DAS ZENTRUM FÜR
JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Ausgabe: R. Plaut
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-Archiv der
"Betrachtungen"
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den Rabbi" auf deutsch
-früher aktualisiert (update)
als die Machon-Meir-Seite
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT BEHAR
Nr. 408
15. Ijar 5763
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was
ist TOLERANZ wirklich?
Über
die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das
Gebot der Einwanderung nach Israel
Der
Holocaust
DAS
VOLK ISRAEL
Politik
und Judentum
Die
Tora und der Mensch
oder
"Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die
Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion
"2000"-
Israel und das Christentum
- Briefe der Oberrabbiner
Israels
- Israelfreundliche
Christen?
"Ich
bin ein Palästinenser"
Die
Sudeten von Palästina
König
Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der
Kampf um Israel
Wie
man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn
Erew Pessach auf Schabbat fällt
"Jerusalem
Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals
jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim
AUF HEBRÄISCH:
"Schall
und Ru'ach"
Kurze Vorträge von
Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten
Themen,
zum Zuhören
online,
desgleichen auf Französich
Diese Woche in der Tora (Lev. 25,1-26,2):
Gesetze des Siebentjahres (Schmitta),
des Joweljahres (alle
50); Bodenrecht; Auslösung des Verarmten;
Auslösung von
Hauseigentum; Sonderregelungen für
Leviten; Zinsverbot;
Sklaven- und Arbeitsrecht; Götzenverbot;
Schabbat heiligen.
| Am
Schabbes-Tisch...
Wenn dein Bruder verarmt Rav Jakov Halevi Filber
|
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Als die Tora verkündete: "denn niemals wird es im Lande an
Armen fehlen" (Dt. 15,11) - wollte sie damit eine unabänderliche
Tatsache des Lebens der menschlichen Gesellschaft mitteilen,
eine Realität von Reichen und Armen, von Förderern und
Unterstützten, die uns zeitlebens begleiten wird, wie Rabbiner
Naftali Z.J. Berlin (Leiter der Woloschiner Jeschiwa vor über
100 Jahren) in seinem Torakommentar "Ha'emek Dawar"
erklärte: "Es ist eine naturgegebene Tatsache, daß es niemals
an Armen fehlen wird"? Oder verhält es sich vielleicht so, wie
ein anderer Vers andeutet, daß nämlich doch die Armut im
jüdischen Volk aufhören wird: "jedoch soll es unter dir keine
Armen geben" (Dt. 15,4)?
Über diesen Widerspruch fragten die Weisen schon im
Midrasch: "Wie erfüllen sich diese beiden Schriftverse?", und
antworten: "Zur Zeit, wenn ihr den Willen G~ttes tut - gibt es
Arme nur bei Anderen, und wenn ihr nicht den Willen G~ttes tut
- die Armen bei euch". Demnach bedeutet Armut keine
zwangsläufige Realität, sondern göttliche Strafe für
menschliches Verhalten. Wie dem auch sei, die Armut ist nicht
von unserer Lebensrealität zu trennen, und wir müssen uns
mit
ihr auseinandersetzen.
Die Frage lautet, was tut man gegen das Problem der Armut?
In unserem Wochenabschnitt breitet die Tora einige
Lösungsmöglichkeiten vor uns aus, wie die wirtschaftlichen
Unterschiede zu verhindern oder wenigstens einzugrenzen
seien: es beginnt mit dem Verzicht des Grundbesitzers auf den
Bodenertrag des Siebtjahres (Schmitta) zugunsten der
Allgemeinheit, wie es heißt: "Aber im siebenten lasse es brach
und gebe es preis, daß davon essen die Dürftigen deines
Volkes" (Ex. 23,11), es geht weiter mit dem Gebot des Jowel-
Jahres (alle 50 Jahre), in dem Jedermann zu seinem Erbbesitz
und seiner Familie zurückkehrt, bis hin zur Berücksichtigung
der
Nöte des Einzelnen, der Zwangslagen, sein Grundstück oder
sein Haus verkaufen zu müssen, oder sogar sich selber als
Knecht zu verkaufen. In allen diesen Fällen ist es verboten, den
Strauchelnden seinem Schicksal zu überlassen, und seine
Verwandten, auch die entfernteren, sind berufen, zu seiner Hilfe
zu kommen und ihn von seinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten
zu befreien.
