DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT RE'E
Nr. 473
27. Aw 5764
 

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 11,26-16,17):
Segen und Fluch - abhängig von freier Entscheidung;
Vorschriften bezügl. des Opferdienstes, falsche Propheten,
koschere Tiere, Erlaßjahr, Pessach-, Sukkotopfer.
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Verschiedene Begierden

Rav Se'ev Karov
Leiter der Jeschiwa in Karnej Schomron

Einerseits schildert die Tora Begierden [Ez. Ta'awa, Mz.
Ta'awot] als etwas Negatives: "Und das aufgeraffte Gesindel,
das unter ihm war, fühlte ein Gelüste..." (Num. 11,4). Obwohl
das Man ("Manna") jeden Geschmack annehmen konnte, fühlte
das Gesindel eine Gier - ein Verlangen nach etwas Unnötigem.

So auch bei der Sünde des ersten Menschen und seiner Frau:
"Und es sah das Weib, daß der Baum gut war zum Essen und
eine Lust für die Augen".. (Gen. 3,6); anscheinend war diese
Lust schuld an ihrem Versagen und am Übertreten des
göttlichen Gebotes.

Andererseits erscheint die Begierde in vielen Versen der Tora
als etwas Positives. In unserem Wochenabschnitt wird die
Begierde bei drei verschiedenen Themen mit positiver
Bedeutung erwähnt: Beim Essen von nicht zum Opferdienst
geheiligtem Fleisch, von geheiligtem, aber durch ein Makel vom
Opferdienst disqualifiziertem Fleisch, und der Auslösung des
Zehnten. Bei Jakovs Segen über Josef heißt es: "..bis zum
Streben der ewigen Hügel" (Gen. 49,26).

Ta'awa kommt vom Wortstamm Awa, Wille. Die Begierde ist ein
Ausdruck des Willens, der den Menschen zur Ausführung von
Taten oder auch zur Zurückhaltung bewegt. Der Wille ändert
den Menschen und treibt ihn an. Darum erscheint der Ausdruck
Ta'awa auch im übertragenen Sinne und als Neigung: "Und
markiert ab für euch zur Grenze an der Morgenseite.." (Num.
34,10).

Daraus ergibt sich von selbst die doppelte Bedeutung einer
positiven und einer negativen Begierde. Es gibt einen positiven
Willen und einen negativen Willen. Es gibt eine äußerliche
Begierde, die bei den Augen beginnt, "eine Lust für die Augen"
(s.o.). Es handelt sich nicht um ein wirkliches Bedürfnis des
Menschen, sondern um einen äußerlichen Reiz, der zur
negativen Begierde führt.

Und dann gibt es die positive Begierde. Hinter dieser Begierde
steht ein echtes Bedürfnis, das dem Menschen vom Schöpfer
eingepflanzt wurde. So wird in unserem Wochenabschnitt
betont: "..weil deine Seele Fleisch zu essen begehrt,.. wie es
immer deine Seele begehrt.." (Dt. 12,20), das will uns lehren,
daß es hier um eine echte Begierde geht, deren Ursprung im
Inneren der Seele liegt und nicht in äußerlichen Anreizen.

Jedes Wollen, das dem Inneren der Seele entspringt, hat
wenigstens eine gute Seite, auch wenn es nicht im Ganzen gut
ist. Der Talmud erzählt von der Gattin des Rav Nachman, einer
in der Tora bestens bewanderten und g~ttesfürchtigen Frau, die
zu Rav Nachman sprach: "Ich möchte Fleisch mit Milch essen".
Was hatte es mit dieser Bitte auf sich, wo sie doch das Verbot
des Essens von Fleisch mit Milch genau kannte?

Dazu erklärte Rabbiner Charlap, daß sie ihren Mund mit
Weisheit öffnete: "Weil es nicht angeht, daß ein Wille existiert
für etwas, das es absolut nicht gibt. Und wenn es eine innere
Lust gibt auf irgendeine Sache, kann es nicht sein, daß diese
Lust im Hinblick auf die negativen Aspekte dieser Sache
erzeugt wurde, vielmehr ist diese Lust auf die erlaubten Aspekte
ausgerichtet, nur daß der Mensch mit dem Erlaubten und dem
Verbotenen durcheinanderkam".

