DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Num. 1,1-4,20):
Erew Schabbat:
Jom Jeruschalajim
Die Diskussion um das Verhältnis von Religiösen und Nichtreligiösen in Israel hat sich in letzter Zeit verstärkt, und darum wollen wir hier ein wenig aus den Schriften von Rabbiner Awraham Jizchak Kuk [erster Oberrabbiner Israels] zu diesem Thema bringen. - Ein Vater wollte seinen Sohn ins Land Israel zur Erziehung schicken und bat Rabbiner Kuk um seinen Rat. Dieser antwortete wie folgt: "Mit dem Gymnasium [in Herzlija] haben wir in seinem derzeitigen Zustande nichts zu schaffen. Dort wird mit voller Absicht der Glauben entwurzelt und der Funken des heiligen Glaubensfeuers in den Herzen der Schüler gelöscht. Einen Versuch veranstaltet damit der der israelitischen Heiligkeit entrissene Nationalismus mit den Seelen der Kinder unseres Volkes, um zu sehen, wie ein glaubensfeindlicher Nationalismus gedeihen kann. Wir aber wissen von vornherein, daß der Versuch nicht gelingen kann, vielmehr handelt es sich dabei ganz einfach um die Wahl neuer Götter". Trotz seiner Distanzierung von den Erziehungsanstalten der Nichtreligiösen war er nicht bereit, öffentlich gegen das Gymnasium aufzutreten. Die Frage eines solchen Schrittes (des Protestes) beschäftigte ihn viele Tage, und am Ende entschied er sich dagegen, weil es einer Kriegserklärung entsprochen hätte. Das war aus mehreren Gründen zu vermeiden: 1. "Wege des Friedens" - unsere Besiedlung des Landes des Heiligtums entwickelt und erweitert sich ständig mit G~ttes Hilfe, und wir müssen danach trachten, daß ein jeder seinen Nächsten in allen Angelegenheiten des Lebens bestärkt und wir gemeinsam den vielen Feinden entgegentreten, die es auf uns abgesehen haben, und es ist uns verboten, in unserer gegenwärtigen Lage Zwist und Bruderkrieg zu schüren, selbst für das heiligste aller Ziele, wie es heißt: "Gebunden an die Götzenbilder ist Efrajim, sei es sich selber überlassen!" (Hoschea 4,17). 2. Wir sehen, wie die Hand G~ttes zum Guten neigt im Sprießenlassen der Errettung des jüdischen Volkes im Lande des Heiligtums, und zweifelsohne vollbringt G~tt seine Wunder nicht, um jemanden irrezuführen. Wegen dieser Gründe schrieb Rabbiner Kuk: "Darum müssen wir sie in die Bande der Liebe, der Annäherung und großer Geduld schlagen und damit werden wir eher Erfolg haben als auf dem Wege der Feindseligkeit und des Zornes". Er lehnte auch einen anderen Vorschlag ab, nämlich mithilfe der [damals in Palästina herrschenden] türkischen Regierung die jüdische Religion zu stärken, wozu er Folgendes schrieb: "Ich bin immer bereit, ein Freund jener Himmelsfürchtigen zu sein, die unsere heilige Tora stärken wollen, und besonders hier im Lande des Heiligtums. Trotzdem fühle ich mich verpflichtet, darauf aufmerksam zu machen, daß die mit dem Werke des Himmels Beschäftigten dabei dem Verstande folgen müssen", und damit wies er auch diesen Vorschlag zurück, da ein Eingreifen der türkischen Regierung nicht die geringste Erfolgsaussicht gehabt hätte. "Ist doch der Niedergang des Glaubens [dieser Generation] keine Folge fehlenden Protestes der Rabbiner gegen die Versammlungshäuser der Ketzer, die das Land des Heiligtums sowohl in spiritueller als auch in materieller Hinsicht zerstören, sondern weil sie nur protestierten und sonst nichts". Weiter beklagte Rabbiner Kuk den Umstand, daß sich die Religiösen nur um die Äußerlichkeiten des Judentums kümmerten, die einfache Frömmigkeit, als ob es möglich wäre, nur den weltlichen Körper zu neuem Leben zu erwecken, aber ohne die Seele, ohne das göttliche Licht, das Herz und Hirn erleuchtet. Rabbiner Kuk sagte aber nicht nur, wie man es nicht machen sollte, vielmehr zeigte er Alternativen zur Behandlung