DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJELECH
Nr. 322
5. Tischri 5762

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Dt. 31,1-31,30)
Moschehs 120. Geburtstag, moralische Unterstützung für
seinen Nachfolger, Jehoschua, Ausblick auf die Zukunft,
Wohlstand wird zur Abwendung von G~tt und Strafe führen.
 
 
Frage und Antwort

Die Revolution des Lernens

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Was ist besser für unsere kleinen Heiligen - religiöse
Studien (Chumasch, Propheten, Schriften, Mischna, Talmud,
Halacha, Emuna usw.) verbunden mit weltlichen, oder nur
jüdische Studien allein?

Antwort: Nur Tora! So entschied Rabbiner Moscheh ben
Maimon ("Maimonides") - Kinder lernen nur Tora (Mischne Tora,
Gesetze vom Torastudium, 2.Kap.), und so steht es im
Schulchan Aruch in den Gesetzen über Kinderlehrer
("Melamdim"; J.D. §245). Danach richtete sich das jüdische Volk
im Laufe seiner langen Geschichte: Kinder lernen nur Tora und
nichts anderes. Dank dieses Verdienstes überlebte das Volk
Israel im Glanze seiner Größe, seiner Himmelsfurcht, seiner
Lehre, seiner Reinheit und seiner Heiligkeit.

Warum keine weltlichen Studien? Sind sie etwa nicht gut und
nützlich? Natürlich, alles sehr schöne, sehr wichtige und sehr
nötige Dinge. Weltliche Studien sind interessant, erweitern
Horizonte, fördern den Verstand und das Weltverständnis, das
Verstehen der Tora und die Allgemeinbildung. Man braucht sie
für den Lebensunterhalt und den Aufbau des Staatswesens. Der
Staat braucht Ärzte, Ingenieure, Soldaten und viele andere
professionelle Fachkräfte. Die Sache dient dem Broterwerb des
Einzelnen, verhindert Parasitentum und nützt erst recht dem
Unterhalt des Staates - ein wichtiges Gebot, die Stärkung
unseres Landes!

Diese Dinge sind sehr wichtig - nur nicht für Kinder. Nicht jedes
Thema eignet sich für Kinder. Es ist sehr wichtig, zu heiraten,
und trotzdem sind die Intimitäten des Ehelebens kein Thema für
Kinder. Die Zeit wird kommen, sie alles zu lehren, aber
ersteinmal - die Hauptsache! Und dann die Zugaben. Die
Hauptsache besteht nicht darin, Horizonte durch
Allgemeinbildung zu erweitern oder einen Beruf zum
Lebensunterhalt zu erlernen, sondern gute
Charaktereigenschaften zu erwerben, Himmelsfurcht, ein guter
und anständiger Mensch zu sein und die göttlichen Gebote zu
erfüllen. Alles Andere ist nur Mittel zum Zweck, Mittel zum
Erhalt der Welt, des Landes, des Lebens und des Überlebens,
und zur Allgemeinbildung. Am besten, wenn man 1) gebildet ist,
2) lebt und 3) existiert - doch wofür? - um seine Aufgabe im
göttlichen Gesamtarrangement zu erfüllen. Sicher, wenn der
Mensch nicht existierte, gäbe es auch niemanden, der G~ttes
Aufgaben erfüllte. Doch das ist die Hauptsache: Dienst an G~tt,
Wissen um G~tt, G~ttesfurcht, ein guter Charakter, Tora, die
Erfüllung der Gebote zwischen Mensch und G~tt und der
Gebote zwischen dem Menschen und seinem Nächsten. Das ist
die Hauptsache im Leben, und das muß man die Kinder lehren.
Danach fügen wir die weniger wichtigen Dinge der Hauptsache
hinzu, die ihr dann zuträglich sind, ein Teil von ihr werden und
sie stärken. Die Allgemeinbildung ergänzt die Tora, und der
Beruf hilft, den Lebenskampf im Sinne der Hauptsache zu
führen. Um diese Frage geht es: Womit fängt man an? Natürlich
mit der Hauptsache!

