DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT TEZAWE
Nr. 344
11. Adar 5762

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;    NEU: Jetzt auch Video!
desgleichen auf Französich (audio)

Diese Woche in der Tora (Ex. 27,20 - 30,10):
Die Priester - Ahron und seine Söhne; Priesterkleidung und -
ausstattung; besondere Opfer und Amtseinführung; das tägliche
Opfer; Opferdienst nur im Heiligtum und nur durch Priester; der
Räucheraltar und der Dienst des Räucherwerkes im Heiligtum.

Schabbat Sachor
 
 
 
 
Frage und Antwort

Elitäre Erziehung

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Seit zwanzig Jahren arbeite ich als Erzieherin, durch
meine Hände gingen hunderte Kinder unterschiedlichster
Begabung, hochbegabte wie minderbemittelte; sie alle
behandelte ich mit viel Liebe und Hingabe. Doch wie ich jetzt
meinen eigenen Sohn an einer Mittelstufen-Jeschiwa
[Kombination aus Mittelschule und Jeschiwa] einschreiben
lassen will, stoße ich auf Ablehnungen, weil er in Mathematik
und Talmud nur mittelmäßig begabt ist. So wanderte ich mit
meinem teuren Sproß an der Hand von Jeschiwa zu Jeschiwa,
und jedesmal erhalte ich eine kalte Dusche. Die Rabbiner /
Jeschiwaleiter erklärten mir jedesmal sehr höflich und freundlich
mit viel Geduld, daß ihre Schule um der Tora willen auf ein
hohes Niveau achten muß und deuteten mir sanft an, meine
Schritte zu eher zweitrangigen Institutionen zu lenken. Doch
auch dort erklärte man mir, daß deren Schule eigentlich nicht
mittelmäßig sei, sondern zwischen mittelmäßig und hochrangig
(mit Tendenz zu hochrangig), und sie könnten meinen Sohn
nicht aufnehmen, weil er wirklich nur mittelmäßig (netto) sei.
Darum legte man mir ein drittklassiges Institut ans Herz, weil
man selber ja um der Tora willen auf ein mittelmäßig-bis-
hochrangiges Niveau (mit Tendenz zu hochrangig) achten
müsse. Ich unterhielt mich mit befreundeten Müttern, und viele
von ihnen erzählten mir von ähnlichen Erfahrungen. All dies ist
neu für mich, bis jetzt wußte ich gar nichts von solchen
Vorgängen. Ich habe viele Kinder erzogen, auch solche mit
Lernproblemen, mit Konzentrations- und
Aufmerksamkeitsschwächen, alle waren wie meine eigenen
Kinder, und um alle habe ich mich gekümmert. Auf einmal ist
mein Sohn nicht gut genug, und ich muß seinetwegen Schimpf
und Schande leiden. Vielleicht hat die andere Seite aber doch
recht, und darum bitte ich Sie um Aufklärung, damit ich mich
wenigstens mit der Tatsache abfinden kann, daß mein Sohn
nicht zu den oberen 10 Prozent gehört.

Antwort: Nein; Sie haben vollkommen recht, und wir sind im
Unrecht. Tag und Nacht reden wir über das Volk Israel, über die
Gemeinschaft Israels und daß die Erlösung durch die Einheit
der ganzen Nation herbeigeführt werde, daß wir alle
zusammengehören. Plötzlich entpuppt sich alles als Gerede.

Die Gemeinschaft Israels: das sind alle zusammen, die
Besseren und die weniger Guten, in jeder Gesellschaft. Wenn
eine Schule erst anfängt, nur die Besten anzunehmen, dann
nimmt sie hinterher nur die Besten der Besten, und so weiter bis
ins Unendliche.

Doch auch die weniger Guten gehören zum jüdischen Volk und
dem Herrn der Welt. Der Herr der Welt rühmt sich ihrer, liebt sie
und ist an ihrer Entwicklung interessiert.

