DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT ZAW
Nr. 505
15. Adar II 5765

Schuschan Purim

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Lev. 6,1 - 8,36):
Ausführungsvorschriften für das Ganzopfer, Mehlopfer, 
Sühnopfer, Schuldopfer, freiwillige Opfer; Amtseinsetzung 
Aharons und seiner Söhne als Priester (Kohanim) und Heiligung 
der Dienstgeräte, dazugehörige Opfer.
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Dienet dem Ewigen in Furcht

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Nein, das ist kein Tippfehler. Ich kenne sehr wohl den Vers, den 
Alle im Munde führen: "Dienet dem Ewigen mit Freude, 
erscheinet vor ihm mit Jubelgesang" (Psalm 100,2). Es gibt 
allerdings einen weiteren Vers, der den vorgenannten ergänzt: 
"Dienet dem Ewigen in Furcht, und frohlocket mit Zittern" 
(Psalm 2,11). Das Purimfest scheint sich eher auf den Vers 
"Dienet dem Ewigen mit Freude" zu beziehen, doch das paßt 
erst nach dem Lesen der ganzen Geschichte der Esther-Rolle 
(Megillat-Esther), nach Erreichen des Verses "Bei den Jehudim 
war Licht und Freude und Lust und Ehre" (8,16), während die 
Ereignisse mit allen ihren Verwirrungen eine Menge Furcht und 
Zittern enthalten. Demnach führt der Weg zum "Dienet dem 
Ewigen mit Freude" zwangsläufig über "Dienet dem Ewigen in 
Furcht".

Nun zur Geschichte der Megilla. Große Furcht erfüllt die 
Herzen. "Und in jeglicher Landschaft, aller Orten, wo das Wort 
des Königs und sein Gesetz anlangte, war große Trauer bei den 
Jehudim, und Fasten und Weinen und Wehklagen; in Sack und 
Asche legten sich viele" (4,3). Verzweiflung erfüllt alle Herzen. 
Ein schweres Gefühl absoluter Hilflosigkeit. Da kann man eben 
nichts machen. Die politische Macht Hamans befindet sich auf 
dem Höhepunkt. Er erfreut sich voller Unterstützung des Königs 
und aller seiner Minister und Höflinge. "Und alle Diener des 
Königs, die im Tore des Königs, beugten das Knie und warfen 
sich nieder vor Haman, denn so hatte es der König seinetwegen 
geboten" (3,2). Mordechai, der sich gegen Haman auflehnt, 
bringt nicht nur keinen Nutzen, sondern schürt das Feuer des 
Hasses nur noch mehr. Entsprechend werden die verbleibenden 
Monate bis zur Ausführung des königlichen Dekrets nicht zur 
Flucht oder zur Verschanzung genutzt. Und weil alle wissen, 
daß nach der Ausführung niemand am Leben sein wird, der die 
Trauergesetze einhalten kann, entschieden sie, daß jeder über 
sich selber schon heute Kaddisch sage - und das ein Jahr im 
voraus!

Die Wende wird von Esther vorangetrieben. Sie versteht ihr 
Erscheinen bei Achaschwerosch als die bloße Spitze des 
Eisberges eines Prozesses, der vor allem in den Herzen abläuft. 
"Gehe, versammele all die Jehudim, die gefunden werden in 
Schuschan, und fastet um mich, weder esset noch trinket drei 
Tage lang" (4,16). Nicht noch ein Fasten der Appetitlosigkeit 
und der Aufgabe jeglicher Lebenshoffnung, sondern ein Fasten 
begleitet von Gebeten: "die Fastentage und das Beten" (9,31). 
Zigtausende Juden stehen hilflos vor ihrem Schöpfer. Sie 
wissen, daß alles von seiner Hand und in seiner Hand ist. Sie 
erkennen an, daß diese Dinge ihnen nicht einfach nur so 
zustoßen, sondern die Hand G~ttes dabei am Werke ist. 
Vielleicht sind deshalb Manche böse auf ihn. Die Erkenntnis 
jedoch, daß G~tt hinter den Dingen steht, vermittelt - 
paradoxerweise - ein bestimmtes Gefühl der Sicherheit. Das ist 
ihre erste Begegnung mit der G~ttesfurcht, immer noch unter 
dem Eindruck der Furcht vor Strafung; und diese Furcht vor 
Strafe ist der Beginn einer Verbindung.