Für die Allgemeinheit hat die Tora eine ganze Reihe Gebote zur
Armenhilfe angeordnet: Pflichtspenden (Zedaka),
Verfallenlassen von Anleihen im Siebtjahr, Übriglassen von
Früchten auf Feld und Baum usw., aber vor allem ist es der
Arme selber, der die Pflicht hat, sich vom Zustand der Armut zu
befreien oder erst gar nicht hineinzugeraten. So erklärte man
den Vers "jedoch soll es unter dir keine Armen geben" - "unter
dir", Einzahl, ein Gebot an den Einzelnen, dafür zu sorgen, daß
er nicht arm sei. Ein Beispiel für diese Deutung finden wir im
Talmudtraktat Ta'anit (S.21a) in der Geschichte von Ilpha und
Rabbi Jochanan, die sich mit der Tora beschäftigten und in
große Armut gerieten. Da sprachen sie: Wohlan, wir wollen uns
ein Gewerbe gründen und an uns in Erfüllung gehen lassen:
"jedoch soll es unter dir keine Armen geben". Darauf gingen sie
und setzten sich unter eine baufällige Wand und speisten da.
Da kamen zwei Dienstengel, und Rabbi Jochanan hörte, wie
einer zum anderen sagte: Wollen wir auf sie die Wand werfen
und sie töten, weil sie das ewige Leben lassen und sich mit dem
zeitlichen Leben befassen. Darauf sprach der andere: Laß sie,
denn einer ist unter ihnen, dem die Stunde günstig ist. Rabbi
Jochanan hörte es, Ilpha aber hörte es nicht... Da sagte
er sich:
Da ich es gehört habe und Ilpha nicht, so bin ich es wohl, dem
die Stunde günstig ist. Darauf sprach Rabbi Jochanan: Ich will
umkehren und an mir in Erfüllung gehen lassen: "denn niemals
wird es im Lande an Armen fehlen". Rabbi Jochanan kehrte um,
und man wählte ihn zum Vorsteher der Jeschiwa.
Der Chatam Sofer (Rabbi Moses Sofer [Schreiber], Gründer
der
Preßburger Jeschiwa, einer der scharfsinnigsten Talmudisten
der neueren Zeit, lebte vor ca. 200 Jahren) erwähnt diese
Geschichte in seinem Torakommentar Torat Moscheh. Nicht
nur, daß er den Ausspruch des Engels "weil sie das ewige
Leben lassen und sich mit dem zeitlichen Leben befassen"
vollkommen ignoriert, seine Deutung scheint sogar
dahinzugehen, daß er auch religionsgesetzlich irrelevant ist.
(Siehe Traktat Schabbat S.33b, wo auch Rabbi Schimon bar
Jochai bei diesem Ausspruch irrte und sich die Rüge einer
himmlischen Hallstimme einfing: Seid ihr herausgekommen, um
meine Welt zu zerstören?!). Nach seiner Erklärung hat sich
gerade Ilpha hier korrekt verhalten, der etwas gegen seine
Armut unternehmen wollte, und Rabbi Jochanan verhielt sich
nur ausnahmsweise anders. So schrieb der Chatam Sofer:
"'jedoch soll es unter dir keine Armen geben' - das bedeutet: sei
selber kein Armer, denn wenn du so tust (wie Ilpha und Rabbi
Jochanan, daß du arbeiten gehst, um nicht arm zu sein), dann
'wird dich segnen der Ewige im Lande' (Forts. Dt. 15,4), was
ausdrücken will: segnen in der Bearbeitung des Landes, der
Beschäftigung mit Gewerbe u.ä., wie es Ilpha tat".