In der Mischna steht: "Sagt jemand: 'die Guten preisen Dich', so
ist dies Häresie" (Megilla 25a). Jener Mensch drückt damit aus:
Von den guten Menschen geht der Segen für das jüdische Volk
und die Heiligung des göttlichen Namens aus. Stimmt nicht! Das
ist die Häresie der frühen Judenchristen. Nach dem
Raschikommentar ist das jemand, der die Bösewichte nicht in
der Preisung des Herrn einschließt. Die talmudischen Weisen
lernten dies von der Chelbona [Galban; Kritut 6b], ein Harz von
üblem Geruch - das die Schrift zu den Bestandteilen des
Räucherwerkes [im Tempel] zählt. Das Räucherwerk (Ketoret)
war dennoch von wunderbarem Duft, im Gegenteil, durch die
Beimischung von Chelbona roch es noch besser. Ebenso
müssen wir Alle einen Bund bilden. Es ist unmöglich, elitär zu
sein: plötzlich nimmt die Schule nur die Creme de la Creme an?
Nein!

Sicher sind wir für Aristokratie - Sie sind eine Aristokratin und
Ihr Kind ist ein Aristokrat; im Sinne von intensivem Toralernen,
Verbesserung der Charaktereigenschaften und dem Wandeln
auf dem "Wege der Frommen" ("Messilat Jescharim") von
Anfang bis Ende. Aber nicht wie ein Aristokrat, der auf Andere
herabsieht, der Angst hat, sie würden ihn schädigen und
verderben. Das ist einfach nur Überheblichkeit.

Kinder nicht anzunehmen ist eine reine Katastrophe. Jeschiwot
für Jugendliche, Jeschiwa-Mittelschulen, Mädchenseminare -
alle laufen den "oberen 10%" nach.

Das ist nicht recht! Es ist möglich, in ein und derselben Klasse
begabte und schwache Schüler unterzubringen, mit gutem und
schlechtem Gedächtnis, mit hoher Aufnahmefähigkeit und mit
Lernschwierigkeiten, mit hoher Konzentrationsfähigkeit und mit
Konzentratonsschwächen, stille und lebhafte Kinder mit großen
und kleinen Käppchen, mit knöchellangem Rock und mit nicht-
ganz-so-langem Rock, fromme und weniger fromme,
disziplinierte und freche - alle zusammen. Warum ist das
angeblich unmöglich?! Wo steht geschrieben, daß sie nicht in
einer Klasse lernen können?! Wozu diese Diskriminierung?
Was meine Wenigkeit anlangt, so verbrachte ich meine
Grundschul- und Gymnasialzeit in drei verschiedenen jüdischen
religiösen Schulen. Alle hatten gemeinsam, daß es in meiner
Klasse sowohl g~ttesfürchtige wie auch weniger g~ttesfürchtige
Kinder gab, religiöse und unreligiöse, glänzende und schwache,
jugendliche Nichtraucher und jugendliche Raucher, Mitglieder
der "Bnej Akiva" [zionistische Jugendbewegung] und der
"Aguda"-Jugend [charedisch]. So lernten wir all die Jahre
zusammen, und das hat mir überhaupt nicht geschadet. Ich
wurde dadurch nicht unreligiös, nicht zum Raucher, und nicht -
lehawdil - zu einem Agudisten. und auch unsere Freunde von
der Aguda vermochten wir nicht ins Lager der Bnej Akiva
herüberzuziehen. Jeder blieb sich selbst treu. Jeder wußte, wer
er war, wo er hingehörte, hatte gar nicht vor, sich zu ändern -
und dennoch lernten wir gemeinsam. Natürlich haben wir ab
und zu debattiert, und jeder wollte beweisen, daß gerade er die
beste Richtung vertrete. Aber jeder wußte, wer und was er war
und hatte kein Interesse, seinen Standpunkt zu ändern.

