DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WA'ERA
Nr. 338
28. Tewet 5762

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;    NEU: Jetzt auch Video!
desgleichen auf Französich (audio)

Diese Woche in der Tora (Ex. 6,2 - 9,35)
G~tt erinnert Moscheh an seinen Bund mit den Vorvätern und
das Versprechen, ihren Nachkommen das Land Kanaan zu
geben; schickt ihn zu den Kindern Israels, den Auszug
anzukündigen, doch sie wollen nichts davon hören; kleine
Stammeskunde; Moscheh und Aharon wieder bei Pharao;
Wunderzeichen, Pharaos Zauberer machen es nach; die ersten
7 der 10 Plagen.
 
 
Frage und Antwort

Menschen wie du und ich?

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Sollte man die im Tanach (Bibel) erwähnten
Persönlichkeiten als erhabene Wesen präsentieren? Oder
vielleicht als Menschen wie du und ich, mit Streitereien und
Problemen, mit Höhen und Tiefen, Trieben und
Unzulänglichkeiten, Licht und Schatten - komplizierte
Persönlichkeiten, genau wie wir, keine Engel, sondern
Menschen? Dann können wir uns mit ihnen identifizieren, mit
ihnen Verbundenheit fühlen und so einen positiven Einfluß
erhalten.

Antwort: Auf keinen Fall. Schon die Grundannahme ist falsch,
erst recht die Schlußfolgerung. Erstens waren sie keine
Menschen wie wir, und zweitens werden wir, wenn wir sie auf
unser Niveau herunterziehen, keine positiven Einflüsse
erhalten.

Erst einmal handelt es sich um Geistesriesen und Größen der
Menschheit. "Die Vorväter - sie sind die Merkava" [das zu
Beginn der Prophetie Jecheskels erwähnte Himmelsfahrzeug,
Symbol der göttlichen Weltlenkung] (Midrasch Bereschit rabba
82,6) - sagten die talmudischen Weisen. Auf jenen ruhte die
göttliche Präsenz [Schechina], auf ihren Taten, auf ihrer
Persönlichkeit, ihrer Seele, auf allen ihren Gliedmaßen. Nicht
umsonst verfügte der Herr der Welt in seiner Weisheit, sie an
den Anfang der jüdischen Nation zu stellen, damit wir nämlich
unsere Geschichte mit Weltgrößen beginnen. Natürlich kann
G~tt die Welt auch "von unten nach oben" schaffen: die ersten
Generationen primitiv und grob, gefolgt von einer langsamen
Höherentwicklung. Doch nahm die Schöpfung eine andere
Wendung. Awraham, Jizchak und Jakov waren die Größten der
Großen, und ebenso Moscheh, David und Schlomo etc. Und
dieser ihr erhabener Charakter wurde uns aufgeprägt, er ist
unser nationales, seelisches und spirituelles Erbgut. Und auch
wenn wir manchmal straucheln, so gibt es immer ein Zurück für
uns. Diese Weltgrößen bestimmten unsere Erbeigenschaften.
Ein Mensch kann zwar seiner Natur zuwiderhandeln, doch bleibt
sie ihm immer erhalten.

So bestimmte es der Herr aller Taten, daß unsere Vorfahren
gewaltige Geistesgrößen seien. Natürlich waren sie trotzdem
Menschen, und Maimonides erwähnte schon in der Einleitung
zu seinem Mischnakommentar zu den "Sprüchen der Väter"
(Schmone Prakim, 7.Kap.), daß selbst ein Prophet Mängel
haben kann. Doch das macht ihn noch lange nicht zu einem
Menschen wie wir. Er gehört einer anderen Galaxie an; zwar hat
auch er Mängel, doch sind dies nicht diegleichen Mängel wie
unsere. Nach einem bekannten Scherzwort versteht ein
Dummkopf den kompliziertesten Toßafot-Kommentar im Talmud
immer richtig, wohingegen ein Toragelehrter manchmal dabei
irrt. - Der Weise irrt beim Toßafot, und der Dummkopf irrt bei
anderen Dingen. Sollen wir daraus etwa ableiten, daß beide die
gleiche geistige Stufe einnehmen, nur weil beide manchmal
irren? Vielmehr besteht auch bei ihren Irrtümern ein qualitativer
Unterschied.

