DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT NOACH
Nr. 432
6. Marcheschwan 5764
 

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Gen. 6,9-11,32):
Sittenverfall, Bau der Arche, Sintflut 150 Tage, Neubesiedlung
der Erde, noachidische Gebote, Noach betrunken, Sünde
Chams, Nachkommen Schem, Cham und Jafets, Turmbau zu
Babel, Sprachenverwirrung, die Generationen bis Awra(ha)m
und Sara(i).
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Arche Noach und Arche Moscheh

Rav Se'ev Karov
Leiter der Jeschiwa in Karnej Schomron

Zweimal stand die Welt vor der vollständigen Vernichtung. Das
erste Mal in den Tagen Noachs, als der Schöpfer mit der Sintflut
die materielle Welt vernichten wollte. Das zweite Mal stand die
Welt vor der spirituellen Vernichtung, als Pharao befahl:
"Jeglichen neugeborenen Sohn sollt ihr in den Fluß werfen" (Ex.
1,22), denn dadurch wäre das Volk Israel von der Erdoberfläche
ausgelöscht worden.

Beide Male rettete eine Arche (hebr. Tewa) die Welt; in den
Tagen Noachs die Arche Noach (Tewat Noach), und in Ägypten
das Körbchen, in dem Moscheh auf dem Nil ausgesetzt wurde
(Tewat Moscheh).
Warum kommt gerade einem Wasserfahrzeug solche
Bedeutung bei der Rettung der Welt zu?

Der Welt wohnt ein natürliches Streben nach Einheit inne, ein
unterschwelliges Streben, die ganze Welt als Eines, zusammen
zu sehen. Dieses Bestreben nach dem Durchbrechen von
Trennwänden finden wir in den Grundlagen unserer Tora: "Die
Menschheit ist würdig, sich zu einer einzigen, großen Familie zu
vereinen, und dann endigten alle Streitereien und alle
schlechten Eigenschaften, die aus der Teilung der Völker
resultieren" (Rabbiner A.J.Kuk, "Orot Israel" 5,11). Nicht nur die
Menschheit, sondern auch "wohnt der Wolf mit dem Lamm"
(Jeschajahu 11,6). Dieses universale Streben bedarf allerdings
gründlicher Klärung und muß mit langem Atem und ohne
Abkürzungen entwickelt werden.

Noach lebte in einer Welt, in der es noch kein auserwähltes
Volk gab, also in einer wohl durch weniger Unterschiede und
größere Einigkeit gekennzeichneten Welt - und dennoch galt
Noach als egoistischer Gerechter.
Demgegenüber lebte Awraham bereits mit dem Konzept des
auserwählten Volkes. Es gibt einen Menschen, der vor allen
anderen erwählt wurde und in eine andere Kategorie gehört -
und gerade er entwickelte eine besondere Sensibilität für die
Ganzheit der Schöpfung und sorgte sich sogar um die
Bewohner von Sdom und Amorra.

Die universalistische Einstellung enthält in ethischer Hinsicht
verschwommene und verkommene Aspekte. Verschwommen,
weil sie dem Menschen die Flucht vor seiner Einzigartigkeit und
seiner persönlichen Aufgabe in dieser Welt ermöglicht. Das "Ich
bin wie alle anderen" bringt Leute zur Vernachlässigung des
Nachdenkens über ihr eigenes Leben, ihre Taten und ihre
Verantwortung, und läßt sie eigenes Versagen oder Unmoral
der allgemeinen Atmosphäre zuschieben. Die Verkommenheit
entsteht, weil man nicht leben kann, als gäbe es keine
Unterschiede und "Alle in der Gemeinde sind heilig" (Korach,
Num. 16,3). Jedes Kind weiß doch, daß es Unterschiede gibt
zwischen Mensch und Tier und auch unter den Menschen
selber. Der Versuch, die Unterschiede zwischen den
Geschöpfen zu ignorieren und über allgemeine Gleichheit zu
reden, führt zwangsläufig zu willkürlicher, abwegiger
Diskriminierung, aber nicht zu gerechten und ethisch fundierten
Unterschieden in den Beziehungen nach Klärung der Umstände
und Erkenntnis der darin enthaltenen Wahrheiten.

