DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT SCHEMINI
Nr. 401
25. Adar II 5763
+ Schabbat HaChodesch

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Lev. 9,1-11,47):
Aharon bringt Sühnopfer für seine Beteiligung am "Goldenen
Kalb"; Stiftszelt-Einweihungsopfer und göttliche Erscheinung vor
dem versammelten Volk; zwei der Söhne Aharons werden für
falsches Räucherwerk von himmlischen Feuer getötet;
Speisegesetze, erlaubte und verbotene Tiere.
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Der Menschenfresser

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Ein alter Witz will lehren, wie man einen Unbekannten prüft, ob
er ein "Chossid" oder ein "Litwak" ist: Man frage ihn Folgendes:
Nehmen wir einmal an, Sie verirren sich im Dschungel und
haben nichts zu essen. Um nicht zu verhungern, bleiben Ihnen
lediglich zwei Möglichkeiten: Entweder essen Sie Affenfleisch,
oder schließen sich der Mahlzeit einer Gruppe Kannibalen an.
Wofür entscheiden Sie sich? - Der "Litwak" wird
höchstwahrscheinlich antworten, daß Affenfleisch zu den
ausdrücklichen Verboten der Tora gehört, wohingegen
nirgendwo in der Tora ein Verbot von Menschenfleisch steht.
Zwar heißt es in unserem Wochenabschnitt "das sind die Tiere,
die ihr essen dürft" (Lev. 11,2), und wir lernen daraus: "Tiere -
und nicht Menschen", aber das ist nur ein von einem Gebot
abgeleitetes Verbot, während Affenfleisch nach einem direkten
Verbot untersagt ist, was als viel strenger gilt. Darüberhinaus
gibt es eine Lehrmeinung, daß es sich noch nichteinmal um eine
Ableitung handelt und der herangezogene Vers nur ganz
allgemein als Stütze dient, das Verbot an sich aber von den
talmudischen Weisen stammt. Und wenn Menschenfleisch
wirklich trefe wäre wie anderes Fleisch - wie kann dann einem
Säugling die Muttermilch erlaubt sein, wo wir doch schon bei
Kleinkindern auf ausschließlich koschere Verpflegung achten
müssen?! Darum, wird der Litwak sagen, werde ich mich
mangels anderer Möglichkeiten für die Kannibalen entscheiden.
Der Chossid hingegen wird wie von der Tarantel gestochen
aufspringen und ausrufen: Wie kann man auch nur daran
denken, das Fleisch eines Menschen zu essen, der im
Ebenbilde G~ttes geschaffen wurde?! Man sterbe lieber, als ein
Kannibale zu sein! (Entsprechend kam es in den furchtbaren
Jahren der Schoa, in denen hunderttausende Juden an Hunger
starben, so gut wie nie zu solchen Erscheinungen. Sie zogen
den Tod vor, um nicht die Würde des Menschen zu verletzen,
der im Ebenbilde G~ttes geschaffen wurde).

Nach dem Buchstaben der Halacha, formal gesehen, hat doch
eigentlich der Litwak recht, daß ein Kannibale ein geringeres
Verbot übertritt als jemand, der ein unreines, gerissenes oder
natürlich gestorbenes Tier ißt. Dabei handelt es sich jedoch um
einen großen Irrtum. Kannibalismus ist kein Problem der
Koscher-Gesetze. Der Mensch gehört nicht zur gleichen
Kategorie wie Affe oder Schwein... Der Mensch ist etwas ganz
Anderes. Das Verbot vom Gebrauch des Menschenfleisches
lernen wir vor allem vom Gebote der Bestattung: "So soll die
Leiche nicht übernachten an dem Holze, sondern begraben
sollst du ihn an demselben Tage" (Dt. 21,23). Womit wird dieses
Gebot begründet? "..denn eine Entwürdigung G~ttes ist ein
Gehängter" (ebda.). Das Verbleiben eines Gehängten bedeutet
nicht nur für den Betreffenden eine Schande, sondern für das
ganze Menschengeschlecht. Und nicht nur für die Menschheit,
die im Ebenbilde G~ttes geschaffen wurde, sondern für G~tt
selber. Daher das Toraverbot des Nutzgewinns von einer
Leiche, das aus der Parallelität der Verse vom Tode und der
Beerdigung der Prophetin Miriam und dem Verbot der
Nutznießung vom "genickgebrochenen Kalbe" (Dt. Kap.21)
gelernt wird. Dieses Verbot stützt sich nicht auf die Koscher-
Gesetze. Wäre dieses Kalb nämlich nicht durch Genickbruch
getötet worden, sondern durch Schechita [koschere
Schlachtung], könnte sein Fleisch "glatt koscher" sein. Jetzt
aber ist sogar die Nutznießung des Fleisches verboten. Für den
Menschen gilt Entsprechendes. Die Hauptebene für die
religionsgesetzliche Betrachtung bildet nicht die Frage der
Kaschrut, sondern die prinzipielle Pflicht der würdigen
Behandlung des menschlichen Körpers, dem Ebenbilde G~ttes.