Hier geht es nicht um die Definition, bis zu welchem Alter sich
die Kindheit in diesem Sinne erstreckt - dreizehn, fünfzehn,
achtzehn... Das ändert sich von Zeit zu Zeit. Heutzutage wird
die Reife erst mit etwa zwanzig, zweiundzwanzig Jahren erlangt.
Jeschiwaschüler nennt man heute "Kleinkinder in rabbinischer
Obhut".

Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen - wir sind
nicht gegen weltliche Studien. Wir sind dafür. Aber Talmud-Tora
(für Kinder) und Jeschiwa Ketana (für Jugendliche) gehören
G~tt allein. Kind und säkulare Studien passen nicht zusammen.
Ein Kind ist ganz und gar heilig, ein gutes Kind mit guten
Eigenschaften, mit gutem Herz, Himmelsfurcht, Liebe zu G~tt
und Anhänglichkeit an G~tt. Wenn es sich danach mit
weltlichen Studien beschäftigt, sei es zur Weiterbildung oder für
einen Beruf, werden sie ihm Segen bringen.

Wenn man sich aber für die entgegengesetzte Richtung
entscheidet, wenn man nicht die guten Eigenschaften des
Kindes entwickelt und es kein gutes Herz hat, wozu soll man
dann seine Begabungen fördern? Was nützen uns hochbegabte
Leute ohne Gewissen? Schon der Denker François Rabelais
stellte fest: "Wissen ohne Gewissen zerstört die Seele". Was
nützt mir ein begabter Student an der Universität, der sich in
Computer einschleicht, Examensergebnisse fälscht und
Arbeiten seiner Kommilitonen löscht?! Zwar weiß er viel - doch
ist er ein Barbar. Heute nennt man das die "techno-barbarische
Kultur". Ein mit technologischem Wissen ausgestatteter Barbar
ist gefährlicher als ein primitiver Barbar, weil er mehr zerstören
und ausrotten kann. Wir wollen gute Kinder, moralische und
anständige Kinder, und darauf müssen wir uns konzentrieren.
Danach kann man sich über Ergänzungen unterhalten.

G~ttseidank ist das Leben lang. Laßt Kinder, Jugendliche und
Heranreifende in Ruhe ausschließlich Tora lernen, im Talmud-
Tora, in der Jeschiwa Ketana und in der Jeschiwa. Wer will,
lernt hinterher sein ganzes Leben lang Tora - und wird
Rabbiner. Wer will, wendet sich einem anderen Beruf zu.
Vielleicht mag jemand einwenden, ob es denn nicht ein wenig
spät sei, mit Fünfundzwanzig plötzlich mit weltlichen Berufen
anzufangen?! Dieser Einwand hat eine gewisse Berechtigung,
wenn es um jemanden geht, der bisher gar nichts gelernt hat
und sein Gehirn schon eingerostet ist. Hier handelt es sich
jedoch um Menschen, die Talmud gelernt haben, das
anspruchsvollste Studium der Welt, anspruchsvoller als jedes
weltliche Studium. Weltliche Studien sind für sie
erwiesenermaßen ein Kinderspiel. In "Machon Lev" (Hochschule
für Technologie) wurde für Absolventen der "Jeschiwa Ketana"
ein Kurs zur Vorbereitung aufs Abitur eingerichtet, die keinerlei
weltliche Vorbildung hatten. Alle Teilnehmer bestanden nach
einem Jahr halbtäglicher Studien das Abitur. Diese
Jugendlichen sind schließlich das Lernen gewöhnt, und was
besonders wichtig ist, sie können selbständig lernen, von einer
zur nächsten Schwierigkeitsstufe vorankommen und hart
arbeiten. Sie wissen Lernhilfen und Lernmethoden einzusetzen
und nicht nur passiv Stunde um Stunde in der Klasse
abzusitzen. Die Erfahrung bestätigt die Möglichkeit einer
schnellen Berufsschulung ohne besonders umfangreiche
Vorbereitung, und es gibt unzählige Beispiele für erfolgreiche
Integration von Jeschiweschülern auf den verschiedensten
Fachgebieten.

Doch in seiner Jugend laß das Kind Tora lernen, damit es gut
und anständig wird. Mathematik und Physik machen den
Menschen nicht gut und anständig. Sie machen ihn auch nicht
zu einem Bösewicht. Sie gehören gar nicht zum Thema.