Ein gutes Beispiel dafür ist der Turm zu Babel, ein Versuch,
künstliche Einigkeit und Universalismus zu schaffen. Dort geriet
man auf eine so niedere moralische Ebene, daß man schon
nicht mehr um einen Menschen trauerte, der vom Gerüst fiel
und starb, sondern nur um den Ziegel, der bei diesem Unfall
zerbrach. Rabbiner Kuk schrieb in diesem Sinne: "Die
Weitherzigkeit, die manchmal die ganze Welt umschlingen
möchte,... muß untersucht werden. Manchmal stammt diese
Weite der Zuneigung aus stumpfem Gefühl und Verdunkelung
des Lichtes der Heiligkeit... Dann ist sie giftig, und ihre Wirkung
voll furchtbarer Zerstörung" ("Orot Israel" 8,5).

Auch heutzutage lassen sich Jene sehen und vernehmen, die
die Erhabenheit des Universalismus preisen, doch dieser
Universalismus ist höchst beschränkt und engstirnig. Da gibt es
zum Beispiel Leute, die über den Willen reden, mit den Arabern
harmonisch zusammenzuleben, ihnen zuzuhören und ihre Nöte
mitzufühlen, aber mit den Siedlern oder Charedim wollen sie gar
nicht reden! Hier zeigen sich Verwirrung und Verdorbenheit aus
Mangel an Einblick in die individuelle und die nationale "Arche".

Einerseits läßt sich die Welt nicht mit dem Ziel einen, daß Alle
gleich sein müssen, und andererseits ist es unmöglich,
Unterscheidungen nach dem kapriziösen Gutdünken der
Menschheit zu treffen.

Um zu einer wirklich geeinten Welt zu gelangen, muß man
grundlegend, in Wahrheit klären, was wirklich die Welt eint und
was wirklich jedes einzelne Geschöpf zum Individuum macht.
Diese Klärung kann nur mithilfe des Schöpfers der Welt und
Schöpfers aller Einzelwesen unternommen werden.

Damit betreten wir Moschehs "Arche". Der Begegnung mit der
Welt in ihrer Ganzheit muß die gründliche Klärung der Wurzeln
des Menschen und der Nation vorangehen, und nur nach
diesem Eintritt in die Arche können wir ein Fenster zur Welt
öffnen. Gerade der Eintritt in die Arche rettete die Welt vor
vollständiger Zerstörung. Nur wenn wir sind, was wir sein sollen,
können wir die ganze Menschheit verbinden und einen.

Darum ist das Laubhüttenfest das letzte der drei
Wallfahrtsfeste, weil es die Verbindung zwischen dem Volke
Israel und den Völkern der Welt symbolisiert. An Sukkot opfern
wir im Tempel 70 Rinder für die 70 Nationen. Sukkot erreicht
man in Vollkommenheit nur über die Stationen Pessach und
Schawu'ot, die gerade der Besonderheit Israels Ausdruck
geben. An Pessach wurde das Volk Israel von den Ägyptern
und den Nationen der Welt getrennt und abgesondert, und an
Schawu'ot erhielt es seine ihm besondere Tora, die auch "Tora
Moschehs" genannt wird. Und erst dann, am Ende dieses
Prozesses, können wir von der Erfüllung der Prophezeiung der
Einheit reden, "und geschehen wird es in den späten Zeiten, da
wird aufgerichtet sein der Berg des Hauses des Ewigen über
den Bergen und er überragt die Hügel, und es strömen zu ihm
all die Völker" (Jeschajahu 2,2).
 
 
 
Frage und Antwort

Rabbiner sind keine Ärzte

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Kürzlich fiel mir ein Buch eines Rabbiners mit allerlei
medizinischen Weisungen in die Hände. Haben diese
Weisungen religiös-verpflichtenden Charakter? Sind seine
Erkenntnisse himmlischen Ursprungs? Und sollte ich vielleicht
überhaupt mit meinen Gesundheitsproblemen zu einem
Rabbiner gehen, oder doch zu einem Arzt? Oder vielleicht zu
beiden?