Auch unser Lehrer Moscheh beging einen Irrtum, wie
Maimonides in "Schmone Prakim" (4.Kap.) schrieb, als er über
das Volk zürnte: "Höret doch, ihr Widerspenstigen!" (Num.
20,10). Moscheh wurde zornig, und auch wir werden manchmal
zornig, nicht wahr? Vielmehr kommt es darauf an, worüber man
zürnt: wir geraten über geringe und einfache Dinge in Zorn, und
der Führer des Volkes Israel zürnte, als sich seine Seele über
Verzögerungen in der Erhebung der israelitischen Nation
grämte, was ihn außerordentlich betrübte. Ist das derselbe
Zorn?

Sie sind Geistesgrößen mit kleinen Fehlern, kleine Fehler
großer Leute. Folgendes sagten die talmudischen Weisen:
"Weswegen werden die Gründe [der Gebote] der Tora nicht
angegeben? In zwei Fällen wurden sie angegeben, und ein
Großer der Welt strauchelte dadurch. Es heißt: 'Er soll sich
nicht viele Frauen halten'... 'er soll sich nicht viele Rosse
halten'.." (Sanhedrin 21b). Daraus lernen wir drei Dinge: 1)
König Schlomo gehörte zu den Großen der Weltgeschichte. 2)
Auch eine Weltgröße kann Fehler machen. 3) Das mindert
jedoch nicht das Geringste von seiner Größe. Ebenso schrieb
Maimonides: "Bekannt ist die Angelegenheit von [König]
Schlomo, der trotz seines hohen Ranges an Wissen und
Weisheit, und 'Freund G~ttes' genannt,  ... selbst dieser große
Vollkommene machte dabei einen Fehler" (Buch der Gebote,
Verbot Nr. 365). Glücklich sind wir, ein Volk zu sein, das mit
Größen begann.

Zweitens ist die Annahme ein Irrtum, durch ein Herunterziehen
auf unser Niveau könnten wir sie besser erfassen. Im Gegenteil:
Wenn wir sie betrachten, sollten wir sagen: Wann werden
endlich meine Taten so wie die meiner Vorväter Awraham,
Jizchak und Jakov sein! Wir blicken zu ihnen auf. Sie dienen
uns als Vorbild und ziehen uns zu sich in die Höhe. Doch wenn
sie Menschen wie du und ich wären, gäbe es nichts Besonderes
von ihnen zu lernen, es gäbe Nichts zu erstreben, und wir
hätten Niemanden, zu ihm aufzuschauen.

Bei einem Rundgang durch die Altstadt von Jerusalem erklärte
einmal ein Lehrer seiner Klasse: "An dieser Stelle befand sich
der Palast von König David, und von hier sah er Batschewa im
Bade". Er war also ein ganz normaler Mensch, mit vielen guten,
aber auch vielen Schattenseiten. Mit so einem David kann man
sich identifizieren.

Um Himmels Willen! 1) König David war ein Gigant. Zwar
sündigte er, doch tat er reumütige Umkehr. Auch seine Sünde
war nicht von der Art, wie die oberflächliche Lesart weismachen
will, sondern wie die talmudischen Weisen lehrten (siehe
Schabbat 56a). 2) "Mit so einer Persönlichkeit kann ich mich
identifizieren" - eine Katastrophe! Man muß sich mit der
G~ttverbundenheit Davids identifizieren, mit seiner Sehnsucht
zu G~tt, mit den Psalmen - aber doch nicht mit seiner Sünde!
Jeder Große hat auch seine Schwächen, bei dem einen die
Angst und beim anderen der Appetit, beim einen eine gewisse
Härte, beim anderen Traurigkeit. Unter unzähligen erhabenen
und wunderbaren Vorzügen findet sich ein Körnchen Angst oder
Appetit. Doch Manche sammeln alle die kleinen Fehler der
Weltgrößen, verbinden sie miteinander, und heraus kommt ein
schreckliches Monstrum.

