DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT KI-TAWO
Nr. 425
16. Elul 5763
 

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 26,1-29,8):
Erstlingsfrüchte, Land von Milch und Honig, Torasteine am
Jordan, Fluch und Segen von den Bergen Ewal und Gerisim,
ausführliche Warnung zur Einhaltung der Gebote, Lohn und
Strafe, Erinnerung an Wunder und Bund mit G~tt.
 
 
Am Schabbes-Tisch...

Die Frucht des Erdbodens

Rav Jakov Halevi Filber
Rabbiner an der Jeschiwa
"Merkas HaRav", Jerusalem

Grundsätzlich schreibt uns die Tora nicht vor, in welchem
Rahmen oder auf welche besondere Weise wir unser Leben von
Tora und Geboten führen sollen. Manche erklären, darum sei
die Tora in der Wüste übergeben worden, damit wir den Erhalt
der Tora nicht mit irgendeiner Lebensordnung verbinden
(MaHaRaL, "Tiferet Israel" §26) - die Tora muß man zu jeder
Zeit und an jedem Ort erfüllen, in jedem Rahmen und in jeder
Lebensweise. Und dennoch läßt sich angesichts vieler Gebote
der Eindruck nicht vermeiden - obwohl es keinen
ausdrücklichen Ausspruch dazu gibt - daß die Tora ein Leben
der Landwirtschaft und der Bodenbearbeitung als Leben der
Juden im Lande Israel bevorzugt, nämlich durch die vom Lande
Israel abhängigen Gebote. Das fällt besonders beim Gebot der
Erstlingsfrüchte auf, das nur jemand erfüllen kann, der eigenen
Boden besitzt, und spricht: "Und nun, siehe, gebracht hab' ich
die Erstlinge der Frucht des Erdbodens, den du mir gegeben,
Ewiger!" (Dt. 26,10).

In seinem Talmudkommentar "Ejn Aja" (Bikurim §27) setzt sich
Rabbiner A.J.Kuk mit der Besonderheit eines Lebens der
Bodenbearbeitung der jüdischen Gesellschaft im Lande Israel
auseinander: Im Verhalten der Völker können wir erkennen, daß
eine rein landwirtschaftlich orientierte Gesellschaft, deren
Bürger mit ihrem Boden verbunden sind und die meiste Zeit auf
ihrem Hof verbringen, abgekapselt von ihrer Umgebung, die
wissenschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der
Landwirte verkümmern läßt. Wer hingegen neben der
Landwirtschaft auch Handel und Industrie betreibt, steht in
Geschäftsverkehr mit anderen. Diese gesellschaftlichen
Verbindungen stärken neben ihrem wirtschaftlichen Nutzen den
gesellschaftlichen Zusammenhalt, der durch die Begegnungen
der Handelsleute entsteht, die einander brauchen, und über die
wirtschaftliche Betätigung hinaus erwerben sie von den anderen
Völkern wertvolles Wissen und Neuerungen, die den Menschen
und die Gesellschaft weiterentwickeln.

Entsprechend sollte sich doch das Volk Israel, das schließlich
ein weises und einsichtiges Volk zu sein hat, mit Industrie und
Handel beschäftigen, so wie es auf der ganzen Welt üblich ist,
und die internationalen Handelsbeziehungen pflegen, um so
Wissen und Bildung zu erlangen. G~tt hat jedoch für das Volk
Israel andere Pläne: es soll sich nämlich hauptsächlich mit der
Landwirtschaft beschäftigen, vom Ertrag seines Bodens leben
und sich nicht mit Handel und Investitionen beschäftigen, die
ihm Zerstreuung unter die Völker verursachen und es ihren
kulturellen Einflüssen aussetzt, die ihm ein Klotz am Bein sind.
Warum befürchten wir nicht, daß die landwirtschaftliche
Abgeschiedenheit zur Verkümmerung des Volkes führe? Die
Erklärung lautet, daß es in diesem Volk eine besondere Kraft
gibt, die es ihm ermöglicht, sich aus sich selbst heraus
weiterzuentwickeln, ohne das Bedürfnis, fremde Einflüsse
aufzunehmen. (Vielleicht macht diese Kraft uns die Tatsache
erklärlich, daß wir während vieler Jahrhunderte im Exil, durch
die Völker in Ghettos eingesperrt, vom Besuch der örtlichen
Bildungsanstalten ausgeschlossen, trotzdem in allen
Generationen unzählige Geistesgrößen auf allen Gebieten des
Lebens hervorbrachten).

