DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
JOM KIPPUR
Nr. 479
10. Tischri 5765
 

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 
 
JOM KIPPUR

Die Hauptsünde

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Das Sündenbekenntnis "Al chet" ("Für die Sünde..") ist uns
schon geläufig. "Für die Sünde, die wir unwillentlich und
willentlich begangen... durch Verhärtung des Herzens... durch
Unaufmerksamkeit...". Halten wir aber einen Moment inne und
denken über die Bedeutung nach - und wundern uns. Eigentlich
sollte dieses Sündenbekenntnis doch unsere Missetaten
während des vergangenen Jahres auflisten, im Stile des
Sündenbekenntnisses nach Maimonides (Gesetze von der
Umkehr 1,1): "O G~tt, ich habe gesündigt, gefrevelt, und mich
vor dir vergangen. Dies und jenes habe ich getan, ich bereue es
und schäme mich meiner Taten, ich will diese Sache niemals
wieder tun". Wenn wir dementsprechend die Liste der 44 "Al
chet"-Sünden unter die Lupe nehmen, werden wir einige
Fehlanzeigen feststellen. Und was ist mit diesem Rest?

Und nicht nur das. Viele Punkte dieser Liste bedeuten gar keine
Sünde! Sind denn "unwillentlich und willentlich, Verhärtung des
Herzens, Unaufmerksamkeit" überhaupt Sünden? Es handelt
sich dabei doch bloß um den Hintergrund der Sünden!
"Willentlich" und "unwillentlich" kann man doch auch Gebote
erfüllen! Worum geht es also in diesem Sündenbekenntnis?

Wir müssen feststellen, daß "Al chet" nicht unser
Sündenregister bedeutet. Die von Maimonides beschriebene
Rechnungslegung im ausführlichen, individuellen
Sündenbekenntnis eines jeden Einzelnen ist am Vorabend des
heiligen Tages zu geben. Wer mit der Formulierung nicht
zurechtkommt, kann stattdessen das Gebet "Tefila saka"
sprechen, das vom Autor des "Chaje Adam" stammt und in
vielen Machsorim abgedruckt ist. Das "Al chet"-Bekenntnis im
allgemeinen Gebet hat einen anderen Zweck. So schrieb der
MaHaRaL (der "hohe Rabbi Löw") aus Prag im "Pfad der
Umkehr":
"Wenn jemand seine Sünden zugibt, liefert er sich G~tt aus,
gelobt sei er, gegen den er gesündigt hat, und so verhält es sich
bei jedem Zugeben von Vergehen, bei dem man sich dem
Betreffenden, gegen den man sich vergangen hat, ausliefert.
Dadurch wird der böse Trieb vollkommen beseitigt, weil der
böse Trieb keinerlei Anhaltspunkt an G~tt hat... Wenn er sich zu
seinen Sünden bekennt und sagt: 'Ich sündigte gegen G~tt',
durch dieses Bekenntnis liefert er sich G~tt vollkommen aus,
und hängt ihm damit gänzlich an...".

Der Sinn des Sündenbekenntnisses liegt demnach nicht in der
ausführlichen Beschreibung der Sünde, sondern, wie es am
Anfang des Bekenntnisses heißt: "Über die Sünde, die wir vor
dir gesündigt haben". Nicht eine spezifische Sünde ist es, die
uns in diesem Moment bekümmert, sondern die Tatsache, "wir
haben vor dir gesündigt". Darum gehen wir auch nicht
besonders ins Detail. Uns ist der Grund wichtiger, der uns zur
Sünde brachte, denn gerade er entfernt uns vom Zustand "vor
dir". So lautet das Gebet am "Tag des Unheils": "Dein Gesicht,
G~tt, erbitte ich, verberge dein Gesicht nicht vor mir...". Die
individuellen Sünden erhalten dadurch eine neue Bedeutung.
Nicht die Tatsache, daß ich mich nicht "korrekt" verhalten habe,
beunruhigt mich, sondern der Abstand, den mich die Sünde vom
Lichte des göttlichen Angesichtes entfernt.

Außerdem gibt es ein unbestimmtes, allgemeines Gefühl der
Umkehr. Keine Sünde oder Sünden der Vergangenheit kommen
dem Menschen in den Sinn, vielmehr befällt ihn eine generelle
Depression, er fühlt sich voller Sünde, G~ttes Licht leuchtet ihm
nicht, er schämt sich vor sich selber, er weiß, daß G~tt nicht mit
ihm ist - und das ist ihm das größte Unglück, die furchtbarste
Sünde (Rabbiner A.J.Kuk, Orot HaTschuwa §3).