Antwort: Diese Frage existiert schon seit Jahrtausenden.
Bereits im Talmud finden sich zahlreiche Heilverfahren (z.B.
Gittin 67/68). Um es von vornherein klarzustellen: Hier ist nicht
die Rede von klaren Religionsgesetzen in biologischen
Angelegenheiten, z.B. was ein Tier trefe macht, oder der
Beschneidung, die ewige Geltung haben und nicht den
unterschiedlichen medizinischen Auffassungen verschiedener
Epochen unterliegen. Rabbiner Moscheh ben Maimon
("Maimonides") schrieb z.B., wenn die Tora ein Tier trotz einer
bestimmten inneren Verletzung zum Verzehr freigab, dann ist
das Gesetz immer so, "selbst wenn wir durch medizinische
Erkenntnisse erfahren, daß dieses Tier nicht überleben wird"
[und darum normalerweise nicht zum Verzehr geschlachtet
werden darf] (Gesetze der Schechita, 10.Kap., Hal.12).
Vielmehr reden wir hier über einen kranken Menschen, der ein
Heilmittel braucht.

Die Frage der Einstellung zu den im Talmud erwähnten
Heilmethoden erwuchs bereits in der nächsten Generation, bei
den Gaonim, den Schülern der Amora'im (die späteren
talmudischen Weisen), die Folgendes schrieben: "Wir müssen
euch sagen, daß die Rabbiner keine Ärzte sind; sondern
allgemeine Dinge, die sie in ihren Tagen in Zusammenhang mit
den Kranken sahen, sagten sie zwar, doch nicht als Gebote,
darum verlaßt euch nicht auf jene Heilmittel, und kein Mensch
benutze auch nur irgendetwas davon, bevor er die Sache von
einem erfahrenen Arzt prüfen ließ und weiß, daß es nicht
schadet und seine Seele nicht in Gefahr gerate. So lehrten und
sagten uns unsere Väter und Großväter, keines dieser
Heilmittel anzuwenden außer Kibla [eine bestimmte Medizin],
dessen Unschädlichkeit bekannt ist. Alle diese Dinge hätten wir
euch eigentlich gar nicht zu erklären und deren Bedeutung zu
offenbaren brauchen, nur weil wir sahen, daß dieses Thema für
euch zu schwer ist" (Ozar Haga'onim zu Gittin 68b). Daraus
lernen wir mehrere wichtige Dinge: 1. Rabbiner sind keine Ärzte,
2. talmudische Heilmethoden stammen von der nichtjüdischen
Medizin jener Epoche, 3. die Worte der talmudischen Weisen
bezüglich medizinischer Heilverfahren sind nicht als Toragebote
zu verstehen, 4. es ist sogar verboten, diese Verfahren ohne
vorherige fachmännische Prüfung durch einen Arzt und dessen
Unbedenklichkeitserklärung zu benutzen, 5. Punkte 1. bis 4.
wurden uns von genau jenen Weisen überliefert, die diese
Heilmethoden im Talmud niederschrieben.

Es gibt noch andere Probleme mit den talmudischen
Heilverfahren, nämlich die Unmöglichkeit, heutzutage die
genannten Mittel und Behandlungen genau zu identifizieren
bzw. überhaupt zu verstehen. Doch zurück zu unserem
eigentlichen Thema, Rabbiner und Ärzte. Nebenbei bemerkt:
Ärzte sind keine Rabbiner und haben sich mit moral-ethischen
und spirituellen Äußerungen zurückzuhalten. Maimonides
äußerte sich mit höchster Wertschätzung über den Arzt Galinus,
sah in ihm die bedeutendste medizinische Kapazität, wie wir
seinen Briefen zu Themen der Heilkunde entnehmen.
Gleichzeitig stimmte er Galinus nicht immer zu, sondern vertrat
auf vielen Gebieten eine gegensätzliche Ansicht (Pirkej
Moscheh). Als sich aber Galinus mit Moses verglich und sich
sogar für bedeutender hielt, schrieb Maimonides über ihn:
"Galinus ist ein wahrer Dummkopf" (ebda.).

