DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 26,1-29,8):
Zwei Wochenabschnitte der Tora befassen sich hauptsächlich mit strenger Ermahnung: Parschat Bechukkotai und Parschat Ki-Tawo. Die Segen und Flüche dieser beiden Abschnitte ähneln einander, es gibt jedoch auch Unterschiede. Wollen wir uns hier mit dem Inhalt der einzelnen Segen und Flüche beider Abschnitte beschäftigen, um dadurch zur Bedeutung jedes einzelnen Abschnittes zu gelangen. Beim Blick auf die beiden Wochenabschnitte lassen sich sofort die Bereiche Wirtschaft, Wachstum und Sicherheit ausmachen: "Gesegnet deine Leibesfrucht und die Frucht deines Erdbodens, und die Frucht deines Viehs, das Geworfene deiner Rinder und die Zucht deiner Schafe" (Dt. 28,4); "Hingeben wird der Ewige deine Feinde, die wider dich aufstehen, geschlagen vor dir... Der Ewige wird zu dir entbieten den Segen in deine Speicher und in alles Geschäft in deiner Hand" (V.7-8) - so in Parschat Ki-Tawo. Ebenso in Parschat Bechukkotai: "..daß die Erde gebe ihren Ertrag und der Baum des Feldes gebe seine Frucht..." (Lev. 26,4); "..und ihr werdet euer Brot essen zur Sättigung und werdet ruhig wohnen in eurem Lande. Und ich werde Frieden geben in das Land, daß ihr schlafet und keiner euch aufschreckt... und ihr werdet eure Feinde verfolgen, und sie werden fallen vor euch durch das Schwert... und ich werde euch fruchtbar machen und vermehren.." (V.5,7,9). Bei näherem Hinsehen werden allerdings auch die Unterschiede deutlich. Zwei Segen erscheinen in Parschat Bechukkotai, die in Ki-Tawo fehlen: Der Bund und die Anwesenheit der göttlichen Präsenz. "Und ich werde mich zu euch wenden... und meinen Bund mit euch halten... und ich werde meine Wohnung setzen unter euch... und ich werde wandeln unter euch" (Lev. 26,9,11-12); mit anderen Worten: beständige und im täglichen Leben des Volkes erkennbare göttliche Gegenwart. Die Parallelstelle in Parschat Ki-Tawo sieht dagegen etwas blaß aus und weist nicht unbedingt auf offensichtliche göttliche Präsenz in der Mitte des Volkes, eher auf der spirituellen Ebene des Volkes. "Der Ewige wird dich aufrichten.." (Dt. 28,9). Demgegenüber gibt es einen Segen, der in Ki-Tawo dreimal wiederkehrt, in Bechukkotai aber vollständig fehlt, und zwar bezüglich des Status' von Israel unter den Völkern: "Und alle Völker der Erde werden sehen, daß der Name des Ewigen genannt ist über dich, und werden sich vor dir fürchten... und du wirst vielen Völkern leihen, dir aber nicht entlehnen. Und der Ewige wird dich machen zum Haupte und nicht zum Schwanze..." (V.10,12,13). Ob diese Unterschiede nur zufälligen Charakters sind oder Methode haben, wollen wir duch Vergleich mit der langen und furchtbaren Liste der Flüche herausfinden, und werden dazu wie gehabt mit den Gemeinsamkeiten beginnen: In beiden Wochenabschnitten behandeln die Flüche den wirtschaftlichen Mangel bis hin zur Hungersnot, eine katastrophale Sicherheitslage, schwere Krankheiten und Bevölkerungsschwund. Doch gerade vor diesem Hintergrund fallen die Unterschiede in den Beschreibungen der nationalen Zerrüttung auf. Die Flüche des Abschnitts Bechukkotai stellen die Zerstörung des Landes in den Mittelpunkt. "Und ich werde das Land veröden, daß sich darauf entsetzen eure Feinde... Und ist euer Land eine Öde, und sind eure Städte eine Wüste, dann wird das Land befriedigen seine Feierjahre mit all der Zeit seiner Verödung... dann feiert das Land.. Denn das Land wird verlassen sein von ihnen und seine Feierjahre befriedigen durch seine Verödung von ihnen" (Lev. 26,32-34,43); eine Zerstörung, die in der Zerstörung des Tempels gipfelt. "..und ich werde veröden eure Heiligtümer und nicht riechen eure Wohlgerüche" (Lev. 26,31). Parallel dazu findet die Zerstörung des Volkes beim Aufenthalt in fremden Landen Ausdruck. "Und die Übriggebliebenen von euch... in den Ländern ihrer Feinde... und verzehren wird euch das Land eurer Feinde" usw. (V.36+38). Die in Parschat Ki-Tawo erwähnte Zerstörung betont dagegen andere Dinge. So wie der Segen die erhabene Stellung der Juden unter den Völker hervorhebt, betont der Fluch den nationalen Niedergang. "Und du wirst zum Entsetzen