DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in
der Tora (Num. 22,2-25,9):
Donnerstag, 17.
Tammus - Fasttag
Viele Israelis würden das Verhältnis von Israel zu den übrigen Völkern gerne wie ein normales Verhältnis ansehen, wie es sonst zwischen Völkern und zwischen Staaten vorherrscht. Wenn es auch hier und dort Spannungen gibt oder sogar manchmal Krieg, so läßt sich doch alles am Ende am Verhandlungstisch durch gegenseitiges Nachgeben und Kompromisse regeln. So möchten viele von uns, nicht nur die Nichtreligiösen, sondern auch von den Religiösen, unseren Streit mit der arabischen Nation ansehen, besonders mit dem Teil, der im Lande Israel wohnt. Sie meinen, wenn wir ihnen nur ein wenig entgegenkämen und auf Teile unseres Landes zu ihren Gunsten verzichteten, nach dem Motto "Gebiete für Frieden", wäre ein wahrer und dauerhafter Frieden zu erzielen. Und trotz der immer wiederkehrenden Enttäuschungen, trotz aller gebrochener Abkommen hoffen jene Friedensträumer, daß mit noch etwas mehr Geduld, und unter Berücksichtigung der Nöte der Gegenseite, durch Verzichte und humanitäre Gesten sich der Frieden erreichen lasse, und nicht erst in ferner Zukunft, sondern "Frieden jetzt". Diesen Fehler machte bereits unser Vorvater Jakov, und vor ihm seine Mutter Riwka: Als sie ihren Sohn Eßaw sagen hörte: "Es werden herankommen die Tage der Trauer um meinen Vater, dann will ich erschlagen Jakov meinen Bruder" (Gen. 27,41), riet sie Jakov: "Siehe, Eßaw dein Bruder, will sich an dir kühlen, dich zu erschlagen. Und nun mein Sohn, hör' auf meine Stimme, und mache dich auf, fliehe zu Lawan, meinem Bruder, nach Charan. Und bleibe bei ihm eine Zeit, bis daß sich gelegt hat der Grimm deines Bruders, bis sich gelegt hat der Zorn deines Bruders wider dich und er vergessen hat, was du ihm getan: dann schicke ich hin und hole dich von dort" (V.42-45). Riwka schätzte den Haß Eßaws auf Jakov als normalen Streit zwischen Brüdern ein, wo durch Entfernung von Zeit und Ort die Feindseligkeiten in Vergessenheit geraten und die beiden wieder Seite an Seite leben können. Doch all die Jahre seiner Flucht sah Jakov kein einziges Anzeichen der Versöhnung seitens Eßaw, und nur auf göttlichen Befehl hin, "Kehre zurück in das Land deiner Väter und nach deinem Geburtsorte" (Gen. 31,3), kehrte Jakov zurück in das Land Israel. Sein Herz blieb allerdings voller Hoffnung, der Streit mit Eßaw lasse sich auf irdische Weise beilegen, und er bereitete sich auf die Begegnung mit seinem Bruder mit drei Dingen vor: Geschenke, Gebete, Krieg. Erst nach dem Kampf mit dem Schutzengel Eßaws, als ihm offenbar wurde, daß der Streit mit Eßaw kein gewöhnlicher, menschlicher Streit war, sondern ein Kampf gegen übernatürliche Kräfte, nicht mit Eßaw selber, sondern mit seinem Schutzengel - faßte Jakov Mut und wich dem Vorschlag Eßaws aus, mit ihm zusammenzugehen: "Laß uns aufbrechen und weiterziehen, und ich will neben dir herziehen" (Gen. 33,12) Dazu sagte Jakov: "Ziehe doch mein Herr vor seinem Knechte her, und ich werde folgen nach meiner Gemächlichkeit" (V.14), und er versprach eine Begegnung in der kommenden Zukunft: "bis daß ich komme zu meinem Herrn nach Se'ir" (ebda.). Darüber heißt es im Midrasch: "Wir prüften die ganze Schrift und fanden nicht, daß unser Vorvater Jakov während seiner Lebtage jemals zu Eßaw nach dem Berge Se'ir gegangen wäre; kann es angehen, daß Jakov es ehrlich meinte und ihn betrog?! Vielmehr meinte er es ehrlich, und er kommt zu ihm in der kommenden Zukunft, wie es heißt: Und es ziehen hinauf die Sieger auf den Berg Zion, zu richten den Berg Eßaw (Ovadia 1,21; Bereschit raba 78,14). Der Haß der Völker