Manche Leute zitieren in diesem Zusammenhang die Worte der
talmudischen Weisen, wonach die Eltern dem Kind einen Beruf
beibringen müssen, daß Viele es wie Rabbi Schimon bar Jochai
hielten (der nur Tora lernte) und scheiterten, daß die
Astronomie in den Augen der Völker die Weisheit der Juden
zeige, und ähnliche Aussagen mehr. Doch auch Maimonides
(s.o.) kannte all diese Zitate - die nämlich nichts mit der
Kindererziehung zu tun haben. Man darf die Dinge nicht
durcheinanderbringen. Sollen wir etwa anfangen, wegen einiger
Aussprüche der Weisen über die Wichtigkeit des Gebotes "Seid
fruchtbar und mehret euch" unsere Kinder im Vorschulalter zu
verheiraten?!

Alle Aussprüche der Weisen über den Wert weltlichen Wissens
sind bekannt und wahr, auch Maimonides kannte sie und
erwähnte sie an vielen Stellen in seinen Schriften. Die Kinder
aber laß damit in Ruhe! Die Sache ist nicht eilig. Sie können
ohne weiteres damit warten. Jetzt kommt es vor allem darauf
an, Tora und charakterliche Reinheit zu fördern, damit die
Kinder eine toraorientierte Persönlichkeit entwickeln und nicht
zu einem Zwitter aus weltlichen und heiligen Studien werden. -
Ganz und gar im Sinne G~ttes! "Erhaben ist der Ewige allein"
(Jeschajahu 2,11).

Wir haben auch nichts gegen die staatlich-religiöse Erziehung
und die Mittelschul-Jeschiwot [die sowohl weltliche als auch
religiöse Fächer anbieten]. Wir disqualifizieren niemanden. Ein
jeder handele entsprechend seinen persönlichen Umständen,
unter der Bedingung, daß er die religiöse Reinheit wahrt.
Andererseits sollte man sich vor Unduldsamkeit gegenüber
denjenigen hüten, die ihre Kinder im Sinne der Weisungen des
Talmuds, der "Mischne Tora" und des "Schulchan Aruch"
unterrichten wollen, wie es in allen Generationen üblich war, die
bedeutende Geistesgrößen und gute Juden hervorbrachten.
Man schwinge sich nicht zur Forderung auf, Alle müssen "genau
so wie wir" sein.

Im Gegenteil, die Kinder müssen in einer Atmosphäre von
heiliger Ausstrahlung aufwachsen, in der die Tora den
Lebensinhalt bietet, so daß sie die Tora gern haben und sich
dafür begeistern können. Sie ist ihre Welt. Allein in Jerusalem
gibt es einige hundert Jeschiwot Ketanot der
unterschiedlichsten Strömungen, und in jeder einzelnen zig
Schüler, die mit Begeisterung und Freude lernen. Nur bei den
national-Religiösen gibt es so gut wie keine Jeschiwot Ketanot.
Dies beruht auf einem ernsten Mißverständnis im Hinblick auf
die Grundwerte. Das hat gar nichts mit dem Einsatz für das
Land Israel und die Erlösung zu tun. Braucht man zur Zeit der
Erlösung etwa keine Tora und Himmelsfurcht?! Im Gegenteil,
dann braucht man umso mehr, viel mehr als während des Exils!
Nur weil man für den Zionismus ist, braucht man weniger Tora?!
Im Gegenteil, dann braucht man noch mehr Tora; schon im
täglichen Leben muß man viele Halachot beherrschen, aber um
einen Staat aufzubauen, der doch soviel komplizierter ist,
braucht man ein immenses Torawissen!

Die Allgemeinbildung schließt sich im Laufe der Zeit in genau
abgestimmter Dosierung der Hauptsache an, nämlich der Tora
und dem Dienst an G~tt, denn dazu sind wir auf der Welt. Diese
Revolution müssen wir jetzt bewirken: Die Gründung von
Talmudej Tora und Jeschiwot Ketanot. Daraus werden wirkliche
Toragelehrte hervorgehen, solche, die ihr ganzes Leben lang
Tora lernen werden, wie auch solche, die einen anderen Beruf
ergreifen - aber für alle gilt: "Und all deine Kinder sind Lehrlinge
des Ewigen" (Jeschajahu 54,13).
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
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