DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT ACHAREJ MOT
Nr. 509
14. Nissan 5765

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel

Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Lev. 16,1-18,30):
Jom Kippur: Vorschriften für den Hohepriester, Opferdienst und 
Feiertag; Fleischgenuß nur von Opfertieren (während der 
Wüstenwanderung); Verbot des Blutessens; Verwandte usw., 
die zu heiraten verboten ist; weitere Sittlichkeitsgebote, um die 
Greuel der Kana'aniter und die Vertreibung aus dem Lande 
Israel zu vermeiden. 

Schabbat Hagadol - Erew Pessach
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Warum ist diese Nacht unterschieden...?

Rav Iti'el Ari'el
Gemeinderabbiner in Bet Schemesch

Die Frage des Kindes bildet den Auftakt zum zentralen Gebot 
der Sedernacht, die Erzählung vom Auszug aus Ägypten, ein 
Gebot, das der Vater gegenüber seinem Sohn zu erfüllen hat - 
"Und an jenem Tage sollst du deinem Sohne erzählen..." (Ex. 
13,8). Diese Frage berührt den Unterschied, den diese 
erhabene Nacht im Vergleich mit anderen Nächten so 
besonders macht, "zur Stunde, wenn Matza und Maror 
[Bitterkraut] vor dir liegen", der durch die vier speziellen Fragen 
verdeutlicht wird, in denen der Sohn die charakteristischen 
Abweichungen der Sedernacht von allen anderen Nächten eine 
nach der anderen aufzählt. Nach der Erklärung des Talmud 
dienen wenigstens ein Teil dieser Änderungen einzig und allein 
diesem Ziel - "damit die Kinder Fragen stellen", und darum ist 
dabei kein tieferer Sinn zu suchen, nur ein Mittel, die Neugier 
der Kinder auf die Geschichte vom Auszug aus Ägypten zu 
erwecken. Solche Anregungn sind notwendig, damit sich die 
Erzählung der Hagada nicht nur an die intellektuelle Seite des 
Kindes wendet, sondern auch und vor allem an seine Gefühle 
und seinen Sinn des Erlebens.

Die Hagada-Kommentatoren diskutierten die Frage, welchen 
Sohn der Autor der Hagada vor Augen hatte, als er die vier 
Fragen verfaßte, und kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen. 
Manche halten sie für einen einstudierten Vortrag, den das Kind 
hält, das nicht genug Verstand hat, schon selber Fragen zu 
stellen, oder zumindest als Darstellung der Seelenwelt des 
einfältigen Sohnes, auf den die Änderungen wohl einen 
Eindruck machen, dessen Verstand aber nicht ausreicht, den 
Dingen auf den Grund zu gehen. Andere wiederum sehen in 
diesen Fragen den "weisen Sohn", dessen Psyche ihn zum 
Nachforschen über das Wesen und die Inhalte des 
Freiheitsfestes antreibt, was im Worte "ma" (des "Ma 
nischtana"), von "Mahut", Wesen, angedeutet wird. 

Bei etwas intensiverer Beschäftigung mit den in den vier Fragen 
erwähnten Unterschieden lassen sich allerdings ganz 
gegensätzliche Bestrebungen ausmachen. Zwei der Fragen 
betreffen unser besonderes Verhalten in der Sedernacht, 
nämlich als freie, unabhängige Menschen, die sich zu Tische 
legen und ihr Essen zweimal eintunken, um den Appetit 
anzuregen, wohingegen die beiden anderen Fragen das 
Gegenteil betonen, die uns das Sklavendasein durch das Essen 
von Bitterkraut fühlen lassen, und die Armut durch Zuteilung 
einiger Scheiben harten Brotes. Bevor der Sohn "Ma nischtana
fragt, müssen wir uns selber nach der Bedeutung dieses 
Widerspruchs fragen, der der komplizierten, alltäglichen 
Wirklichkeit entspringt, die wir zu ändern daherkommen. Ist 
denn die Wirklichkeit, in der wir leben, eine erwünschte, und die 
Änderungen sollen uns nur die Größe des Wunders 
verdeutlichen, das uns ermöglichte, zu dieser Nacht des Essens 
von Matza und Maror zu gelangen, oder ist diese unsere 
Wirklichkeit keine so ideale, und wir sollten lieber nach wahrer 
Freiheit streben, die wir uns in unserem täglichen Leben nicht 
erlauben dürfen?