begleitet das Volk Israel auf seinem ganzen Lebensweg. Manche von ihnen
hassen aus Angst, wie Pharao in Ägypten, der befürchtete, "daß
es sich nicht vermehre, und es geschehe, wenn Krieg eintrifft, daß
auch es sich schlage zu unseren Hassern und gegen uns streite und aus dem
Lande ziehe" (Ex. 1,10). Viele hassen das Volk Israel aber ohne jeglichen
Grund, so wie Amalek, der keinen vorherigen Kontakt zu Israel hatte und
der keine Bedrohung seitens Israel zu fürchten hatte, der dennoch
wie eine Schlange lauerte und Israel von hinten angriff. Ebenso der Bösewicht
Haman, von den Nachkommen Amaleks, der den König dazu aufhetzte, die
Juden - Knaben und Greise, Kleinkinder und Frauen - an einem Tage töten
zu lassen, ohne jegliche Provokation durch das jüdische Volk (sein
Zusammenstoß mit Mordechai war sicher kein Grund, das ganze Volk
Israel zur Rechenschaft zu ziehen). Die Sache wiederholte sich kurz vor
dem Eintritt in das Land Israel, als Balak sah, wie Israel mit den Emoritern
verfuhr: "Da fürchtete sich Moaw sehr vor dem Volke, da es so groß
war, und es graute Moaw vor den Kindern Israel" (Num. 22,3). War die Furcht
Moaws gerechtfertigt? Gab es dafür irgendwelche realistische Anhaltspunkte?
Ganz und gar nicht! Ammon und Moaw genossen Immunität, denn Israel
war ausdrücklich geboten worden: "Nicht befeinde Moaw, und lasse dich
nicht mit ihnen in eine Fehde ein" (Dt. 2,9), und bezüglich der Ammoniter:
"Und du näherst dich den Söhnen Ammon - befeinde sie nicht und
befehde sie nicht, denn ich werde dir nicht vom Lande der Söhne Ammon
einen Besitz geben, denn den Söhnen Lot habe ich es als Erbbesitz
gegeben" (V.19). Es bestand also keine Bedrohung der Sicherheit Moaws -
warum wurde Moaw dann von Ängsten befallen? Was die Moabiter beunruhigte,
war "alles, was Israel dem Emoriter getan" (Num. 22,2). Der Erfolg Israels
war es, der den Neid und den Haß der Moabiter erweckte - die Völker
sind bereit, ein niedergeschlagenes Israel zu akzeptieren, aber kein mächtiges
Israel. Der Malbim-Kommentar erklärt den Grund für den Haß
nach dem Vers: "und es graute Moaw vor den Kindern Israel", daß der
Name "Kinder Israel" den Vorzug der Israeliten bezeichnet, ihre Unterscheidung
durch einen besonderen Glauben, da sie sich nicht den Völkern zurechnen;
er endigt wie folgt: "Kein Haß ist so wie der Religionshaß".
Balak wußte um seine Immunität bezüglich der Sicherheitsfragen,
und darum fürchtete er keine Eroberung seines Landes durch die Israeliten.
Vielmehr fürchtete er sich vor den Eroberungen Israels um sein Land
herum, wie es heißt: "Jetzt wird dieser Haufe wegfressen alles in
unserer Umgebung" (Num. 22,4). Leider zeigt sich diese Erscheinung auch
in unseren Tagen: viele Länder, mit denen der Staat Israel keine gemeinsame
Grenze teilt, zeigen eine feindselige Haltung, nicht, weil wir sie etwa
bedrohten, sondern wegen des Hasses der Welt gegen das Weltvolk, der keine
Grenzen und Völker kennt, westlicher Antisemitismus und islamischer
Antisemitismus, und leider müssen wir diese Wahrheit auf dem harten
Wege lernen.