Auch in Bezug auf andere Wissenschaften schrieb Maimonides,
daß die talmudischen Weisen Erkenntnisse nichtjüdischer
Wissenschaftler benutzten, z.B. in der Astronomie, und recht
habe, wer seine Behauptungen beweise ("Führer der
Unschlüssigen" II, §8). So schrieb er im Zusammenhang mit
seinen astronomischen Berechnungen zur religionsgesetzlichen
Bestimmung des Neumondes: "Das ist die Lehre von den
Himmelsphasen und der Geometrie, zu denen die Gelehrten
Griechenlands viele Bücher verfaßten, die sich jetzt in den
Händen der Weisen befinden. Die von den Weisen Israels aus
dem Stamme Jissachar zur Zeit der Propheten verfaßten
Bücher sind uns hingegen nicht überliefert worden. Und weil es
zu allen diesen Dingen klare, makellose Beweise gibt und kein
Mensch daran Zweifel erheben kann, machen wir gegenüber
dem Autor keine Bedenken geltend, ob die Werke nun von
Propheten oder von Nichtjuden verfaßt wurden. Denn bei jeder
Sache, deren Bedeutung offenbart wurde und man um deren
Wahrheit durch makellose Beweise weiß, stützen wir uns nicht
auf die Person, die diese Dinge sagt oder lehrt, sondern auf den
offensichtlichen Beweis und die erkannte Bedeutung" (Gesetze
von der Heiligung des Neumondes, 17.Kap., Hal.24). Es kommt
also auf die seriöse Beweisführung an.

Entsprechend schrieb Rabbi Awraham, Sohn des Maimonides:
"Wir sind nicht verpflichtet, nur wegen der Hochrangigkeit der
talmudischen Weisen und ihrer Eigenschaft der Vollkommenheit
ihrer Eigenschaften bei der Deutung der Tora, ihrer Feinheiten
und der Geradheit ihrer Aussprüche, bei der Erläuterung ihrer
Prinzipien und ihrer Einzelheiten, für sie [die Weisen] zu
plädieren und ihre Ansichten zu stützen bei allen ihren
Aussprüchen bezüglich der Heilkunde, der Naturwissenschaft
und der Astronomie, und diese glauben, wie wir ihre Deutung
der Tora glauben, bei der sie wirklich über die vollkommene
Weisheit verfügen, die ihnen überliefert wurde, um sie die
Menschen zu lehren, wie es heißt: 'Gemäß der Weisung, die sie
dir geben' (Dt. 17,11)" (abgedruckt in der Einleitung zu "Ejn
Jakov", S. XIV). Kurz gesagt: Die Vollkommenheit der
talmudischen Weisen bei der Auslegung der Tora bindet uns
nicht bezüglich ihrer Aussagen zu Naturwissenschaft und
Medizin.

Wer krank ist, gehe also zum Arzt und nicht zum Rabbiner. Im
Schulchan Aruch wird ein Stein erwähnt, der die Frauen vor
Frühgeburt schützt (O.C. 303,24). Dazu bemerkte Rabbiner
Schlomo Salman Auerbach (einer der größten Rabbiner der
vorigen Generation), daß dies für jene Tage galt, als man nichts
Besseres zur Verfügung hatte, heuzutage aber muß man bei
Komplikationen während der Schwangerschaft einen Arzt
konsultieren ("Ma'adanej Schlomo" S.148).

Natürlich muß man mit Fragen zum Religionsgesetz, zu Ethik
und Spiritualität zum Rabbiner gehen. Wenn man z.B. wissen
will, ob man viele oder lieber wenige Kinder zur Welt bringen
soll, fragt man den Rabbiner. Doch welche Medizin zu nehmen
und welche Behandlung durchzuführen fragt man den Arzt.

Es gibt auch Rabbiner, die im Laufe der Jahre vor lauter Fragen
zu medizinischen Themen eine reiche Erfahrung ansammelten,
und sie können Menschen mit Gesundheitsproblemen an den
passenden Spezialisten verweisen, doch dieses Wissen
erwarben sie nicht durch ihr Torastudium oder göttliche
Eingebung, sondern wie gesagt durch Erfahrung. Natürlich kann
es auch Ärzte geben, die gleichzeitig große Toragelehrte sind,
aber ihre medizinischen Kenntnisse erwarben sie nicht durch
Talmudstudium, sondern auf der Fachschule, und sie
verschreiben Medikamente nicht in ihrer Eigenschaft als
Rabbiner, sondern als Ärzte.

Möge G~tt alle Kranken seines Volkes Israel schnellstens
heilen.
 

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