DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT NEZAWIM-WAJELECH
Nr. 371
23. Elul 5762

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 29,9-31,30):
Das ganze Volk am Bund mit G~tt beteiligt, nochmalige
Ermahnung zur Einhaltung der Gebote, göttliches Versprechen,
auch nach schwerer Strafung zu G~tt und Land
zurückzukehren. Moschehs 120. Geburtstag, moralische
Unterstützung für seinen Nachfolger, Jehoschua, Ausblick auf
die Zukunft, Wohlstand wird zur Abwendung von G~tt und
Strafe führen.

Der Stand der Dinge...
Einer bürgt für den Anderen
Rav Dov Begon
Leiter von MACHON MEIR

"Das Verborgene ist des Ewigen unseres G~ttes, aber das
Offenkundige ist unser und unserer Kinder bis auf ewig, all die
Worte dieser Lehre auszuüben" (Dt. 29,28). Der
Raschikommentar erklärt dazu: "Ich strafe euch nicht wegen
des Verborgenen, das dem Ewigen, unserm G~tt angehört; Er
wird jenen Einzelnen strafen", dessen Herz sich von G~tt
abwandte, "denn keiner weiß, was im Herzen des Anderen
verborgen ist", "das Offenkundige jedoch gehört uns und
unseren Kindern, das Böse aus unserer Mitte wegzuschaffen,
und wenn wir gegen solche nicht einschreiten, wird die ganze
Gemeinde dafür bestraft". Doch auch das erst im Lande Israel,
"nachdem sie den Schwur auf dem Berge Gerisim und dem
Berge Ewal auf sich genommen und einer für den anderen
Bürge geworden".

In der Wüste oder im Exil lebte jeder Jude für sich, aber mit
unserem Eintritt ins Land Israel erhielten wir den Rang "ein
einziges Volk auf Erden" (Schmu'el II 7,23), und seitdem
beeinflußt das Verhalten jedes Einzelnen die Situation der
ganzen jüdischen Gemeinschaft. Zum Beispiel führte das
Fehlverhalten von Achan, der sich an der Kriegsbeute vergriff,
zur Niederlage des Volkes bei Aj (Jehoschua, 7.Kap.).

Diese gegenseitige Bürgschaft läßt sich mit einem
gemeinschaftlichen Bankkonto vergleichen, bei dem sich jede
einzelne Einzahlung oder Abhebung auf alle Teilhaber auswirkt.

Ähnlich liegt der Fall beim Torastudium. "Die Tora des
Auslandes beschäftigt sich mit der Besserung der Seele des
Einzelnen in ihrer Sorge um ihr Materielles und ihr Spirituelles...
Nicht so die Tora des Landes Israel, sie kümmert sich immer
um die Allgemeinheit, um die Gemeinschaftseigenschaft der
Seele der ganzen Nation" (Rabbiner A.J. Kuk, Orot HaTora).

Nach dem Stand der Dinge ist es uns endlich gelungen, einen
selbständigen Staat im Lande Israel zu errichten. Es war uns
vergönnt, von der Stufe "eines Volkes, zerstreut und versprengt
unter die Völker" (Esther 3,8) auf den Rang "ein einziges Volk
auf Erden" (s.o.) zu gelangen. Der Bund gegenseitiger
Bürgschaft verwirklicht sich in unseren Tagen, das Verhalten
eines jeden Einzelnen berührt die ganze Nation. Je stärker wir
das Gute mehren in Gedanken, Reden und Taten, durch
intensiveres Torastudium und Gebotsausübung, je größere
Wohltaten und Beiträge wir der Gemeinschaft und den
Einzelnen leisten, helfen, stärken und leuchten wir der ganzen
Nation, und durch sie der ganzen Welt. Besonders in dieser
Zeit, den Tagen des Gerichtes, müssen wir unsere Verdienste
mehren und den Eigenschaften und Wegen G~ttes folgen, denn
"gütig ist der Ewige gegen alle, und sein Erbarmen ist über all
seine Werke" (Psalm 145,9). Dadurch sei uns ein gutes und
süßes neues Jahr vergönnt.

In Erwartung der Erlösung,
und Schana tova,
Rav Dov Begon
 
 
Frage und Antwort

Welche Krise?

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Unsere derzeitige Sicherheitslage steckt in der Krise.
Wie wird man damit fertig? Es gibt persönliche Krisen,
Familienkrisen und nationale Krisen. Wie lassen sie sich
überwinden?

Antwort: Vor allem muß man zwischen zwei Arten von Krisen
unterscheiden: die objektive Krise, und die subjektive Krise. Die
objektive Krise steht im Gegensatz zum menschlichen Willen.
Natürlich gibt es unzählige Dinge gegen den Willen des
Menschen, eine Krise aber nennt man eine ernste, andauernde
Angelegenheit, die nicht fortgeht.

