DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 21,10-25,19):
Unser Wochenabschnitt enthält eine Fülle von Geboten zu allen Bereichen des Lebens, darunter auch einige zum Thema Sittlichkeit. Das auffälligste Gebot in dieser Beziehung lautet: "es sollen deine Lagerstätten heilig sein, daß er nicht an dir sehe irgend eine Blöße" (Dt. 23,15). Mit diesem Ziel lassen sich alle religionsgesetzlichen Einzelheiten bezüglich der Sittlichkeit verbinden - als Vorstoß zu einem Leben der Heiligkeit. Diese erhabene Bestrebung verpflichtet zu vielfältigen Anstrengungen beim Wahren der Heiligkeit des Sehens, der Unverdorbenheit des Hörens und der Reinheit des Denkens. Entsprechend erklärten die talmudischen Weisen den Vers: "so hüte dich vor jeglichem bösen Dinge" (Dt. 23,10) - "Man darf nicht an etwas [Sündhaftes] am Tage denken und dadurch nachts zur Verunreinigung kommen" (Awoda sara 20b), also durch Gedanken. Ferner erklärten sie "irgendeine Blöße" (erwat dawar) mit "Blöße der Rede" (erwat dibur), und darum wurde uns geboten: "Und einen Spaten sollst du dir halten bei deiner Rüstung" [Dt. 23,14; das hebr. Wort für "Rüstung" kann auch "Ohr" bedeuten und der "Spaten" das "Ohrläppchen"] - sich das Ohr zuzuhalten, wenn in der Umgebung ungebührlich geredet wird. Diese Gebote sind nicht die einzigen in unserer Parscha, die sich mit der Sittlichkeit befassen. Verschiedene Gebote enthalten nebenbei auch Aspekte der Sittlichkeit, beginnend mit dem Abschnitt von der "schönen Frau" [erbeutete Kriegsgefangene] über das Verbot des Tragens von Kleidern des anderen Geschlechtes bis hin zur unterschiedlichen Bestrafung der Vergewaltigung in der Stadt oder auf dem Felde. Es kommt aber nicht von ungefähr, daß dem Gebot der Sittlichkeit gerade im Kriege besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Der Krieg, trotz seines Wertes und seiner Bedeutung, bringt die damit Beschäftigten nicht zwangsläufig in den Zustand spiritueller Erhebung, sondern legt im Gegenteil häufig die häßlichsten Seiten des menschlichen Charakters offen und gewährt den dunkelsten Trieben freien Lauf. Nicht umsonst "sprach die Tora mit Rücksicht auf den bösen Trieb" (Kiduschin 21b) gerade in dieser Stunde und erlaubte dem Kämpfer unter bestimmten einschränkenden Bedingungen die "schöne Frau" zu nehmen; "lieber mögen die Israeliten Fleisch von geschlachteten Siechlingen essen, als Fleisch von verendeten Siechlingen" (ebda.). Die tiefe Erkenntnis der Tora, wie leicht der Trieb im Eifer des Kriegsgetümmels, wenn der Mensch sein geordnetes Leben verläßt, provoziert und verleitet werden kann, stellt die zentrale Quelle für die generelle Auffassung von Sittlichkeit dar. Gerade in der erhabenen Stunde höchster Opferbereitschaft, wenn der Soldat alle seine zivilen Beschäftigungen und seine Familie hinter sich läßt und sich mit aller Kraft und seinen Begabungen in absoluter Weise dem Militär widmet - gerade dann läuft er Gefahr, sein Herz von der Hauptsache auf seine Begierden abzuwenden. In diesem Moment benötigt er eine genaue Anleitung, wie er sein gewaltiges inneres Kraftpotential in Richtung Heiligkeit lenke, damit es nicht seine Befriedigung auf billige und niedere Weise suche. Dies ist die Stunde furchteinflößender Offenbarung göttlicher Präsenz, die zur Aufstellung unzweideutiger Beschränkungen vor der Nacktheit und ihren Ablegern verpflichtet. Rabbiner Awraham ibn-Esra (bedeutender Torakommentator vor etwa 850 