DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT ACHARE MOT-KEDOSCHIM
Nr. 563
8. Ijar 5766

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Lev. 16,1-20,27):
Jom Kippur: Opferdienst und Feiertag; Fleischgenuß nur von Opfertieren; Verbot des Blutessens; Verwandte usw., die zu heiraten verboten ist; weitere Sittlichkeitsgebote, um die Greuel der Kana'aniter zu vermeiden; Gebot und Versprechen, heilig zu sein; div. Ge- und Verbote und deren Strafen; Land von Milch und Honig. 
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Der bei ihnen weilet inmitten ihrer Unreinheit

Rav Jakov Halevi Filber 
Rabbiner an der "Merkas-Harav" Jeschiwa, Jerusalem

Als die Tora über G~tt sagte: "Der bei ihnen weilet inmitten ihrer Unreinheit" (Lev. 16,16), war das nicht nur ein Ausdruck für die ewige Beziehung zwischen G~tt und Israel, wie es heißt: "denn nicht verlassen wird der Ewige sein Volk" (Schmu'el I, 12,22), sondern will sagen, selbst wenn wir ihm nicht folgen, ist G~tt nicht "böse" mit uns, vielmehr liebt er uns auch dann, wenn wir uns dessen unwürdig zeigen. Diesem Spruch kommt gerade in unserer Zeit erhöhte Bedeutung zu, besonders beim Anblick einer großen Anzahl in letzter Zeit aus ihren Häusern vertriebener Pioniere, die zu Flüchtlingen ohne festen Wohnsitz gemacht wurden. In der Folge entschieden viele, besonders aus der jüngeren Generation des religiösen Zionismus, sich von den Einrichtungen des Staates zu distanzieren, die unschuldigen Bürgern großes Unrecht antaten. Sie nehmen das dem Staat übel und wollen auch nicht mehr für sein Wohlergehen beten. 

Eines der Gebote verlangt von uns, "in G~ttes Wegen zu wandeln", was nach Maimonides bedeutet: "daß der Mensch verpflichtet ist, sich die guten und geraden Wege G~ttes anzugewöhnen, um so ihm nach Möglichkeit zu gleichen" ("Sittenlehren" 1.Kap.,Hal.6). Weiter führt er an: "In der Erklärung dieser Pflicht lehrten die Weisen, so wie man G~tt als den 'Gnadenvollen' bezeichnet, so sollst du gnädig sein, wie er 'barmherzig' genannt wird, so sei auch du barmherzig, wie man ihn den 'Heiligen' nennt, so sei auch du heilig" (ebda.). Dieses Gebot lernt der Midrasch Pessikta vom Vers: "Dem Ewigen eurem G~tte folget" (Dt. 13,5) - "das ist der Weg G~ttes, so wie er barmherzig und gnadenvoll ist, sei auch du so, so wie er mildtätige Taten verübt, so tue auch du". Von den Weisen lernen wir zwar, wie G~tt barmherzig und mildtätig zu sein, doch geht aus ihren Worten nicht hervor, ob diese Gnade usw. nur jemandem zusteht, der nach dem Willen G~ttes lebt, oder ob auch die Übeltäter in den Genuß göttlicher Gnade gelangen? Die Antwort dazu finden wir im Midrasch Elijahu raba: "und wandelst in seinen Wegen - in den Wegen des Himmels; so wie es der Weg des Himmels ist, gnädig und barmherzig mit den Übeltätern zu sein und ihre bußfertige Umkehr zu akzeptieren, so seiet ihr barmherzig einer mit dem andern". 

Dieses Maß der Barmherzigkeit scheint allerdings im Widerspruch zu einer Aussage des Talmuds zu stehen: "Wer da sagt, der Heilige, gepriesen sei er, sei übersehend, dessen Leben werde übersehen, denn es heißt: er ist ein Fels, vollkommen ist sein Tun, denn Recht sind alle seine Wege" (Baba kama 50a; Dt. 32,4). Raschikommentar: "übersehend - die Missetaten übergehend; dessen Leben werde übersehen - sein Leben und Körper werden freigegeben, da er die Geschöpfe zur Sünde anhält". Diese Schwierigkeit beseitigt der Talmud selber, indem er fragt (ebda.): "Warum steht langmütig in Zornen [Ex. 34,6; im Hebr. Mehrzahl], aber nicht langmütig im Zorn? Weil er langmütig ist Frommen und Frevlern gegenüber". D.h., es ist nicht gleich alles verloren, aber am Ende muß der Mensch geradestehen für alle seine Taten; dann erhält er Lohn für seine guten und Strafe für seine schlechten Taten. Man ermöglicht dem Menschen aber für seine schlechten Taten reumütige Umkehr zu tun, seine Sünde zuzugeben und sich ihrer zu schämen. Wenn die Tat zu denen "zwischen dem Menschen und seinem Nächsten" gehörte, reicht es nicht, sich zu schämen, vielmehr muß man den Nächsten befrieden, geraubtes Gut zurückgeben oder das ihm angetane Unrecht wiedergutmachen. Auf jeden Fall muß man dem Menschen die Chance zur Wiedergutmachung geben, und das lernen wir aus dem Toravers: "Der bei ihnen weilet inmitten ihrer Unreinheit" (s.o.) - sogar in ihrer Unreinheit bleibt die göttliche Präsenz bei ihnen.