Die Furcht vor Strafe hat etwas Bedrückendes an sich. Furcht, 
Angst - Zeichen von schrecklicher Schwäche. Im ihrem Innern 
verbirgt sich jedoch eine Quelle der Kraft. Wenn G~tt so stark 
und bedrohlich ist, kann man sich sicher auch auf ihn stützen 
und ihn um Rettung bitten. Er lädt uns nicht nur Verantwortung 
auf, sondern verläßt sich auch auf uns, und wir verlassen uns 
auf ihn. "Nahe ist der Ewige allen, die ihn rufen, die ihn anrufen 
mit Wahrheit" (Psalm 145,18). Darin bestand die Kraft-für-G~tt 
des Haman-Dekretes: "Das Abziehen des Siegelringes wirkte 
mehr als die achtundvierzig Propheten und sieben 
Prophetinnen, die Israel predigten" (Megilla 14a).

Erst nach dem Absinken in die tiefsten Tiefen der Hilflosigkeit, 
erst, als Alle fühlten, wie ihre Hilflosigkeit vor G~tt kam, war die 
Zeit für eine schrittweise Erlösung gekommen. Am Ende des 
dritten Tages setzt Haman Mordechai aufs königliche Pferd, der 
nach den talmudischen Weisen folgende Psalmenverse im 
Munde führt: "Ich erhebe dich, Ewiger... du hast heraufgezogen 
aus der Unterwelt meine Seele, hast mich belebt, daß ich nicht 
in die Grube sank... du bargst dein Antlitz, da war ich 
erschrocken... da wandtest du meine Klagen in Reigentanz, 
löstest mein Sackkleid und gürtest mich mit Freude" (30,2-12). 
Einen Tag später wurde Haman an den Pfahl gehängt, und das 
Rad des Schicksals begann, sich langsam in die andere 
Richtung zu drehen.

Die Furcht vor Strafe wich langsam aber sicher der Furcht der 
Majestät. Das Volk fühlte das bereits auf dem Nacken ruhende 
Schwert, und sah es sich langsam von seinem Haupte 
entfernen - dieses Volk lernte, die göttliche Macht zu schätzen, 
und gleichzeitig die Liebe G~ttes zu seinem Volk Israel. Jetzt 
fühlten sie wie nie zuvor, wie nahe G~tt ihnen wirklich war, und 
nicht nur als Autorität von oben. Das reichte allerdings nicht 
aus. Die Rettung erfolgte nicht auf direktem Wege aus der Hand 
G~ttes, sondern auf verschlungenem Pfade. Die Juden 
erhielten die Erlaubnis, sich zusammenzuschließen und ihre 
Seelen zu verteidigen - auf sich selbst gestellt. Nun konnten sie 
fühlen, wie göttlicher Mut in ihren Adern strömte, und alles, was 
sie unternahmen, von der Kraft des Ewigen, des G~ttes Israels 
stammte. Sie merkten, wie G~tt auf sie vertraute und sie 
bevollmächtigte, mit jener Kraft aufzustehen und zu kämpfen, 
die er ihnen verliehen hatte. Die Furcht vor Strafe, die der 
Furcht der Majestät gewichen war, begegnete nun der Liebe. 
(Und es ist kein Zufall, daß die beiden letzten Buchstaben des 
Wortes "Furcht" - jirah - die beiden Buchstaben am Anfang des 
Wortes "Liebe" - ahawa - bilden; ScheLaH). Mit der Kraft dieser 
Liebe nahmen sie wiederum die Tora auf sich; diegleiche Tora, 
die sie in der Vergangenheit am Berge Sinai unter dem Druck 
von seiten der göttlichen Autorität angenommen hatten.

Wird es uns vergönnt sein, daß sich diese Entwicklung, die G~tt 
an unseren Vorfahren an diesen Tagen vollbracht hatte, an uns 
wiederholt? Wird es auch uns vergönnt sein, von "Dienet dem 
Ewigen in Furcht" zum "Dienet dem Ewigen mit Freude" und 
Liebe zu gelangen?
 
