DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT SCHLACH LECHA
Nr. 464
23. Sivan 5764
 

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Num. 13,1-15,41):
12 Fürsten kundschaften das Land Kana'an aus; 10 bringen
positiven, aber entmutigenden Bericht, 2 optimistisch und
verweisen auf göttlichen Beistand; Volk hört auf
Mehrheitsbericht, göttliche Strafe: 40 Jahre Wüste, bis
Ungläubige ausgestorben sind; jetzt wollen sie doch, aber G~tt
läßt sie nicht mehr; weitere Opfergesetze; Strafe für
G~tteslästerung; der Holzsammler am Schabbat; Zizit.
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Murren oder glauben

Rav Se'ev Karov
Leiter der Jeschiwa in Karnej Schomron

"Und alle Kinder Israel murrten gegen Moscheh und gegen
Aharon, und die ganze Gemeinde sprach zu ihnen: Wären wir
doch im Lande Ägypten gestorben, oder stürben wir doch in
dieser Wüste!" (Num. 14,2). Und etwas weiter: "Wie lange
(friste ich) dieser bösen Gemeinde, die wider mich murret? Das
Murren der Kinder Israel, das sie wider mich erheben, habe ich
gehört" (V.27).

Diese Stimmung des sich Beschwerens begann bereits im
vorigen Wochenabschnitt. Es fängt alles hochidealistisch an, in
Erhebung und Licht, mit den Lichtern des Leuchters im
Wüstenheiligtum - und geht weiter mit einer Flut von
Nörgeleien. Ohne jeden Grund beginnen die Beschwerden: "und
es war das Volk wie Murrende" (Num. 11,1), weiter geht es in
einer Atmosphäre des Hervorkehrens der bestehenden
Probleme und Schwierigkeiten, später wird das Gute vergessen
und als Schlechtes erinnert, und am Ende wird selbst die größte
Abwegigkeit in positive Erwägung gezogen. Das Volk Israel
ignoriert das ihm in der Wüste widerfahrene Gute und erinnert
sich sehnsuchtsvoll an das Leben in Ägypten, als wäre es ein
Kinderspiel gewesen. Man erinnert sich an Gurken und Melonen
in einer Weise, als hätte ihnen ein ägyptischer Meisterkoch das
Essen serviert und wäre nicht unter unsäglichen Hieben und
Sklavendienst verzehrt worden.

Entsprechend sehen die Kundschafter im "Land, das seine
Bewohner verzehrt" (Num. 13,32) keine positive Ausgangslage,
die dem Eintritt des jüdischen Volkes in das Land Israel nützlich
ist, indem sich dessen Bewohner gegenseitig umbringen,
vielmehr fällt dieser Umstand ihrer Schwarzmalerei zum Opfer.

Wir sehen in unseren Tagen, wie Juden erschüttert sind über
die gerechtfertigte Zerstörung eines Hauses im Krieg gegen
mörderischen Terror, dafür aber die Zerstörung tausender
jüdischer Häuser für eine positive Sache halten. Das Rechte ist
in ihren Augen böse, und das Böse scheint ihnen gerecht und
gut.

Wie kommt es zu einer so abwegigen Betrachtungsweise?
Das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft ist nicht immer
nur ein "Rosengarten". Das Leben besteht aus Rosen, aber
auch aus Dornen. Es gibt Zeiten, in denen sich der Mensch
heiligt und einen spirituellen Aufstieg erfährt, und es gibt Zeiten,
in denen er fällt und sich verunreinigt.

Die Aufgabe des einzelnen Menschen und der Öffentlichkeit
besteht darin, so weit wie möglich den Zustand des Aufstiegs zu
erhalten und die Dornen zu beseitigen. Wer sich mit der
Beseitigung der Dornen beschäftigt, wird natürlich auch einmal
gestochen.