Der Segensspruch "Stoße in das große Schofar" markiert einen Wendepunkt im Schmone-Esre Gebet. Bei allen vorigen Segenssprüchen ging es um die Angelegenheiten des Individuums. Der Einzelne benötigt Weisheit, Vergebung, reumütige Umkehr, Erlösung von den alltäglichen Problemen, Heilung und Lebensunterhalt. Vom Segensspruch "Stoße in das große Schofar" an beschäftigen wir uns ausschließlich mit Angelegenheiten der jüdischen Allgemeinheit und nicht mit den Einzelnen. Der Segensspruch beginnt mit "Stoße in das große Schofar zu unserer Befreiung". Damit wird die Befreiung zum Hauptthema der endzeitlichen Erlösung, d.h. die eigenstaatliche Unabhängigkeit des Volkes Israel. Wenn wir von der Erlösung sprechen, denken wir nicht an irgendein mystisches oder ein spirituelles Ereignis, sondern an ein Ereignis mit rechtlicher und politischer Bedeutung. Damit ist der Auszug aus der Knechtschaft in die Freiheit gemeint, wie unsere Weisen im Talmud sagten: "Es gibt keinen anderen Unterschied zwischen dieser Welt und den messianischen Tagen als die Knechtschaft der Regierungen" (Schabbat 151b). Darum beten wir: "Stoße in das große Schofar zu unserer Befreiung". Warum beten wir ausgerechnet um ein "großes" Schofar? Was ist denn nicht gut an einem mittelgroßen oder kleinen Schofar?! Diese Frage erläuterte Rabbiner Awraham Jizchak Kuk in seinem Artikel "Schofarot" (Ma'amarej Hara'aja S.268), wonach das Schofar das Erwachen des Volkes Israel zur Erlösung symbolisiert. Die Motivation zur Erlösung kann aus verschiedenen Richtungen kommen. Sie kann die Eigenschaft des "großen Schofars" annehmen, ein Erwachen, dem Heiligen, gelobt sei er, im Lande Israel zu begegnen, "die israelitische Allgemeinheit [andere Lesart: die göttliche Präsenz] aus dem Staube zu erheben" (Sohar, Mikez S.203a). Wenn die Motivation zur Einwanderung nach Israel und die Hochschätzung seines Staubes (siehe Psalm 102,15) nicht aus heiliger Quelle rührt, wie wir es noch bei den Schülern des Rabbi Elijahu ("Ga'on") aus Wilna vorfanden, sondern aus gesundem Nationalbewußtsein - dann haben wir es mit einem "mittelgroßen Schofar" eines Volkes zu tun, das in sein Land zurückkehren will, um dort sein normales und natürliches nationales Leben zu leben. In der Halacha bedeutet "großes Schofar" immer ein Widderhorn (Schulchan Aruch O.C. 586,1), das vorzüglich und bevorzugt zur Gebotserfüllung eingesetzt wird. Im Notfall aber "sind alle Hörner [als Schofar an Rosch Haschana] geeignet" (ebda.), und das ist das "mittelgroße Schofar", d.h. von jedem koscheren Tier [außer Rind]. Manchmal will sich das jüdische Volk aber gar nicht erlösen lassen, weder in heiliger Motivation noch in einfacher, nationaler Motivation wie jedes normale Volk, sondern nur notgedrungen, durch die Leiden des Exils, durch die Verfolgungen der Völker. Das ist ein unreines Schofar, ein "kleines Schofar", das wir ganz und gar nicht benutzen wollen. Doch im äußersten Notfall, so lautet das Gesetz, wenn sich weder ein großes Widderhorn noch ein mittleres Schofar von anderen reinen Tieren finden läßt, darf man ein "kleines" Schofar verwenden, d.h. das Horn eines unreinen Tieres, doch "spricht man darüber keinen Segensspruch" (siehe Mischna Brura zur Stelle), weil es sich um eine Art Fluch handelt - und darüber spricht man keinen Segen (Mischna Brachot 6,3). Wir wünschen keine Erlösung auf diesem Wege, wenn sie allerdings so abläuft, ist es trotzdem eine Erlösung. Wir wollen, daß G~tt "ins große Schofar stößt", d.h., uns zu unserer Befreiung und großer Erlösung erweckt, und nicht nur das "kleine Schofar" benutzt. In der Schrift heißt es: "An jenem Tage wird in das große Schofar gestoßen" (Jeschajahu 27,13), es steht aber nicht, durch wen. Im Gebet jedoch sagen wir: "Stoße in das große Schofar", wir sagen, daß G~tt der Hornbläser sei, er ist der Erwecker. Die Erklärung für diesen Unterschied lautet, daß wir uns in dieser Welt an G~tt wenden, daß er ins Horn stoßen möge, weil wir keine Kraft dazu haben. Doch in der kommenden Zukunft wird sich herausstellen, daß "der Heilige, gelobt sei er, und Israel eins ist" (Sohar Acharej mot 73a; Nefesch Hachajim 4.Abschnitt, 11.Kap.), und darum wird gar nicht so klar sein, wer ins Horn stößt - wird sich das Volk Israel etwa selber erlösen? Oder wird G~tt es erlösen? Und am Ende wird klarwerden, daß die Selbsterlösung Israels die Erlösung ist, die G~tt an uns bewirkt, und es besteht gar kein Unterschied zwischen den beiden. Möge es G~ttes Wille
sein, daß wir die vollkommene Erlösung verdienen.
Kommentare von Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
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