Manche mögen sagen: das ist aber nicht so; die Guten werden
verdorben und stecken noch andere an. Die "Chelbona"-
Bazillen schwirren durch die Klassenluft und machen alle
Schüler krank. Das ist gar nicht wahr! Bekanntlich ist die Luft
überall voller Bazillen. Mit jedem Atemzug stoßen wir Millionen
Bakterien aus. Warum sterben wir nicht auf der Stelle, warum
sind wir nicht dauernd krank? Weil wir einen starken Körper
haben, der mit Krankheiten und Bakterien fertigwird. Wir
brauchen keine Schutzmaske vor dem Gesicht. Ein gesunder
Körper leistet gute Arbeit. Einen zarten Körper mit
Immunschwäche muß man isoliert halten, in steriler
Atmosphäre. Einen normalen Menschen braucht man nicht in
steriler Umgebung zu halten, er kommt nicht durcheinander und
weiß ganz genau, wo er steht. Man darf nicht künstlich
immunschwache Kinder produzieren, die man dann unbedingt in
Quarantäne halten muß. Baue sie stark! Mache sie
widerstandsfähig!

Ein Impfserum besteht aus einem abgeschwächten, harmlosen
Erreger, mit dessen Hilfe der Körper zu widerstehen lernt. Das
Impfen gehört zu den genialen Erfindungen der Medizin,
vielleicht ihre genialste Erfindung überhaupt. Wenn ein Kind auf
ein anderes, unterschiedliches Kind trifft, wird es gestärkt, denn
es sagt sich: er ist so, und ich bin so, wir unterscheiden uns. Er
geht seinen Weg, und ich gehe meinen Weg. Er raucht, und ich
rauche nicht. Er raucht Rauschgift, und ich rauche kein
Rauschgift. Er raucht am Schabbat, und ich rauche nicht am
Schabbat. Und wir sind gute Klassenkameraden. Er hat ein
kleines Käppchen auf dem Kopf und ich ein großes, und ich
werde mich davon auch nicht abbringen lassen. Soll er damit
selig werden, ich wenigstens bin mir 100% sicher, daß man ein
großes braucht, und er ist 100% sicher, daß man ein kleines
braucht. Warum aber verschiedene Schulen? Man muß
zusammen sein; die Gemeinschaft Israels.

Natürlich werden wir kein religiöses Kind nehmen und es
zwischen zwanzig Kinder stecken, die nichts halten.
Zweifelsohne bleibt so eine Umgebung nicht ohne Einfluß.
Vielmehr ein wenig Chelbona zwischen den übrigen Spezereien.

In Wirklichkeit kann man diese Kinder nicht mit Chelbona
vergleichen, denn sie stinken nicht, sie sind keine Bösewichte.
Sie sind vielleicht durcheinander und ihren Trieben ausgeliefert,
frech aufgrund seelischer Nöte. Ich will das gar nicht gutheißen
- aber erklären. Es geht hier nicht um Bosheit, sondern um
Verwirrung und um Verzweiflung.

Man muß sich sehr hüten, sie abzuweisen. Geht vorsichtig mit
den Kindern der Armen um. Geht vorsichtig mit den Kindern des
einfachen Volkes um. Entfremde sie nicht. Sei kein fanatischer
Anhänger des Erfolges und des Erreichens. Pack das Kind nicht
in Watte, sondern bilde ein starkes Kind mit ausgeprägtem
Selbstbewußtsein. Und G~tt möge helfen.

Wo haben wir schon gehört, problematische Kinder
abzuschieben?! Der Talmud kommt nach langer Diskussion der
Kindererziehung zu dem Ergebnis: wenn ein Kind lernt, wie gut,
und wenn es nicht lernt, dann sei es seinem Nächsten zur
Gesellschaft (Baba batra 21a). Laß es in der Klasse. Und wenn
es nicht viel lernt? Was ist schon dabei, dränge es nicht, lehre
es entsprechend seinen Kräften. Was kann es denn für sein
geringeres Lernvermögen?

