DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 7,12-11,25):
Drei Verse in unserem Wochenabschnitt weisen deutliche Gemeinsamkeiten vor, aber auch einige Unterschiede. Der erste Vers: "Und du sollst die Gebote des Ewigen, deines G~ttes beobachten, auf seinen Wegen zu wandeln und ihn zu fürchten" (Dt. 8,6). Der zweite: "Und nun, Israel, was verlangt der Ewige dein G~tt von dir, als daß du fürchtest den Ewigen deinen G~tt, daß du auf all seinen Wegen wandelst und ihn liebst" (10,12), und der dritte: "...den Ewigen euren G~tt zu lieben in all seinen Wegen zu wandeln und ihm anzuhangen" (11,22). Folgender Ausdruck erscheint in allen drei Versen: "auf seinen Wegen zu wandeln", und dazu gesellen sich die G~ttesfurcht, die Liebe und das Anhangen, allerdings jedesmal in einer anderen Reihenfolge. Im ersten Vers kommt das Wandeln auf seinen Wegen vor der G~ttesfurcht, im zweiten danach, aber vor der Liebe, und im dritten steht das Wandeln nach der Liebe, aber vor dem Anhangen. Wollen wir also zuerst klären, was das eigentlich ist, das "Wandeln auf den Wegen G~ttes". Im Talmud heißt es: "dem Ewigen eurem G~tt sollt ihr folgen (Dt. 13,5) - ist es denn einem Menschen möglich, der Göttlichkeit zu folgen, es heißt ja: denn der Ewige euer G~tt ist ein verzehrendes Feuer (Dt. 4,24)?! Vielmehr [lehrt dies], daß man den Handlungen des Heiligen, gepriesen sei er, folge. Wie er die Nackten kleidet,... so kleide auch du die Nackten. Wie er Kranke besucht,... so besuche auch du die Kranken. Wie er Tote begräbt,... so begrabe auch du die Toten" (Sota 14a). Im Midrasch erklärte man das Wandeln in den Wegen G~ttes: "So wie er gnädig und barmherzig ist, sei auch du gnädig und barmherzig. So wie er milde Taten übt, übe auch du milde Taten" (Sifri Ekew). Doch worin besteht die Verbindung zwischen der Wohltätigkeit des Menschen und seiner Eigenschaft der G~ttesfurcht, der Liebe zu G~tt und der Anhänglichkeit an ihn? Dazu erklärte der "Chafez Chajim" in seinem Buch "Ahawat Chessed", beim Dienst an G~tt gebe es drei Stufen: Die erste ist Furcht, die zweite Liebe, und die dritte, über den vorgenannten, die Anhänglichkeit an G~tt. Der Unterschied zwischen Liebe und Anhänglichkeit besteht in der Dauerhaftigkeit: für die "Liebe" reicht ein periodisches Erwachen, im Gegensatz zur "Anhänglichkeit", wenn die Liebe fest im Herzen verankert ist und dadurch die Seele ununterbrochen G~tt anhaftet. Im Lichte dieser Einleitung können wir nun die unterschiedliche Reihenfolge in den oben erwähnten Versen erklären. Die Tora will uns nämlich lehren, daß der Mensch im Dienst an G~tt keinen Zentimeter vorankommt, wenn er sich nicht durch das "Wandeln auf den Wegen G~ttes" in Gnade, Barmherzigkeit und guten Taten seelisch vorbereitet. Darum stellte der erste Vers das "Wandeln" vor die G~ttesfurcht, denn wenn der Mensch die Stufe der G~ttesfurcht erlangen will, muß er erstmal mit seinen Nächsten in einem Verhältnis von guten Taten stehen. Mit dem zweiten Vers lehrt uns dann die Tora: Sogar wenn der Mensch die Stufe der G~ttesfurcht erreicht hat und er auf die Idee kommen sollte, sich nun von der Umgebung absondern zu können, um sich ganz ungestört mit der Himmelsfurcht und mit den Lehren der Größe G~ttes zu beschäftigen, die