DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT EMOR
Nr. 459
17. Ijar 5764
 

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Lev. 21,1-24,23):
Besondere Vorschriften für die Nachkommen Aharons, die
Priester: Verbot der Leichenunreinheit, Heiratsvorschriften,
Dienstuntauglichkeit durch Gebrechen oder Unreinheit, Strafen;
Vorschriften für Mitglieder der Priesterfamilie; Regelungen über
die Tauglichkeit von Opfertieren; Schabbat und Festtage und
ihre Gebote; Leuchter und Brottisch im Heiligtum/Tempel; Strafe
des Gotteslästerers; div. Gesetze von Schädigungen.

Lag Ba'Omer am 18. Ijar (Moza'ej Schabbat)
 
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Der nützliche Arme

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Viele Gebote gebietet uns der Herr der Welt im Abschnitt der
Feiertage, die mit der Heiligkeit der Zeiten zu tun haben. Doch
ganz abrupt erscheint ein Gebot, das in einen ganz anderen
Themenbereich gehört: "Und wenn ihr erntet in eurem Lande,
so sollst du nicht ganz abernten das Ende deines Feldes, und
die Nachlese bei deiner Ernte nicht aufklauben. ...dem Armen
und dem Fremdling sollst du sie überlassen; ich bin der Ewige,
euer G~tt" (Lev. 19,9-10).

Wir fragen uns sogleich, warum G~tt ein sozialpolitisches Gebot
bei den Geboten zur Feiertagsheiligkeit einschiebt? Und nicht
nur das - wenn die Tora Israels zum Ziel hat, uns zu mildtätigen
Menschen zu erziehen, warum gibt sie uns dann so ein
"merkwürdiges" Gebot, Feldende und Nachlese auf dem Felde
zu belassen? Wäre es nicht eine größere Mildtätigkeit, die
Armengeschenke miteinzusammeln und sie direkt an die
Bedürftigen zu verteilen? Und was wird aus behinderten Armen,
oder kranken, oder weit entfernt wohnenden?

Auf beide Fragen antwortete der MaHaRaL (der "hohe Rabbi
Löw") aus Prag in seinem Buch "Gur Arje". Die
gesellschaftlichen Gebote haben zwei Seiten: Einerseits einen
Aspekt von Recht und Pflicht, und andererseits den Aspekt der
Mildtätigkeit. Die Armengeschenke vom Feldertrag betonen
gerade den Aspekt von Recht und Pflicht. Darum erscheinen sie
in Verbindung mit den Feiertagsopfern. Das Opfer soll kein
Ausdruck der menschlichen Sehnsucht nach Verbindung mit
G~tt sein. Im Gegenteil! Das Opfer steht für die
Selbstverneinung des Menschen vor G~tt und dem Glanz seiner
Weisheit. Ebenso die Gebote der Nachlese und der Feldecke.
Sie sollen nicht den guten Willen des Menschen zum Ausdruck
bringen, sondern seine Pflicht, die er in Unterwerfung und
Selbstverneinung vor dem Worte G~ttes erfüllt.

Rabbiner A.J.Kuk griff diese Deutung des MaHaRaL auf und
gab ihr breiten Raum in seinem Kommentar zum Traktat Pe'a.
Das Übriglassen der Feldecke und der Nachlese auf dem Felde,
ohne die geringste persönliche Initiative, einer spezifischen
Person damit zu helfen, veranschaulicht sehr deutlich das
Prinzip, "daß die Gabe an die Armen nicht als überschüssige
Gebefreudigkeit und Erbarmen des Gebers daherkommt,
sondern als Gesetz und positives Recht; und was ihnen die
Tora zuteilte, ist ihr handfester Anteil".

Sofort stellt sich natürlich die Frage, woher der Arme das Recht
nimmt, sich der Hände Werk seines Nächsten zu bemächtigen?
Worin hat die Behauptung ihren Ursprung, daß die Armengaben
auf Gerechtigkeit fußen und nicht auf Gefühlen der
Nächstenliebe, Brüderlichkeit und Erbarmen des Menschen mit
seinem Bruder? Darauf gibt Rabbiner Kuk eine eindeutige
Antwort: Es ist ein Irrtum, anzunehmen, die Armut sei ein
bloßes "Problem", und die Aufgabe der Gesellschaft bestehe
darin, "es zu lösen". Ein Irrtum, in der Armut ausschließlich eine
wirtschaftliche Bürde auf der breiten Öffentlichkeit zu sehen, die
für ihren Unterhalt arbeitet. Vielmehr erfüllt die Armut eine
gesellschaftliche Aufgabe, allerdings eine schwere. Es handelt
sich zwar um eine schmerzliche Aufgabe, doch hat auch die
Armut ihren Sinn. Gäbe es keine Armut in der Gesellschaft,
gäbe es auch keine Mildtätigkeit. Gäbe es keine Hilfsbedürftigen
in der Welt, würde sich jeder nur mit sich selbst und mit seinen
egoistischen Interessen beschäftigen und bräuchte sich nicht
um den Nächsten zu kümmern, um seine Bedürfnisse und seine
Nöte.