 
HaRav Aviner

Greulicher Stolz

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

"Wie ist zur Buhlerin geworden die bewährte Stadt" (Jeschajahu 
1,21)!? Wie kann man nur auf die Idee kommen, in Jerusalem, 
unserer heiligen Stadt, eine "Greuel-Parade" von falschgepolten 
Menschen abzuhalten, deren Betätigung auch als "Buhlerei" 
bezeichnet wird? (Rabbi Awraham Ibn Esra zu Ex. 20,12). Hat 
doch die Tora bestimmt: "Und wenn jemand bei einem Manne 
liegt, wie man bei einem Weibe liegt, einen Greuel haben sie 
beide geübt, sie sterben des Todes, ihr Blut über sie" (Lev. 
20,13).

Schon gar nicht verstehe ich, wie man so eine "Greuel-Parade" 
eine "Pride(Stolz)-Parade" nennen kann. Worauf sind sie denn 
so stolz? Stolz auf eine Sünde?! Im Gegenteil ! Über eine 
Sünde muß man sich schämen und reumütige Umkehr tun, und 
zur Heilung gegen den bösen Trieb ankämpfen.

Wie kann man stolz sein und eine Parade in aller Öffentlichkeit 
darüber abhalten, wie man seinem bösen Trieb nachgibt?! Die 
Existenz des bösen Triebes im Menschen ist doch hinreichend 
bekannt. Ein Jeder mit seinem Trieb. Allerdings hat der Mensch 
auch Entscheidungsfreiheit. Darauf fußt die ganze Tora 
(Maimonides, Gesetze von der Umkehr §5, Hal.3). Zwar ist es 
manchmal schwer, seinen Trieb zu bezwingen, aber möglich ist 
das immer, im Gegenteil: "Der Mühe entspricht der Lohn" 
(Mischna "Sprüche der Väter, 5.Kap.).

Nicht nur, daß der Mensch über seine Taten entscheidet, er hat 
sogar Gewalt über seine Charaktereigenschaften. Wurde uns 
doch vom Herrn der Welt auch die Besserung der 
Eigenschaften geboten, der Persönlichkeit, des Charakters, wie 
es heißt: "..und wandelst in seinen Wegen" (Sittenlehren, §1, 
Hal.5, nach Dt. 28,9). Das ist eine schwerere Aufgabe als die 
Besserung der Taten ("Der Weg der Frommen", Rabbiner 
M.C.Luzatto, 11.Kap.), doch füllt sie uns mit großem 
Optimismus. Wenn ein Mensch nämlich seinen Trieb bezwingt, 
d.h. seine Natur, fällt ihm das bestimmt schwer (Maimonides 
"Acht Kapitel", 4.Kap.). Wenn er aber seine Natur zum 
Besseren ändert und nun der neuen Natur folgt - wie wohl fühlt 
er sich dann! Der Herr der Welt teilt uns nämlich mit: Die 
Menschen können über ihre Taten herrschen, und das ist ihre 
Pracht, und die Menschen können ihre Natur ändern, und das 
ist eine noch größere Pracht.

Wenn der Herr der Welt letztendlich uns etwas verbietet und es 
einen "Greuel" nennt, dann ist das ein Zeichen, daß die Sache 
nicht natürlich ist, denn die Tora kommt nicht daher, den 
Menschen und seine Natur zu zerstören, sondern, im Gegenteil, 
ihm Leben zu geben: "..daß er lebe durch sie. Ich bin der Ewige" 
(Lev. 18,5). Dieser Vers steht unmittelbar vor den Inzest-
Verboten, damit der Mensch nicht sage, diese Verbote 
zerstören sein Leben, vielmehr geben sie ihm das wahre Leben. 

Darum ist es auch nicht wichtig, woher diese Neigung stammt, 
ob genetischen oder psycho-sozialen Ursprungs, wie seriöse 
Untersuchungen auf diesem Gebiet gezeigt haben (können auf 
der Webseite www.atzat-nefesh.org abgerufen werden 
[hebräisch/englisch]; diese Organisation gibt kostenlos und 
anonym Telefonberatung auch zu diesen Themen, MoMiDo 
20.00-23.00). Jedenfalls konnte bis heute keine Erblichkeit 
solcher Neigungen festgestellt werden.