Die Verflechtung von Bodenbearbeitung und spiritueller
Fortentwicklung findet Rabbiner Kuk beim Gebot der
Erstlingsfrüchte [die im Tempel zu präsentieren sind]. In der
Mischna heißt es: "Wie brachte man die Erstlinge hin? Aus allen
Städten im Standbezirke versammelte man sich in der Stadt des
Standältesten und übernachtete auf dem Stadtplatze" (Bikurim
3,2). Die Erstlingsfrüchte geben der großen Liebe Israels zur
Bodenbearbeitung Ausdruck, indem wir sie zum Tempel
bringen, um zu lehren, daß die Kultur des Volkes gerade
anwächst, wenn Israel ein abgesondertes Volk ist, das von der
Bearbeitung seines Landes lebt und für seine Weiterentwickling
nicht von den anderen Völkern zu lernen braucht. Der Grund
dafür: die einigende Kraft Israels ist nicht die der Wirtschaft,
sondern die des Geistes, und darum versammeln sich die
Bauern, die ihre Erstlingsfrüchte darbringen wollen, nicht in der
Kreishauptstadt, dem Handelszentrum, wo die Wochenmärkte
abgehalten werden, sondern in der "Stadt des Standältesten",
die aus der Aufteilung des Volkes Israel in bezug auf den
Tempeldienst resultiert. Das ganze Land wurde in 24
Standbezirke aufgeteilt entsprechend der 24 Priester- und
Levitenwachen im Tempel, und man versammelte sich aus allen
Städten des Standbezirkes ausgerechnet in der Stadt des
Standältesten, um zu lehren, daß der einigende
gesellschaftliche Rahmen der israelitischen Gesellschaft mit
dem Tempel verknüpft ist. Aus diesem Grunde wurde auch
nicht in den Häusern, sondern auf dem Stadtplatz übernachtet,
was die innige Verbundenheit zum natürlichen Leben betont,
das bei der Bodenbearbeitung vorherrscht. Weiter schrieb
Rabbiner Kuk: Wie glücklich kann sich das Volk schätzen, das
sich in ein vollkommen natürliches Leben einbindet, das es vor
dem Niedergang primitiver Menschen errettet, und gleichfalls
nicht den kulturellen Rang des Volkes von äußerst hohem und
lauterem Wissen beeinträchtigt, denn das Volk Israel entwickelt
die in seinem Inneren verborgenen heiligen Begehren nicht
durch fremde Kräfte, sondern aus sich selbst heraus, aus seiner
eigenen, großen Kraft.
 
 
Frage und Antwort

Grundlose Liebe

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: In Ihren Artikeln ist häufig von "grundlosem Haß" und
"grundloser Liebe" die Rede. Was bedeuten diese Begriffe
eigentlich genau?

Antwort: Bekanntlich wurden wir wegen grundlosen Hasses
aus unserem Land vertrieben; g~ttseidank kehrten wir zurück,
ein Zeichen, daß diese Sünde in gewissem Maße bereinigt
wurde - aber nicht vollständig, denn es gibt immer noch Leiden
und Probleme. Wir befassen uns zwar mit reumütiger Umkehr,
aber es gibt immer noch etwas zu verbessern.

Was ist eigentlich das Besondere an "grundlosem Haß"? Auch
Haß mit Grund ist verboten. Jemand hat mir große Leiden
verursacht, also hasse ich ihn - auch das ist verboten. Man muß
sich mit ihm aussöhnen, ihn zur Rede stellen und Frieden
schließen. Und wenn er ein Dummkopf ist und nicht mit sich
reden läßt - dann muß man ihm vergeben (Maimonides,
"Mischne Tora", Sittengesetze, 6.Kap., Hal.5,6,9). Dieser "Haß"
ist zwar verboten, aber wenigstens nicht "grundlos".