Sicher wären wir sehr glücklich, wenn es keine Armen auf der
Welt gäbe. Wir würden es bevorzugen, den Nächsten mit
milden Werken und Wohltaten zu bedenken, obwohl er diese
gar nicht nötig hat. Wir würden gerne in einer Gesellschaft
leben, die sich das Lächeln einem jeden gegenüber zur Pflicht
machte. Kann sich doch ein Lächeln selbst der Ärmste leisten,
und kein Reicher kann darauf verzichten. Solange wir diesen
Idealzustand allerdings noch nicht erreicht haben, solange der
Egoismus auf der Welt herrscht, müssen wir den Armen unter
uns Dankbarkeit zollen. Sie verdienen unseren Dank dafür, daß
sie unsere Gesellschaft vor der Verdorbenheit bewahren, vor
Kälte und Entfremdung. Dafür erhalten sie ihre Gaben, nicht nur
als freiwillige Spende, als Verzehrer milder Gaben, sondern als
Lohn, der ihnen rechtens zusteht für den bedeutenden Nutzen,
den sie der gesamten Gesellschaft bringen.

Dadurch erkennen wir das rechte Verhältnis zum Armen. Wir
sehen ihn nicht als Belastung, sondern als Besitz. Wir werden
ihn nicht in unserem Herzen verachten, sondern ihn in Ehren
halten. Wir werden ihm nicht geizig eine Kleinigkeit geben, um
der minimalen Pflicht Genüge zu tun, sondern ihm großzügig
helfen. Wir werden Anstrengungen unternhmen, ihn aus seiner
Armut zu befreien, aber nicht, um das "Armenproblem" auf
nationaler Ebene zu lösen, denn zu unserer Schande müssen
wir gestehen, "daß nicht aufhören wird der Dürftige innerhalb
des Landes" (Dt. 15,11). Wir werden ihm helfen, weil wir wollen,
daß dieser besondere und einzigartige Arme - nämlich der, der
gerade vor uns steht - von seiner Bedrängnis erlöst wird und ein
reiches und glückliches Leben lebt, würdig einem Geschöpf im
Ebenbilde G~ttes. "Heil, wer sich des Armen annimmt" (Psalm
41,2), ihm auf effektivste Weise zu helfen, die G~tt uns
ermöglicht.

Und wenn wir schon über die Effektivität des Gebens reden, so
gibt es da noch eine Bedeutung von Nachlese und Feldecke,
die man auf dem Felde zurückläßt. Der Arme sitzt nicht herum
mit verschränkten Händen und in lähmender Passivität, bis er
das ihm Zustehende erhält. Er muß sich selbst bemühen. Er
muß dafür etwas tun. Er muß Initiative zeigen und
Verantwortung übernehmen. Dieser Unternehmungsgeist wird
ihm zu einem Selbstwertgefühl verhelfen und seine seelischen
Kräfte stärken, die ihn dann in wirtschaftlicher und
gesellschaftlicher Hinsicht voranbringen. Wer allerdings nicht zu
solcher Initiative fähig ist, fällt unter das Gebot der mildtätigen
Spende.

Die Armengaben vom Felde, mit aller damit verbundener
Bedeutung, gehören zu den vom Lande Israel abhängigen
Geboten [d.h. sie gelten nicht außerhalb Israels]. Nur "wenn ihr
erntet in eurem Lande" müssen sie erfüllt werden. Diese
soziale Einstellung hat ihren Ursprung in der Scholle des
Landes Israel und der Tiefe seiner Tora. Das Land nämlich
macht uns alle zu einem Volk wie ein einziger Mensch. "Und
wer ist wie dein Volk Israel, ein einzig Volk - im Lande"
(Schmu'el II, 7,23)!
 
 
HaRav Aviner

Wo ist dein Bruder Jonathan?

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Wo ist dein Bruder Jonathan? Alles zielt auf ein Wort: Unser Bruder.