"'Aber nur wenn du gehorchest der Stimme des Ewigen deines
G~ttes, zu beobachten, auszuüben dies ganze Gebot' (Dt. 15,5)
will sagen: wenn du Hallstimmen oder Dienstengel sagen hörst,
'zu beobachten, auszuüben', d.h., daß du erwählt bist,
die Tora
zu hüten und für das Hüten der Tora zu sorgen und dich
mit der
Gebotsausübung zu befassen, dann beschäftige dich nicht mit
den Segnungen des Bodens, sondern nimm die Wahl zum
Jeschiwavorsteher an, wie Rabbi Jochanan".
Aus den Worten des Chatam Sofer geht hervor, daß nur wenige
Einzelne, denen eine himmlische Offenbarung wie Rabbi
Jochanan vergönnt war, die es ausdrücklich von einer
Hallstimme oder von Dienstengeln hörten, die für spirituelle
Botendienste verwendet werden, nur jene befreit sind von den
"Segnungen des Bodens". Die generelle jüdische Gesellschaft
jedoch, einschließlich der Toraschüler, ist verpflichtet
dafür zu
sorgen, niemals in ihrem Leben in Notlagen der Armut
abzusinken, sondern sich um "Bearbeitung des Landes,
Beschäftigung mit Gewerbe u.ä." zu kümmern, um zu erfüllen:
"..soll es unter dir keine Armen geben".
| Frage
und Antwort
Machst du mit oder nicht? Rav Schlomo Aviner
|
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Frage: Sollte es für eine Partei wie die Nationalreligiösen
keine
"roten Linien" geben, deren Überschreitung automatisch zu
ihrem Austritt aus der Regierungskoalition führen? Wie kann
man in einer Regierung mitarbeiten, die die Heiligkeit des
Schabbat, der Ehe und des Landes Israel mit Füßen tritt,
ebenso wie das Budget für die Jeschiwot und die Fürsorge
der
Armen? Sollte man nicht mit der Faust auf den Tisch schlagen
und abziehen, um die Wahrheit in all ihrer Reinheit zu hüten?
Antwort: Wir müssen uns einfürallemal entscheiden,
ob wir
dazugehören oder außenvor stehen. Man kann nicht bei jeder
Gelegenheit, von denen sich wahrlich genug bieten, mit dem
Austritt aus der Regierung drohen.
Es gibt g~ttesfürchtige Juden, die seit der Gründung des
Staates außenvor stehen und rufen: Ein unreiner Staat! Eine
trefene Regierung! Sie wollen erst dazugehören, wenn der
Staat
in seiner idealen Form vom König Maschiach aus der
davidischen Linie geleitet wird. Die Frage ist nur, ob wir mit
dieser Einstellung jemals dieses Ideal erreichen...
Oder vielleicht kommt die Erlösung Stück um Stück, und
wir
müssen uns in Geduld fassen. Geduld bedeutet nicht Verzicht.
Verzicht bedeutet Götzendienst (Talmud jeruschalmi, Beginn
des Traktates vom Götzendienst). Geduld bedeutet
aufopfernde, angestrengte Arbeit in der Erkenntnis, daß das
Leben einem bestimmten Rhythmus unterliegt. Im Lehrhaus, in
einer erhabenenen Welt, ist alles in absoluter Reinheit und ohne
Grauzonen klar umrissen und entschieden. Doch im praktischen
Leben, in der täglichen Realität, liegen die Dinge anders.
Jeder
kleine Fortschritt muß mit Zähnen und Klauen erkämpft
werden.
Nur durch harte Arbeit kann die Lage schrittweise verbessert
werden.
Das Geheimnis besteht in der stufenweisen Verbesserung von
innen heraus und im Rahmen der Möglichkeiten. Wenn man
nicht alles auf einmal verbessern kann, dann, sagen die
talmudischen Weisen, "daß das eine eher als das andere zu
vermeiden sei" (Sota 48a), d.h. man soll mit dem größeren
Übel
anfangen. So ging Rabbi Jehuda "der Fürst" (Autor der
Mischna) vor: "Vielmehr wollte Rabbi die Sache nur mehr und
mehr hinausschieben und wünschte, daß es überhaupt
unterbleibe" (Awoda Sara 16a). Rabbi wollte einen bestimmten
Mißstand beseitigen, und tat dies nach und nach.