Manche können sich nur schwer damit abfinden, daß sich die
Welt nicht ständig im Zustand der geistigen Erhebung und
Erleuchtung befindet. Sie sehen in den Problemen und im
Bösen einen Zustand vollkommener Zerstörung und Verlustes.
Schwierigkeiten und Schicksalsschläge bringen sie zu der
Überzeugung, daß die Welt aus der Bahn gerät und niemand
darüber Kontrolle hat. Das ist die "böse Gemeinde". Wenn
jemand Schwächen im Glauben hat, erkennt er nicht den
Lenker der Welt und daß die Probleme und das Böse keinen
Verlust der Kontrolle bedeutet. Solche Menschen fühlen sich
vollkommen haltlos, wenn die Dinge nicht so ablaufen, wie sie
es sich vorgestellt haben. Sie geraten in Verwirrung und fangen
an, die Wirklichkeit verfälscht und verdreht zu sehen. Das Gute
kann plötzlich schlecht aussehen, und umgekehrt.

Auch mit der Tora vertraute Menschen können in einen Zustand
des "und die Handhaber der Tora wußten nichts von mir"
(Jirmijahu 2,8) geraten. Auch sie können der Vorstellung
verfallen, die Weltgeschichte müsse entsprechend ihren
Ansichten ablaufen, und wenn es ihnen scheint, daß dem nicht
so ist, verdrehen sie ihre Betrachtungsweise der Realität.

Nur ein Standpunkt des Glaubens gibt den Menschen Halt in
den Komplikationen der Wirklichkeit. Jehoschua ben Nun und
Kalev sprachen zum Volk: "Wenn der Ewige an uns Gefallen
hat, so wird er uns in dieses Land bringen und wird es uns
geben.." (Num. 14,8), "..fürchtet nicht das Volk des Landes,
denn unser Brot sind sie; gewichen ist ihr Schatten von ihnen
und mit uns ist der Ewige; fürchtet sie nicht" (ebda. 9). Sie
hielten sich in ihrer Beurteilung der Dinge eng an die göttliche
Planung und das Gebot der Tora, und entsprechend sahen sie
die Realität.

Darum lautet die Strafe für Jene, die die Wirklichkeit verdreht
betrachteten: "Daß sie nicht das Land sehen, das ich ihren
Vätern geschworen!" (Num. 14,23). Jene Leute sind nicht fähig,
das Gute des Landes und seinen Vorzug zu sehen.

Wir sollten allerdings nicht an der Sehkraft unseres Volkes
verzweifeln. Die Tora betont: "und es war das Volk wie
Murrende" (s.o.). Nicht wirklich Murrende, sondern wie
Murrende. Das Volk murrt und beklagt sich, aber tief im Innern
weiß es doch, daß es eine ungerechtfertigte Beschwerde ist. Es
weiß innerlich, daß man die Wirklichkeit auch anders sehen
kann, mit einer glaubensorientierten und vollkommeneren
Sichtweise.

Man muß dem jüdischen Volk helfen, seine charakteristische
positive Betrachtungsweise zu schärfen, die auch die
Fehlschläge als Bestandteil des Vollendungsprozesses der Welt
sieht.
 
 
HaRav Aviner

Israel lebt!

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Mit gebrochenem Herzen denken wir an die Katastrophe, die
eine Mutter mit ihren Kindern in die höheren Gefilde riß durch
jene arabischen Erzverbrecher [beim Anschlag an der Grenze
zum Gasastreifen].

Wenn wir uns allerdings dem Verlangen zuwenden, die göttliche
Hand in diesem tragischen Ereignis zu erkennen, müssen wir
uns in Demut fassen und eingestehen, daß wir die göttliche
Fügung nicht immer in die unserem Verstand gesetzten
Grenzen zwängen können.

Darum haben wir keine spezifischen Erklärungen für jedes
Geschehnis, wie es in der Mischna "Sprüche der Väter" heißt:
"Wir haben keinen Aufschluß weder über das Glück der Frevler,
noch über die Leiden Frommer" (4,19). Darin hat sich seitdem
nichts geändert, und so können wir zu diesem furchtbaren
Vorfall keine neuen Antworten geben, neben den Lehren der
Tora, der Propheten und der Weisen aller Generationen. Wir
wissen nur, was in unserer heiligen Tora steht, die ewiglich für
alle Generationen gilt, und sie lehrt uns, daß es viele Probleme
gibt in dieser Welt, die von Rabenu Tam (Rabbiner aus der
Periode der Rischonim) "Wohnstätte des Mühsals" genannt
wurde (Sefer Hajaschar).

