DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
SIMCHAT TORA 5763
Nr. 375
22. Tischri 5763

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 
 
Am Festtisch...

König Jeschurun

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Drei Namen gab die Tora dem jüdischen Volk: Jakov, Israel und
Jeschurun. Letzterer erscheint vor allem in unserem
Wochenabschnitt, dem letzten der Tora, und dies nicht von
ungefähr.

Die ersten beiden Namen werden von der Tora selbst gedeutet:
Jakov wurden wir nach der Ferse (Akev) von Eßaw benannt, die
Jakov bei seiner Geburt festhielt. Eßaw fügte dieser Bedeutung
später eine weitere hinzu: Listigkeit, krumm (abgeleitet von
akov, siehe Gen. 27,36). Auch der Name "Israel" wird in der
Schrift erklärt: "Nicht Jakov soll dein Name ferner sein, sondern
Israel; denn du hast mit göttlichen Wesen und mit Menschen
gekämpft und obsiegt" (Gen. 32,29). Doch was bedeutet der
Name "Jeschurun"?

Eine Deutung stützt sich auf das Wort "joscher", Geradlinigkeit.
Das geradlinige Volk, das Volk, das den geraden Weg geht. In
diesem Namen kann man den Ausgleich für die Bedeutung
sehen, die Eßaw dem Namen "Jakov" gab. Nicht mehr "krumm"
oder "listig" sei unser Name, sondern "gerade", Jeschurun. In
diesem Sinne kann man im Namen "Israel" einen Ausgleich für
die erstgenannte Bedeutung von "Jakov" sehen: er hält nicht
mehr die Ferse seines Bruders fest und wird von jenem
sozusagen mitgeschleppt, sondern "Israel", der mit Menschen
und göttlichen Wesen kämpft und obsiegt.

Eine weitere Bedeutung für den Namen "Jeschurun" entnehmen
wir dem Vers "Ich seh' es vom Gipfel der Felsen, ich schaue
(aschurenu) herab von den Höhen" (Num. 23,9). Jeschurun ist
das sehende Volk, das in die Ferne schaut; ein Volk mit
langfristigen Zielen, bestimmt für das Ende der Zeiten. "Ich seh'
ihn, doch nicht jetzt; ich schau ihn (aschurenu), doch nicht nah.
Es tritt ein Stern hervor in Jakovs Stamm, es steht ein Szepter
auf in Israel..." (Num. 24,17). Auf dieselbe Weise, doch in
umgekehrter Richtung, gibt es noch eine Erklärung: "Jeschurun"
ist das Volk, das alle gebannt anschauen, ansehen und
beobachten. Das ist das Volk, auf dem die Augen der ganzen
Welt ruhen, wie es der Prophet Jeschajahu ausdrückt: "Ich, der
Ewige, habe dich berufen zum Heile, und deine Hand gefaßt
und dich gebildet, und dich eingesetzt zum Bunde für das Volk,
zum Lichte von Nationen" (42,6).

Mit drei Namen wurden wir benannt, und jeder von ihnen
bezeichnet eine bestimmte Stufe unserer Existenz. Den Namen
"Jakov" erhielten wir für das Vergangene, die Periode des Exils.
Zertreten unter den Fersen und Füßen der Völker, ihrer Gnade
ausgeliefert und gezwungen, ihnen auf dem Fuße zu folgen. Der
Name "Israel" wurde uns für die Gegenwart gegeben, die
Periode nationaler Unabhängigkeit. Das Joch der Völker wurde
von unseren Schultern genommen. Das Volk Israel zählt wie ein
Minister (Ssar, aus den Buchstaben Ssin und Resch von "Israel"
gebildet) zwischen den Völkern, wie ein Gleicher unter
Gleichen, und es kämpft gegen jene, die als Feinde kommen,
und besteht gegen sie, "..denn du hast mit göttlichen Wesen
und mit Menschen gekämpft und obsiegt". Damit jedoch ist noch
nicht genug. Am Ende der Tora begegnen wir dem Namen, der
auf das langfristige Ziel hindeutet, auf das wir unsere Blicke
ausrichten. Das ist der Name der Zukunft, der Bestimmung:
Jeschurun - "und er ward in Jeschurun König" (Dt. 33,5).
 
 
Frage und Antwort

Vorwärts, Bnej Akiva!

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Ich kenne die Bnej-Akiva-Jugendorganisation aus
nächster Nähe, das sind wunderbare Jugendliche mit großen
Idealen. Nur ein einziger furchtbarer Schatten liegt auf dieser
Organisation seit ihrer Gründung: die Vermischung von Jungen
und Mädchen, die von den religionsgesetzlichen Autoritäten
unter den Rabbinern stets verboten wurde. Wie kann man unter
diesen Voraussetzungen zur Tagesordnung übergehen?!
Warum protestieren die Rabbiner nicht bis zur endgültigen
Bereinigung dieser Sache?!