Wie mit dem Unglück des Einzelnen verhält es sich auch mit
dem Unglück des Volkes in seiner Gesamtheit: "...und ich werde
mein Antlitz vor ihnen verbergen; und es [das Volk] wird zum
Fraße werden, und viele Leiden und Not werden es treffen, daß
es sprechen wird an jenem Tage: Ist es nicht darum, weil mein
G~tt nicht in meiner Mitte, daß diese Leiden mich treffen?" (Dt.
31,17). Auch hier ist es keine bestimmte Sünde oder deutlich
definierte Sünden, die wir suchen müssen, wenn wir uns fragen:
"Warum hat der Ewige also getan diesem Lande? Woher diese
große Zornglut?" (Dt. 29,23). Auf nationaler Ebene läßt sich die
Frage nach der furchtbarsten Sünde beantworten als "weil mein
G~tt nicht in meiner Mitte", d.h. eine Übertragung des göttlichen
Ignorierens unserer Eigenschaft als G~ttes Volk auf das Land,
das sich unter der Beobachtung G~ttes befindet. Genug der
öffentlichen Diskussionen unter Erwägungen, die den "Göttern
der Fremden des Landes" (Dt. 31,16) entlehnt sind, von
Begriffen und Systemen fremder Kulturen. Die Zeit ist
gekommen, den Glauben an G~tt, an seine Tora und an seine
Oberlenkung in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion im
Staate zu rücken.

Zum Abschluß eine Anekdote von einer Begegenheit, die sich
vor einigen Jahren zugetragen hat. Als sich Ariel Scharon das
erste Mal um den Posten des Regierungschefs bewarb, wurde
ich gefragt, was ich davon hielte. Nachdem ich dem Fragesteller
klargemacht hatte, daß ich kein Prophet sei, antwortete ich
Folgendes: Rein politisch gesehen, scheinen die Aussichten
sehr rosig zu sein. Er hat die Fähigkeit und den Willen, in dem
Kriege, in dem wir uns derzeit befinden, zu siegen. Vom
Standpunkt des Glaubens jedoch erwarte ich von ihm herbe
Enttäuschungen. In den letzten Jahren lenkt die göttliche
Führung die historischen Prozesse in einer der einfachen Logik
vollkommen entgegengesetzten Weise, um uns zu zeigen, wer
wirklich der Herr im Hause ist und über wen es heißt: "Vertrauet
nicht auf Fürsten, auf den Menschensohn, bei dem nicht Hilfe
ist" (Psalm 146,3).

Die Umkehr zu G~tt, das ist die große Umkehr, die an diesem
Jom Kippur von uns erwartet wird; ein Tag, an dem wir mehr als
in anderen Jahren die Furcht vor dem Urteilsspruch spüren; ein
Tag, an dem wir verstehen, wie sehr unser persönliches und
nationales Schicksal von den Eintragungen und der
Besiegelung des himmlischen Gerichtes abhängig sind. Aus
diesem tiefen Gefühl der Abhängigkeit von G~tt und unter der
Wucht des Spruches "Über die Sünde, die wir vor dir gesündigt
haben", wird unser Gebet erhört werden: "Im Buche des
Lebens, des Segens, des Friedens und gesegneter Erhaltung,
guter Richtsprüche, Errettungen und Tröstungen, mögen wir
bedacht und vor dir besiegelt werden, wir und dein ganzes Volk,
das Haus Israel, zu glücklichem Leben und zum Frieden".
 
 
HaRav Aviner

Das Vorbild

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

[aus der Ansprache anläßlich der Demonstration für Jonathan Pollard am
11. Tammus 5764]
Jonathan Pollard - unser Lehrmeister in Sachen
Opferbereitschaft. Der Kampf um seine Freilassung ist ein
heiliger Kampf. In der Tora gibt es viele Gebote, und wir kleine
Leute schaffen es nicht, alle zu erfüllen. Allerdings schrieb
Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides"), manchmal
erfüllt ein Mensch ein Gebot, das viele andere Gebote aufwiegt
(Hil. Tschuwa 3,2). Dieses Gebot umfaßt viele andere Gebote.

1) Wenn wir nämlich für einen Juden kämpfen, drücken wir
damit aus, daß wir das ganze Volk Israel, jeden einzelnen
Juden lieben. Und wir werden für jeden einzelnen Juden
kämpfen! Auf diesem Fundament steht auch unsere Armee
(Zahal). Wenn ein Soldat in Gefahr ist, sind viele Soldaten zum
Kampf für ihn bereit. "Alle für einen und einer für alle".

