DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT LECH LECHA
Nr. 327
10. Marcheschwan 5762

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Gen. 12,1-17,27)
Awra(ha)ms Umzug nach Kana'an, göttliches Versprechen,
seinen Nachkommen das Land zu geben, ägyptisches
Intermezzo, Trennung von Lot, dessen Rettung aus der
Gefangenschaft nach den Kriegen mit 4-5 Königen, "Bund der
Opferteile", Geburt Jischma'els durch die ägyptische Magd
Hagar, Awram>Awraham, Sarai>Sara, Versprechen der
Fruchtbarkeit, Gebot der Beschneidung
 
Frage und Antwort

Gerecht und schlecht?

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Wie kann es angehen, das es guten, unschuldigen
Menschen schlecht geht?

Antwort: Dabei fällt mir eine andere Frage ein: Manchmal
spotten die Ungläubigen "heh ihr Religiösen, ihr habt doch auf
Alles eine Antwort, ihr habt gar keine Fragen mehr!" - und
wirklich verhält es sich genau umgekehrt: Nur wer an den guten
und gerechten G~tt glaubt, dessen Gnade über Allem waltet,
stellt die Frage vom "Gerechten, dem es schlecht geht". Ein
Ungläubiger hat Niemanden, den er mit diesem Problem
konfrontieren könnte. Für ihn ist das einfach eine bittere
Tatsache, mit der man fertigwerden muß, wie man in dieser
Welt praktisch und seelisch standhält. Angesichts vollendeter
Tatsachen fragt er sich im nachhinein, welche Bedeutung man
diesen Ereignissen zumessen könne. Den G~ttesgläubigen
jedoch stellt diese Frage vor eine innere Zerreißprobe. Doch
auch er geht von einer bestimmten unterschwelligen
Grundannahme aus: unsere Welt sei ein Kinderspielplatz, vom
Herrn der Welt zum Vergnügen des Menschen eingerichtet, und
darum kann man ihm mit Beschwerden kommen, wenn eins von
den Spielgeräten nicht funktioniert. Doch die Verhältnisse, sie
sind nicht so. Unsere Welt ist eine schwierige Welt, eine Welt
voller Herausforderungen und Probleme, mit Trieben,
Machtkämpfen und Kriegen. So stellt es auch der Autor des
Buches "Der Weg der Frommen" (1.Kap.) dar, Rabbiner
Moscheh Chajim Luzatto: die Welt besteht nicht aus Genüssen,
weder in der heutigen Realität, noch in ihrer zukünftigen
Bestimmung, und wurde auch von vornherein nicht so
ausgelegt. Vielmehr wurde sie als Welt der Kämpfe,
Versuchungen und Schwierigkeiten gestaltet, und der Mensch
steckt mitten in dieser Schlacht.

Das bedeutet aber noch lange nicht, daß alles schlecht ist. Auch
das wäre eine Übertreibung. Rabbiner Moscheh ben Maimon
("Maimonides") bewies in seinem Werk "Führer der
Unschlüssigen", wie die Behauptung, fast alles sei schlecht, von
enormer Undankbarkeit und Blindheit für all das Gute in der
Welt zeuge.

Wem es allerdings in diesem Moment schlecht geht, verfällt
leicht der Neigung, alles schwarz zu malen - doch in Wirklichkeit
bildet das Gute die Mehrheit. Maimonides nahm eine Dreiteilung
vor: 1. Naturereignisse; die Mehrheit der Menschen sei weder
krank noch von Erdbeben und Überschwemmungen
heimgesucht. 2. Einfluß der Mitmenschen: auch hierbei werde
die Mehrheit nicht ermordet, beraubt, ja noch nicht einmal
fortwährend beleidigt. Nur im Krieg und allen seinen
Nebenerscheinungen leiden Menschen wirklich schwer. 3.
Probleme, die der Mensch sich selber verursacht, sei es durch
ungesunde Lebensweise, sei es durch Neid; anstatt mit seinem
Anteil zufrieden zu sein, ärgert er sich über den Erfolg Anderer.