Antwort: Zuerst einmal meine Hochachtung für Ihre
Behauptung, die Bnej-Akiva-Jugend sei wunderbar. Besonders
jetzt, da der frühere Generalsekretär geht und ein neuer seinen
Posten übernimmt.

Was die Rabbiner angeht, so besteht deren Hauptaufgabe nicht
im Protestieren, sondern im Erklären und Erheben, im Erklären
und im Begeistern. Unsere Generation steht auf hohem
geistigen Niveau, sie liebt Scharfsinn, sie will verstehen, sie liebt
das spirituelle Erlebnis. Ein großes Zeitalter mit großer Jugend,
mit großem Geist und großen Bestrebungen, was sich auch in
der aufopfernden Arbeit der Aktivisten der Bewegung ausdrückt.
Zur Behebung des genannten Problems gilt es demnach nicht
zu Protestieren, sondern Glauben und Motivation zu stärken.

Das gilt besonders, da sich die Jugendlichen doch des
Problems bewußt sind, das einfach nicht von der Tagesordnung
verschwindet. Die Gruppenleiter und ihre Zöglinge sorgen sich
wegen der Vermischung, suchen ständig Lösungsmöglichkeiten
- und implementieren sie auch. In den Lagern wird mehr in
dieser Richtung beachtet, und die Seminare waren dieses Jahr
vollkommen nach Geschlechtern getrennt.

Aber mit Gewalt ist das nicht zu erreichen. Man kann der
Realität nicht vorgreifen. Wir haben es hier nicht mit einer
Truppe Kosaken zu tun, die sich mit starker Hand hierhin und
dorthin dirigieren läßt, sondern mit einer Jugendorganisation.
Darum muß man sich in Geduld fassen. Geduld bedeutet noch
lange nicht Nachgeben. Das Nachgeben kennen wir vom
Götzendienst, der das Böse gut und das Gute böse nennt.
"Götzendienst ist nachgiebig" (Talmud jeruschalmi, Beginn des
Traktates vom Götzendienst).

Wir steinigen auch schließlich niemanden, der am Schabbat
autofährt. Wir lügen aber auch nicht und behaupten, die Sache
sei erlaubt. Vielmehr fassen wir uns in Geduld. Ebenso
steinigen wir keine gemischte Jugendorganisation, wir lügen
aber auch nicht und behaupteten im Namen der Tora, daß die
Sache in Ordnung gehe. Allerdings müssen wir gegen
Ansichten ankämpfen, die gemischte Jugendgruppen
befürworten.

Rabbiner Awraham Jizchak Kuk schrieb seinerzeit über
gemischte Schulen: "G~tt weiß, welche Resultate sittlicher
Verdorbenheit solches Verhalten nachsichzieht" (Briefe Bd.I,
S.316). "Nicht abschätzbar, welches Ausmaß an erzieherischem
Schaden durch diese widernatürliche Vereinigung an unseren
Schulen angerichtet wird, sowohl bei den Kleinen als auch bei
den Großen" (Bd.II, S.52). "Die Vermischung der Geschlechter,
der Jungen und der Mädchen... genügt, um uns in ihrer Hand
nicht die Fahne ihres Vorvaters Israel sehen zu lassen, sondern
das Banner des antiken Griechenlands" (ebda. S.63).

Eine Ideologie der Geschlechtervermischung - um Himmels
Willen, Geduld - ja. G~ttseidank entwickelt sich die Jugend
weiter, Stufe um Stufe, und der Druck, diese Dinge zu
bereinigen, kommt nicht von oben durch die Führung, sondern
von der Mitgliederschaft selbst.

