sicherheit
gebracht haben, und darum sind wir glücklich, daß wir hier sind
und ihr dort'. - Das war die Abkoppelung der Söhne Gad und der Söhne
Re'uwen, die der Abkoppelung ähnelt, die heutzutage in der israelischen
Gesellschaft stattfindet, wo ein Teil den Staat Israel vom Lande Israel
trennt. Doch die Abkoppelung endet nicht dort, die Folgen sehen wir in
der Gleichgültigkeit eines Teiles der eingesessenen Bürger gegenüber
den hunderten von Kassam-Raketen, die täglich auf Sderot und Umgebung
niedergehen, und die Apathie eines Teiles der Bürger, besonders der
nichtreligiösen, gegenüber den Leiden der Vertriebenen aus dem
Katif-Gebiet oder anderen Benachteiligten. An diese Möglichkeit dachte
Moscheh, als die Söhne Gads und Re'uwens zu ihm kamen und sagten:
"Führe uns nicht über den Jordan". In dieser Bitte sah Moscheh
die Gefahr der Spaltung des Volkes und einen schlechten Einfluß auf
die Brüderlichkeit und die Solidarität zwischen allen Teilen
des Volkes, und ermahnte sie diesbezüglich. Erst als sich die beiden
Stämme vor ihm verpflichteten: "Wir werden nicht zurückkehren
in unsere Häuser, bis die Kinder Israels für sich erworben haben
jeder sein Erbe" (Num. 32,18), und noch hinzufügten: "Wir selbst aber
wollen hurtig an der Spitze der Kinder Israels gerüstet ausziehen"
(V.17), praktisch eine Solidaritätserklärung mit der Einheit
des Volkes, beseitigten sie so jeden Zweifel an ihrer Integrität.
Erst nach dieser Verpflichtung stimmte Moscheh ihrer Bitte zu, nachdem
sie ihrer Pflicht nachgekommen waren, zu ihren Gebieten jenseits des Jordans
zurückzukehren.
Dieser Segensspruch stellt ein besonderes Gebet dar, in dem wir von G~tt erbitten, unsere ursprüngliche Gerichtsbarkeit wie in frühen Zeiten zu erneuern, wie sie seit den Tagen unseres Lehrers Moscheh bestand, und die uns im Laufe der Zeiten abhanden kam. Dies kommt einer Bitte um die Wiedereinsetzung des Sanhedrins gleich, der Erneuerung der zentralen Autorität, auf der die Göttlichkeit ruht und die für alle Gesetzesfragen und Anleitung in allen spirituellen Dingen im ganzen Volk Israel zuständig ist. Dabei besteht natürlich keine Absicht, die Bedeutung der Dajanim [als Religionsrichter ausgebildete Rabbiner] aller Generationen herunterzuspielen, die diesen Segensspruch wie alle anderen Juden auch zu allen Zeiten beteten. Sie fühlten sich nicht gekränkt, daß man sagte: "Bringe unsere Richter wieder wie früher", weil unsere Absicht bei diesem Gebet nicht darin besteht, die Rechtschaffenheit und die Frömmigkeit unserer Dajanim in Zweifel zu ziehen, sondern um um die Wiederherstellung des früheren Standes des Rechtswesens in Israel zu beten - d.h., um die Wiedereinsetzung des Sanhedrins in der Quaderhalle des Tempels. Wir bitten um die volle Geltung aller jüdischen Gesetze wie früher. Ohne Sanhedrin und ohne dessen besondere Autorität können wir nicht in allen jüdischen Gesetzesfragen richten, und die rabbanitische Rechtsprechung erstreckt sich nur auf einen winzigen Teil der zahlreichen Bereiche der Halacha: das Ehewesen und Teile der Regelungen von Eigentumsverhältnissen, doch werden die Gesetze der Tora z.B. nicht zur Regelung von Staatsangelegenheiten herangezogen, nicht zu gesellschaftlichen Fragen und nicht im Bereich der Kultur. Darum beten wir "Bringe unsere Richter wieder wie früher". Dieser Segenspruch baut auf den vorangegangenen auf, "Stoße in das große Schofar zu unserer Befreiung", denn das jüdische Rechtswesen kann nicht eher zu seiner früheren Vollständigkeit zurückkehren, bis daß sich das Volk Israel in einem unabhängigen rechtsstaatlichen Rahmen befindet. Denn sogar wenn das jüdische Volk rechtliche Autonomie von den Völkern der Welt zugesprochen bekäme, wäre dieses Rechtswesen auf ein Fundament ihm wesensfremder Werte und Gesetze gebaut. Erst nach der Erfüllung unserer Bitte um die Rückkehr eigenstaatlicher Unabhängigkeit können wir die Wiedereinsetzung des früheren Rechtswesens erhoffen. Der "Chafez Chajim" machte darauf aufmerksam, daß die Buchstabenfolge im Worte "Mischkan" (das Wüstenheiligtum) den Ablauf der Erlösung symbolisiert: Melech - König, Schofet - Richter, Kohen - Priester, und Nawi - Prophet. Auf diesen Eckpfeilern ruht eine gesunde israelitische Gesellschaft. Zuerst benötigen wir das "Königtum" - die Rückkehr zur Unabhängigkeit, damit wir dann das "sch" von Mischkan verwirklichen können, die Einsetzung von Richtern. Erst danach kehre dann der Dienst im Tempel wieder, die Priester - und die Prophetie. Dann wird G~tt wieder seine Heiligkeit auf uns ruhen lassen, in Vervollständigung des Mischkan. Weiter bitten wir in diesem Segensspruch: "Regiere über uns du, Ewiger, allein", und nicht unter Zuhilfenahme von trennenden Zwischenstufen, denn jede Institution des Regierungs- bzw. des Rechtswesens bedeutet trotz ihrer Nützlichkeit letztendlich eine Trennwand zwischen den Geschöpfen und ihrem Schöpfer. Wir wünschen uns gerade ein Rechts- und Regierungswesen, das keine solche Trennwand darstellt, sondern eines, in dem offenbar wird, wie G~tt "in der Richtergemeinde steht", wie er "mitten unter Richtern richtet" (Psalm 82,1). Das wird durch die Vereinigung der Prinzipien erreicht. Das moralische Ideal der Vereinigung der Prinzipien ist eine Besonderheit des jüdischen Rechtswesens, was in unserem Segensspruch in den Begriffen "Gerechtigkeit und Recht" zum Ausdruck kommt. Normalerweise sind die Einrichtungen des Gerichtswesens nur in der Lage, einen der beiden Werte zu verwirklichen, entweder Gerechtigkeit, was mit einem gewissen Nachgeben verbunden ist, oder Recht, d.h. Wahrheit. Auf jeden Fall wird einer der Werte gemindert. Demgegenüber besteht das moralische Ideal des jüdischen Volkes in einem Rechtswesen, in dem sowohl die Gerechtigkeit als auch das Recht zum Ausdruck kommen, und das ist das Zeichen für die Gegenwärtigkeit des Herrn der Welt in diesem Rechtswesen, das sich in Kürze durch unseren Beitrag und mit G~ttes Hilfe erneuern möge. bogrey29
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
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