Dieses Leistungsstreben wird langsam unerträglich; es ist schon
in den untersten Klassen anzutreffen. Da kommt eine Mutter
und zeigt das Zeugnis ihrer Tochter nach der dritten Klasse vor:
"Bemüht sich sehr, aber mit geringem Erfolg"; Zensur: 4. Das
Mädchen weint. So eine Schande! Was wollt ihr denn von dem
Kind, ihr gebt doch zu, daß es sich anstrengt. Welche
Möglichkeit hat es denn, wo es keine großen Fähigkeiten
besitzt? So hat es der Herr der Welt nun mal geschaffen. So ein
Zeugnis auszustellen - das nennt sich Erziehung?! So ein
Zeugnis ist gut für den Mülleimer; stattdessen muß man ein
anderes ausstellen, im Namen des Herrn der Welt, dessen
Gesandte wir sind: "Geringer Erfolg, aber bemüht sich sehr";
Zensur: 1. Das ist das wahre Zeugnis.

Diskriminierung und Abweisung beginnen bereits in den unteren
Klassen. Ein Kind hat Konzentrationsschwierigkeiten, ein
anderes eine mittelmäßige Intelligenz, ein anderes hyperaktiv,
springt herum, kann nicht stillsitzen. Was läßt sich tun? Es ist
eben so. Ein anderes Kind hat ein kleines Käppchen, das
zudem immerzu "herunterrutscht". Es hat Probleme mit dem
Glauben. Das kommt vor. Warum es zurückweisen? Warum
sind Sie plötzlich so vornehm? Man muß alle Kinder
akzeptieren.

Natürlich kann eine Schule nicht alle diese Kinder aufnehmen
und den anderen als "Abflußrohr" dienen. Alle Schulen müssen
alle Kinder am Ort aufnehmen.

Erniedrige nicht die Eltern, die von Schule zu Schule ziehen und
überall auf Ablehnung stoßen. Wo werden ihre Kinder landen?!
Manche schlagen vor, eine besondere Schule für die
Spitzenschüler einzurichten, eine für die zweite Garnitur, die
dritte usw. Wirklich eine fabelhafte pädagogische Botschaft!

So kommt es schließlich zu Familienkrisen. Die Eltern machen
dem Kind Vorwürfe: Warum bist du so?! Warum will dich keine
gute Schule haben?! Warum lernst du nicht, wie es sich
gehört?! Warum machst du keine Hausaufgaben?! Warum tobst
du in der Klasse?! Sie strahlen Enttäuschung und Ablehnung
aus, damit zerbrechen sie das Kind in tausend Stücke. Natürlich
dürfen Eltern so nicht mit ihren Kindern umspringen, doch
haben wir für Sie Verständnis, denn auch sie stecken in der
Klemme.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Nicht alle Schulen sind so.
Es gibt ein paar Gerechte in der Stadt. Es gibt Institute, denen
die Eltern mitteilen: Unser Kind hat Probleme mit dem
Unterrichtsniveau, mit der Konzentration, mit der Größe des
Käppchens oder der Länge des Rockes, mit dem Benehmen.
Und die Antwort lautet: Im Gegenteil, genau darum wollen wir
das Kind. Für uns ist das eine Herausforderung. Nicht um Ihnen
einen Gefallen zu tun, vielmehr tun Sie uns einen Gefallen. Wir
wollen dieses Kind. Wir wollen ihm helfen und es zum Erfolg
führen. Wir werden uns darum kümmern. Das ist eine Gnade für
das Kind, für die Eltern, für ganz Israel und für die göttliche
Präsenz, für das Erscheinen des göttlichen Lichtes in der Welt
und die Erlösung. "Wir sind glücklich über die Herausforderung.
Wir werden das Kind nicht rauswerfen. Wir sind nicht
erfolgsorientiert". Dieses Institut verdient den "Moscheh-
Rabenu-Preis".

Das Leistungsstreben macht sich auch bei den Bnej-Akiva breit.
"Dieses Mitglied ist nicht gerade unbedingt religiös zu nennen.
Lasset uns ihn aus dem Ortsverein hinauswerfen". Ja wozu ist
denn der Ortsverein da? Der Leiter befürchtet, der Betreffende
werde andere Mitglieder verderben. Im Gegenteil - der
Ortsverein soll ihn auf den rechten Weg zurückbringen. Sprich
mit dem Ortsverein und sage ihm: "Lieber Ortsverein, übt auf
ihn Einfluß aus, helft ihm, laßt ihn Niemanden verderben, im
Gegenteil, ihr bessert ihn, ihr seid viele und er ist alleine".