Das ist natürlich nicht in unserem Sinne. Wir identifizieren uns
nicht mit der Sünde von König David, sondern mit dem Aspekt
der reumütigen Umkehr. Nur unser böser Trieb verbindet sich
mit der Sünde von König David!

Wenn wir den Tanach von unserer Warte aus betrachten,
woher wollen wir denn dann unseren moralischen Antrieb
erhalten?!

Manche behaupten, Jizchak hätte Eßaw nicht richtig erzogen,
und darum sei er mißraten. Jizchak sei schuld daran, weil er
seinen Sohn nicht richtig verstand. - Woher haben diese Leute
ihre Weisheit? Haben sie etwa im Hause unseres Vorvaters
gewohnt? Und was sagen sie zu dem Vers: "Und Jizchak liebte
den Eßaw" (Gen. 25,28)? Er wußte genau um Eßaws
Charakter, und trotzdem liebte er ihn, oder, genauer gesagt,
genau darum liebte er ihn! Als er sah, daß Eßaw nicht dem
rechten Weg folgte, überhäufte er ihn mit Liebe. Wer will also
demnach behaupten, Jizchak konnte nicht die rechte Beziehung
zu Eßaw aufbauen und Verständnis für ihn aufbringen? Wie
kann man Sachen erfinden, die nirgendwo geschrieben
stehen?! Es stimmt wohl, daß Rabbiner Samson Raphael
Hirsch eine ähnliche Deutung gegeben hat; doch erstens
braucht man ihr nicht zu folgen, und zweitens kann sich nicht
jeder mit Rabbiner Hirsch vergleichen! Was er sagen darf, kann
sich nicht jeder Amateur-Kommentator erlauben. Rabbiner
Hirsch war ein heiliges Genie, voller Himmelsfurcht, und sein
ganzer Torakommentar strömt über von höchstem Respekt vor
den heiligen Größen des Tanach. Nur daß er manchmal ein
Fünkchen Kritik einfließen läßt, - und ihm ist das erlaubt, uns
nicht.

Für das Kritisieren gibt es nämlich Bedingungen. Wenn man an
irgend Jemandem, und erst recht an Weltgrößen, Kritik üben
will, muß man selber rein und heilig sein, voller Himmelsfurcht
und unbefleckt. Manchmal strömen die eigenen Gefühle in die
Deutung mit ein. Jemand, der selber nicht rein ist, überträgt so
seine unreinen Gedanken in die Köpfe von Anderen. Nur ein
reiner Mensch wie Rabbiner Hirsch, der seiner Kritik Ausdruck
verleiht, hat seine Gründe. Wie gesagt braucht man seine
Deutung nicht zu akzeptieren, doch ist dies die Deutung eines
heiligen Menschen.

Darum kann nicht Jeder Kritik üben. Wer nicht über die nötige
Weisheit, Himmelsfurcht und Reinheit verfügt, darf sich nicht
dazu erdreisten. Die Weisen nahmen David in Schutz: "Wer da
glaubt, David habe gesündigt, irrt sich nur" (Schabbat 56a). Wer
will da das Gegenteil behaupten? Wir lernten über Davids
reines Herz. Der Kritikus aber sagt: Nein! Er hatte kein reines
Herz! Weißt du, was du damit sagst? Daß du selber kein reines
Herz hast, und das projizierst du in König David hinein. Du
weißt gar nicht, was es bedeutet, ein reines Herz zu haben, und
was ein erhabener Mensch ist. Darum kritisierst du.

Die talmudischen Weisen jedoch hatten ein reines Herz, und
wenn sie Kritik an den Größen der Welt übten, dann
akzeptieren wir das. Auch Rabbiner Hirsch verfolgte erhabene,
heilige Ziele.