heilige Tora zu studieren und sich ganz von den Angelegenheiten der Mitmenschen abzuwenden - "daß du fürchtest den Ewigen deinen G~tt, daß du auf all seinen Wegen wandelst und ihn liebst" - der weitere spirituelle Aufstieg zur Liebe G~ttes vom "Wandeln in den Wegen G~ttes" abhängt und er sich nicht von seinen Mitmenschen abkapseln darf. Und dennoch benötigen wir auch den dritten Vers, denn der Mensch könnte sich ja einreden, wenn ihm schon der Rang der Liebe zu G~tt beschert ist, daß er sich nunmehr von seiner Umwelt vollkommen zurückziehen und seine ganze Aufmerksamkeit ununterbrochen den erhabenen göttlichen Lehren widmen könne, um die Stufe der Anhänglichkeit zu erreichen - und nicht mehr seine kostbare Zeit auf Wohltaten an seinen Mitmenschen "verschwende" - da lehrt uns die Tora anders, nämlich auch diese hohe spirituelle Stufe hängt von Gnade, Barmherzigkeit und guten Taten an den Mitmenschen ab. Darum fragt sich, warum zum Erreichen der spirituellen Höhen von G~ttesfurcht, -liebe und Anhänglichkeit die Wohltaten an den Mitmenschen nötig sind, im Gegenteil, eigentlich sollte sich der Mensch doch von Aktivitäten zugunsten der Nächsten wie Krankenbesuche, Teilnahme an Familienfeiern und Beerdigungen usw. fernhalten und sich bei der Entwicklung seiner Persönlichkeit und seiner spirituellen Vervollkommnung ganz auf die gesteckten Ziele konzentrieren? Darauf antwortete der "Chafez Chajim" andeutungsweise in seinem obengenannten Buch, daß dem Menschen, der sich in Wohltätigkeit übt, von G~tt geholfen wird und dessen Wohltaten erwarten kann wie auch das Verdienst, immer G~tt anzuhangen. Damit wollte er ausdrücken, daß die genannten spirituellen Stufen allein aus menschlicher Kraft und ohne G~ttes Hilfe nicht erreicht werden können. Im Himmel verhält man sich nämlich gegenüber den Menschen "Maß für Maß", und wenn der Mensch nur an sich selbst denkt und nicht dem Nächsten hilft, dann braucht er auch keine Hilfe vom Himmel zu erwarten, und er verbleibt auf seiner durch menschliche Kraft erreichbaren Stufe. Wer aber die Bedürfnisse seines Nächsten berücksichtigt und zu dessen Gunsten verzichtet, dem kommt man auch vom Himmel entgegen und belohnt ihn über seine Verdienste hinaus. Im Midrasch heißt es:
"Bevorzugt ist Moscheh vor Noach; Noach, nachdem er 'Gerechter' genannt
wurde, hieß 'Mann des Bodens', und Moscheh, nachdem er 'Ägypter'
genannt wurde, hieß 'Mann G~ttes'" (Ber. raba 36,3). Dazu erklärte
der "Meschech Chochma": Es gibt zwei Wege für den Dienst an
G~tt; der eine besteht in Konzentration auf G~tt und Absonderung von der
Umwelt, so wie Noach, der seine Mitmenschen nicht ermahnte und so vom "Gerechten"
zum "Mann des Bodens" absank. Der zweite Weg führt zur Beschäftigung
mit den Bedürfnissen der Öffentlichkeit, über den Verzicht
zugunsten der Allgemeinheit, und das war Moschehs Art, der anfangs "Ägypter"
genannt wurde und der für seine Aufopferung für die Israeliten
nach der Tötung des ägyptischen Aufsehers fliehen mußte.
Am Ende wurde er allerdings "Mann G~ttes" genannt, da er den Höhepunkt
menschlicher Vollkommenheit erreicht hatte. Auch hieraus wird ersichtlich,
daß man die menschenmögliche Vollkommenheit nicht ohne die Hingabe
an die Bedürfnisse des Nächsten erreichen kann.