Das Leistungsstreben durchdringt alle Gesellschaftsschichten.
Doch nirgendwo steht geschrieben, daß eine Klasse nicht
verschiedene Färbungen enthalten kann, begabte und weniger
begabte Kinder, stille und lärmende, kindische und ernsthafte,
religiöse und nicht-religiöse. Ich kenne viele solche Klassen: die
Familie. Sie ist nicht homogen: da gibt es Kleine und Große,
Disziplin und Frechheit. Trotzdem kommt kein normaler Mensch
auf die Idee, seine schwierigeren Kinder zur Adoption
freizugeben. Es gibt bestimmt genug kinderlose Paare, die das
Kind mit dem zu kleinen Käppchen liebend gern adoptieren
würden, auch das Mädchen mit dem zu kurzen Rock, das Kind,
das nicht genug lernt, und das Kind, das gar nicht lernen will.
Bring 20 Kinder zur Welt, gib den Ausschuß an Andere und
behalte dir die Guten...

Wenn man nur Alles im voraus wüßte! Denn aus den "guten"
Kindern wird vielleicht gar nichts, und gerade die "Versager"
bringen es zu was. Hütet euch vor den Kindern des einfachen
Volkes, hütet euch vor den Kindern der Armen. Nebenbei
gesagt, es ist für eine kinderreiche Familie auch gar nicht so
einfach, das Geld für die Mittelstufen-Jeschiwa und das
Mädchen-Seminar aufzubringen. G~ttseidank geben manche
Schulen Ermäßigung und haben noch nie einen Schüler wegen
seiner begrenzten wirtschaftlichen Verhältnisse abgewiesen.
G~ttseidank gibt es noch Gerechte im Lande.

In der Familie macht man so etwas natürlich nicht. Manche
sagen: In der Familie ist das ja auch was anderes.
Verwandtschaft hält zusammen. Aber was gehen mich andere
Leute an?

Meint ihr das im Ernst?! Andere Leute gehören nicht zur
Familie?! Die Gemeinschaft Israels (Klal Israel) ist keine
Familie?! Was ist denn die Gemeinschaft Israels sonst wenn
nicht eine Familie! Wir sind alle eine große Familie.

Und wie gesagt kann keiner vorausahnen, was aus jedem Kind
einmal wird. Viele Weltgrößen waren in ihrer Kindheit
Nervensägen oder gestört. Sehen wir uns einmal an, was im
Buch "Seder Hadorot" (Folge der Generationen) des Rabbiners
von Minsk vor etwa 250 Jahren, Rabbi Jechi'el Halperin, über
Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") steht: "Dieser
Maimonides war von langsamer Auffassungsgabe, wenig willig
zu lernen". Sowohl beschränkt als auch lernunwillig. "Sein Vater
prügelte ihn, bis er die Hoffnung aufgab und ihn 'Sohn des
Schlachters' nannte". Seine Mutter war die Tochter eines
Schlachters, eines einfachen Juden. 'Du bist der Sohn des
Schlachters', mit einem Kopf wie ein Schlachter. "Und er jagte
ihn fort aus seinem Hause" (Seder Hadorot, 4927). Hier ist nicht
der Ort für die historische Überprüfung der Ereignisse, es
genügt uns das Wort des Weisen von Minsk.

Wer weiß, wieviele Maimonidesse wir schon aus der Schule
geworfen oder gar nicht erst aufgenommen haben, wievielen wir
Familienkrisen verursacht haben.

Darum sind wir für Aristokratie. So wie die vier Bestandteile des
Lulaw, die, wie unser großer Lehrer Rabbiner Moscheh Chajim
Luzatto schrieb, einander Vergebung erwirken (Messilat
Jescharim, 19.Kap.).
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
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