des Abfallens vom Judentum auf: An erster Stelle die Einigkeit des religiösen Lagers - "Hauptsache, wir vereinigen uns in einem Verband, das göttliche Licht in die Welt auszustrahlen in Weisheit, Verstand und Wissen". b) Vermeiden von Ausdrücken des Zornes und der Betrübtheit, und Mehrung aus vollem Herzen von Ausdrücken der Barmherzigkeit, im Gegensatz zum gegenwärtigen Zustand, wo "das Licht der Barmherzigkeit die Herzen verließ und alle Gesichter im Zorne strenges Recht fordern, mal hart, mal betrübt. Darum bricht alles zusammen". c) "Stärkung der Jeschiwot, damit die göttlichen Themen ohne Ablenkungen und in weitem, reinem und klarem Geiste gelernt werden". d) "Das religiöse Judentum muß den tatkräftigen Anteil an der Besiedlung des Landes des Heiligtums in seine Sphäre einbeziehen und sich nicht nur auf Institutionen der Mildtätigkeit beschränken, sondern Geschäftsunternehmen gründen und Handwerksbetriebe, und je mehr die Beteiligung der Leute des Glaubens am praktischen Wirtschaftsleben des Landes wächst, wird in gleichem Maße die Hand des Bösen zurückweichen. Je mehr wir auf diesen Gebieten aktiv werden, wird diese Sache vorankommen und leuchten, und viele von den Abweichlern unseres Volkes werden bußfertig umkehren, und der absolute Abschaum wird abgedrängt und unbedeutend" (Igrot §132). e) "Positive Arbeiten zur Verbesserung unseres eigenen Lagers, Besserung und Ordnung hinzufügen, soweit wie möglich und in erlaubter Weise unsere heiligen Erziehungseinrichtungen in äußerlicher und innerer Weise verbessern, und nicht das Hauptaugenmerk auf die neuen negativen Aktivitäten richten, auch wenn sie unser Herz schmerzen" (§654). f) "Überhaupt finde ich, daß auch betreffs unserer weit entfernten Brüder, gegen die wir einen Verteidigungs- oder sogar Angriffskrieg führen müssen, wir trotzdem dazu angehalten sind, uns mit Respekt und Höflichkeit zu verhalten; gegen das Böse und die Sünde zu kämpfen, aber nicht gegen Böse und Sünder,... vielleicht kennen sie das Gesetz nicht, vielleicht haben sie keine andere Wahl, vielleicht hat man sie irregeführt... und auf den Wegen der Sanftheit, des Respektes und des Friedens werden wir viel mehr verbessern und retten können als durch Haß und Sticheleien" (ebda.). g) "Wenn wir uns bemühen, für jene Dinge zu kämpfen, die unserem Geiste nahe sind, dürfen wir nicht zu Gefangenen unserer Gefühle werden, sondern wissen, daß auch andere Gefühle als die unsrigen weiten Raum in der Welt einnehmen... und diese Idee, auch wenn sie uns nicht daran hindern wird, für die Wahrheit und was uns heilig und teuer ist zu kämpfen, wird uns aber doch hindern, der Kleinheit ins Netz zu gehen" (§314). h) Es ist uns verboten, die israelitische Allgemeinheit zu spalten und zu zerstreuen, zu sagen: "Der gehört zu uns und um den kümmern wir uns, und der da gehört nicht zu uns". Wenn es um spezifische Einzelheiten geht, wird man sicher Unterschiede zwischen einer Person oder einer Fraktion und der anderen machen, je nach ihrer Bedeutung, wenn es aber um die allgemeinen Fundamente geht, dürfen wir keinen Unterschied zwischen "Guten" und "Bösen" machen, doch auch wenn wir mit den Sündern zu beten verpflichtet sind, brauchen wir deren Ansichten nicht zu akzeptieren, sondern müssen uns von ihren schädlichen Überzeugungen distanzieren und sie erst recht nicht über uns als Führer einsetzen. Das Verhältnis von Religiösen
und Nichtreligiösen ist sehr kompliziert und facettenreich, und bei
der Behandlung dieses Problems darf man nicht in Haß und Abweisung
verfallen, sondern muß standfest auf der jüdischen Wahrheit
beharren, unter scharfer Kritik der negativen Seiten der von dem der Tora
entfremdeten Lebensweise und der von ihr angerichteten Zerstörung.