Einmal beteiligte sich der Vorsitzende des Komittees zur
Befreiung von Jonathan Pollard an einer Demonstration, als ihn
ein Polizist kumpelhaft fragte: "Kennen Sie denn Pollard
persönlich?" Darauf antwortete jener: "Ja, er ist mein Bruder".
Darauf änderte sich schlagartig die Haltung des Polizisten, und
er fragte voller Achtung: "Wirklich, Ihr Bruder?" - "Ja. Auch Sie
sind mein Bruder!".

Würden wir alle verstehen, daß er unser Bruder ist, und uns
entsprechend verhielten, wäre er schon längst hier bei uns.

Sowohl die erste als auch die zweite Tempelzerstörung konnten
nur geschehen, weil wir nicht wußten, was ein Bruder ist. Das
ganze Menschengeschlecht weiß nicht, was ein Bruder ist.
Kain, der Hewel ("Abel") erschlug, wußte nicht, was ein Bruder
ist. Seitdem geschahen unzählige weitere Morde nach dem
Muster von Kain und Hewel, aus Mangel an Wissen, was ein
Bruder ist.

So ging es weiter, bis der Große unter den Gewaltigen erstand,
unser Vorvater Awraham, und der wußte, was ein Bruder ist.
Als man ihm mitteilte, daß sein Neffe in Gefangenschaft geraten
war, zögerte er nicht einen Augenblick, musterte alle seine
Schüler und zog in den Krieg. Ist das nicht verrückt, mit 318
Schülern gegen vier Könige zu kämpfen? Keine Sorge, unser
Vorvater Awraham war der weiseste der Weisen, doch vor
allem hatte er Herz; Lot war doch sein Neffe - und Neffen läßt
man nicht im Stich! Dafür opferte er sich auf, und hatte am
Ende Erfolg.

Wenn man sich schon für einen Neffen aufopfert, dann doch
erst recht für einen Bruder! Wenn man sich schon für einen
dubiosen Charakter aufopfert, dann doch erst recht für einen
guten und anständigen Menschen wie Jonathan! Und wenn man
sich schon für jemanden aufopfert, der unseren Vorvater
Awraham rettete, dann doch erst recht für jemanden wie
Jonathan, dem wir alle unsere Rettung zu verdanken haben!

Später erschien Awrahams großer Schüler auf der Bildfläche,
unser Lehrer Moscheh, Thronfolger Pharaos, und Kronprinz -
natürlich unter der Bedingung, daß er sich wie ein ordentlicher
Ägypter verhält. Aber "da ging er aus zu seinen Brüdern" (Ex.
2,11). Kronprinz oder nicht Kronprinz - aber zuallererst sind sie
doch seine Brüder! "..und sah einen ägyptischen Mann, wie er
einen hebräischen Mann von seinen Brüdern schlug" (ebda.). Er
zögerte keinen Augenblick, sondern rettete seinen Bruder,
obwohl er genau wußte, daß er von diesem Zeitpunkt ab die
Thronfolge vergessen konnte und alle Kopfjäger Ägyptens
hinter ihm her wären. Das war ihm allerdings vollkommen egal.

So wie Awraham die Menschheit von kleingeistigem Kalkül
befreite, tat dies unser Lehrer Moscheh mit dem Volke Israel.
Rabbiner A.J. Kuk nannte dies "Erstickungsqualen des Geistes
Königs Maschiach ["Messias"]" (Israel veTchiato §14). Wenn
der Geist des Maschiach erwacht, gibt es Menschen, die ihn
abwürgen, die ihn sich nicht entfalten lassen, sondern seinen
Weg versperren mit kleinlichen Überlegungen.

Über unseren Kampf für Jonathan Pollard sagen wir: "Was
lehren sollte, lernt auch" (Pessachim 25b). D.h., wir bemühen
uns, ihn zu retten, in Wirklichkeit aber retten wir uns selber. Wir
retten uns vor Egoismus, vor Undankbarkeit, vor Grausamkeit,
vor Verantwortungslosigkeit, und wir retten uns auch vor der
Aufgabe von Gebieten unseres heiligen Landes. Der Kampf für
Jonathan und der Kampf für das Land sind identisch: Sind wir
unserem Volk treu? Sind wir unserem Lande treu?

Dadurch, daß wir für ihn kämpfen, kämpfen wir eigentlich für die
Reinheit des Volkes Israel, für den Idealismus Israels, für die
Opferbereitschaft Israels und für die Brüderlichkeit des
jüdischen Volkes. G~ttseidank gibt es viel Brüderlichkeit, wir
brauchen aber noch viel, viel mehr.

Der Kampf um unseren Bruder Jonathan ist ein Kampf um die
Brüderlichkeit, die Speerspitze des Kampfes um die
Brüderlichkeit.

Mögen wir stark sein und uns stärken für unseren Bruder und
unser Volk.
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
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