Auf jeden Fall macht es keinen Unterschied, denn Maimonides 
schrieb bereits ausdrücklich, daß es ererbte und erworbene 
Charaktereigenschaften gibt (Sittenlehren §1, Hal.2), und all 
diese muß der Mensch verbessern und in den Wegen G~ttes 
wandeln. Wie bereits erwähnt, fordert das manchmal viel Mühe 
von ihm, wie es heißt: "ein Mensch wird zum Mühsal geboren" 
(Ijow 5,7).

Darum ist diese "Pride-Parade" in Jerusalem, der Stadt, aus der 
großes Licht in die Welt ging und noch gehen wird, ein 
Ausspucken auf die Entscheidungsfreiheit des Menschen, jene 
Entscheidungsfreiheit, die höchste Pracht des "Ebenbild 
G~ttes"; ein Ausspucken auf den Glauben, daß der Mensch 
sich ändern kann, in dem sich der ganze wunderbare 
Optimismus des Menschengeschlechtes birgt; und auch ein 
Ausspucken auf die natürliche, reine Familie. 

Natürlichkeit ist es doch, die wir in diesen Zeiten suchen. 
Natürlich ist es, wenn "der Mann an seinem Weibe hängt" (Gen. 
2,24) - "und nicht an einem Manne" (Sanhedrin 58a). 
Entsprechend ist der Körper der Menschen gebaut, und daran 
hängt die Existenz des Menschheit, an der Fortpflanzung, und 
auch Jene mit umgekehrter Neigung sind selber von einem 
Vater und einer Mutter in die Welt gesetzt worden. Die 
Ehepartner unterscheiden sich sowohl körperlich als auch 
seelisch, darum wird die Frau "eine Gehilfin, wie sie ihm 
zustehe" (Gen. 2,18) genannt - gerade weil sie anders ist, denn 
wenn sie wie der Mann wäre, welchen Gewinn hätte er denn 
davon? (siehe Rabbi Jizchak Abarbanel, Rabbi Ovadia Sforno 
zur Stelle). 

Ich kenne eine große Zahl von Menschen mit umgekehrten 
Neigungen, die sich änderten, und die dann mit Genehmigung 
einer offiziellen Stelle heirateten und nun eine glückliche Ehe 
führen; natürlich unter der Voraussetzung, daß sie sich wirklich 
ändern wollen. Auf Einzelfälle läßt sich schließlich keine 
Wissenschaft bauen. 

Auch die umgekehrte Neigung selber kann einer gewissen 
Mäßigung unterworfen werden, einer Sublimation, und in Form 
reiner Freundschaft weiterbestehen - ein geschätzter sozialer 
Wert.

Trotzdem, obwohl wir den umgekehrten Neigungen die 
Legitimation abgesprochen haben, bedeutet das noch lange 
nicht, daß der diesen Neigungen Folgende kein Jude sei. Auch 
wenn ein Jude sündigt, bleibt er dennoch Jude. Auch wenn sich 
ein Jude unnatürlich verhält, bleibt er dennoch Jude. Jüdische 
Nächstenliebe, Ahawat Israel, schließt alle ein. 

Doch dieser Stolz - worauf?! Auf ein Verbot der Tora, auf das 
die Todesstrafe steht? Und dann das Attribut "Die Fröhlichen" - 
worüber? Über eine Sünde? Wohl nicht, sondern über Gutes 
läßt sich fröhlich sein: "Licht ist ausgesäet dem Gerechten, und 
denen, die redlichen Herzens Freude sind" (Psalm 97,11). Doch 
bei unserem Thema gibt es weder würdigen Stolz noch reine 
Freude. 

Entsprechend heißt es schon beim Propheten Zefanja: "..denn 
alsdann werde ich fortschaffen aus deiner Mitte deine 
hochmütig Jubelnden, und du wirst dich nicht ferner überheben 
auf meinem heiligen Berge" (3,11).

Möge sich schleunigst an uns erfüllen: "Jauchze, Tochter Zions, 
jubelt, Israel, freue dich und frohlocke mit ganzem Herzen, 
Tochter Jeruschalajim!" (3,14), in reiner Freude der Heiligung 
des göttlichen Namens.
 

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