Entsprechend hat jede menschliche Neigung ihren Ursprung
beim Schöpfer, und darum muß es für sie auch eine erlaubte
Ausdrucksform geben. Darum gelang es Rav Nachman, eine
erlaubte Möglichkeit zur Erfüllung des Wunsches seiner Frau zu
finden. Das ist auch die Bedeutung des Spruches der
talmudischen Weisen, man müsse G~tt mit beiden Trieben
dienen, mit dem guten Trieb und mit dem bösen Trieb. Es ist
nicht unsere Aufgabe, den bösen Trieb zu unterdrücken und
vollkommen abzuwürgen, sondern ihn zu dem in ihm
enthaltenen positiven Aspekt hinzuneigen. "Böser Trieb"
bedeutet die Neigung zu einer im Grunde schlechten Sache,
wobei allerdings die Möglichkeit zur Hinwendung zu ihrer
positiven Ausdrucksform besteht.

Sicher ist das kein so sehr einfaches Unterfangen. Darum
macht es die Schrift vom Aufenthalt im Lande Israel abhängig.
Das Land Israel kann das Weltliche heiligen und das Unreine
reinigen.

In den Begierden der Seele offenbart sich die vom Schöpfer
geschaffene Natur. Im Lande Israel kann man sie in
Sublimierung und Ausgewogenheit ausleben, die diese
Begierden zu ihren positiven Seiten ausrichten.

Eine großartige Botschaft für Israel und die Welt, daß sich alle
Komponenten des Lebens heiligen und purifizieren lassen, und
keine Notwendigkeit besteht, dem irgendeine Neigung unseres
Lebens zu opfern. Das ist aber auch ein hoher Anspruch und
eine gewaltige Herausforderung. Wir müssen unser Leben
entsprechend unserer inneren Welt ausrichten, so daß unsere
Seele ihre inneren Begierden hervorbringt und nicht nach
fremder Lebensart strebt, die sich auf den Anreiz der Sinne und
der Seele mit oberflächlichen Begierden konzentriert, die
unserer inneren Wahrheit wesensfremd sind.

Es gibt kein Leben ohne Begierden und keinen Menschen ohne
Triebe. Die Begierden und die Triebe bringen das Leben hervor
und begründen die Hoffnung der Welt, ebenso wie sie sie in
tiefsten Schmutz ziehen können. Die reißende Strömung
unserer Tage zur "Lust für die Augen" ist besonders stark.
Darum ist die authentische Erziehung des Menschen zu
vertiefen, die die Begierden auf den innerlichen, positiven Pfad
lenkt. So eine Begierde ist nicht nur erlaubt, sondern sogar
geboten.
 
 
HaRav Aviner

Brief an die Freundin

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Vielen Dank, Naomi, für die gute Botschaft. Ich freue mich mit
Dir über Deine Heiratspläne. Möge mir G~tt helfen, auch bald
einen Schidduch zu finden.

Ich möchte Dir nur vorher etwas sagen. Ich bin sicher, daß Du
mir deswegen nicht böse sein wirst; aber - lade nicht die ganze
Welt zur Hochzeit ein. Ladet nicht alle seine Freunde ein, ladet
nicht alle Deine Freundinnen ein, ladet nicht weitläufige
Verwandte ein.

Erinnerst Du Dich noch an Pnina? Das war eine große und
prächtige Hochzeit. Die hat ihren Eltern wirtschaftlich das
Genick gebrochen. Mir bricht das Herz, wenn ich daran denke.

Und die Geschichte mit Dina? Ihre Eltern borgten für die
Hochzeit überall Geld, wo sie nur konnten, und haben es bis
heute nicht geschafft, diese Schulden abzuzahlen.