Die subjektive Krise ist die Reaktion des Menschen auf eine
objektive Krise. Der Eine wird mit einer objektiven Krise mit
Leichtigkeit fertig, den Anderen bedrückt sie schwer. Hier spielt
offensichtlich die freie Entscheidung des Menschen eine Rolle.
Wir begegnen tagtäglich Leuten, die sich mit schweren
objektiven Krisen herumschlagen müssen, deren subjektive
Krisen aber leicht sind. Ebenso das Gegenteil: Mancher leidet
schwer unter einer objektiv leichten Krise. Über sein Verhältnis
zur Krise entscheidet jeder Mensch selber. Natürlich kann man
sich nicht leicht an eine Krise gewöhnen, doch dabei verhält es
sich wie mit jeder Prüfung, wie z.B. durch ein seelisches
Problem oder ein gefühlsmäßiges.

Betrachten wir uns nun unsere heutige Lage der Nation: Krise
oder keine Krise? Der Eine hält die Lage für katastrophal, der
Andere für ausgezeichnet. - Wie kann das angehen?

Die talmudischen Weisen lehrten uns: "Drei Dinge treffen ein,
wenn man an sie nicht denkt, und zwar: der Maschiach
("Messias"), ein Fund und ein Skorpion" (Sanhedrin 97a), d.h.,
unerwartet, sie kommen aus unerwarteter Richtung. Man sucht
keinen Fund, sondern findet ihn, entsprechend sucht man
keinen Skorpion, sondern entdeckt ihn plötzlich, und ebenso
kommt der Maschiach auf nicht von vornherein geplanten
Wegen. Dennoch stellt sich die Frage: Die Information über das
unerwartete Kommen des Maschiach ist für uns von großer
Bedeutung, denn der Mensch kann manchmal vor lauter
Unglück daran verzweifeln - darum sagen wir ihm: sorge dich
nicht, der Maschiach kommt unerwartet, auf Wegen, die du
nicht für möglich gehalten hättest. Was fangen wir allerdings mit
der Information betreffs unerwarteten Erscheinens einer
Fundsache oder eines Skorpions an? Das sind doch
allbekannte Binsenweisheiten! Sicher mühten sich die Weisen
nicht, uns so eine einfache Sache zu lehren! Vielmehr gehören
diese drei Dinge zusammen, mit dem Maschiach im Mittelpunkt,
der unerwartet auf anderen Wegen kommt. Der eine Jude sieht
ihn wie einen Fund, Anlaß zu großer Freude, und für den
anderen Juden ist er wie ein Skorpion, dessen Stich furchtbar
schmerzt. Woher diese unterschiedliche Betrachtungsweise?
Der Letztere hatte schon im voraus festgelegt, wie der
Maschiach zu erscheinen und wie die Erlösung abzulaufen
habe. Er hat eine genaue Modellstudie im Kopf - doch wenn der
Herr der Welt nun nicht diesem Modell folgt, sondern seiner
eigenen Weisheit - dann ist dieser Mensch enorm enttäuscht,
steckt in tiefer (subjektiver) Krise, und für ihn ist die Erlösung
ein Skorpion. Doch jener Jude, der dem Herrn der Welt nicht
von vornherein die Entscheidung abnahm, wie die Erlösung
seines Volkes am besten auszusehen habe, der ist über alle
Ereignisse sehr glücklich, und er freut sich über jede Stufe des
Erscheinens des Maschiach wie über einen Fund.

Bis hier war von der subjektiven Krise die Rede, die von der
Entscheidung des Menschen abhängt und häufig von einer
starren Erwartungshaltung verursacht wird, wenn die Realität
am Ende nicht mit der Erwartung übereinstimmt.

Und nun zur zweiten Frage: Befinden wir uns momentan in
unserem Lande in einer objektiven Krisenlage? Nein. - Nimmt
unser Staat am Fortschritt teil, ja oder nein? Ja. Wieviele Juden
waren hier am Anfang? 80.000; und jetzt? 5 Millionen. Sind wir
vorangekommen, ja oder nein? - Dieses Land war eine öde
Wüste und eine wüste Öde, und jetzt ist es ein Garten G~ttes.
Kommen wir also voran, ja oder nein? - Einst gab es hier nur
eine Handvoll Toraschüler, und jetzt steht an jeder Ecke eine
Jeschiwe oder ein Toraseminar für Mädchen - kommen wir also
voran oder nicht?