Dieser Zustand gilt g~ttbehüte nicht als Panne, sondern gehört
zum Plan der göttlichen Lenkung, wie Rabbiner Moscheh
Chajim Luzatto im ersten Kapitel seines Buches Messilat
Jescharim ("Der Weg der Frommen") ausführlich erklärte.
Demnach muß der Mensch ständig in einem Mehrfrontenkrieg
bestehen, und er wird daran gemessen, wie er sich als "Soldat"
bewährt und das Licht der kommenden Welt erreicht. Je
erhabener eine Sache ist, um so mehr Versuchungen müssen
auf dem Wege ihres Erlangens überwunden werden. Darum
führt der Weg zur kommenden Welt, wegen ihrer Eigenschaft
als eine ganz andere, erhabene Welt, über Leiden. Gleiches gilt
für das Erlangen der Tora in ihrer Eigenschaft als eine höhere
spirituelle Wirklichkeit als die unsere, wie auch für das Land
Israel, das zwar zur diesseitigen Welt gehört, dennoch aber
über eine über die Natur hinausgehende Heiligkeit verfügt
(siehe "Ejn Aja" zu Brachot, 1.Kap., §32). So lehrte uns Rabbi
Schimon bar Jochai, der Urvater aller Kabbalisten, der die
Schwierigkeiten im Lande Israel nicht in den Bereich der
Geheimlehren verwies, sondern sagte: "Drei gute Gaben
schenkte der Heilige, gepriesen sei er, Israel; alle aber wurden
nur durch Züchtigungen erworben. Und zwar: die Tora, das
Israelland und die zukünftige Welt" (Brachot 5a).

Und wenn wir jedem einzelnen Vorfall, im Guten wie im Bösen,
seinen genauen Platz in der Ablaufordnung der Erlösung
zuweisen wollten, könnten wir leicht die Warnung der
talmudischen Weisen mißachten, sich nicht mit der Berechnung
der Endzeit zu beschäftigen, oder wie es Maimonides
ausdrückte, daß alle diese Dinge kein Mensch im voraus wissen
kann, sondern erst, wenn sie tatsächlich stattfinden, denn die
Propheten machten dazu lediglich verschwommene Angaben,
zu denen selbst den talmudischen Weisen keine begleitende
Überlieferung vorlag, und außerdem bedeuten die Einzelheiten
des Ablaufs der Erlösung kein Grundprinzip unseres Glaubens.
Darum sollte man auf dieses Thema keine Zeit vergeuden, denn
es bringt keine zusätzliche Himmelsfurcht oder Liebe zu G~tt,
"sondern warte es ab und glaube daran im Allgemeinen"
(Gesetze von Königen und Kriegen, 12. Kap., Hal.2); im
Allgemeinen sehen wir einen deutlichen Fortschritt der
Erlösung, und nach der Natur der Dinge ist dieser Weg mit
Schwierigkeiten gepflastert.

Soweit die allgemeine Rechnung, die wir allgemein verstehen.
Was aber das Einzelschicksal angeht, dazu wissen wir gar
nichts. Wir verstehen, wenn es in den Kriegen Israels Opfer
gibt, sei es auf dem Schlachtfeld, sei es durch Terror, in dieser
Beziehung besteht dabei kein Unterschied, wir können aber
nicht sagen, warum es Diesen und nicht Jenen getroffen hat,
denn dabei spielen die Geheimnisse der Seelen eine Rolle.

Die talmudischen Weisen lehrten uns, daß G~tt jedem
Menschen eine bestimmte Lebensspanne zumißt (Jewamot
50a), und wenn die Zeit um ist, kann nichts in der Welt den
Todesengel aufhalten. Er findet seine Opfer, wo immer sie sein
mögen: "es gilt keine Gewalt am Tage des Todes" (Kohelet
8,8), man kann auf ihn keine Gewalt ausüben und seinen
Auftrag nicht ändern. Wir wissen nicht, wielange jeder leben
wird, warum nicht mehr und warum nicht weniger. König David
hatte genau 70 Jahre zu leben, nicht mehr und nicht weniger,
weil er diese Zeit von Adam erhalten hatte, der statt 1000 Jahre
"nur" 930 Jahre lebte. Die Länge des Lebens hängt nicht nur
von den Verdiensten des Menschen ab. "Kinderzahl,
Lebensdauer und Broterwerb hängen nicht von der
Verdienstlichkeit ab" (Jewamot 50a, Tossafot, nach Mo'ed
Katan 28a). Ob der Mensch Kinder hat, reich oder arm ist, ein
langes Leben lebt oder nicht, hängt nicht unbedingt von seinen
Taten ab, sondern auch von höheren göttlichen Ursachen.