Beleidige niemanden. Das ist keine verschärfende Auslegung, sondern ein Gesetz direkt aus der Tora, und dazu ein sehr schwerwiegendes. "Ihr sollt euren Nächsten nicht kränken; sondern fürchte dich vor deinem G~tt; denn ich, der Ewige bin euer G~tt" (Lev. 25,17) - "die Schrift spricht von der Kränkung durch Worte" (Baba mezia 58b). Das ist so streng wie die Schabbatgesetze, wie Kaschrut, wie die Gebote der Familienreinheit und des Landes Israel. "Hat jemand beispielsweise Buße getan, so sage man nicht zu ihm: denke an deine früheren Taten" (ebda.). Wurden doch diese Taten durch bußfertige Umkehr ausradiert, als wären sie nie gewesen - halte ihm darum keine Strafakte offen. Verweigere ihm keine Ehevermittlung. "Stammt jemand von Proselyten, so sage man nicht zu ihm: denke an die Taten deiner Vorfahren. Wenn jemand Proselyt ist und die Tora lernen will..." (ebda.). Jetzt gilt er doch als 100%iger Jude, als ausgezeichneter Jude. Wir beten in der Schmone-Esre: "Über die Gerechten, über die Frommen, über die Ältesten deines Volkes, des Hauses Israel, über den Überrest ihrer Gelehrten, über die frommen Proselyten" - all jene sind vorzüglich, und dann geht es weiter: "und über uns [sei dein Erbarmen...]", die einfachen Juden. "Kommen über jemand Züchtigungen, kommen über jemand Krankheiten, oder begräbt jemand seine Kinder, so spreche man nicht zu ihm, wie die Genossen von Ijow ["Hiob"] sprachen: Ist deine G~ttesfurcht nicht dein Vertrauen, und deine Hoffnung dein redlicher Weg. Bedenke doch, wer kam je schuldlos um" (Ijow 4,6-7; B.m. ebda.). Du bist doch kein Prophet, noch nicht einmal von heiliger Inspiration begütet, kennst nicht die Geheimnisse des Schöpfers; erfinde also keine Deutungen und Gründe, warum es anderen schlecht ergeht. Besonders, wenn wir an das Prinzip vom "Gerechten, dem Böses widerfährt" (Brachot 7a) denken. Nicht nur, daß er leidet, du streust ihm auch noch Salz auf die Wunden, anstatt ihn zu trösten, zu stärken und zu ermuntern. "Suchen Eseltreiber Futter, so sage man nicht zu ihnen: geht zu jenem, er verkauft Futter, während man von jenem weiß, daß er niemals Futter verkauft hat" (ebda.). Damit macht man keine Witze. Wir haben gar nichts gegen Witze, wenn sie sich in Grenzen halten und der Inhalt koscher ist (Rabbi Zadok Hakohen aus Lublin im Buch "Zidkat Hazadik"), aber nicht auf Kosten anderer, man macht sich nicht über andere lustig. Auf keinen Fall aber beleidige deine Frau, das kommt vor allem anderen. "Stets sei man vorsichtig mit der Kränkung seiner Frau, denn da Tränen bei ihr häufig sind, ist auch [die Ahndung] ihrer Kränkung nahe" (ebda. 59a). Die übliche Erklärung dazu lautet: Sie ist sensibel, darum ist sie schnell beleidigt. Erklärung des MaHaRaL (der "hohe Rabbi Löw" aus Prag): Wenn ein Fremder sie beleidigt, weint sie nicht, sondern nur, wenn ihr Mann sie beleidigt. Von einem Fremden erwartet sie nichts, und ein Fremder ist ihr nichts schuldig. Dich aber hat sie geheiratet, und sie verläßt sich auf dich, und wenn du sie beleidigst, dann ist das eine furchtbare Hintergehung. Natürlich gilt dasgleiche auch für die Frau, das macht gar keinen Unterschied. Manche Männer schlagen ihre