sein, zum Gleichnis und zur Stachelrede unter all den Völkern, dahin dich der Ewige treiben wird... Der Fremdling, der in deiner Mitte, wird über dich immer höher emporkommen, du aber wirst immer tiefer sinken... er wird zum Haupte, du aber wirst zum Schwanze werden" (Dt. 28;37,43,44). Die Zerstörung konzentriert sich nicht auf das Land oder das Heiligtum, sondern auf den Niedergang der Staatsherrschaft. "Der Ewige wird führen dich und deinen König, den du über dich setzen wirst, zu einem Volke, das du nicht gekannt" (V.36). Das Exil wird nicht beschrieben durch die Zerstörung des Landes und die Abwanderung nach fremden Landen, sondern durch die Unterwerfung unter die Völker und die Zerstreuung zwischen ihnen. "Sollst du nun deinem Feinde dienen... und er wird ein eisernes Joch auf deinen Hals legen... Und der Ewige wird dich zerstreuen unter alle Völker von einem Ende der Erde bis zum anderen Ende der Erde" (V.48,64). Nach der Offenlegung der Methode hinter den Unterschieden der beiden Wochenabschnitte wollen wir versuchen, die Bedeutung näher zu ergründen, und folgen dazu auf den Spuren des Nachmanides (Rabbiner Moscheh ben Nachman, bedeutender Torakommentator aus der Periode der Rischonim), dem sog. "Vater der Israeliten". Nachmanides erklärte, daß Parschat Bechukkotai auf den ersten Tempel deutet und Parschat Ki-Tawo auf den zweiten. Die Periode des ersten Tempels war gekennzeichnet durch die Anwesenheit der göttlichen Präsenz in Israel, was in verbreiteter Prophetie zum Ausdruck kam. Der spirituelle Prozeß erfolgte sozusagen "von oben nach unten". In jener Periode war das Volk Israel gefordert, ein "abgesondertes Volk" zu sein und seine Einzigartigkeit zu bewahren, damit es nicht den Greueln der umliegenden Völker verfalle. Während des zweiten Tempels sah die nationale Lage anders aus. Der spirituelle Aufbau erfolgte "von unten nach oben". Die göttliche Präsenz hatte sich entfernt, es gab keine Propheten mehr, und unsere Eigenschaft als G~ttes Volk zeigte sich vor allem in unserem Verhalten als "heiliges Volk", das sich mit der Tora beschäftigt, mit dem Opferdienst und mildtätigen Werken. Aufgrund jener spirituellen Kraft, die dem Inneren des Volkes entströmte, gab es zu jener Zeit mehr Berührungspunkte mit den Völkern und dadurch mehr Einfluß auf sie, was zu einer bedeutsamen Anzahl von Konvertierungen führte. Der deutliche thematische Unterschied zeigt sich auch im deutlichen Unterschied der Sünden, die zum Exil (Galut) führten. Der erste Tempel wurde wegen Sünden zerstört, die der göttlichen Präsenz und der damit verbundenen Heiligkeit des Landes entgegenwirkten: Götzendienst, Unzucht, Blutvergießen und Nichtbeachtung des Feierjahres [jedes 7. Jahr; in dem der Boden brach zu liegen hatte]. Die Reaktion bestand im Ausspeien der Zuwiderhandelnden aus dem Lande G~ttes, und das verunreinigte Land wurde zerstört. Der zweite Tempel dagegen stand und fiel mit der inhärenten Heiligkeit des Volkes. Die Sünde, die zu seiner Zerstörung führte, war denn auch grundloser Haß, der den nationalen Zusammenhalt langsam aber sicher auflöste, und die Zerstörung betraf hauptsächlich die wesentlichen Bestandteile des nationalen Rahmens: Das Königtum und das gesellschaftliche Zusammenleben. Nach
alledem können wir nun auch die unterschiedlichen Prozesse während
der Erlösung verstehen. Der Abschnitt der Ermahnung von Bechukkotai
endet damit, daß G~tt sich wieder an den Bund mit den Vorvätern
und dem Lande "erinnert". "Und des Landes werde ich gedenken" (Lev. 26,42).
Die Ermahnung von Ki-Tawo endet mit der erneuten Gestaltwerdung des Volkes:
"Ihr stehet heute alle vor dem Ewigen, eurem G~tte... alle Männer
von Israel" (Dt. 29,9).
I. In der Galut (Exil) wohnenbleiben und sich einbilden, wir würden schon nicht von Assimilation und Pogromen betroffen werden - zeugt von einem Mangel an Verantwortung und Ernsthaftigkeit. - Wir wollen hier aber keine Schuld verteilen, sondern nur unserem Schmerz Ausdruck verleihen. Aber
in unser Land zurückkehren und es aufbauen, unseren Staat gründen,
unsere Wirtschaft und unsere Armee - das deutet auf Ernsthaftigkeit, das
zeigt Übernahme von Verantwortung.