Es gibt keine Zufälle: "Niemand verletzt sich den Finger
hienieden, ohne daß dies droben verhängt worden ist" (Chulin
7b), und wenn das sogar für einen kleinen Schlag zutrifft, dann
doch erst recht, daß der Todestag nicht vom Zufall bestimmt
wird. Wenn es G~tt mit dem Betreffenden gutmeint, läßt er ihn
in Heiligung des göttlichen Namens sterben, für die Tora, das
Volk oder das Land Israel. Wenn es G~tt weniger gut mit ihm
meint, stirbt er an einer Überdosis Drogen o.ä. Die Lebensdauer
an sich gehört jedoch zu den Geheimnissen der Seelen.

Bis hier war vom Individuum die Rede; was die Gemeinschaft
angeht, bestimmte G~tt, daß die Erlösung auch auf natürlichem
Wege erfolgen könne, nicht unbedingt durch Wunder, und weil
wir hunderte Millionen Feinde von außen und Millionen Feinde
von innen haben, können wir uns selber vorstellen, daß unser
Unabhängigkeitskrieg, der 5708/1948 anfing und bis heute
andauert, allem Anschein nach noch eine ganze Weile
weitergehen wird, mit all seinen Begleiterscheinungen, so wie
es jedem Land auf der Welt ergeht, das um seine
Unabhängigkeit kämpft.

G~tt hat uns eben nicht versprochen, daß die Erlösung auf
jeden Fall durch Wunder erfolgen werde, sie kann vielmehr
auch auf natürliche Weise geschehen - schließlich und endlich
besteht auch die Natur aus Wundern.

G~tt hat uns auch nicht versprochen, daß es in unserer Nation
keine Schwächen und Irrtümer geben werde. "Ja, da ist kein
Mensch gerecht auf Erden, der das Gute tue und nimmer fehle!"
(Kohelet 7,20). Ebenso gibt es keine Knesset und keine
Regierung, die nur Gutes tue und nimmer fehle.

Das ist das Prinzip: Niemand kann historische Begebenheiten
punktuell deuten, wir wissen nur allgemein, daß die Endzeit
angebrochen ist und daß wir Stück um Stück mit
Riesenschritten vorankommen. Das ist nicht etwa ein
optimistischer oder positiver Ausblick, sondern ganz
offensichtliche Realität. Man muß nämlich wissen, daß
Schnelligkeit bezüglich der Allgemeinheit nicht dasgleiche
bedeutet wie Schnelligkeit beim Individuum. Die 49 Tage des
Omerzählens gehen schnell vorüber, und für die Allgemeinheit
gehen die 49 Jahre bis zum Jowel-Jahr schnell vorüber.

Wenn wir davon reden, wie wir vorankommen, meinen wir nicht
unbedingt den Einzelnen, sondern die Allgemeinheit. Einzelne
bleiben g~ttbehüte auf der Strecke, aber die Gesamtheit
marschiert immer vorwärts.

Darum, erklärte Rabbiner A.J.Kuk, wird das Gebot des Krieges
nicht vom Gebot des Hütens des Lebens verdrängt, weil dieses
Gebot der Allgemeinheit obliegt, und die Öffentlichkeit besteht
auf Dauer. Der Einzelne ist als solcher nicht zum Krieg
verpflichtet, sondern nur als Bestandteil der Allgemeinheit, weil
die Allgemeinheit immer weiterlebt (Igrot Hara'aja III, S.259).
Das Volk Israel lebt! Am Jisrael chaj! Od awinu chai!
 
 

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