DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT MATTOT-MASS'EH
Nr. 574
26. Tammus 5766


Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Num. 30,2-36,13):
Selbstauferlegte Verbote, Vernichtung der Midjaniter, Landzuteilung an die Stämme Gad und Re'uwen, Liste aller Reisestationen während der Wüstenwanderung, Gebot der Austreibung der Kana'aniter, die 6 Levitenstädte, Gesetz von der Zuflucht des Totschlägers, Bodenerbrecht für Frauen; Ende des 4. Buches Moscheh.
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Die Abkoppelung von Gad und Re'uwen

Rav Jakov Halevi Filber 
Rabbiner an der "Merkas-Harav" Jeschiwa, Jerusalem

Die Bitte der Söhne Gads und Re'uwens: "Führe uns nicht über den Jordan" (Num. 32,5) wurde von Moscheh mit dem Ausdruck "eine Brut von Sündern" (V.14) bedacht. Worin bestand die Sünde bei dieser Bitte? Auf den ersten Blick, weil sie nicht den Jordan überqueren und den westlichen Teil des Landes Israel besiedeln wollten. Aus dem weiteren Verlauf des Wochenabschnitts wird jedoch ersichtlich, daß es Moscheh gar nicht darum ging, wo sich diese beiden Stämme ansiedelten, denn am Ende wurde ihnen ja die Ansiedlung im Lande Gilead gestattet - was also war ihre Sünde?! Nicht umsonst berichtet uns die Tora: "Und viele Herden hatten die Söhne Re'uwen und die Söhne Gad in gewaltiger Menge" (V.1). Dieser Sachverhalt stand hinter der Bitte der beiden Stämme, nicht den Jordan überqueren zu müssen, und das nahm Moscheh ihnen übel - aber warum? Die Söhne Gads und Re'uwens befanden sich in geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen, obwohl zu jener Zeit die Kinder Israels noch mitten auf dem Wege nach dem Lande Israel waren, ohne bisher alle ihre Bestrebungen verwirklicht zu haben. Das alles schien die beiden Stämme jedoch nichts anzugehen. Sie sorgten sich vielmehr um ihre eigene wirtschaftliche Zukunft und kümmerten sich nicht um die allgemeine Bestimmung der Nation. Eine ganz ähnliche Erscheinung spielt sich in unserem eigenen Zeitalter ab, wie es Rabbiner Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner Israels) in seinem Buch "Orot" voraussagte: "Die materielle Sorglosigkeit, zu der ein Teil der Nation gelangen wird, der sich dann einbildet, schon gänzlich an sein Ziel gelangt zu sein - verkleinert die Seele, und es werden Tage kommen, von denen man sagen wird, es gibt kein Verlangen mehr, das Streben nach erhabenen und heiligen Idealen wird aufhören und von ganz alleine wird der Geist absinken und untergehen" (S.84). Dieser Prozeß der Abkehr von persönlichen und nationalen Idealen, sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart, ist das Ergebnis ausschließlicher Beschäftigung mit materiellen Errungenschaften und dem Rennen nach materiellem Überfluß. 