Und nebenbei haben wir auch gelernt, wie groß die Würde der
Geschöpfe ist...
 
 
HaRav Filber

Die Frömmigkeit des Storches

Rav Jakov Halevi Filber
Rabbiner an der Jeschiwa
"Merkas HaRav", Jerusalem

Der Torakommentar des Nachmanides (zu Lev. 11,13) befaßt
sich mit dem Grund für das Verbot der Vögel, die wir nicht
essen dürfen: "Das Hauptkennzeichen für die Vögel ist die
Raubeigenschaft, denn jeder Raubvogel gilt grundsätzlich als
unrein, denn die Tora entfernte ihn [von uns], weil sein Blut
erhitzt ist... und Grausamkeit ins Herz gibt". Rabenu Bechaje
erwähnte einen weiteren Grund: "Ein weiterer Grund für das
Verbot dieser Vögel, weil der Heilige, gelobt sei er, das Gute
wählt und die Demut liebt wie alle anderen guten Eigenschaften,
und die Grausamkeit haßt wie alle bösen Eigenschaften, darum
wählte er sich für die Opfer die demütigen und einfachen
Kreaturen, und von jenen, die er sich als Opfer erwählte, gebot
er dem Volke Israel, nur von diesen zu essen... Und all das, um
uns zu lehren, daß er, der Erhabene, die Eigenschaft des Bösen
haßt und die Grausamkeit, und die Eigenschaft des Guten liebt
und die Demut und die Einfachheit". Allerdings scheint das von
Nachmanides genannte Kennzeichen nicht auf alle in der
Parscha genannten Vögel zu passen, zum Beispiel den Raben,
dessen Mildtätigkeit in einer Episode mit dem Propheten Elijahu
genannt wird: "Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch
morgens, und Brot und Fleisch abends" (Könige I, 17,6). Ohne
diese milde Tat der Raben hätte der Prophet Elijahu nicht
überleben können. Auch der Storch [hebr. Chassida, wie
Chessed, Frömmigkeit, Mildtätigkeit], dessen Name für ihn
spricht, wie es im Traktat Chulin (S.63a) heißt: "Der Storch ist
die weiße Daja, und er heißt deshalb Storch [Chassida], weil er
an seinen Gefährten Frömmigkeit übt". Der Storch ist ein Vogel
und als solcher nicht an einen Ort gebunden, fliegt in die Ferne,
wie der Prophet Jirmijahu bezeugt: "Auch der Storch am Himmel
kennt seine Zeit" (8,7), und der Raschikommentar erklärt dazu:
"seine Zeit - die Zeit ihrer Wanderung zu den Inseln des Meeres
wegen der Kälte, und die Zeit ihrer Rückkehr", und RaDaK
(Rabbiner David Kimche) fügt hinzu: "In den Tagen der Kälte
und des Winters hält sich der Storch normalerweise an einem
Ort auf, und während des Sommers und der Hitze an einem
anderen Ort, das sind die erwähnten Zeiten, und er wird sein
Verhalten nicht ändern". Diese Wanderungen unternehmen die
Störche in Schwärmen, wobei sich die Paare treu bleiben und
sich gemeinsam um das Wohlergehen und die Aufzucht der
Jungen kümmern. Das geht sogar soweit, daß der männliche
Storch etwas früher nach der Wanderung beim Nest ankommt,
damit er, wenn dieses nicht mehr existiert, sofort ein neues
anfangen kann, um das einige Tage später eintreffende
Weibchen würdig zu empfangen. So sehen wir also, daß es bei
den Störchen Verantwortungsbewußtsein und Fürsorge gibt.

