DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJIKRA
Nr. 347
3. Nissan 5762

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;    NEU: Jetzt auch Video!
desgleichen auf Französich (audio)

Diese Woche in der Tora (Lev. 1,1 - 5,26):
Der Opferdienst: welche Tiere oder Nahrung, wer, wo, wie und
wofür; die zentrale Bedeutung der Kohanim (Priester) und des
Wüstenheiligtums (Vorläufer des Tempels in Jerusalem).
 
 
Frage und Antwort

Andersrum

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Warum sieht man einen Mann, der mit einem anderen
Mann zusammenleben will, als etwas Ekelhaftes an? Das ist
doch nunmal sein Wesen, seine Natur, seine Eigenschaft und
seine Liebe! So wurden seine Chromosomen und seine
Hormone geschaffen, darauf ist er morphologisch und
psychologisch eingestellt. So hat ihn G~tt eben gemacht; es
kann nicht angehen, daß der zu Allen gute G~tt ihn nicht leben
ließe, wie es für ihn am Besten ist, und ihm seinen Geliebten
vermiest, oder einer Frau ihre Geliebte. Dafür gibt es doch
angeborene Gründe, Umwelt- und psychosexuale Einflüsse, die
ihn so werden ließen, die ihm keine Wahl lassen, anders zu
sein. Diese Gründe nehmen ihm die Entscheidungsfreiheit!

Antwort: Vor allem entscheiden Sie nicht für den Herrn der
Welt! Sie wurden nicht zu seinem Pressesprecher ernannt, und
ein Prophet sind Sie auch nicht. Auch wenn Sie wirklich ein
Prophet wären, hätten Sie sich soeben der Todesstrafe schuldig
gemacht, indem Sie Gesetze im Widerspruch zur Tora
Moschehs verkünden. Nicht wir haben entschieden, daß es sich
hierbei um etwas Abscheuliches handelt, sondern G~tt, der es
ausdrücklich "ein Greuel" nennt (Lev. 20,13)!

Natürlich liebt der Schöpfer seine Geschöpfe und ist an ihrem
Glück interessiert. Genau darum verlegte er dem Menschen den
Weg zum Abgrund des Ekels. Auch ohne die Tora verstehen
wir, daß es sich um etwas Widerliches handelt, und daß der
Mensch auch heiratet, um Kinder in die Welt zu bringen. Nur
weil Viele so handeln, ist es nicht weniger abscheulich.
Dennoch geht es nur um eine kleine Minderheit, die in allen
Generationen existierte und immer als Abscheu angesehen
wurde; nur manchmal versuchen sie, diesen furchtbaren
Schandfleck reinzuwaschen.

Und nun zur Behauptung, wonach abnormale Neigungen einen
Menschen seiner Entscheidungsfreiheit berauben: im Gegenteil!
Genau dafür hat er seine Entscheidungsfreiheit bekommen!
Wegen des bösen Triebes gibt es Entscheidungsfreiheit. Wenn
ein Mensch nur den guten Trieb hat, fehlt ihm jede
Entscheidungsfreiheit, wie Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto in
seinem Werk "Derech Haschem" (Der Weg G~ttes) ausführlich
erklärte. Demnach besteht Entscheidungsfreiheit nur dort, wo
sich guter und böser Trieb gegenüberstehen. Wenn ein Trieb
den anderen überwiegt, steht der Ausgang des ungleichen
Kampfes von vornherein fest.

Es gibt viele Triebe, mindestens 613, um die 613 Gebote der
Tora zu übertreten. G~tt schuf beide Seiten, und der Mensch
muß sich für eine Seite entscheiden und kämpfen. Natürlich hat
nicht jeder Mensch alle bösen Triebe auf einmal. Jeder Mensch
hat seine spezifischen Triebe, und jeder Mensch muß seinen
individuellen Kampf führen. Darum heißt es: "Wer ist ein Held?
Der seinen Trieb bezwingt" (Mischna "Sprüche der Väter", 4,1),
d.h. seinen Trieb, nicht den Trieb seines Nächsten, den er gar
nicht hat. Manchen treibt sein Trieb zu Männern, und manchen
zu Frauen - und jeder muß seinen Trieb bezwingen und ein
reines Eheleben führen; jeder mit seinem Trieb.

Manche mögen vorbringen, es handele sich dabei aber um
einen sehr starken Trieb - darum wisse: dagegen wurden Sie
mit einem besonders starken guten Trieb ausgestattet. Freuen
Sie sich darüber, denn wenn Sie Ihren bösen Trieb bezwingen,
verbleiben Sie mit einem wunderbaren guten Trieb.