Der Erwerb von Besitztümern an sich ist keine schlechte Sache, die Bewertung, ob gut oder schlecht, erfolgt nach zwei Kriterien: Auf welche Weise wurde der Reichtum erlangt, und zu welchem Ziel wird er verwendet. Unsere Vorväter Awraham, Jizchak und Jakov verfügten nämlich über großen Besitz, wie der Torakommentar von Rabbi Awraham Ibn-Esra bezeugt: "Awraham, Jizchak und Jakov waren in der ganzen Umgebung für ihren Reichtum bekannt" (zu Ex. 21,2). Nicht nur, daß ihr großes Vermögen ihrer spirituellen und moralischen Vorstellungswelt keinen Abbruch tat, er war ihnen bei ihrem Dienst an G~tt noch eine große Hilfe. Auch Rabbi Jehuda Halevi, Autor des "Kusari", war der Ansicht, "ein geringer Erwerb von Gütern gilt nicht als Dienst an G~tt bei jemandem, dem sich der Erwerb ohne Mühe bietet und ihn nicht vom Erlernen der Weisheit und der guten Tat abhält, und besonders, wenn sich dieser Mensch um Kinder zu kümmern hat und er danach strebt, sein Geld auf g~ttgefällige Weise auszugeben" (II,3). Im Gegenteil: "bei so einem Menschen ist die Mehrung des Erwerbes eher angebracht". Die Söhne Gads und Re'uwens verhielten sich allerdings nicht so mit ihrem Reichtum, und an ihnen erfüllte sich der Vers: "Reichtum bewacht von seinem Besitzer zu seinem Unheil" (Kohelet 5,12), und daran scheiterten sie, wie es im Midrasch heißt: "Ebenso findest du bei den Söhnen Gads und Re'uwens, die sehr reich waren und viel Vieh hatten, und das Vieh sehr werthielten, und sich außerhalb des Landes Israel ansiedelten - darum wurden sie als erste von den Stämmen ins Exil geführt, wie es heißt: und er trieb sie aus, den Re'uweni und den Gadi (Chronik I, 5,26); und was veranlaßte sie, sich von ihren Brüdern wegen ihres Viehs zu trennen, und woher? Aus dem, was wir in dieser Sache lesen: und viele Herden hatten die Söhne Re'uwens und die Söhne Gads (Num. 32,1; Midrasch Tanchuma). Die Blendung durch den Reichtum brachte den beiden Stämmen die Wertordnung durcheinander. Dazu sagten die talmudischen Weisen: "das Herz des Toren ist zu seiner Linken (Kohelet 10,2) - das sind die Söhne Re'uwens und Gads, die die Hauptsache zur Nebensache machten und die Nebensache zur Hauptsache, die ihr Vermögen mehr werthielten als die Seelen, denn sie sagten zu Moscheh: Schafhürden wollen wir hier bauen für unsere Herden und erst danach fügten sie hinzu: und Städte für unsere Kinder (Num. 32,16). Da sagte Moscheh zu ihnen: Nicht so; machet die Hauptsache zur Hauptsache und die Nebensache zur Nebensache; bauet euch zuerst Städte für eure Kinder und dann Hürden für eure Schafe" (Raschi ebda. nach Midrasch Tanchuma). Die Bevorzugung des Vermögens vor der Sorge um die Kinder bedeutete ein persönliches Versagen der beiden Stämme, doch nicht das war es, was Moscheh beunruhigte; vielmehr sah er die Gefahr auf nationaler Ebene durch das Verhalten dieser beiden Stämme, er spürte den Beginn eines Prozesses der Abkoppelung, bei dem es einem Teil des Volkes egal ist, was einem anderen Teil des Volkes zustößt, wobei der etablierte Teil in der falschen Vorstellung lebt, er habe alle seine Probleme bereits gelöst, da er doch über große Herden verfügt und über Ländereien, die dafür bestens geeignet sind. 'Es geht uns gut, was brauchen wir Verantwortung für die Nation, belästigt uns nicht mit dem Joch eines gemeinsamen Schicksals des jüdischen Volkes, wo wir unsere Seelen in Sicherheit gebracht haben, und darum sind wir glücklich, daß wir hier sind und ihr dort'. - Das war die Abkoppelung der Söhne Gad und der Söhne Re'uwen, die der Abkoppelung ähnelt, die heutzutage in der israelischen Gesellschaft stattfindet, wo ein Teil den Staat Israel vom Lande Israel trennt. Doch die Abkoppelung endet nicht dort, die Folgen sehen wir in der Gleichgültigkeit eines Teiles der eingesessenen Bürger gegenüber den hunderten von Kassam-Raketen, die täglich auf Sderot und Umgebung niedergehen, und die Apathie eines Teiles der Bürger, besonders der nichtreligiösen, gegenüber den Leiden der Vertriebenen aus dem Katif-Gebiet oder anderen Benachteiligten. An diese Möglichkeit dachte Moscheh, als die Söhne Gads und Re'uwens zu ihm kamen und sagten: "Führe uns nicht über den Jordan". In dieser Bitte sah Moscheh die Gefahr der Spaltung des Volkes und einen schlechten Einfluß auf die Brüderlichkeit und die Solidarität zwischen allen Teilen des Volkes, und ermahnte sie diesbezüglich. Erst als sich die beiden Stämme vor ihm verpflichteten: "Wir werden nicht zurückkehren in unsere Häuser, bis die Kinder Israels für sich erworben haben jeder sein Erbe" (Num. 32,18), und noch hinzufügten: "Wir selbst aber wollen hurtig an der Spitze der Kinder Israels gerüstet ausziehen" (V.17), praktisch eine Solidaritätserklärung mit der Einheit des Volkes, beseitigten sie so jeden Zweifel an ihrer Integrität. Erst nach dieser Verpflichtung stimmte Moscheh ihrer Bitte zu, nachdem sie ihrer Pflicht nachgekommen waren, zu ihren Gebieten jenseits des Jordans zurückzukehren.
 
 
 
Zum Gebet

Bringe unsere Richter wieder
 

Rav Uri Scherki
(Leiter der hebräischsprachigen Abteilung von MACHON MEIR)

Dieser Segensspruch stellt ein besonderes Gebet dar, in dem wir von G~tt erbitten, unsere ursprüngliche Gerichtsbarkeit wie in frühen Zeiten zu erneuern, wie sie seit den Tagen unseres Lehrers Moscheh bestand, und die uns im Laufe der Zeiten abhanden kam. Dies kommt einer Bitte um die Wiedereinsetzung des Sanhedrins gleich, der Erneuerung der zentralen Autorität, auf der die Göttlichkeit ruht und die für alle Gesetzesfragen und Anleitung in allen spirituellen Dingen im ganzen Volk Israel zuständig ist.