Jahren) beleuchtete die Verbindung zwischen den Begriffen der Sittsamkeit und dem Krieg unter einem weiteren Aspekt. Seine Deutungen fußen auf dem Prinzip, nach dem die im Wochenabschnit erwähnten Gebote in enger Verbindung mit der Überschrift, dem Motto der Parscha stehen. "Wenn du zum Krieg ausziehst" - dazu gehört auch das Verbot des Tragens von Kleidern des anderen Geschlechtes, das sich mit der Sittlichkeit der Kleidung befaßt. Die Notwendigkeit der Unterscheidung von männlicher und weiblicher Kleidung ist uns bereits aus dem täglichen Leben bekannt, aus Befürchtung um die Verwischung der Identitäten der Geschlechter. Je mehr die geschlechtliche Identität verwischt wird, desto größer die Neigung zu gegenseitigem Kontakt und zu verbotenen Verbindungen. Doch Rabbiner ibn-Esra betonte besonders das Verbot der Verwischung der unterschiedlichen Aufgaben von Mann und Frau während des Krieges. Er unterstrich, daß die Frau von vornherein zu einem dem Krieg diametral entgegengesetzten Ziel geschaffen wurde, dem Grund für das Verbot "Es soll nicht sein Gerät des Mannes auf einem Weibe" (Dt. 22,5). "Gerät des Mannes" bedeutet Kriegsgerät, das zum Wesen des Mannes paßt, dessen Art es ist, herauszugehen und die Welt um ihn herum zu erobern, um über sie zu herrschen. Demgegenüber wurde die Frau geschaffen, Leben in die Welt zu bringen, und darum steht es ihr nicht gut an, seine Kleider zu tragen und wie er im Krieg zu kämpfen, der Leben verkürzt. Der Unterschied stammt nicht von minderer Körperkraft seitens der Frauen oder einem Mangel an kriegerischen Fähigkeiten und Opferbereitschaft, sondern ausschließlich von ihren unterschiedlichen Aufgaben, die gerade im Krieg so sehr zum Ausdruck kommen. Daraus lassen sich denn auch
die Schlüsse für das normale tägliche Leben ziehen. Die
Entfernung der Geschlechter voneinander ist nötig für die konzentrierte
persönliche Entwicklung eines jeden von ihnen, um dadurch ganz automatisch
einen anderen Wert und eine besondere Qualität der Kommunikation zwischen
ihnen zu erzielen. Und jede Ablenkung von dieser erhabenen Anstrengung
ist nichts anderes als eine Provokation durch die Triebe.
Der Segensspruch "Al HaZadikim", "Über die Gerechten, und über die in Liebe Hingegebenen, über die Ältesten deines Volkes, über den erhaltenen Rest ihrer Gelehrten... gesegnet seist du, G~tt, Stütze und Vertrauensquell den Gerechten", bedeutet ein Gebet für die Gerechten. Es deutet eine besondere Gefahr an, der die Gerechten in dieser Welt ausgesetzt sind, und darum müssen wir für sie beten. Überhaupt scheint der Talmud grundsätzlich die Krankheit eines jeden Durchschnittsgerechten vorauszusetzen, wie es im Talmud heißt: "Rabbi Schimon ben Lakisch sagte: Es gibt kein Fegefeuer in der zukünftigen Welt, vielmehr wird der Heilige, gepriesen sei er, die Sonne aus ihrem Futterale hervorholen und sie glühen lassen; die Frevler werden dadurch gerichtet werden und die Frommen dadurch geheilt werden. Die Frevler werden dadurch gerichtet werden, denn es heißt: denn fürwahr, der Tag [des Herrn] kommt, brennend wie ein Ofen; alle Übermütigen und alle, die Frevel taten, werden dann Stoppeln sein etc. (Maleachi 3,19)... Die Frommen werden dadurch geheilt werden, denn es heißt: euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, Heilung unter ihren Fittichen (ebda.20; Awoda sara 3b/4a). Daraus können wir den wunderlichen Schluß ziehen, wonach jeder normale Gerechte krank sein