Grundloser Haß liegt vor, wenn man jemanden haßt, nur weil er
anders ist. Ich hasse das Andersartige, fürchte den Anderen,
vielleicht wird er die Tora zerstören, vielleicht den Staat,
vielleicht die Menschheit. Darum hasse ich ihn, denn nur ich
weiß, was läuft und verstehe die Dinge.

-Warum eigentlich nicht jemanden hassen, der alles zerstört?
-Um Himmels Willen!
-Soll man sich also mit der Katastrophe abfinden, die er
anrichtet?!
-Auch nicht. Gegen schädliche Ideen muß man mit aller Kraft
ankämpfen; aber nicht hassen. Die Ideen darf man hassen,
aber nicht die Menschen. Die muß man lieben und eine positive
Haltung ihnen gegenüber zeigen.
-Auch Hitler!?
-Laß Hitler aus dem Spiel! Man kann nicht jedes Mal, wenn man
mit Geist und Verstand ein Thema klären will, mit Hitler
anfangen (möge sein Name ausgelöscht werden).

Wir reden jetzt vom jüdischen Volk, in dem verschiedene
Meinungen und Ansichten herrschen - und das ist kein Grund
zum Haß gegen jemanden von einer anderen Partei. Ein
Mensch, den Sie nicht kennen, der sich viele Verdienste
erworben hat - lernen Sie ihn kennen, sprechen Sie mit ihm,
vielleicht werden Sie ihn mögen. Ist er denn nur ein
Parteimensch?! Das soll seine ganze Persönlichkeit
ausmachen?! Ist er nicht auch Vater, Sohn, Ehemann,
Angestellter, Soldat, übt er etwa keine Wohltätigkeit? Nein! In
Ihren Augen ist er ein Vollzeitpolitiker, seine ganze
Persönlichkeit steht unter diesem Vorzeichen, und darum ist er
Ihnen verhaßt. Doch das ist ein Trugbild. Das ist nicht seine
ganze Persönlichkeit, sie hat viele Facetten. Sie enthält Gut und
Böse, d.h. etwas, das in Ihren Augen böse erscheint. Man kann
nicht behaupten, er habe überhaupt keine guten Seiten, darum
kann man ihn nicht nur hassen, das wäre unehrlich.

Manche mögen nun glauben, all diese jüdische Nächstenliebe
sei nur eine Beschönigung der bitteren Wahrheit, eine reine
Gefühlsduselei - ganz und gar nicht, weder Beschönigung noch
Gefühle, sondern Verstand und Logik: das Sehen des
vollständigen Bildes. Sicher gibt es bei ihm etwas, dem ich unter
keinen Umständen zustimmen kann, ungeheuerlich,
problematisch und ärgerlich. Zweifellos werde ich in diesem
Punkt nicht nachgeben, sondern kämpfen. Das ist aber kein
Grund, ihn zu hassen. Man muß zwischen getrennten Herzen
und getrennten Ansichten unterscheiden. Bei den Ansichten
stimmen wir nicht überein, aber mit den Herzen sind wir
verbunden.

So ist das nun einmal - "das Wesen des einen [Menschen]
gleicht nicht dem des anderen, und das Gesicht des einen
gleicht nicht dem Gesicht des anderen" (Brachot 58a). Weil der
andere ein anderes Gesicht hat, sollte man ihn etwa hassen?!
Natürlich nicht. Und ebenfalls nicht wegen seiner
unterschiedlichen Ansichten. Er ist eben anders, das ist alles.
Und nochmal, damit das vollkommen klar ist: wir werden für den
Sieg unserer Ansichten kämpfen, denn wir sind von ihrer
Richtigkeit überzeugt. Doch deswegen hassen wir nicht,
sondern lieben jeden Menschen.