Jeder Mensch wird durch seinen Trieb geprüft. Auf jeden
Menschen lauert eine spezielle Sünde, "vor der Türe lagert die
Sünde" (Gen. 4,7). Darum heißt es: "Jeder, bei dem die Furcht
vor seiner Sünde seiner Weisheit vorangeht [dessen Weisheit
hat Bestand]" (Mischna "Sprüche der Väter", 3,11), und nicht:
"bei dem seine Furcht vor der Sünde usw.", denn das ist seine
Sünde, an der er gemessen wird, und dafür wurde er in diese
Welt geschickt. Genau diesen bösen Trieb zu besiegen - das ist
seine Aufgabe, und dadurch kann er Reinheit und Heiligkeit
erreichen.

Das ist wirklich möglich, denn es herrscht Entscheidungsfreiheit.
Ja, glauben Sie denn nun an Entscheidungsfreiheit oder nicht?!
Wenn Sie nicht daran glauben, können Sie die ganze Tora
vergessen. G~ttseidank ist der Wille frei, es sei denn, der
Mensch leidet an einer Geisteskrankheit von erstrangigen
psychopathologischen Ausmaßen, an unbezwingbaren Trieben;
dann ist er nach der Halacha von Strafe frei, weil er als Irrer gilt.
Er ist nicht er selbst. G~ttseidank gibt es Medikamente, solchen
Menschen zu helfen. Hier ist jedoch nicht von Geisteskranken
die Rede, sondern von Menschen, die ihre Triebe beherrschen
können.

Simri, Sohn des Salu (Num. 25,14) nahm die Midianiterin vor
den Augen des ganzen Volkes (Num. 25,6). Eine seltsame
Sache: wenn er schon sündigen und den bösen Trieb dem
guten vorziehen wollte - warum tat er das nicht im Verborgenen,
warum mußte er das ganze Volk provozieren? Vielmehr war er
der Ansicht, daß diese Verführung und dieser Sinnesreiz
praktisch unwiderstehlich waren und er gar nicht anders konnte.
So wurde diese Sache zum Prinzip erhoben, und er sündigte
demonstrativ vor Allen. Nein!, so etwas kann man nicht selber
entscheiden (nach Rabbi Zadok HaKohen aus Lublin, Zidkat
Hazadik §47).

In dieser Welt gibt es Probleme und Versuchungen, mit denen
man sich auseinandersetzen muß. Manchmal fällt man durch
die Prüfung, sogar Weltgrößen können stolpern, wie z.B. unser
König David. Wir sind schließlich Menschen und keine Engel.
Wenn wir aber einmal versagt haben, müssen wir schleunigst
davon umkehren und nicht aus der Sünde eine ganze Ideologie
machen, die das Versagen rechtfertigt. So verhält sich nämlich
der Götzendienst, der mit Allem einverstanden ist: "Alles ist dir
erlaubt, alles ist gut, tue nach deinem Willen; Hauptsache, du
genießt es" (Awoda sara 1.Kap.). Die Tora ist nicht nachgiebig!
Es gibt "erlaubt" und auch "verboten"! Man muß sich
überwinden und kämpfen! Wir alle machen schwere Kämpfe
durch. Manch alter Junggeselle kämpft mit seinen Trieben und
versagt nicht - er ist rein! Alle Achtung!

Jeder hat seine Triebe - einer nach Frauen, einer nach
Männern, einer nach Mädchen, einer nach Jungen - und das
macht die Sache etwa erlaubt?!

Vielmehr ist es ein Abscheu (To'ewa). Natürlich gibt es noch
andere Widerlichkeiten. Bar Kapara deutete: "To'ewa - to'e ata
wa [Abscheu - du irrst dich darin]" (Nedarim 51a). Das ist keine
Frau, das ist ein Mann - falsche Adresse.

Es macht keinen Unterschied, ob der Trieb seine Ursache in
den Chromosomen oder in den Hormonen hat, psychosexuellen
Gründen entspringt oder Begleiterscheinung eines
Minderwertigkeitskomplexes - er gleicht einer Bakterie. Ebenso
werden viele andere Krankheiten von Bakterien verursacht, das
gibt ihnen aber keine Legitimation, vielmehr müssen wir sie
bekämpfen. Die genetischen und psychologischen Umstände
dienen der Erkenntnis, nach dem Motto "kenne deinen Feind";
nicht, um auf die Seite des Feindes überzuwechseln, sondern
um ihn zu schlagen.

"Es kann doch nicht angehen, daß G~tt mir meinen
Geliebten/meine Geliebte nicht gönnt" - woher haben Sie diese
Weisheit?! Sind Sie hier etwa der Hausherr? Die Welt ist kein
Jahrmarkt, wo man nach Herzenslust zugreift, sondern eine
Welt des Dienstes, wie im ersten Kapitel des "Weges der
Frommen" (Messilat Jescharim) beschrieben. Wir kennen zwar
nicht alle göttlichen Planungen, aber wir wissen doch, daß wir
noch nicht im Garten Eden angelangt sind, sondern uns immer
noch in der Welt des Dienstes befinden; manchmal ein
schwerer Dienst, und man muß Verantwortung zu übernehmen
bereit sein.

