DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJISCHLACH
Nr. 488
14. Kislev 5765

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Gen. 32,4 - 36,43):
Jakovs Heimkehr nach Kana'an, Kampf mit dem Engel, 
Geschenke an Eßaw, Jakov trifft Eßaw, Landkauf bei 
Sch'chem, Entführung Dinas durch Herrscher von Sch'chem, 
Scheinvertrag, Tötung der Verantwortlichen durch Levi und 
Schimon, Jakov>Israel, Beschränkung des Awraham und 
Jizchak gegebenen Versprechens des Landes Israel auf Jakov 
und seine Nachkommen, Tod Rachels bei der Geburt 
Benjamins.
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Mein Bruder Eßaw

Rav Iti'el Ari'el
Gemeinderabbiner in Bet Schemesch

Der Torakommentar "HaEmek Dawar" zu Gen. 33,1 macht auf 
eine Änderung in Jakovs Vorbereitungen auf das Treffen mit 
Eßaw aufmerksam, und zwar in der Anordnung seines Lagers in 
Hinblick auf diese schicksalsschwere Begegnung. Zuerst plante 
unser Vorvater Jakov für drei verschiedene Szenarios: 
Geschenk, Gebet und Gefecht, und deshalb teilte er das ihn 
begleitende Fußvolk in zwei Lager - "wenn Eßaw über das eine 
Lager kommt und es schlägt, so bleibt dem übriggebliebenen 
Lager Entrinnung" (Gen. 32,9). Die Kommentatoren versuchten, 
eine rationale Erklärung für dieses Vorgehen zu finden, das die 
Überlebens- und Fluchtchancen wenigstens eines Teiles seiner 
Leute erhöht oder sogar eine kämpferische Erwiderung 
ermöglicht. Die talmudischen Weisen lobten diesen Schritt und 
entnahmen daraus eine Lehre für alle Zeiten: "Hier lehrte dich 
die Tora praktisches Verhalten, daß ein Mensch nicht all sein 
Geld in eine einzige Ecke tue" (Midrasch), und so wie der 
Prophet Ovadia hundert Propheten G~ttes versteckte, fünfzig in 
einer Höhle und fünfzig in einer anderen Höhle (Kö.I, 18,4).

In diesem Lichte gilt es nun, Jakovs Verhalten zu betrachten, 
der im letzten Moment seine Pläne änderte und seine ganze 
Familie zusammen in einer Gruppe Eßaw präsentierte.

Der Neziw (Rabbiner Naftali Zwi Jehuda Berlin, Autor des 
"HaEmek Dawar") aus Woloschin brachte diese Änderung in 
Zusammenhang mit Jakovs nächtlicher Begegnung mit dem 
Engel, in deren Verlauf Jakov der Charakter der 
Auseinandersetzung mit Eßaw klar wurde. - Diese Deutung ist 
noch zu vertiefen: Der Kampf mit dem Engel verstärkte in Jakov 
die verdeckte Befürchtung, die ihn während der Vorbereitung 
auf die Begegnung mit Eßaw begleitete, daß Eßaw ihn gar nicht 
zu schlagen beabsichtigte, sondern ihn im Gegenteil umarmen 
wollte. Nach dem Kampf mit dem "Fürsten von Eßaw" erkannte 
er die Größe der kulturellen Gefahr, die ihm gerade aus dieser 
Verbindung mit ihm drohte, die keineswegs geringer als die 
existenzielle Gefahr des Krieges mit Eßaw, vielleicht sogar 
größer einzustufen war. 

Bereits zu Anbeginn brachte Jakov eine doppelte Befürchtung 
zum Ausdruck: "Rette mich doch aus der Hand meines Bruders, 
aus der Hand Eßaws" (Gen. 32,12), vielleicht zeigt er einerseits 
seine Bosheit, und andererseits seine Brüderlichkeit. Der 
Kommentar "Schem MeSchmu'el" fügte auf seine scharfsinnige 
Weise hinzu, daß in Wirklichkeit kein Widerspruch darin 
bestand, ob Eßaw Jakov aus vollem Herzen küssen oder aber 
ihm einen tödlichen Nackenbiß verpassen wollte (siehe Raschi 
zu 33,4). Selbst wer die Ansicht vertritt, Eßaw wollte "beißen", 
räumt ein, daß er Jakov tatsächlich einen Bruderkuß gab, doch 
dieser Kuß zählte für Jakov wie ein Biß, der noch in viel 
späteren Generationen viele Opfer im jüdischen Volk forderte, 
mehr als ein einmaliger, physischer Biß.

Solange sich die Gefahr im Bereich des Existenziellen bewegte, 
hielt Jakov richtigerweise eine Aufteilung seiner Leute für 
vorteilhafter, und erhöhte damit die Überlebenschancen des 
jüdischen Volkes. Je deutlicher ihm aber die spirituelle Gefahr 
vor Augen erschien, sah er ein, daß ein Zusammenfassen aller 
Kräfte angezeigt war, um gemeinschaftlich die Gefahr der 
Assimilation und der Zerstreuung abzuweisen. 