muß. Natürlich ist hier nicht von einer körperlichen Krankheit die Rede, denn die Frommen sind dem Gebot nach verpflichtet, auf einen gesunden Körper zu achten. Ihre Krankheit rührt vielmehr daher, daß sie nach Kriterien leben, die von der Welt widersprochen werden. Die heutige Lebenswirklichkeit richtet sich nicht nach den für die Gerechten relevanten Maßstäben. Darum sind die Gerechten krank in dieser Welt, und erst in der kommenden Zukunft, wenn G~tt "die Sonne aus ihrem Futteral herausholt", d.h. die Wahrheit vor den Augen der ganzen Welt offenbart, gerade dann werden die Gerechten geheilt werden, und gerade dann werden die Frevler, die nicht nach jenen Kriterien lebten, abgeurteilt. Das also ist die allgemeine Gefahr, in der sich die Gerechten alle Tage dieser Welt befinden. Nur daß die Plazierung dieses Segensspruches ausgerechnet zwischen den Segenssprüchen der Erlösung, zwischen "der die Zerstreuten seines Volkes Israel einsammelt", "gib unsere Richter wieder wie zuvor", "über die G~ttesleugner" und "den Erbauer Jerusalems" auf eine besondere Gefahr hindeutet, die den Gerechten gerade im Zeitalter der Erlösung droht. Der Grund dafür liegt in einer vom Übergang aus dem Exil (Galut) in das Zeitalter der Erlösung (Ge'ula) verursachten Identitätskrise. In der Galut bedeutete die individuelle Persönlichkeit des Gerechten (der "Zadik") ein Brennpunkt jüdischen Lebens, doch im Zeitalter der Erlösung wechseln wir von der Heiligkeit des Einzelnen zur Heiligkeit der Gemeinschaft über. Wenn die Frommen versuchen, ihren Kriterien der Gerechtigkeit treuzubleiben, die auf das Leben in der Galut abgestimmt sind, werden sie im Zeitalter der Erlösung leiden. Rabbi Nachman von Bresslav erklärte den Begriff des "Gerechten, dem es gut geht" (Brachot 7a): ein Gerechter, nach dessen Lehrmeinung das Religionsgesetz (Halacha) entschieden wird, und den "Gerechten, dem es schlecht geht" (ebda.), nach dessen Lehrmeinung das Gesetz nicht entschieden wird. Wie kann es einen Gerechten geben, der sich nicht im Einklang mit dem Gesetz befindet? Vielmehr paßt seine Lehrmeinung auf eine andere Generation, und er versteht nicht die besonderen Bedürfnisse seiner eigenen Generation. Und darum bestimmte die Tora für den Fall eines Zweifels in der Auslegung der Tora, man solle zu dem Richter gehen, den es zu jener Zeit gebe. Ist es denn möglich, zu einem Richter zu gehen, der vor 200 Jahren lebte?! Vielmehr gehe man zu den Richtern seiner eigenen Generation, genauer gesagt zu dem Gerechten jener Tage, der die besonderen Werte jener Generation kennt, denn ein Gerechter, der nach den Maßstäben anderer Generationen lebt, muß zwangsläufig leiden, denn das Gesetz wird nicht nach ihm entschieden, und alle, die ihm nachfolgen, werden ebenfalls leiden, weil sie einem Stil der Gerechtigkeit anhängen, der nicht dem Gesetz entspricht. Darum beten wir ganz besonders für die Gerechten im Zeitalter der Erlösung und bitten G~tt "gib unser Anteil mit ihnen", genau jenen unseren Anteil, für den sich die Gerechten einsetzen, um ihn auf eine höhere spirituelle Stufe zu bringen, damit unser Anteil, den wir bei den Gerechten haben, vor G~tt zu liegen kommt und uns als Verdienst angerechnet wird. Und möge G~tt den Gerechten "eine Stütze" in der diesseitigen Welt, und "ein Vertrauensquell" für die kommende Welt sein. bogrey31
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
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