Die guten Eigenschaften des Storches und des Raben machen
zwar etwas her, ein genaueres Hinsehen aber ergibt ein
anderes Bild. Dem Raben begegnen wir schon in Noachs
Arche, wo er die ihm übertragene Aufgabe nicht erfüllen will.
"Und entsandte den Raben, und der flog hin und wieder, bis die
Wasser trockneten von der Erde" (Gen. 8,7); Raschi: "Er
umkreiste fortwährend die Arche und führte seinen Auftrag nicht
aus, weil er wegen seines Weibchens argwöhnisch war... der
agadische Midrasch sagt, der Rabe war für einen anderen
Auftrag bestimmt, als in den Tagen Elijahus der Regen fehlte,
so heißt es 'und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch'". Wie
verwandelte sich der eifersüchtige Rabe in einen Wohltäter?
Erklärte der MaHaRaL (der "hohe Rabbi Löw") aus Prag in
seinem Torakommentar "Gur Arije": In Wirklichkeit steckte auch
hinter der Wohltätigkeit der Raben eine böse Absicht: "Es
scheint mir, dieser Rabe war herzlos, wie die talmudischen
Weisen erklärten: 'schwarz wie der Rabe' (Hohelied 5,11) - die
Tora besteht nur bei demjenigen, der ihretwegen gegen seine
Kinder herzlos wie ein Rabe ist, und die Schrift sagt weiter: 'Er
gibt dem Vieh seine Nahrung, den jungen Raben, die da rufen'
(Psalm 147,9)" - daraus schloß der MaHaRaL, daß der Rabe
herzlos ist. "Und weil der Rabe nicht zu einer positiven Aufgabe
bereit ist, Gutes der Welt zu verkünden, sondern nur zur
Aufgabe bereit war, Elijahu zu versorgen" - nicht weil er Gutes
tun wollte, im Gegenteil - "denn Elijahu brachte Leiden in die
Welt, nämlich den Hunger... und wenn Elijahu niemanden
gehabt hätte, der ihn versorgte, hätte er nicht den Hunger in die
Welt gebracht, und jene Raben erfüllten ihren Auftrag, damit
Hunger in der Welt sei".

So verhält es sich auch mit der Frömmigkeit des Storches. Sie
kann keine Vollkommenheit für sich beanspruchen, denn sie gilt
nicht allen, sondern nur seinem Freundeskreis. Dieses Manko
erklärt uns eine Schwierigkeit in einer bestimmten Talmudstelle
(Brachot 4b): "Wer dreimal täglich das 'Loblied Davids' liest
(Psalm 145; Aschrej joschwej wejtächa), dem ist die kommende
Welt sicher", und der Grund dafür, nach dieser Talmudstelle,
wegen zweier Pluspunkte: die Verse des Psalms sind nach dem
Alef-Bet angeordnet, und u.a. wird der Lebensunterhalt darin
erwähnt: "Du öffnest deine Hand und sättigst alles Lebendige
seines Verlangens" (V.16). Nun gibt es aber noch einen
anderen Psalm mit diesen beiden Vorzügen, der mit dem Vers
beginnt: "Ich preise den Ewigen mit ganzem Herzen" (111,1).
Der Lebensunterhalt wird folgendermaßen erwähnt: "Nahrung
gab er denen, die ihn fürchten" (111,5), und warum wird
jemandem, der diesen Psalm betet, nicht die kommende Welt
versprochen? Die Antwort lautet: Bei Aschrej gilt die Fürsorge
Allen, "sättigst alles Lebendige", doch in Psalm 111 werden nur
die Anhänger versorgt, "denen, die ihn fürchten", und diese
"Frömmigkeit des Storches" verschafft dem Betreffenden noch
keinen sicheren Platz in der kommenden Welt.
 

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