Sicherlich gibt es ein Minimum an Schlechtheit, das viel Leid
demjenigen verursachen kann, den es trifft. Eine rosige Statistik
nützt diesem Menschen herzlich wenig. Darum, sagte Rabbiner
Luzatto, sei unsere Welt eine Welt der Mühen und Kämpfe.

Trotzdem haben nicht wir den Glauben erfunden, daß unsere
Welt eine gute Welt ist. So steht es nämlich schon in der Tora:
"..und G~tt sah, daß es gut war... gut.. gut... sehr gut" (Gen.
1,12/18/21/31). Ebenso schrieben die großen Rabbiner aus der
Zeitperiode vor etwa 900 Jahren (Rischonim), daß der Herr der
Welt die Welt schuf, weil es das Wesen des Guten sei, Gutes
zu tun. Warum gibt es also in dieser guten Welt auch schlechte
Dinge, Dysteleologie genannt?

Die Teleologie ist ein Zweig der Geisteswissenschaften, der
sich mit der Harmonie der Welt befaßt. Die frühen Philosophen
bemühten sich, die Existenz G~ttes rational zu beweisen, und
bedienten sich dazu hauptsächlich zweier Mittel: 1. Die
Beweisführung von Ursache und Wirkung. Diese Methode bildet
das Rückgrat der Wissenschaften: keine Wirkung ohne
Ursache. Wenn selbst die kleinste Sache eine Ursache hat,
dann muß auf jeden Fall etwas so Großes wie die ganze Welt,
das ganze System aller Ursachen und aller Wirkungen auch
seine Ursache haben, die allererste Ursache, die alles Andere
nach sich zog, den Grund der Gründe. 2. Die Beweisführung
anhand des Ergebnisses, des Zieles: jede Harmonie verfolgt
eine zweckmäßige Ordnung, ein Zeichen, daß es einen Lenker
gibt. Eine unordentliche Sache neigt zum Tohuwawohu, und
ebenso neigt das ganze Sein zur Unordnung, nach dem "Gesetz
von zunehmender Entropie", oder das "zweite
thermodynamische Gesetz", welches bestimmt, daß ein
zunächst geordneter Zustand im Laufe der Zeit in einen
zufälligen, ungeordneten Zustand übergeht. Energie verliert ihre
Qualität und wird zerstreut. Darum ist eine bestehende Ordnung
ein Zeichen dafür, daß hier jemand geordnet hat. Auch
zahlreiche biologische Vorgänge unterliegen einer bestimmten
Harmonie - ein Zeichen, daß sie von jemandem harmonisiert
wurden. Darum geht es in der Teleologie (Telos=Ziel, Ferne;
Teleologie: die Lehre vom Zweck und der Zweckmäßigkeit in
der Natur und im Menschenleben). Öffne deine Augen und sieh
die Wunder an Harmonie in der Welt. "..für Deine zu jeder Zeit
waltenden Wunder und Guttaten, abends, morgens und mittags,
Du bist der Gute, denn Dein Erbarmen hat nie geendet"
(Schmone-Esre Gebet). Führe dir das Wunder der Verdauung
vor Augen, der Nutzung des Bekömmlichen und der
Ausscheidung des Unbekömmlichen: "..der alles Fleisch heilt
und Wunderbares tut" (Segensspruch nach dem WC-Besuch).

Es gibt aber auch die Dysteleologie, Unordnung, Tohuwawohu.
Das ist kein Zufall, sondern eine fundamentale Erscheinung.
Wenn es nun im Wesen des Guten liegt, Gutes zu tun, warum
hat G~tt dann nicht von Anfang an alles zum Guten geschaffen?
Warum ließ er Reste des "Ur-Tohuwawohu" übrig? Wohl ist die
Welt zu 99% in Ordnung, wozu aber dient das eine Prozent der
Pannen? Besteht etwa ein Meinungsstreit zwischen den
Rischonim ("das Gute bewirkt Gutes") und Rabbiner Luzatto,
der uns eine Welt der Kämpfe und Versuchungen schildert?

