DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

Anschrift: Sderot Hame'iri 2, Kirjat Mosche
IL - 91032 Jerusalem ISRAEL  Tel. +972 2 6511906
Fax +972 2 6514820             http://www.machonmeir.org.il

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
Telefax: (+972 2) 6519 780
e-mail: kimizion@012.net.il
separate Homepage:http://www.kimizion.org
-Archiv der "Betrachtungen"
-Kostenloser Antwortservice "Frag' den Rabbi"
-früher aktualisiert (update) als die Machon-Meir-Seite

Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT HA'ASINU
Nr. 323
12. Tischri 5762

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Dt. 32,1-32,52)
Weltgeschichte von ihren Anfängen bis zum Ende in kurzer
Gedichtform, nochmalige Ermahnung des Volkes, Vorschau auf
Moschehs Tod.
 
Frage und Antwort

Wir sind für Demokratie!

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Kann man eigentlich orthodoxer Jude sein, und
gleichzeitig für Demokratie?

Antwort: Wir sind ganz klar für Demokratie, und wie! Alle
"Institute zur Förderung der Demokratie", die Erziehung zur
Demokratie und alle Anhänger der Demokratie verblassen
gegen uns.

Trotzdem könnte man fragen: Wo steht in der Tora etwas von
Demokratie? Und auch: Wie steht es mit pervertierter
Demokratie, mit einer bestechlichen Mehrheit, die von einem
Gewaltmenschen angeführt wird, der die Minderheit brutal
unterdrückt? Vielleicht wäre dem eine zahlenmäßig kleine
Auswahl von guten und gerechten Menschen vorzuziehen?

Der Begriff "Demokratie" wird mit allerlei Bedeutungen beladen,
außerdem gibt es verschiedene Arten von Demokratie. Der
tiefere Sinn der Demokratie jedoch, die "Seele" der Demokratie,
ist die Verhinderung des "und es tat ein Jeder, was recht war in
seinen Augen", jenes Tohuwawohu, das im Buche der Richter
(17,6 u.a.) beschrieben wird. Das Gesetz steht über Allem. Es
kann nicht ein Jeder tun, was ihm gerade in den Sinn kommt.
Es gibt doch eine nationale Verantwortung, nationale Moralität
und eine nationale Gemeinschaft. Diese Definition, die so
einfach aussieht, distanziert sich von einer bestimmten Art
primitiver Demokratie, die keine Verantwortung für die
Allgemeinheit kennt, sondern nur das Interesse des Einzelnen.
Demnach ist der Einzelne bereit, eine demokratische Herrschaft
zu erdulden, um soviel wie möglich vom nationalen Kuchen zu
erhaschen, wie die englischen Philosophen der Schule des
Utilitarismus erklärten (Hobbes, Hume, Mill, Locke, Smith).
Hobbes sagte: "Der Mensch ist des Menschen Wolf", von Natur
aus Egoist, und auf der ganzen Welt interessiert er sich nur für
eine einzige Sache: für sich selbst. Das Leben sieht er als einen
Kampf Einer gegen Alle. Der Einzelne ist bereit, alle anderen zu
verschlingen, wenn es ihm nützt. Hobbes' Ratschlag: Ich will gar
nicht deine Wolfsnatur ändern, doch laß dir sagen, es ist zu
deinem Vorteil, dich in einem geordneten Staat zu integrieren,
denn auch die anderen Wölfe wollen (dich als) Beute, und
selbst wenn du obsiegst, kommst du nicht ungeschoren davon,
und außerdem mußt du noch Tag und Nacht auf der Hut sein.
Darum lohnt es sich, gemeinsam zu leben, so wie sich richtige
Wölfe zu Rudeln zusammenfinden. Ein Wolfsrudel mit Ordnung
und Disziplin erreicht überproportional mehr als ein einzelner
Wolf. Es ist nur zu deinem Guten - verzichte zugunsten des
Staates, zugunsten der Regierung, zugunsten der Polizei,
zugunsten des Rechtswesens, und am Ende stehst du besser
da. Der Staat als eine große Versicherungsgesellschaft - so ist
es bei den Völkern der Welt üblich. Diese Demokratie dient
sovielen Individuen wie möglich, eine Art Arithmetik der
Bedürfnisbefriedigung. Mill sagte: Die Freiheit ist das höchste
Gut - unter der Bedingung, daß sie nicht die Freiheit des
Nächsten beeinträchtigt. Anstatt wie die Wilden über den
Kuchen herzufallen, laßt ihn uns zivilisiert aufteilen. - Diese
simple Art der Demokratie läßt jedoch die nationale
Verantwortung unberücksichtigt.

Bei Rousseau, der über den Willen der Allgemeinheit spricht,
über eine nationale Kollektivität, klingt schon das Thema der
Gemeinschaft an. Bei Plato gibt es eine wirklich idealistische
Demokratie zum Wohle der Gemeinschaft. Die Nation wird als
Organismus aufgefaßt, wie ein Mensch und seine Gliedmaßen,
die alle zum Wohle des Ganzen wirken. Hier gibt es kein
"Abkommen" zwischen Herz und Lunge - alle zusammen bilden
einen Organismus. Das ist wahre, innige Demokratie zum
Wohle der Gemeinschaft. Natürlich enthebt die nationale
Verantwortung nicht der Sorge um den Einzelnen.