Frauen, und leider gibt es auch Frauen, die ihre Männer schlagen - allerdings sehr wenige. Frauen, die ihre Männer beleidigen - das kommt leider schon eher vor. Und kränkt nicht eure Kinder - denkt daran, daß die Eltern ihre ganze Welt sind, ihr ganzer Rückhalt in einer harten Wirklichkeit voller Probleme und Unsicherheit. Wenn du sie noch beleidigst, bricht ihre Welt zusammen, sie versinken im Abgrund, in der Finsternis. Das ist ganz furchtbar. Natürlich muß man sie erziehen, natürlich muß man sie manchmal zurechtweisen, aber nicht kränken, nicht den Lebensfaden abtrennen. Und wenn du sie doch einmal beleidigt hast, denn du bist auch nur ein Mensch, und Irren ist menschlich, dann repariere den Schaden auf der Stelle und sage dem Kind, daß du es sehr liebhast. Kränke nicht deine Eltern. Sie können einem schonmal auf die Nerven gehen, aber der Herr der Welt hat befohlen: "Jeder fürchte seine Mutter und seinen Vater" (Lev. 19,3) - "und wieweit geht die Ehrfurcht vor ihnen? Selbst wenn er mit feinen Kleidern bekleidet an der Spitze vor der Öffentlichkeit sitzt und es kommt sein Vater oder seine Mutter und zerreißt ihm seine Kleider und haut ihm auf den Kopf und spuckt ihm ins Gesicht - so entwürdige er sie nicht, sondern schweige und fürchte sich angstvoll vor dem König, König aller Könige, der ihm dies anbefohlen hat" (Maimonides, Hil. Mamrim, 6,7). Übrigens hast du sie früher auch ordentlich genervt, in deiner Kindheit und in deiner Jugend, da haben sie einiges mitmachen müssen. Darum wird es dir nicht schaden, in gleicher Weise zu handeln. Entsprechend beleidige auch
nicht deine Schüler. Grenzen muß man ihnen wohl setzen, aber
keine Beleidigungen gegen sie loslassen. Ebenso beleidige nicht deine Lehrer.
Die Beleidigung eines Toragelehrten ist eine besonders schwere Sünde, wer das tut, gilt als "Apikorus" und hat keinen Anteil an der zukünftigen Welt (Sanhedrin 99b). Sicher beleidigst du mich, wenn du glaubst, so die Tora und diese Generation retten zu können, denn in Wirklichkeit zerstörst du sie. Wie die Weisen sagten, ähnelt das einer Kuppel aus Steinen: wenn man nämlich einen lockert, lockern sich alle (Talmud jeruschalmi Sanhedrin 10,1). Wenn jemand über einen Toragelehrten lästert, gibt er damit die Würde der Tora preis und zieht ihr ganzes Gebäude in Zweifel. Darum folge gerne deinem Rabbiner, aber beleidige nicht die Rabbiner anderer Leute. Vielleicht mag nun jemand sagen: So viele Leute darf man nicht beleidigen, daß man nicht mal mehr frei von der Leber weg reden kann! Die Antwort dazu lautet: Stimmt, und man muß dafür zu Opfern bereit sein. "Lieber lasse man sich in einen Schmelzofen werfen, als seinen Nächsten öffentlich beschämen" (Baba mezia 59a). Das wird von den Kommentatoren nach dem einfachen Wortlaut ausgelegt, selbst bei Todesdrohung diese Sünde nicht zu begehen (Tossafot Sota 10b). Nach einer anderen Lehrmeinung (Me'iri) ist dies nur ein Gleichnis, doch was will dieses Gleichnis lehren? Daß es sich um eine schwere Sünde handelt. Darum "halte dich daran,
alle deine Worte gemächlich zu reden, mit jedem Menschen und zu jeder
Zeit" (Igeret HaRamban).
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