Dabei besteht natürlich keine Absicht, die Bedeutung der Dajanim [als Religionsrichter ausgebildete Rabbiner] aller Generationen herunterzuspielen, die diesen Segensspruch wie alle anderen Juden auch zu allen Zeiten beteten. Sie fühlten sich nicht gekränkt, daß man sagte: "Bringe unsere Richter wieder wie früher", weil unsere Absicht bei diesem Gebet nicht darin besteht, die Rechtschaffenheit und die Frömmigkeit unserer Dajanim in Zweifel zu ziehen, sondern um um die Wiederherstellung des früheren Standes des Rechtswesens in Israel zu beten - d.h., um die Wiedereinsetzung des Sanhedrins in der Quaderhalle des Tempels. Wir bitten um die volle Geltung aller jüdischen Gesetze wie früher. Ohne Sanhedrin und ohne dessen besondere Autorität können wir nicht in allen jüdischen Gesetzesfragen richten, und die rabbanitische Rechtsprechung erstreckt sich nur auf einen winzigen Teil der zahlreichen Bereiche der Halacha: das Ehewesen und Teile der Regelungen von Eigentumsverhältnissen, doch werden die Gesetze der Tora z.B. nicht zur Regelung von Staatsangelegenheiten herangezogen, nicht zu gesellschaftlichen Fragen und nicht im Bereich der Kultur. Darum beten wir "Bringe unsere Richter wieder wie früher".

Dieser Segenspruch baut auf den vorangegangenen auf, "Stoße in das große Schofar zu unserer Befreiung", denn das jüdische Rechtswesen kann nicht eher zu seiner früheren Vollständigkeit zurückkehren, bis daß sich das Volk Israel in einem unabhängigen rechtsstaatlichen Rahmen befindet. Denn sogar wenn das jüdische Volk rechtliche Autonomie von den Völkern der Welt zugesprochen bekäme, wäre dieses Rechtswesen auf ein Fundament ihm wesensfremder Werte und Gesetze gebaut. Erst nach der Erfüllung unserer Bitte um die Rückkehr eigenstaatlicher Unabhängigkeit können wir die Wiedereinsetzung des früheren Rechtswesens erhoffen. 

Der "Chafez Chajim" machte darauf aufmerksam, daß die Buchstabenfolge im Worte "Mischkan" (das Wüstenheiligtum) den Ablauf der Erlösung symbolisiert: Melech - König, Schofet - Richter, Kohen - Priester, und Nawi - Prophet. Auf diesen Eckpfeilern ruht eine gesunde israelitische Gesellschaft. Zuerst benötigen wir das "Königtum" - die Rückkehr zur Unabhängigkeit, damit wir dann das "sch" von Mischkan verwirklichen können, die Einsetzung von Richtern. Erst danach kehre dann der Dienst im Tempel wieder, die Priester - und die Prophetie. Dann wird G~tt wieder seine Heiligkeit auf uns ruhen lassen, in Vervollständigung des Mischkan

Weiter bitten wir in diesem Segensspruch: "Regiere über uns du, Ewiger, allein", und nicht unter Zuhilfenahme von trennenden Zwischenstufen, denn jede Institution des Regierungs- bzw. des Rechtswesens bedeutet trotz ihrer Nützlichkeit letztendlich eine Trennwand zwischen den Geschöpfen und ihrem Schöpfer. Wir wünschen uns gerade ein Rechts- und Regierungswesen, das keine solche Trennwand darstellt, sondern eines, in dem offenbar wird, wie G~tt "in der Richtergemeinde steht", wie er "mitten unter Richtern richtet" (Psalm 82,1). Das wird durch die Vereinigung der Prinzipien erreicht. Das moralische Ideal der Vereinigung der Prinzipien ist eine Besonderheit des jüdischen Rechtswesens, was in unserem Segensspruch in den Begriffen "Gerechtigkeit und Recht" zum Ausdruck kommt. Normalerweise sind die Einrichtungen des Gerichtswesens nur in der Lage, einen der beiden Werte zu verwirklichen, entweder Gerechtigkeit, was mit einem gewissen Nachgeben verbunden ist, oder Recht, d.h. Wahrheit. Auf jeden Fall wird einer der Werte gemindert.

Demgegenüber besteht das moralische Ideal des jüdischen Volkes in einem Rechtswesen, in dem sowohl die Gerechtigkeit als auch das Recht zum Ausdruck kommen, und das ist das Zeichen für die Gegenwärtigkeit des Herrn der Welt in diesem Rechtswesen, das sich in Kürze durch unseren Beitrag und mit G~ttes Hilfe erneuern möge.

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