Und wirklich zeigte sich Jakovs Befürchtung vor Eßaws 
Brüderlichkeit als begründet, als letzterer so sehr sich mit ihm 
zu verbinden suchte: "Und er sprach: Laß uns aufbrechen und 
weiterziehen, und ich will neben dir her ziehen" (33,12). Es sieht 
so aus, als ziehe sich Jakov diplomatisch aus der Affäre, indem 
er angibt, die Kinder seien klein und schwach und bedürfen 
besonderer Pflege, und auch das Kleinvieh komme nicht so 
schnell mit. Doch Rabenu Bechaje sah in Jakovs Worten einen 
deutlichen Hinweis auf ein Zurückschrecken vor übermäßiger 
Annäherung an Eßaw. Solange die Kinder noch klein und 
schwach in der Gebotserfüllung sind, muß man sie langsam auf 
ihrem langen Wege begleiten, bis sie über die nötige spirituelle 
Festigkeit verfügen, um so eine Begegnung mit dem nötigen 
Rückgrat zu bestehen. Wenn sie nämlich den kulturellen 
Einflüssen unkontrolliert ausgesetzt werden, können die Juden, 
die auch "Herde" genannt werden, ihre spirituelle 
Widerstandskraft verlieren und jeder geistigen Mode 
nachlaufen.

Die Kinder Jakovs sind es würdig, seinem langsamen Weg zu 
folgen und sich fürs erste ins Lehrhaus von Schem und Ewer 
zurückzuziehen, um dort die geistigen Batterien gründlich 
aufzuladen, "bis daß ich komme zu meinem Herrn nach Se'ir" 
(Gen. 33,14).
 
 
HaRav Aviner

Rachel

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Heute nacht schlief ich nicht gut. Ich war beunruhigt. Auch pfiff 
der Wind durch alle Ritzen, und die Türen knarrten. Schließlich 
schlief ich doch ein. Plötzlich weckt mich die große Standuhr. 
Ich zähle zwölf Glockenschläge. Gleichzeitig reißt der Wind das 
Fenster auf, ich spüre seine Kälte im Gesicht. Die Gardinen 
flattern hin und her. Etwas zieht mich ans Fenster. Draußen - 
tiefste Finsternis, kein Mond und keine Sterne. Nur der Wind, 
der heulende Wind. Ich lehne auf der Fensterbank. Schließlich 
bricht etwas Mondlicht durch die Wolken. Es beginnt ein 
Wechselspiel von Licht und Schatten in einer Luft voller 
Nebelfetzen. Ich strenge meine Augen an, und siehe, langsam 
erscheint eine Figur aus dem Dunkel.

Ich sehe eine große Frau, von aufrechter aristokratischer Statur, 
sensibel, ganz und gar Himmelsfurcht, edel, sittsam, mit 
langem, weiten schwarzen Kleid, nur mit einem hohen weißen 
Kragen versehen, der den Hals bedeckt. Um den Kopf trägt sie 
ein großes schwarzes Tuch, ohne jegliche Verzierung, das alle 
ihre Haare bedeckt, außer einzelnen, die auf ihre Stirn fallen. 

Plötzlich bewegen sich ihre Lippen, und eine tiefe Stimme 
spricht: "Ich bin Rachel". - "Unsere Stammutter Rachel!", sagte 
ich, fast ohnmächtig vor Angst. "Ja. Rachel. Ich bin gekommen, 
um euch zu sagen, wie ihr mich erniedrigt, mit den Füßen tretet 
und verunglimpft", und eine Träne zeigte sich an ihrem Auge.
"Wie denn?", fragte ich.
"Ich war mit euch in allen euren Exilen. Für euch wurde ich auf 
dem Wege begraben, und nicht zusammen mit Jakov, meinem 
geliebten Mann, dem Gerechten. Alleine war ich in meinem 
Grab. Als ihr nach der ersten Tempelzerstörung ins Exil zogt in 
langen Kolonnen, Männer, Frauen und Kinder, gebrochen und 
verarmt, den Schikanen des Feindes ausgesetzt, stieg ich auf 
mein Grab, weinte und bat um Erbarmen für euch. "Eine 
Stimme der Klage wird zu Ramah gehört... Rachel weint um ihre 
Kinder". Und der Herr der Welt antwortete: "Ein Lohn ist für dein 
Tun... es werden zurückkehren die Kinder in ihr Gebiet".
"Ja, ich erinnere mich", sagte ich, "so steht es beim Propheten 
Jirmijahu (31, 14-16) und auch der Raschikommentar (zu Gen. 
48,7) erwähnt es". Erst dann fiel mir auf, daß diese wundersame 
Erscheinung vor mir ein Buch in ihren Händen hielt. Mit einiger 
Anstrengung gelang es mir, die Schrift auf dem Buchrücken zu 
entziffern: Chumasch - Raschi

"Ich war mit euch in allen euren Zerstreuungen", fuhr unsere 
Stammutter Rachel fort, "ich war die göttliche Kraft, die in euch 
wirkte, und nur dank dieser Kraft hieltet ihr selbst in den 
schlimmsten Lagen aus. Ich bewirkte und erhielt in euch die 
Hoffnung, nach all diesen Leiden und Verfolgungen, Tötung der 
Körper und Verbrennung der Seelen, in euer Land 
zurückzukehren: es werden zurückkehren die Kinder in ihr 
Gebiet". 