So ein "Tanach auf unserem Niveau" ist eigentlich unter
unserem Niveau. Denn nach jener Methode sündigte David ja
durch Ehebruch, und wir nicht, wir stehen also moralisch sogar
über ihm. Ich brauche gar nicht von ihm zu lernen, ja er muß
noch von mir lernen! Ich brauche nicht vom Vorvater Jizchak zu
lernen, denn ich doziere am Lehrer- oder Elternseminar, daß
man versuchen muß, das Kind zu verstehen; Jizchak, der
seinen Sohn nicht verstand, reicht nicht an meine Stufe, er ist
sogar von niedrigerer Statur! Er muß mein Elternseminar
besuchen, dann wird er schon verstehen, wie man Kinder
erzieht...

So lernt man nicht Tanach! Du vergißt, von wem du redest -
über unseren Vorvater Jizchak, von dem es heißt: "Die Vorväter
- sie sind die Merkava" [s.o.], die Träger der göttlichen Präsenz.

Natürlich kann jeder Mensch mal irren, doch was für ein Mensch
war unser Vorvater Jizchak? Nicht ein Mensch wie wir, sondern
aus einer anderen Welt! "Waren die Früheren Engel, so sind wir
Menschen, waren die Früheren Menschen, so sind wir Esel"
(Schabbat 112b) Für diesen Doppelspruch gibt es folgende
Deutung: Wer versteht, daß die Ersten Engel waren, dem steht
das gut an, und er ist der Bezeichnung "Mensch" würdig. Wer
aber glaubt, die Ersten waren ganz normale Menschen, der gilt
als Esel.

Sie waren keine Menschen wie du und ich. Der Herr der Welt
ordnete die Dinge in seiner Weisheit so, daß die ersten Sprosse
des jüdischen Volkes Größen von Weltbedeutung seien, und wir
folgen in ihrem Fahrwasser, ihre Eigenschaften wurden uns als
Natur eingepflanzt. Wenn wir also einmal sündigen und vom
rechten Weg abweichen, wissen wir, wohin zurückzukehren.
Wir sind niemals endgültig verloren, und in pädagogischer
Hinsicht haben wir Jemanden, zu ihm aufzuschauen und uns zu
ihm aufzuschwingen.

Es stimmt, sie waren keine Engel. Allerdings heißt es: "'Denn
die Lippen des Priesters sollen die Erkenntnis wahren, und
Lehre soll man suchen aus seinem Munde, denn ein Engel des
Ewigen der Heerscharen ist er' (Male'achi 2,7) - wenn der
Lehrer einem Gesandten des Herrn gleicht, so erwarte man
Unterweisung aus seinem Munde, wenn aber nicht, so erwarte
man keine Unterweisung aus seinem Munde" (Mo'ed Katan
17a), er ist ein Engel G~ttes auf Erden. Man kann nicht von
einem Rabbiner lernen, der sich auf dem gleichen Niveau
befindet, sondern nur von einem Rabbiner, der einem Engel
G~ttes gleicht. Erst recht gilt das von den frühen Generationen,
die dann mindestens als Erzengel gelten.

Es gibt also zwei Wege, Tanach zu lernen: Erstens die
akademische Methode, wie sie an der Universität anzutreffen
ist; wenn ein Gelehrter sich mit einer gewissen Schwierigkeit bei
der Deutung eines Verses konfrontiert sieht, versucht er, seine
eigenen Gedanken in diesem Vers unterzubringen. Das ist
natürlich sehr interessant, hat aber mit der wahren Bedeutung
des Verses nichts zu tun. Allerdings können wir anhand dieser
interessanten Erklärung Nachforschungen über den Charakter
des Professors anstellen. Nach unserer Methode hingegen
wenden wir uns an die talmudische Überlieferung zum
Verständnis eines Toraverses. Und woher wußte der Talmud
die wahre Bedeutung? Weil der ursprüngliche Verfasser Schüler
hatte, und diesen erklärte er die Bedeutung. Und diese Schüler
hatten wiederum Schüler, und so weiter bis ans Ende aller
Generationen.

Tanach auf unserem Niveau? Ja, wenn wir unser Niveau hoch,
hoch anheben.
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
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