2) Wenn wir für Jonathan kämpfen, kämpfen wir damit auch
gegen das Unrecht. Ein schreiendes Unrecht widerfährt diesem
Menschen. Unrecht durch die Amerikaner, denen er einen
großen Dienst erwies, indem er ihnen die Blamage ersparte
durch Übermittlung von Informationen, die sie von sich aus
hätten übermitteln müssen. Er wurde wie sonst keiner zu
lebenslanger Haft verurteilt, dabei hat er noch nicht einmal ein
Verbrechen begangen, sondern ein Gebot erfüllt. Bei diesem
Unrecht kann auch der Staat Israel seine Hände nicht in
Unschuld waschen. Bei seiner Festnahme gab es offizielle
Weisungen von hier, diese geschehen zu lassen. Das ist ein
Unrecht!

Bevor man über wichtige und erhabene Dinge redet, muß man
gegen das Unrecht kämpfen. Unrecht gegen jedes Geschöpf,
ob Mensch oder Tier, und natürlich gegen Juden. Bei Unrecht
darf der Mensch nicht schweigen, er muß dagegen aufrufen, bis
es behoben wird. Danach kommen die erhabenen spirituellen
Gebote - aber erst das Unrecht beseitigen!

Jemand fragte kürzlich, ob wir denn wirklich glaubten, daß
durch Hungerstreik und Demonstrationen Jonathan morgen
befreit werde?! Wenn Leute mit Herz protestieren, wird es am
Ende helfen. Wenn aber alle schweigen, stumm wie ein Fisch,
und es keinem etwas ausmacht, dann wird er niemals
freikommen. Wir haben während der ganzen
Menschheitsgeschichte am eigenen Fleisch gespürt, wie das
jüdische Volk litt und andere schweigend dabeistanden und
nichts unternahmen. Unser Kampf ist ein Kampf gegen das
Unrecht.

Es ist ein großes Gebot, jemanden in Ehren zu halten, der sich
für uns aufopfert. Jonathan hätte es sich ja leicht machen
können - "Was kann ich denn alleine ausrichten?". Stattdessen
opferte er sich, und er kannte die Gefahren. Informationen
übermitteln - das ist gefährlich. Er wußte, was ihn erwartete,
und tat es trotzdem.

Im Talmud gibt es eine Geschichte von jemandem, der starb,
und dann wieder ins Leben zurückkehrte. Da fragte man ihn:
Was hast du gesehen? Er antwortete: Eine verkehrte Welt habe
ich gesehen. Die Oberen unten und die Unteren oben. - Das
heißt, wer hier wichtig ist, ist dort unwichtig. Und wer hier nichts
zählt, ist dort bedeutend. - Man sagte ihm: Eine deutliche Welt
hast du gesehen. Dann fragte man ihn: Und was ist dort mit
uns, den Toraschülern? Da antwortete er: Glücklich, wer dort
mit seinem Gelernten ankommt. Doch die Getöteten von Lod -
kein Geschöpf reicht an ihren Rang heran! - Bei der Geschichte
der "Getöteten von Lod" wollte man den Juden den Mord an der
Königstochter anhängen. Wenn die Schuldigen nicht an die
Obrigkeit ausgeliefert würden, sollten alle Einwohner getötet
werden. Zwei einfache Juden, die nichts mit der Tat zu tun
hatten, nahmen freiwillig die Schuld auf sich (Pessachim 50a).

In dieser Welt lernen wir daraus, daß Aufopferungsbereitschaft
alles andere übersteigt, alle anderen guten Eigenschaften
übertrifft. In dieser Welt hat Jonathan einen niederen Status, er
sitzt im Gefängnis, und tiefer kann man kaum sinken. Er wird
verhöhnt, erhält nicht genug Nahrung, und er ist krank. Man läßt
keinen Sonnenstrahl an ihn herankommen und schikaniert ihn
die ganze Zeit. So ist das in dieser Welt, einer Schein-Welt,
einer verkehrten Welt. Doch in den Augen G~ttes hat Jonathan
hohen Wert, einen höheren als Millionen Juden in Amerika und
hier, einen höheren Wert als Politiker und Toraschüler! Auch
nachdem er bereits gefaßt war, opferte er sich weiter, damit sich
seine Verbindungsleute in Sicherheit bringen konnten.

Jonathan ist unser "Rabbi" in Sachen Opferbereitschaft. In
Erfüllung des Gebotes unseres Kampfes für ihn heben wir diese
Opferbereitschaft besonders hervor und setzen sie über alles.
Und er ist darin unser Lehrmeister. Wir möchten unseren
Lehrmeister gerne hier bei uns haben. Wir sind alle ein wenig
opferbereit, und er hat eine große Opferbereitschaft. Wir wollen
ihn hierhaben, zu seinem und unserem Besten. Für das Volk
Israel. Für die Gerechtigkeit und die Anständigkeit, das Unrecht
aus der Mitte der Menschheit zu entfernen.

Dieser Kampf ruht auf seinen Schultern. Diesen Kampf werden
wir weiterführen bis zu seiner Befreiung, bald und in unseren
Tagen.
 

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