Dieser Widerspruch demonstriert unsere Situation auf halbem 
Wege zwischen extremer Knechtschaft und absoluter Freiheit, 
und darum empfangen wir so widersprüchliche Signale. Dem 
äußeren Anschein nach können wir mit einigem Stolz auf 
zentrale Merkmale von individueller und nationaler Freiheit 
verweisen, doch in unserem Herzen wissen wir nur zu gut, 
welche inneren Zwänge und äußerlichen Schwächen sie 
begleiten. Vielleicht brechen wir die Matza deshalb in zwei Teile, 
um zwischen dem "halbvollen Becher" und dem "halbleeren" zu 
unterscheiden. 

Diese komplizierte Realität sollte in dieser Nacht gerade durch 
die Abweichung von der Norm untersucht werden. Die 
Änderungen zeigen auf, wie zerbrechlich unsere Freiheit ist, und 
welcher kleine Schritt uns und unsere Nachkommen von der 
absoluten Knechtschaft in Ägypten trennte. Nur wenn wir die 
Fundamente von Freiheit und Sicherheit, auf die wir uns 
stützen, nicht als selbstverständlich voraussetzen, können wir 
nach voller Freiheit streben, einer vollkommeneren als die in der 
uns bekannten Wirklichkeit. Daraus ergibt sich, daß die 
Änderung, die "mit der Schmach beginnt" (Mischna Pessachim 
116a) und uns an die Sklaverei in der Vergangenheit erinnert, 
nicht Mittel, sondern Zweck ist, weil sie uns für die Änderung 
empfänglich macht, die "mit dem Ruhme schließt" (ebda.), der 
sich uns bald in unseren Tagen offenbaren möge. 
 
 
 
HaRav Aviner

Wen es hungert

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

"Wen es hungert, der komme und esse, wer in der Not, der 
komme und feiere mit das Pessachfest" (Pessach-Hagada). 
Jeder, der hungrig ist, komme und esse. Jeder, der dazu 
verpflichtet ist, komme und esse vom Pessachopfer.

Dazu gibt es eine Frage: Das Pessachopfer darf doch nur von 
denen verzehrt werden, in deren Namen es von Anfang an 
geschlachtet wurde? Antwort: Richtig; hier ist die Rede davon, 
daß der Arme von Anfang an dazu eingeladen war. Andere 
Antwort: Diese Regel gilt in der Galut (Exil), wo gar kein 
Pessachopfer dargebracht wird; und sicherlich gibt es noch 
andere Antworten. 

Eine Frage allerdings bleibt ohne Antwort: Was ist mit den 
Armen, die keiner einlädt, und die hungrig bleiben? "Wen es 
hungert" zu sagen ist einfach, aber Geld für die Armen zu 
geben, das ist schon eine ganz andere Geschichte. 

Wir reden hier nicht von Armen, wie sie für statistische Zwecke 
definiert werden, denn dann gelangen wir zu einer Zahl von 24 
Prozent der Bevölkerung (1,2 Millionen), denen wesentliche 
Dinge fehlen; vielmehr reden wir von wirklich Hungernden.

Zu unserer großen Schande gibt es wirklich Hungernde im 
Staate Israel. 12% (600.000 Juden) leiden an einem "Mangel an 
Nahrungssicherheit". Eine schöne Umschreibung für "hungrig". 
Zwei Drittel davon (400.000) haben einen "mäßigen Mangel an 
Nahrungssicherheit", d.h. die Eltern lassen manchmal eine 
Mahlzeit aus, und auch, wenn es etwas zu essen gibt, besteht 
das Menü meist aus Brot, Nudeln und Reis, also unzureichend 
in gesundheitlicher Hinsicht wegen Mangel an Vitaminen, 
Mineralien und anderen wichtigen Bestandteilen.

4% der Bevölkerung fallen in die Kategorie "schwerer Mangel 
an Nahrungssicherheit", d.h. wirklich hungernd, wenn auch die 
Kinder Mahlzeiten auslassen müssen. 13,5% aller Kinder gehen 
mindestens einmal in der Woche hungrig zu Bett. Gleichzeitig 
sind sie zu dick - und das ist kein Widerspruch, weil der 
Hauptteil ihrer Ernährung aus billiger und kalorienreicher, aber 
ungesunder Nahrung besteht.

Das ist eine schwerwiegendere Frage als die vier Fragen des 
"Ma Nischtana". Wo bleibt unsere Nächstenliebe? Wir 
verschwenden Geld für unnötige Dinge, und für Kinder haben 
wir nichts übrig! In der Halacha gibt es den Begriff des "dein 
Leben hat Vorrang vor dem Leben deines Nächsten" (Baba 
mezia 62a). Dem fügten die Rabbiner allerdings hinzu: Wohl hat 
dein Leben Vorrang vor dem Leben deines Nächsten, aber dein 
Luxus hat keinen Vorrang vor dem Leben deines Nächsten 
(Tanja, "Igrot Kodesch" §15 u.a.). 