Unser großer Lehrer Rabbiner Zwi Jehuda Kuk [Sohn von
A.J.Kuk] wurde einmal gefragt, ob es erlaubt sei, in eine
Siedlung zu ziehen, die nur über eine gemischte Schule verfügt.
Er antwortete: "Es versteht sich von selbst, daß Jungen und
Mädchen getrennt werden müssen". Wiederum wurde er
gefragt, ob es denn unter der Bedingung erlaubt sei, wenn man
versuche, die Dinge zum Besseren zu beeinflussen - doch was
mache man in der Zwischenzeit? - worauf er antwortete:
"Natürlich muß man diesen Zustand beheben, doch ist dies
nicht auf einmal möglich, und es gibt derzeit noch andere
Mißstände. Es läßt sich allerdings sagen, man könne dort unter
der Bedingung hinziehen, die Situation zu verbessern und sich
nicht mit dem Mißstand abzufinden. Im Talmudtraktat
Pessachim schreibt zum Beispiel bezüglich der Frage, wenn
man am Pessach-Hauptfeiertag Chamez findet, an dem man ja
nicht das Gebot der sofortigen Chamezverbrennung
durchführen kann, der Tossafot-Kommentar: 'wer das Chamez
an Pessach liegen läßt, aber die Absicht hat, es zu verbrennen,
übertritt damit nicht das Verbot, daß man bei ihm kein Chamez
sähe und keines anfinde' (Pessachim 29b "Rav Aschi"), weil er
es also jetzt nicht verbrennen kann und es nur zeitweilig
aufbewahrt, um es bei erster Gelegenheit wegzuschaffen. Es
kommt darauf an, von welcher Seite man die Sache angeht.
Momentan kann man den Zustand nicht ändern, hat aber die
Bestrebung, die Lage zu verbessern, ohne aufzugeben und sich
mit den Mißständen abzufinden. Darüberhinaus ist jede
Verbesserung, soweit wie möglich, sorgfältig zu bedenken"
(Sichot Rabenu).

Wenn man den Mißstand auf einen Schlag beheben kann, so
muß man das natürlich tun. Manchmal ist das aber nicht
möglich. Dann muß man eben schrittweise vorgehen. Was
unser Thema betrifft, wenn man die Zöglinge manchmal zu
radikaler Geschlechtertrennung zwingt, erhält man ein noch
schlechteres Verhalten, wie die Erfahrung zeigt. Den freien
Willen der Zöglinge zur Trennung zu erwecken ist allerdings
eine langwierige und schwere pädagogische Arbeit. Vor allem
aber darf man das Gebot der Tora nicht wegen der Schwere der
Aufgabe abschaffen, so wie es die Christen taten. Wenn man
die Sünde legitimiert, sind wir verloren.

Einmal wurde Rabbiner Zwi Jehuda Kuk von südafrikanischen
Bnej-Akiva Gruppenleitern gefragt: "In einer Woche soll bei uns
ein Ferienlager von 700 Jugendlichen stattfinden. Wie ist Ihre
Beziehung zu den Bnej-Akiva?" - Rabbiner Kuk antwortete: "Ich
habe überhaupt keine Beziehung zu ihnen! Ich habe keinen
Anteil an den Bnej-Akiva. Kleine Jungen und Mädchen kann
man nicht ermahnen und ihnen Moralvorträge halten, aber hier
ist ja nicht die Rede von Kleinkindern, sondern von
erwachsenen Kindern. Jungen und Mädchen zusammen?! Dazu
stehe ich in keinem Verhältnis. Sie nennen sich religiös,
sozusagen religiös - und dann mischen sie Jungen und
Mädchen zusammen?!" Frage: "In Südafrika versuchen die
Bnej-Akiva, die Jugend aufzufangen. Viele beginnen, Schabbat
zu halten, und manche wandern sogar nach Israel ein".
Rabbiner Kuk: "Es ist gut, die Schabbatgesetze zu lernen, aber
das ist noch lange nicht die ganze Tora". Frage: "Wir
versuchen, auf Geschlechtertrennung hin zu erziehen und ihnen
den rechten Weg zu zeigen". Rabbiner Kuk: "Wenn es eine
Trennung gibt, dann ist die Lage in Ordnung" (Sichot Rabenu).

Voraussetzung für jede Verbesserung ist die Übernahme von
Verantwortlichkeit. Darum sagen wir alle paar Tage das
Sündenbekenntnis im Gebet: "Wir haben uns schuldig
gemacht". Schuldbekenntnis deprimiert nicht, im Gegenteil:
Wenn man nicht selber die Verantwortung für die Sünde
übernimmt, sondern ihre Gründe außerhalb der freien
Willensentscheidung sucht, dann kann man wirklich nur noch
verzweifeln. Demgegenüber füllt die Erkenntnis, daß die Sache
von einem selber abhängt, den Menschen mit Freude, denn
wenn er glaubt, er könne zerstören, dann glaube er auch, er
könne reparieren. Wir sind schließlich auch auf dieser Welt, um
den bösen Trieb zu besiegen. Trotz der Langwierigkeit dieses
Kampfes darf man doch nicht von ihm ablassen, sondern muß
weiterkämpfen. "Die Schriftgelehrten haben keine Ruhe, weder
in dieser Welt, noch in der zukünftigen Welt, denn es heißt: 'sie
gehen von Heer zu Heer'" (Psalm 84,8; Brachot 64a).

Die Bewegung der Bnej Akiva ist genau das, immer in
Bewegung, immer vorwärts. Mehr Himmelsfurcht, Reinheit,
Kaschrut, ohne Unterlaß, immer weiter - bis sie am Ende auf
den erleuchteten Stufen der Heiligkeit anlangt.
 
 

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