Nach dieser Methode entschied Rabbiner Schlomo ben
Awraham Aderet ("RaSchbA", zählt zu den Rischonim von vor
etwa 750 Jahren): "Um den Stolperstein vor dem Volk zu
beseitigen, muß man mit dem Leichten beginnen und zum
Ernsten aufsteigen, und man versuche nicht alles auf einmal...
errinnere dich an David unseren Herrn und unseren König, der
von Joaw und Schim'i abließ, obwohl sie des Todes schuldig
waren... das Ignorieren des Sünders ist manchmal Pflicht, wenn
die Stunde es gebietet" (Responsen V,238).
Überhaupt sollte man den Politikern einen Vertrauensvorschuß
gewähren und sie nicht mit spezifischen Weisungen
bombardieren. Der Talmud lehrt uns nicht die Einzelheiten der
politischen Führung. Vielmehr benötigt sie eine bestimmte
Vertrauensbasis, Kommunikation, Übereinstimmung bezüglich
der Ziele, Ausstrahlung, Einfluß - und dadurch wird sie schon
wissen, ihren Weg durch die Komplikationen der Wirklichkeit zu
bahnen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.
Die Mitglieder der Regierung tragen Verantwortung zur
Förderung der Tora und des Landes. Nicht durch das
Zerbrechen von Blumenvasen auf bestimmten Köpfen wird uns
die Erlösung erwachsen, nicht aus den rauchenden Trümmern
des Seins die Blumen der Zukunft sprießen; unsere Arbeit wird
nur Stück um Stück vorankommen.
Eine Einstellung zur Regierung und zum Staat wie zu einer
Herrschaft des Satans, von der man weitestmöglichen Abstand
halten sollte, wird uns nirgendwo hinbringen. Diesen Fehler
machten wir bereits in der Vergangenheit, als sich die
G~ttesfürchtigen gegen den Strom stellten und nicht mit den
Pionieren beim Aufbau des Landes zusammenarbeiten wollten.
So wurden sie in die Ecke gedrängt, denn "nur wer sich am
Vortag des Schabbat müht, wird am Schabbat zu essen haben"
(Awoda sara 3a). Der große Talmudgelehrte, Rabbiner Schlomo
Jissachar Teichtal (Opfer der Schoa), Autor des Buches "Em
haBanim Ssemecha", nimmt sie in Schutz hinsichtlich ihrer
Befürchtung, der Aufbau des Landes würde nicht in der
erhofften Vollkommenheit erfolgen, und darum zogen sie es vor,
nicht daran teilzunehmen. "Sie mögen uns aber verzeihen,
leider vergaßen sie die Worte des Frommen im Buche der
'Herzenspflichten', der schrieb: 'es gehört mit zur Vorsicht,
nicht
zu vorsichtig zu sein', und schrieb dort, wenn sich jeder, der
sich mit guten Taten beschäftigt, schweigend beiseite stünde
und abwarte, bis daß sich sein Wille erfüllte, würde
niemand
etwas tun. Und wenn sich jemand alle guten Eigenschaften
aneignen wollte nur durch Aufnahme dessen, was ihm zufällig
begegnet, wären alle Menschen leer des Guten und mangelnd
des Begehrlichen, und die Wege des Guten wären verödet und
die Zentren der Mildtätigkeit verlassen".
Hier geht es nicht um den letzten Kampf. Viele Kämpfe haben
wir noch vor uns - unter uns, immer unter uns. Auch zwischen
Mann und Frau kann man nicht bei jeder kleinen Enttäuschung
gleich mit Scheidung drohen. Von den Schöngeistern, die sich
bei jeder Unvollkommenheit zurückziehen, haben wir keine
Erlösung zu erwarten. Vielmehr von Jenen, die mit ihren
Kameraden am Joch tragen, die tagtäglich schwer arbeiten und
die zermürbende Arbeit mit Ausdauer und Mühe zu bewältigen
suchen und dann noch zulegen. "Doch der Pfad des Gerechten
ist wie das Licht des Frührots, das immer heller wird, bis zur
Tageshöhe" (Sprüche 4,18).
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch
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