"Und wie soll das vonstattengehen?", fragte ich. 
"Ich bin Rachel, ich bin die Hirtin, ich bin die göttliche Präsenz, 
ich behüte euch vor spirituellen und materiellen Gefahren, damit 
ihr überlebt und nachhause zurückkehrt. Ich erhalte euch den 
ganzen Weg bis zum Ende. Der Weg ist lang und beschwerlich, 
doch ich bin immer mit euch. Ich leide mit euch. Ich bin mit euch 
in eurem Exil" (MaHaRaL, Nezach Israel, Ende des 1. Kap.). 
"Ja", sagte ich, schwer atmend.

"Und jetzt seid ihr am Ende des Weges angekommen. Die 
Kinder sind in ihr Gebiet zurückgekehrt. G~ttseidank gibt es 
einen Lohn für mein Tun. Nun glaubte ich, auch halte zurück 
deine Augen von Tränen könnte Wirklichkeit werden. Leider ist 
das nicht der Fall".
"Warum?", fragte ich zitternd.
"Weil ihr mein Land wie mit dem Messer zerteilt und ganze 
Streifen den Söhnen meines bösen Onkels Ischmael geben 
wollt. Das ist nicht sein Land! Meine Kinder wollt ihr aus meinem 
Land vertreiben! Meine teuren Kinder, die dort mit großer 
Opferbereitschaft leben, wo sie böse, grausame Feinde ohne 
Unterlaß bedrängen; sie werden getötet oder verletzt, es gibt 
dort Kinder mit amputierten Gliedmaßen, und ihr schützt sie 
nicht mit eurer Armee und wollt sie obendrein von dort 
vertreiben".

Eine Flut von Tränen brach plötzlich aus ihren Augen hervor 
und strömte zu Boden. Ich fühlte, wie meine Kräfte mich 
verließen, wie ich an den Rand der Ohnmacht gelangte und 
mich nur mühsam an der Fensterbank festhalten konnte. Ich 
wußte nichts zu antworten. Unsere Stammutter Rachel fuhr fort: 
"Ich habe immer geschwiegen. Ich schwieg, wie mein Vater 
mich tagtäglich betrog und meiner Schwester die Geschenke 
gab, die mir mein geliebter Jakov jeden Tag schickte. Ich sagte 
zum Herrn der Welt: Es ist offen und bewußt vor dir, daß alle 
Arbeit, die dein Knecht Jakov meinem Vater leistete, nur um 
meinetwillen leistete, und trotzdem, als mein Vater mich unter 
dem Hochzeitsbaldachin hervorzog und stattdessen meine 
Schwester darunterschob, schwieg ich dazu. Und nicht nur das, 
ich gab ihr selber die mit Jakov vereinbarten Zeichen. Da sagte 
mir der Heilige, gelobt sei sein Name: Für dich, Rachel, bringe 
ich die Israeliten in ihr Gebiet zurück" (siehe Raschi zu Jirmijahu 
31,14). "Und was geschah?" fragte ich. "G~tt sprach die 
Wahrheit, er versprach, und jetzt erfüllt er Halte zurück deine 
Stimme vom Weinen und deine Augen von Tränen; denn ein 
Lohn ist für dein Tun, ist der Spruch des Ewigen, und sie 
werden zurückkehren aus dem Lande des Feindes. Und 
Hoffnung ist für deine Zukunft, ist der Spruch des Ewigen, und 
es werden zurückkehren die Kinder in ihr Gebiet (31, 15-16). Ich 
freute mich schon, aber jetzt macht ihr alles zunichte". 
"Warum?", fragte ich mit bebender Stimme. "Weil ihr selber zu 
Feinden wurdet. Während eures ganzen Exils schlugen und 
vertrieben euch eure Feinde, und ihre Soldaten trieben ihr 
grausames Spiel mit euch. Heute habt ihr eure eigene Armee, 
doch ihr benutzt sie, um meine Kinder zu schlagen und zu 
vertreiben. Habt ihr vergessen, daß ihr Brüder seid?!" "Was 
können wir tun?" "Vergeßt niemals die Worte des für den Krieg 
gesalbten Priesters: Höre Israel, ihr tretet jetzt hin zum Kampfe 
gegen eure Feinde - und nicht gegen eure Brüder; nicht Jehuda 
gegen Schimon und nicht Schimon gegen Benjamin" (Mischna 
Sota 8,1). "Das also müssen wir tun: Unsere Armee gegen 
unsere Feinde einsetzen und nicht gegen unsere Brüder", sagte 
ich. "Genau! Kampf gegen eure Feinde - und nicht gegen eure 
Brüder", sagte sie, und ein fürstliches Lächeln breitete sich über 
ihr Gesicht, wobei ihre Gestalt langsam in den Nebelschwaden 
verschwand.
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten
(Audio +TV) aus Israel:
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