Ich flehe Dich an: mach eine kleine und einfache Hochzeit. Ich
verspreche Dir, es wird fröhlich zugehen. Bestell kein teures
Essen. Es geht auch einfach. Ich komme ja nicht wegen des
Essens. Ich komme, um mich mit Dir zu freuen und zu tanzen.
Essen habe ich auch zuhause. Überhaupt ist das Essen auf den
Hochzeiten gar nicht gesund. Nach der Hochzeit von Siwa,
wenn Du Dich erinnerst, bin ich anderthalb Tage nicht vom
Lokus heruntergekommen.

Opa und Oma erzählten mir von ihrer Hochzeit, die sie an einem
Freitagnachmittag feierten, um eine Festmahlzeit zu sparen,
und damit nicht soviele Gäste kommen. So hielten es damals
Alle wegen der großen Armut im Lande. Auch in Russland und
Polen war das so üblich, aus dem gleichen Grund. Einmal
erzählte Rabbiner Mordechai Elijahu (sefardischer Oberrabbiner
Israels bis vor einigen Jahren) in einem Vortrag über Halacha,
wie einmal Rabbiner Moscheh Isserles, vor vielen Jahren
Oberrabbiner der polnischen Juden, eine Hochzeitszeremonie
kurz vor Eintritt des Schabbats leitete, als plötzlich ein Streit um
irgendeine Angelegenheit ausbrach, dessen Schlichtung bis
nach Einbruch der Dunkelheit dauerte. Obwohl es schon
Schabbat war, führte er die Trauung durch, wodurch er sich die
Opposition anderer Rabbiner zuzog. Dennoch bestand er auf
seiner Ansicht und bewies, daß in so einer Notlage eine
Trauung auch am Schabbat durchgeführt werden darf
[Schulchan Aruch O.C. 339,4]. Auch meine Kusine Schuli vom
Kibbuz heiratete kurz vor Schabbat, um Essen und Gäste zu
sparen, denn sie und ihr Verlobter studierten auf Kosten des
Kibbuz und hielten es für unfair, der Allgemeinheit noch mehr
Kosten zu verursachen.

Nimm Dir nicht zu Herzen, was ich Dir hier schreibe. Das
Wichtigste ist nicht der Aufwand, sondern der Gesang, das
Tanzen, die Freundschaft und die fröhliche Atmosphäre.

Auch beim Orchester beschränke Dich auf das Minimum.
Eigentlich braucht man gar keins. Als meine Eltern heirateten,
kamen sie ohne Orchester aus. Vier Stunden tanzten sie mit
ihren Freunden ununterbrochen und sangen. Ich habe einmal
die Tonbandaufnahme davon gehört. Und wie Du siehst, bin ich
trotzdem geboren und gut aufgewachsen.

Auf Blumen auf den Tischen kann man sehr gut verzichten. Das
kostet zwar nicht so viel, es ist aber trotzdem schade ums Geld.
Du bist ja die Blume des Abends.

Weißt Du, neulich, an einem Freitagnachmittag, ging ich am
Wochenmarkt vorbei und sah dort zwischen den
Gemüseständen Leute in den Abfällen herumstöbern, um
vielleicht noch etwas Eßbares zu finden, etwa angematschte
Tomaten, geplatzte Gurken oder gebrochene Mohrrüben. Mir
kamen die Tränen. So eine Schande! Gib das Geld für Blumen
an die Hungernden. Das wird Dich noch schöner machen, noch
strahlender.

Deine Eltern sind nicht gerade reich. Ich bitte Dich. Aber auch
Sahava, die nächsten Monat heiratet und deren Eltern nur so
vor Gold strotzen, habe ich dasgleiche gesagt. Auch reiche
Leute sollten kein Geld verschwenden, es ist einfach schade
darum, und außerdem fühlen sich weniger Wohlhabende unter
gesellschaftlichen Druck gesetzt, es ihnen gleichzutun. Im
gleichen Vortrag erwähnte Rabbiner Elijahu, wie die Rabbiner
früher alle möglichen Verfügungen erließen, damit die Reichen
ihre Hochzeitsausgaben einschränkten und die Armen nicht
beschämt würden.