Echte Verantwortung, nicht die verfälschte Version dieses
Begriffes, wie manche behaupten: "Du hast zwar eine
abnormale Neigung, und das ist nach der Tora verboten, du
kannst ihr aber unter der Bedingung nachgehen, daß du dich
verantwortlich verhälst". Im Gegenteil, das ist ein Nicht-
Übernehmen von Verantwortung! Verantwortung bedeutet: "Ich
habe Entscheidungsfreiheit, ich bin für meine Taten
verantwortlich, und es ist mir verboten, zu sündigen!" Dieses
Verantwortungsbewußtsein kommt im Sündenbekenntnis
"Aschamnu..." - "wir haben uns schuldig gemacht" zum
Ausdruck (Rabbiner A.J. Kuk, Orot Hatschuwa 16.Kap., A1). Es
gibt kein Sündenbekenntnis "er ist schuldig, du bist schuldig, die
Chromosomen sind schuldig, die Hormone sind schuldig, der
Komplex ist schuldig...", sondern: "Ich bin schuldig"!

Manche meinen: Das entmutigt aber, "ich bin schuldig" zu
sagen. Es ist doch viel angenehmer, die Schuld den
Chromosomen oder anderen Ursachen in die Schuhe zu
schieben. Nein! Es entmutigt viel mehr, wenn ich nicht schuldig
bin, denn dann stecke ich in einer ausweglosen Situation. Wenn
es aber von mir abhängt, kann ich mich auch aus meiner Lage
befreien. "Wenn du glaubst, man könne zerstören, glaube auch,
man könne heilen" (Rabbi Nachman aus Breszlav).

Es gibt noch andere Lesarten, etwa nach dem Motto: "Das bin
ich mir schuldig". Ein schlechter Witz! "Ich muß mich von
meiner Frau nach dem ersten Ehejahr scheiden lassen, weil ich
eine schönere gefunden habe, und ich bin es mir schuldig,
glücklich zu sein und mit meiner Geliebten zu leben". Was für
eine Verkommenheit! Du bist dir schuldig?! Wer hat diese
"Schuld" geschaffen? Vielmehr hast du einfach Lust dazu. Du
hast einen bösen Trieb, und dem bist du es schuldig. Du bist es
dem niederen Teil deiner Seele schuldig. Du bist es der
unreinen Seite deiner Seele schuldig, du bist es deinem inneren
Schweinehund schuldig.

"Es kann doch nicht angehen, daß G~tt mir meinen
Geliebten/meine Geliebte nicht gönnt" - und ob er Ihnen das
nicht gönnt, denn dabei geht es nicht um den/die Geliebte(n)
der reinen Seele, die G~tt Ihnen gab, sondern um die Liebschaft
der tierischen Seele in Ihnen. Diese Liebschaft kann man Ihnen
sehr wohl nehmen, und es ist ein Gebot und eine Pflicht, sie
Ihnen zu nehmen.

"Werde ich aber dann glücklich sein?" Gerade dann, und zwar
von seiten der guten, göttlichen Seele in Ihnen. Doch vorher
muß man erst einmal daran glauben. Sie können Hilfe und
Unterstützung erhalten, Ihre Neigungen loszuwerden. [Liste der
Nummern von Telefonhilfe und Selbsthilfegruppen im Raum
Jerusalem liegt der Redaktion vor]. Es gibt Hilfe für Jüngere und
Ältere, Männer und Frauen, Religiöse und Nicht-Religiöse. So
kamen schon Viele von ihren Neigungen los, heirateten und
führen heute ein glückliches Familienleben. Wir haben nicht
behauptet, daß es nicht schwer fällt. Es fällt uns allen schwer.
Auf jeden Fall kann man sich davon lösen. Es ist kein
unüberwindliches Problem. Entweder schafft man es, die
Neigung vollständig loszuwerden, oder man lernt sie zu
besiegen.

Machen Sie aber keine neue Ideologie daraus, machen Sie
nicht das Verständnis der Sache zur Legitimierung, machen Sie
nicht das "kenne deinen Feind" zu "lauf zur Gegenseite über",
machen Sie nicht die Kausalität zu Determinismus. Natürlich
besteht eine Kausalität, für jede Sache gibt es einen Grund und
jede Ursache zeitigt eine Wirkung. Das bedeutet aber noch
lange nicht Determinismus, einen von vornherein vorbestimmten
Ablauf, ein blindes Schicksal, weder im astrologischen noch im
wissenschaftlichen Sinne. Wenn ein Rabbiner nur um
halachische Erlaubnis zum Nachgehen einer solchen Neigung
gebeten wird, so spricht das schon gegen ihn, und wenn er
tatsächlich eine Erlaubnis gibt, macht er sich am Abscheu
mitschuldig.

Möge G~tt sich unser erbarmen, möge er uns Mut und Kraft
geben, solide Familien zu gründen, und uns allen ein Leben in
Reinheit vergönnt sein.
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
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