Der genannte Widerspruch zwischen Recht und Barmherzigkeit läßt sich auch auf andere Weise auflösen, nämlich anhand der Unterscheidung zwischen dem Einzelnen und der israelitischen Allgemeinheit. Die Sünde bezieht sich nur auf den Einzelnen, der ja dafür die freie Willensentscheidung besitzt, und er kann sogar durch seine Sünde seine Seele verlieren, wie es heißt: "..selbige Seele soll ausgerottet werden aus ihren Volksstämmen" (Lev. 7,20 u.a.). Das trifft aber nicht auf die israelitische Allgemeinheit zu, über die es heißt: "Nicht schauet man Verwerfliches in Jakov, und siehet nicht Eitles in Israel" (Num. 23,21). Bezüglich der Verbindung zwischen dem Einzelnen und der Allgemeinheit sagten die talmudischen Weisen: "Ein Israelit - obwohl er sündigte, bleibt Israelit", denn die fundamentale jüdische Wesenseigenschaft ist eine göttliche und kann dem Juden nicht abhandenkommen. Darum bleibt er weiterhin Jude, auch wenn er selber in freier Entscheidung sündigte. Die Unterteilung zwischen dem bösen Anteil im Menschen und seiner göttlichen Wesenseigenschaft finden wir im Buche "Tanja" [des Begründers des Lubawitsch-Chassidismus]. Dort heißt es: "...wo es ihm geboten ist, sie [die Bösewichte] zu hassen, ist ihm auch geboten, sie zu lieben, und beides ist wahr - der Haß wegen ihrer Bosheit, und die Liebe wegen der in ihnen verborgenen guten Seite, bei der es sich um einen Funken Göttlichkeit in ihrem Innern handelt, der ihre göttliche Seele belebt" (§32). Und selbst nach dem Haß gegen das Böse in ihnen fährt er fort: "und auch, um in seinem Herzen Barmherzigkeit mit ihr zu erwecken, denn sie befindet sich sozusagen im Exil beim Bösen der 'anderen Seite', das sie in den Bösewichten überwältigt, wie bekannt ist".

Bösewichte und Übeltäter gab es schon immer im Volke Israel, und sicher darf man ihre Missetaten nicht ignorieren oder verniedlichen, doch gleichzeitig müssen wir bedenken, daß sie unsere Brüder sind und wir uns ihrer erbarmen, sie jedenfalls nicht abschrecken, sondern dafür wirken, sie den Wegen des Glaubens näherzubringen.
 
 
 
Zum Gebet

Heile uns!
 

Rav Uri Scherki
(Leiter der hebräischsprachigen Abteilung von MACHON MEIR)

"Heile uns" ist der achte Segensspruch des Schmone-Esre-Gebetes. Diese Plazierung erfolgte keineswegs per Zufall, die Nummer Acht symbolisiert nämlich die Überwindung der Natur, wie der MaHaRaL ("hohe Rabbi Löw") aus Prag an mehreren Stellen seiner Werke erläuterte. Der Natur, die in den sieben Tagen der Schöpfung entstand, wird entsprechend die Nummer Sieben zugeordnet, und jede Überwindung der Natur wird der Nummer Acht zugeordnet. Auch die Medizin bedeutet eine Art Überwindung der natürlichen Entropie, der Neigung des Seins, dem niedrigsten Punkt zuzustreben. Die Heilkunst andererseits bestärkt den lebenskräftigen Drang, der über die Natur emporsteigt. Darum erscheint der Segensspruch "Heile uns" an achter Stelle, wo er hingehört. Und nicht nur das, sondern wie Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") in seinem Gesetzeswerk schrieb ("Sittenlehren", 4.Kap., Hal.20), wenn sich der Mensch immer an die Regeln gesunden Lebens hält, wird er niemals krank werden, jedenfalls nicht bis ins hohe Alter, und auch dann nur für kurze Zeit. Dann wäre die Heilkunst eigentlich überflüssig, außer für eine einzige Sache: zur Heilung der Beschneidung. Die Beschneidung (Brit Mila) ist nämlich ein Gebotsakt, den wir aus eigener Initiative ausführen, und dadurch erzeugen wir eine Art Krankheitsfall, der geheilt werden muß. Die Beschneidung, die uns vor den anderen Völkern auszeichnet und die zeigt, daß wir sogar unsere körperliche Natur ändern, wird am achten Lebenstag vollzogen, weil sie eine Erhebung über die Natur bedeutet. Auch in dieser Hinsicht paßt gerade der achte Platz für den Segen "Heile uns". 