Sicher kommen wir voran. Nun wird sicher jemand sofort
einwenden: Aber es gibt doch Probleme?! Ja, diese sind der
Preis dafür. Wie zum Beispiel jener Mensch, der mit gemischten
Gefühlen vom Einkauf zurückkehrte: Einerseits erhielt er das so
sehr begehrte und erhoffte Objekt, andererseits mußte er dafür
Bares auf den Tisch des Hauses legen, eine ihm wenig
angenehme Tätigkeit. Er bezahlt nicht gerne, nur bekommen tut
er gerne. Er ist ein verwöhnter Mensch. So wurde er erzogen,
oder so gewöhnte er es sich selber an. Darum gerät er jedesmal
in große Seelenpein, wenn es ans Bezahlen geht.

Solche Leute gibt es auch in Beziehung zum Lande Israel. Sie
freuen sich sehr über das Land, den Staat, die Armee, die
Wirtschaft und die Tora. Doch eine einzige Wolke verfinstert
ihren Himmel: Man muß für all das bezahlen. Sie glaubten, alles
gratis bekommen zu können, sie glaubten, das Land Israel sei in
Luxus zu erlangen. Plötzlich wird ihnen klar, daß das Land
Israel seinen Preis hat, und darum schimpfen sie lauthals. Sie
dachten, in dieser Welt werde alles gratis verteilt, der Anteil an
der kommenden Welt - gratis, Tora - gratis, religiöses Erlebnis -
gratis, Verbundensein mit G~tt - gratis, ohne eigene
Anstrengung. Sie haben nicht das erste Kapitel des "Wegs der
Frommen" (Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto) gelernt: in
dieser Welt muß man sich abmühen und kämpfen, diese Welt
ist eine schwierige Welt und kein Paradies, kein Lunapark und
kein Schlaraffenland. In dieser Welt hat alles seinen Preis. Der
Feind kommt von allen Seiten. Hast du nicht bezahlt, ist es nicht
dein. Auch das Land Israel hat seinen Preis. Manche lieben das
Land gar sehr, doch nur unter einer Bedingung: daß es gratis
sei und nichts koste. Doch das gibt es nicht. Je wichtiger eine
Sache, desto teurer muß man sie bezahlen. Und weil das Land
Israel und die Wiedererstehung der jüdischen Nation eine sehr
wichtige Sache ist, darum kommt sie auch sehr teuer, darum
wird das Land Israel unter Leiden erworben (siehe Brachot 5a).

In Wirklichkeit erhalten wir es zwar nicht gratis, aber halb
geschenkt. Zwar zahlen wir einen Preis, dafür erhalten wir aber
einen tausendfachen Gegenwert, wie Rabbiner Elijahu ("der
Gaon") aus Wilna zum Vers "der Kleine wird zu Tausend"
(Jeschajahu 60,22) erklärte; für eine geringe Investition gibt der
Herr der Welt tausendfache Belohnung.

Schon 120 Jahre setzen wir uns aufopfernd ein. Viele
Menschen nahmen große Entsagungen auf sich und erfüllten:
"Gehe aus deinem Lande und aus deinem Geburtsorte und aus
dem Hause deines Vaters" (Gen. 12,1) und verzichteten auf
Geld, Ehre und gesellschaftlichen Status, auf ihren Beruf und
auch auf erhabene spirituelle Bestrebungen, denen sie im Exil
(Galut) hätten nachgehen können. Wegen der
Herausforderungen des täglichen Lebens ist das in Israel nicht
immer ganz so leicht. Viele Menschen zahlten den Preis, und
durch ihr Verdienst sind wir heute hier. Doch wir erhielten weit
mehr. Das kann man zwar nicht gerade ein Wunder nennen,
aber so gut wie ein Wunder. Für menschenmögliche
Anstrengung und Aufopferung erhielten wir unbeschreiblichen
göttlichen Segen.

Wer sich also in der Krise fühlt, leidet an einer subjektiven
Krise. Unsere Lage ist aber wirklich gut, und wir kommen unter
Wundern von höchster Stelle voran. Seine subjektive Krise
kann Jeder auf seine subjektive Weise lösen.

An dieser Stelle muß aber auch die Tatsache vermerkt werden,
die uns zu Ehre, Verdienst und Glanz gereicht, daß dieses Volk
nämlich, das in Zion lebt, sehr stark ist und sich nicht so schnell
zu subjektiven Krisen hinreißen läßt. Es geht beständig weiter
seinen Weg. Und was die objektive Lage angeht - wenn man
berücksichtigt, daß alles seinen Preis hat und wir bisher sehr
günstig davongekommen sind - sieht sie sehr, sehr rosig aus.
 
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
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