Auch 20% der Pensionäre leiden Hunger, 7% davon mit 
"schwerem Mangel an Nahrungssicherheit" (s.o.). Viele von 
ihnen (25%) stehen tagtäglich vor dem Dilemma, wie sie ihre 
spärlichen Mittel einsetzen: 1. Nahrung, 2. Heizung, 3. 
Medikamente. Am Ende fehlt es ihnen an allen drei Dingen.
1. Unausgeglichene Nahrung - kein Fleisch, kein Geflügel, keine 
Milchprodukte. Obendrein lassen sie Mahlzeiten aus, alles 
wegen Geldmangel.
2. Kälte im Winter - (32%) führt bei 40% der Fälle zu 
Gesundheitsproblemen. 15% haben kein warmes Wasser im 
Winter, 5% nur einmal, 10% zweimal in der Woche.
3. Gesundheitsprobleme bleiben unbehandelt, wie beim Sehen 
und Hören (12%) und Zähne (22%). Dabei haben wir noch nicht 
erwähnt, daß 20% wegen Geldmangel auf Telefonkontakt oder 
Besuche (17%) verzichten. Sind Sie immer noch sicher, daß wir 
"Vor einem grauen Haupte stehe auf und ehre den Greis" (Lev. 
19,32) erfüllen?! 

G~ttseidank gibt es in unserem Lande viele Volksküchen, die 
tagtäglich an Tausende Menschen Mahlzeiten verteilen oder sie 
ihnen ins Haus schicken, wenn sie wegen Behinderung nicht 
selbst kommen können, oder aus Scham. Es gibt übrigens auch 
welche, die unter keinen Umständen fremde Hilfe annehmen 
wollen, und jede Woche sterben einige von ihnen. Jawohl, 
sterben! Die Volksküchen versorgen auch Kinder, deren Eltern 
ihnen nichts mit in die Schule geben können. 

Selbstverständlich tut der staatliche Sozialdienst alles, was in 
seiner Macht steht, um zu helfen, doch seine Mittel sind 
begrenzt. Im Allgemeinen steht die Sozialhilfe nicht an 
vorderster Stelle der staatlichen Prioritäten. Auch zeigen sich 
die meisten Bürger wenig beunruhigt über das Problem. Die 
Satten hören nicht gerne von Hungrigen. Sie nehmen lieber an 
einem teuren Dinner teil, das sie nicht nötig haben, statt Geld an 
Arme zu geben, die es wirklich brauchen. 

Wo bleibt die Anhänglichkeit an die Eigenschaften G~ttes, 
"barmherziger G~tt" (Dt. 4,31), "gütig ist der Ewige gegen alle, 
und sein Erbarmen ist über all seine Werke" (Psalm 145,9)? 
Wer folgt den Wegen unseres Vorvaters Awraham, die sich 
durch Großzügigkeit in der Gabe von Essen, Trinken und 
Unterkunft auszeichneten? Er lud sich Gäste ein mit den 
Worten: "Es werde nur geholt ein wenig Wasser... und ich will 
holen ein Stück Brot..." (Gen. 18,4-5), doch stellte sich schnell 
heraus, daß er zu den Gerechten gehörte, die wenig reden und 
viel tun (Baba mezia 87a). Wer folgt denn den Wegen unseres 
Lehrers Moscheh, der die Töchter Jitros benachteiligt sah, "und 
stand ihnen bei und tränkte ihre Schafe" (Ex. 2,17)? Wer hält 
sich an "verhärte nicht dein Herz... vor deinem dürftigen Bruder" 
(Dt. 15,7)? 

Manche mögen nun sagen, "Wohl möchte ich gerne den Armen 
und Bedürftigen helfen, aber ich habe kaum genug für mich 
selber!" - Sicher, nach all der Geldvergeudung für überflüssiges 
Zeug für dich und deine Familie!

So lautet das Prinzip: Gegen dich selbst sei sparsam und nicht 
verschwenderisch, und gegen die Armen zeige Großzügigkeit 
und nicht Geiz. Denk daran: ein Geizhals wird von der Tora 
"niederträchtig" genannt (Dt. 15,9)! Beschränke deine 
Ausgaben, begnüge dich mit dem Minimum und erfülle "zu 
beleben den Mut des Gebeugten, und zu beleben das Herz der 
Niedergeschlagenen" (Jeschajahu 57,15). So wird die Welt 
erbaut, "durch Gnade wird die Welt erbaut" (Psalm 89,3), und 
auch dir wird es besser gehen. Wenn du in der Klemme steckst, 
versuche nicht alle möglichen Tricks und Wundermittel, sondern 
"Gebet, Umkehr und milde Gaben wenden das böse Urteil ab" 
(aus dem Gebet an den hohen Feiertagen).
 
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
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