Manchen fällt das sehr schwer, denn die andere Seite macht sie
nervös und regt sie auf. Ganz recht! Natürlich fällt das schwer,
aber dafür sind wir da. Wenn der Herr der Welt es so gewollt
hätte, hätte er alle Menschen gleich geschaffen. Oder er hätte
verschiedenartige Menschen geschaffen, und jedem seinen
eigenen Planeten. Anscheinend wollte er aber, daß wir alle
zusammen leben, und das ist keine leichte Sache. Kaum gab es
zwei Menschen auf der Erde, ermordete schon der eine den
anderen. Wir lernen daraus, daß gemeinschaftliches Leben
nicht so einfach zu bewerkstelligen ist.

Dazu muß man viel an sich selbst arbeiten, nicht nur an der
Gesellschaft. Das Lernen, mit dem Nächsten auszukommen,
erfordert innere Veränderungen. Wer dazu unfähig ist, wird
keine glückliche Ehe führen können. Die Scheidung stellt keine
bevorzugte Lösung dar, wie also lebt man unter einem Dach mit
jemandem, der einen ständig aufregt? Darum muß man sich
ändern und den Ehepartner lieben, ihn akzeptieren und mit
ihm/ihr in der Ehe glücklich sein. Die Ehe ist der Beginn des
gemeinschaftlichen Lebens mit jemand ganz anderem. Man
zwingt ja niemanden, sofort zu heiraten, sondern sucht sich
seinen Ehepartner aus, und mit diesem unterschiedlichen
Menschen baut man ein glückliches Leben auf. Wenn man
diesen Schritt erfolgreich bewältigt, kann man diese Methode
ausdehnen auf Freunde und Bekannte, Strömungen und
Gruppen innerhalb der Nation, und am Ende sogar auf andere
Völker, bis man die grundlose Liebe gemeistert hat (siehe
Rabbiner A.J.Kuk, "Israel veTchiato" §26).

Was ist eigentlich "grundlose Liebe" genau? Man kann z.B.
jemanden lieben, weil er einem viele gute Taten erwiesen hat.
Die grundlose Liebe hat jedoch nichts mit guten Taten zu tun,
sondern so, wie der grundlose Haß den Andersartigen zum Ziel
hat, gilt die grundlose Liebe dem Gleichartigen. "Gleich und
gleich gesellt sich gern". "Jeder Vogel wohnt bei seiner Gattung
und der Mensch hält sich zu seinesgleichen" (Baba kama
92b/Sefer ben Sira 13).

Wenn jemand aber wirklich anders ist?! Wie soll man ihn da
lieben? Antwort: Er ist nicht anders! Er ist sogar sehr ähnlich! Er
ist mehr ähnlich als anders. Je mehr man die Ähnlichkeiten
betrachtet, um so mehr gewinnt man ihn lieb. Zu dieser
Erkenntnis gelangt man durch seinen Verstand, nämlich zu
sehen, wie die Gleichartigkeit die Andersartigkeit überwiegt.
Und auch bestimmte Charaktereigenschaften. Um die
Gleichartigkeit zu sehen, braucht man den Mut, den Ärger über
die Andersartigkeit zu überwinden. Man muß an sich arbeiten
und die Schwierigkeiten überwinden, die einen stören, das
Gleichartige zu sehen. Dadurch gelangt man zu natürlicher
Sympathie.

G~tt hat in seiner Weisheit arrangiert, daß wir zusammen seien:
in der Familie, in der Gesellschaft, und dafür leisten wir Arbeit
an unserem Innenleben, mit Verstand und guten Eigenschaften.
Es gibt angeborene, natürliche gute Eigenschaften, und etwas
kompliziertere, die man erst mithilfe des Verstandes erwirbt.
Darum nannte Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides")
die guten Eigenschaften "Wissensangelegenheiten", d.h.
Eigenschaften, die man in vielen Fällen mithilfe des Verstandes
erwerben muß. Doch Verstand allein reicht nicht, man muß sich
auch anstrengen und an sich selbst arbeiten. Es beginnt mit
Verstehen, Erkennen und Geistesarbeit - die dann in den
Charakter durchsickern.

Durch das Sehen des Gleichartigen als unendlich größer als
das Andersartige kommt es zu guten Beziehungen des
Menschen zu seinem Nächsten, zwischen den
unterschiedlichen Strömungen der Nation, und durch Verstand
und Geist, chasak venitchasek, wollen wir die grundlose Liebe
mehren.

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
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