Wir bitten folgendermaßen: "Heile du, G~tt, uns, so werden wir geheilt". Merkwürdig - ist das denn nicht klar, daß wir zu G~tt beten?! Welche Notwendigkeit besteht zur wiederholten Erwähnung seines Namens? Im vorigen Segensspruch, "Schaue an unser Elend", sagen wir nicht: "Schaue an, G~tt, unser Elend", sondern "Schaue an unser Elend". Von vornherein ist sonnenklar, daß wir zu G~tt beten. Vielmehr besteht hierbei die Absicht, eine Frage vorweg zu beantworten, nämlich wenn der Mensch krank ist, sollte er sich doch an einen Arzt wenden, und wozu belästigt er damit den Herrn der Welt? - Der Arzt mag wohl eine Krankheit heilen, doch kann er nicht versprechen, sie werde niemals wiederkehren. Wenn allerdings G~tt heilt, können wir sicher sein. Wenn G~tt uns heilt, "so werden wir geheilt", auf jeden Fall, und die Krankheit wird niemals wiederkehren. 

"...hilf du uns, so wird uns geholfen" - wofür ist diese Bitte gut? Wir erbitten zwei Arten Heilung: Die Heilung des Körpers bei "Heile uns", und die Heilung der Seele bei "hilf uns". Der Mensch braucht auch diese Heilung. 

Welche Motivation steht nun hinter der Bitte nach Heilung, vielleicht Egoismus - das persönliche Interesse des Beters, den seine Leiden schmerzen, und er sich deshalb um seine Gesundheit sorgt? Das können wir verneinen, denn wir fahren fort: "denn du bist unser Ruhm". Das Bedürfnis nach Heilung dient der Fähigkeit, dich zu rühmen. Solange der Mensch krank ist, kann er G~tt nicht gehörig dienen, kann er nicht beten, kann er keine großartigen Taten zur Heiligung des göttlichen Namens vor den Augen der Völker vollbringen. Darum bitten wir G~tt um unsere Heilung, denn ohne sie würde ja sein Plan ins Stocken geraten. Hier liegt sozusagen göttliches Eigeninteresse vor und nicht das Privatinteresse des Betenden. In manchen Gebetstexten wird zusätzlich eine ganze Reihe von Bitten erwähnt, wie z.B. "gewähre Heilung und Gesundung allen unseren Krankheiten, und all unserem Leiden, und allen unseren Wunden". Dabei handelt es sich um Auflistungen der Krankheitsschädigungen - die Wunde, im einfachsten Sinne des Wortes, ein körperlicher Makel, für den wir bitten: "Heile du, G~tt, uns, so werden wir geheilt". Die Wunde mindert den Menschen um etwas. Das "Leiden" bezieht sich auf den physischen Schmerz, der die Wunde begleitet, und auch dafür beten wir, und mit "Krankheit" sind die seelischen Konsequenzen der Schmerzen und der Wunden gemeint. 

"...denn G~tt, König, ein bewährter und barmherziger Arzt bist du". Normalerweise ist ein Arzt entweder bewährt oder barmherzig. Wenn er als "bewährter" Arzt nur das Interesse des Kranken auf Gesundung im Sinne hat, darf er ihm gegenüber keine Barmherzigkeit zeigen, sondern muß ihm wenn nötig auch bittere Medizin verabreichen und manchmal sehr schwere und unangenehme Therapien verordnen. Wenn er allerdings barmherzig ist, wird er dem Patienten nicht zu viel zumuten, doch dann kann man ihn schlecht "bewährt" nennen. Nur die Heilung des Herrn der Welt kann gleichzeitig die eines bewährten und die eines barmherzigen Arztes sein. 

Möge allen Kranken im Volke Israel vollkommene Heilung widerfahren.

bogrey27


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