Und hinterher wird soviel Essen weggeworfen! Das ist doch
furchtbar! Einmal hörte ich von der Frau unseres Rabbiners, die
auch selber Chumasch unterrichtet: Warum sagte unser
Vorvater Jakov: "..und gibt mir Brot zu essen und ein Kleid
anzuziehen" (Gen. 28,20)? Was denn sonst?! Vielleicht "ein
Kleid zu essen und Brot anzuziehen"?! Vielmehr wollte er darauf
hinweisen, daß es auch Kleider gibt, die nicht angezogen
werden und nutzlos im Schrank hängen, und Brot, das nicht
gegessen wird, sondern weggeworfen.

Noch etwas. Ich werde nur ein bescheidenes Geschenk
bringen. So etwa für $5,-. Du weißt doch, daß ich kein
Geizkragen bin. Du erinnerst Dich bestimmt, wie ich Dir einmal
200 Schekel lieh und Du ein ganzes Jahr daran abzahltest und
ich Dir sagte, wenn Du kein Geld hast, brauchst Du mir nichts
zurückzugeben. Aber - g~ttseidank - gibt es jetzt fast jede
Woche eine Hochzeit einer unserer Freundinnen (und ich bin
auch bald an der Reihe), und wegen all der Geschenke würde
mir kein Groschen in der Tasche übrigbleiben. Darum habe ich
allen Freundinnen mitgeteilt, nicht mehr als $5,- auszugeben.
Und auch diese Summe muß nicht sein. Du mußt nämlich
wissen, es gibt welche, die noch nicht einmal diesen Betrag
aufbringen können. Wenn Du also am Ende von uns nur ein
kleines Geschenk bekommst, dann bin ich daran schuld. Sei mir
deswegen bitte nicht böse.

Ich werde Dir noch etwas erzählen, was mich wirklich auf die
Palme brachte. Das bedrückt mich so sehr, daß ich es Dir
erzählen muß. Vor einiger Zeit war ich zu einer großartigen
Hochzeit eines entfernten Verwandten eingeladen, und man ließ
uns unterschwellig wissen, daß man ein angemessenes
Geschenk erwarte, in Begleitung eines nicht zu kleinen
Schecks, um die Ausgaben der Hochzeit zu decken. Wir
mischen uns ja nicht in anderer Leute Angelegenheiten ein,
aber meinen Eltern fällt es schwer, es ihnen gleichzutun. Darum
fragten sie Rav Elischa, der ihnen antwortete: "Im Gegenteil,
man sollte es ihnen nicht gleichtun. Es bricht einem das Herz
angesichts der Verschwendung von Geldern, die so dringend
für die Armen gebraucht werden, und diese Erscheinung darf
man nicht noch unterstützen. Im Gegenteil, wenn die Leute so
reich sind, daß sie ihr Geld auf aufwendige Hochzeiten
verschwenden können, dann brauchen sie unsere Geschenke
nicht. Wenn es sich aber um ein armes Paar handelt, das eine
sehr bescheidene Hochzeit ausrichtet, dann wollen wir gerne
zum Aufbau ihres Heimes mit einem großzügigen Geschenk
beitragen". Das hat meine Eltern aufgerichtet. Alle Achtung, Rav
Elischa! Ohne seine Hilfe hätten meine Eltern nicht den Mut
gehabt.

Und jetzt kommt etwas ganz Unglaubliches: Rav Elischa sagte
ihnen, weil sie so eine prächtige Hochzeit ausrichten, wird er
eben nicht daran teilnehmen. Das hat sie fix aufgeregt, aber das
macht ihm gar nichts. Was für eine Courage! Während ich Dir
schreibe, kommen mir die Tränen.

Ich wollte Dir noch viel mehr schreiben, denn nicht nur bei
Hochzeiten muß man sich vor Verschwendungssucht hüten,
sondern während des ganzen Lebens. Ich muß aber jetzt los zu
meiner Flötenstunde, und Du hast sicher viel für Deine Hochzeit
vorzubereiten.

Also Naomi, ich hab Dich wirklich lieb. Darum wache ich über
Dich, daß Du nicht dem Druck nachgibst. Wenn ich hoffentlich
bald heiraten werde - hat Dein Verlobter vielleicht einen Bruder?
- dann wirst Du mich behüten.
Herzlichst,
Deine Gila
 

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