Dabei sind allerdings Respekt und höflicher Umgang zu wahren. Jeder
Versuch der Einwirkung auf die Entfremdeten mit Gewalt wird nicht nur nichts
nützen, sondern zusätzlichen Schaden anrichten, darum muß
man sie sehr langsam und in Liebe annähern, und am Ende werden sie
umkehren.
"Man kann jeden zwingen, mit ihm nach Jerusalem zu ziehen" (Mischna Ketubot 110b), so lautet die Halacha; wenn nämlich ein Ehepartner in Jerusalem wohnen will, hat er die Oberhand. Jerusalem steht über allem, aber nicht im Sinne von Distanz und Überheblichkeit, sondern als Höhepunkt des ganzen Landes Israel. Es stellt sich nämlich die Frage: Vom Gebot der Besiedlung des Landes haben wir schon viel gehört, doch wo steht in der Tora etwas von einem Gebot der Besiedlung Jerusalems? Die Antwort lautet: Tatsächlich gibt es kein separates Gebot der Besiedlung Jerusalems, doch als "Höhepunkt des Landes" gilt in Jerusalem das Gebot der Besiedlung um so mehr. "Es liebt der Ewige die Tore Zions vor allen Wohnungen Jakovs" (Psalm 87,2). Natürlich gilt das für ganz Jerusalem, d.h. auch für die Neustadt, aber es versteht sich von selbst, daß die Altstadt, innerhalb der Stadtmauern, den Schwerpunkt bildet. Wenn wir schon vom Gebot des Landes ausgehen, dann müssen wir es in allen seinen drei Aspekten anwenden, denn das Gebot des Landes Israel besteht bekanntlich aus drei Teilen: 1. Die Einwanderung ins Land, 2. Die Besiedlung des Landes, "es nicht veröden zu lassen", 3. Die Hoheit über das Land, Eroberung und Befreiung des Landes, "es nicht einer anderen Nation zu überlassen" (Anmerkung des Nachmanides zum Buch der Gebote, Gebot Nr.4). Wollen wir an dieser Stelle
von Besiedlung und Eroberung reden:
Dabei ist natürlich nicht nur von Jerusalem innerhalb der Stadtmauern die Rede, sondern von der ganzen Weite des Landes, wo uns die Besiedlung geboten ist und jeden Ort festzuhalten, auch wenn es in unseren Tagen schwerfällt. In unserer heiligen Altstadt aber ist die Sache doppelt schwer, und man pflegte zu sagen, ein einziges Haus in der Altstadt zu besiedeln ist so schwer wie eine ganze Ortschaft anderswo zu gründen. Das Herz ist eben das Herz, sowohl in seiner Größe als auch in seiner Komplexität. Sicher ist es eine große Mitzwa, wenn Juden Fabriken im Lande bauen, doch die Hauptsache ist, Fabriken unserem Heiligtum gegenüber zu gründen - Fabriken der Tora und der Himmelsfurcht, von guten Charaktereigenschaften und jüdischer Nächstenliebe. Um die Fehler der Vergangenheit ausgleichen zu können, müssen wir die Riegel zu den Toren Jerusalems stärken, im Sinne von "Jerusalem, du Aufgebaute, wie eine ganz verbundene Stadt" (Psalm 122,3), um das Jerusalem dieser irdischen Welt mit seinem himmlischen Gegenstück zu verbinden. Stärken wir uns im Aufbau
unserer heiligen Stadt, im Füllen der Weite unseres Landes.
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
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