In Wirklichkeit besteht hier kein Widerspruch, wir müssen uns
nur etwas intensiver mit dem Begriff des generellen Guten
beschäftigen. Hier geht es nämlich nicht nur um die Versorgung
mit Nahrung, Wohnung und anderen materiellen Gütern,
sondern auch um spirituelle Werte, denn wir sollen ja nicht den
Tieren gleichen. Das Gute beinhaltet auch die Möglichkeit, auf
eine höhere ethische Stufe zu gelangen, ein Gerechter zu sein,
aufrichtig, treu, heilig und rein. Dazu sind Kämpfe notwendig
und die Möglichkeit der freien Willensentscheidung. Denn ein
Gerechter, nicht aus freier Entscheidung, sondern per
Definition, wie ein Engel - ist kein wahrer Gerechter. Darum
beließ der Herr der Welt in seiner Welt ein wenig Unordnung,
Dysteleologie. Er hob ein wenig Arbeit für uns auf.

"Ein Philosoph fragte Rabbi Hoschaja: Wenn die Beschneidung
[G~tt] so gefällig ist, warum hat er sie nicht dem ersten
Menschen gegeben? ... Dieser erwiderte: ... Alles, was in den
sechs Tagen der Schöpfung geschaffen wurde, benötigt Zutuns,
wie der Senf, der genießbar gemacht werden muß, ebenso die
Lupinen, die entbittert, und Weizenkörner, die gemahlen werden
müssen - sogar der Mensch muß vervollkommnet werden"
(Midrasch Bereschit rabba 11,6). "..die G~tt geschaffen hatte,
zu tun" (Gen. 2,3) - um vom Menschen vervollkommnet zu
werden.

G~tt befahl der Erde, "Fruchtbäume" (Gen. 1,11)
hervorzubringen, "daß der Geschmack des Baumes dem der
Frucht gleiche", doch die Erde produzierte "Bäume, die Früchte
hervorbringen" (Gen. 1,12), und nicht "Fruchtbäume" (siehe
Raschikommentar zur Stelle). Rabbiner A.J.Kuk erklärte diesen
"Ungehorsam": "Bestünde nicht die Möglichkeit, daß der
Mensch durch seine Willensentscheidung den Erhalt einer
großen Menge Gutes verhindere, wäre die Schöpfung
gesegneter, und der Geschmack des Baumes ähnelte dem
seiner Frucht, denn dies ist der Ursprung aller anderen Kräfte,
die dadurch gesegneter wären; weil aber der Mensch zukünftig
den Rahmen der Geradheit in allem Guten verlassen würde, lag
darin der ethische Hinderungsgrund für die Erde, sich wie für sie
vorgesehen zu vervollkommnen. Und das ist die Erklärung für
alle spezifisch-eingenschaftlichen Mängel in der Schöpfung, mit
denen sich die Kritiker der Schöpfung befassen, und erst, wenn
sie zu der Erkenntnis von der Einheit der ethischen Kraft mit
den übrigen in der Wirklichkeit existierenden Kräften gelangen,
werden sie den Inhalt der Dinge verstehen" (Igrot, Nr.91).

Der Herr der Welt, der Gute und das Gute Bringende, ordnete
fast das ganze Tohuwawohu, nur ein kleines bißchen ließ er für
uns übrig, damit wir uns aus eigener Kraft bemühen und auf
wahrhaftige Stufen von Ethik und G~ttesverbundenheit
gelangen. Auch das wenige Schlechte ist zum Guten. "..und
siehe, es war sehr gut (tow me'od)" (Gen. 1,31) - "das ist der
gute Trieb, das ist der böse Trieb; das ist das Maß des Guten,
das ist das Maß der Leiden; das ist der Engel des Lebens, das
ist der Engel des Todes; das ist das Maß des Guten, das ist das
Maß des Unglücks" (Midrasch Bereschit rabba 9,6-11). Mithilfe
eines bißchens Schlechten wird das Gute sehr gut.

Der Heilige, gelobt sei er, der Gute und das Gute Bringende, ist
nicht geizig mit dem Guten, er begnügt sich nicht damit, die
Katzen mit ihrer Nahrung zu versorgen, damit sie den ganzen
Tag spielen können, sondern, und das ist die Hauptsache, gibt
er uns das Gute im Sinne von Gerechtigkeit.

Mögen wir die Stärke finden, daß uns eine Welt vergönnt sei,
die nur noch gut ist.
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
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