II. Sorglos in unserem Lande sitzen, sich vorstellen, wir hätten schon keine Feinde mehr, wir säßen in einem "neuen Nahen Osten", in dem es keinen Krieg mehr gibt, nur ein klein bißchen Guerilla, daß durch Verzichte auf ein Drittel oder auf zwei Drittel unseres Landes unsere Nachbarn mit uns Frieden schließen werden, daß wir schon fast keinen Reservedienst mehr leisten müssen, daß wir schon fast keine Notvorräte mehr halten müssen - das zeugt von einem Mangel an Ernsthaftigkeit, und schlimmer. - Wir wollen hier aber keine Schuld verteilen, sondern bloß aufrütteln. Aber
die Wahnvorstellungen zerstreuen, mit realistischem und mutigem Blick erkennen,
daß wir immer noch hartnäckige Feinde haben, daß die versöhnliche
Weltanschauung Chamberlains "Frieden und nie mehr Krieg" ein Fehler war,
der zum Zweiten Weltkrieg führte, das Wissen um Churchills Antwort:
"Ihr Frieden führt zum Krieg, und mein Krieg führt zu Frieden"
- darin spiegelt sich der Geist der Ernsthaftigkeit der Menschheit.
III. Die neue Doktrin, nach der wir gegen Terroristen nicht die ganze Macht unserer Waffen von Artilleriebeschuß und Panzern einsetzen dürfen, sondern mit Milde walten sollen, und schon gar nicht willkürlich als "Unschuldige" Bezeichnete treffen dürfen, sondern für deren Wohlfahrt zu sorgen haben, und selbst die gezielte Tötung eines Terroristen uns nicht gut zu Gesichte stehe, einen Menschen so ganz ohne rechtsgültiges Gerichtsverfahren zu bestrafen, und auf diese Weise unsere treuen Soldaten in den Tod schicken, die wie die Löwen kämpfen, und anderthalb Millionen unserer treuen Staatsbürger aus ihren Häusern treiben - das zeugt von einem Mangel an Ernsthaftigkeit, einem Mangel an Verantwortung, das gehört auf einen anderen Planeten, in den Elfenbeinturm der akademischen Sphären. - Wir wollen hier aber niemanden angreifen, sondern nur beleuchten. Aber
eine starke Armee, immer bereit, die Wölfe Arabiens zu schlagen, die
uns vernichten wollen, eine Armee, fähig zum totalen Krieg, unsere
Seelen, die Seelen unserer Frauen und Kinder zu retten - das zeugt von
Ernsthaftigkeit, das zeugt von Verantwortung, das zeugt von Nüchternheit.
IV. Die Nährung einer nationalen Phantasie, wie die Umwandlung unserer Armee in eine weibliche Armee, eine mütterliche Armee, eine Armee, die keinen Menschen gefährdet, die niemanden tötet und in der niemand getötet wird, die keiner Fliege etwas zuleide tut, eine Vorzeigearmee, eine Friedensarmee, eine Heilsarmee - ist nichts anderes als Selbstbetrug, nicht ernstzunehmen. - Wir wollen hier aber keinen anklagen, sondern Besserung bewirken. Die Erkenntnis aber, daß wir die Galut und ihre spirituellen Niederungen verlassen, daß wir aus einem seltsamen Masochismus des Verlangens nach Leiden gerettet werden - das zeugt von Moralität, das zeugt von Natürlichkeit, das zeugt von Gesundheit! Vom Geiste der Universitäten Wissenschaft und Technologie, Wirtschaft und Organisation übernehmen, doch die Werte des Geistes und die Weltanschauung aus den Tiefen des Lebens unseres Volkes schöpfen, das zu neuem Leben ersteht - das zeugt von einem richtigen und ernsthaften Ausblick auf die Wirklichkeit. Man
muß wissen, auch wenn es schmerzt, und den nötigen Mut dazu
aufbringen - daß Armee und Krieg bedeuten, zu töten und getötet
zu werden, daß wenn man dazu nicht bereit ist, g~ttbehüte umso
mehr Menschen getötet werden, und daß wenn man dazu bereit ist,
im Gegenteil viel Blutvergießen verhindert wird, und man muß
wissen, daß sich die Krise nicht mit Leichtigkeit lösen läßt,
etwa durch Rufe wie "Frieden, Frieden" - damit beweist man Ernsthaftigkeit.
Das ist die wahre Führung, mit einer Vision, für die man bereit
ist, den Preis zu zahlen.
Das
Volk in Zion schenkt den Lügenprophezeihungen keinen Glauben, nach
denen jeder Reservist von der Front wegläuft, im Gegenteil, zu der
Aktion "Chomat Magen" und diesem Libanon-Krieg kamen sogar Freiwillige,
die gar nicht einberufen worden waren. Und das Volk spricht, die Stimme
der Massen wie die Donnerstimme G~ttes: "Der Ewige gibt Macht seinem Volke,
der Ewige segnet sein Volk mit Frieden" (Psalm 29,11).
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
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