Die "einfache" Demokratie ist ein Arrangement zur
Bedürfnisbefriedigung des Einzelnen. Darum sagten wir, wir
seien demokratischer als die Demokraten, weil wir uns für die
wahre Demokratie einsetzen, die auch die nationale
Verantwortung im Auge hat. Leider sind wir diesem hohen
Anspruch nicht immer gerecht geworden. Gegen Ende der
Periode des zweiten Tempels nahmen die individuellen
Ansprüche überhand. Damals entstand das Christentum, das
ein absolutes Fehlen von Verantwortung gegenüber der Nation
zum Ideal erhob. Das Christentum kopierte unsere Krankheit
und erhob sie zum Ideal. Der Philosoph A. N. Whitehead haßte
das Christentum wegen seines Mangels an nationaler
Verantwortung, und aus Unwissenheit sagte er Gleiches auch
über das Judentum. Allerdings stimmte dies für die Zeit gegen
Ende des zweiten Tempels, als wir uns auf Individualismus
konzentrierten. Dichter und Denker wie Goethe und Schiller
warnten uns denn auch: Ihr werdet niemals einen eigenen Staat
auf die Beine stellen; mit eigenen Händen werdet ihr ihn
niederreißen. - G~ttseidank haben wir es dennoch geschafft.

Um diesen Punkt ging es auch Karl Marx in seinem Widerstand
gegen das Christentum im Einzelnen und gegen die Religion im
Allgemeinen: Anstatt euch um die nationalen Probleme zu
kümmern, geht es euch nur um die Spiritualität des Einzelnen.

Unser Lehrer jedoch, Rabbiner Awraham Jizchak Hakohen Kuk
(erster Oberrabbiner Israels), erklärte ausführlichst und viele
Male, z.B. in seinem Buche "Orot", daß es sich bei der Tora vor
allem um eine Verfassung der Nation handelt. Hier und da gab
es einzelne "Gerechte der Völker" schon vor unserem Vorvater
Awraham, zu seiner Zeit und auch nachher, doch nur über ihn
heißt es: "Und ich werde dich zu einem großen Volke machen"
(Gen. 12,2) - Heiligung des göttlichen Namens durch ein Volk.
Während des zweiten Tempels ging diese Heiligung verloren,
und Rabbiner Kuk arbeitete schwer daran, den ursprünglichen
Zustand wiederherzustellen. "Man hatte sie vergessen und er
stellte sie wieder her" (Megilla 3a).

Die einfache, utilitaristische Demokratie, wie sie bei den Völkern
der Welt verbreitet ist, kann leicht zu einer "Diktatur der
Mehrheit" herunterkommen, sogar zur Diktatur einer Minderheit
durch Intrigen und Tricks. Sogar die direkte Demokratie der
alten Griechen - wo es eine allgemeine Volksversammlung gab
- führte zu Anarchie, Interessengruppen, Tyrannei und
Unterdrückung wie auch zu einem Mangel zivilisierter
zwischenmenschlicher Beziehungen. Schon die talmudischen
Weisen sagten: "Eine Vereinigung, die nicht reine Beweggründe
zu reinen Zwecken hat, hat schließlich keinen Bestand"
(Mischna "Sprüche der Väter" 4,11). Der Egoismus wird am
Ende zu einem Kampf Jeder gegen Jeden ausarten. Doch eine
"Vereinigung um reine Beweggründe willen", die idealistische
Demokratie im Namen des allgemeinen Glückes, wird am Ende
Bestand haben und nicht nur der Gemeinschaft, sondern auch
jedem Einzelnen zum Wohle gereichen. Der Staat ist kein Mittel
zu dem Zweck, die Bedürfnisse des Individuums zu befriedigen,
im Gegenteil, der Einzelne ist glücklich, ein Teil der Nation zu
sein.

Wie gesagt kann nicht Jeder tun, was recht ist in seinen Augen,
vielmehr müssen sich Alle nach dem Gesetz richten. Was hat
es mit diesem Gesetz auf sich? Ein Spielfeld für jeden
Einzelnen, auf dem Gesetze durch Intrigen durchgesetzt werden
können, frei von Nächstenliebe und ohne Rücksicht auf das
Gemeinwohl? Nur weil ein Gesetz auf demokratischem Wege
verabschiedet wurde, muß es noch lange nicht gut und
moralisch sein. Zwar steht das Gesetz über Allen - doch gibt es
vielleicht noch etwas über dem Gesetz? Gibt es eventuell ewige
Ideale über dem Gesetz?

Betrachten wir zum Beispiel die Geschichte unserer Nation.
Demokratie sollte doch das Wohl der Nation im Auge haben.
Doch was ist eine Nation? Ist sie eine Gruppe von Menschen,
die sich zufällig auf einem bestimmten Territorium
zusammengefunden und ein Interesse haben, sich zu
gemeinsamer Sicherheit und Wirtschaftstätigkeit zu
organisieren? Natürlich ist das wichtig, und so halten es ja auch
die Völker der Welt. Doch damit ist es nicht getan. Die Nation ist
nicht nur eine logische Organisationsform, die erst seit gestern
besteht. Sie hat Geschichte. Wir tragen eine Verantwortung
gegenüber jenem historischen Wesen. Eine Nation von ihrer
Geschichte zu trennen, kommt einem Völkermord gleich. Damit
hört sie auf, eine historische Nation, ein Organismus zu sein.
Das ist die Spitze der Unmoralität.

Ein Gesetz, das die Nation von ihrer Vergangenheit trennt,
trennt sie auch von ihrer Zukunft, d.h., es ist unmoralisch und
undemokratisch im höheren Sinne.

Auch bei uns gab es zu unserer Schande Situationen, in denen
der Mechanismus der Demokratie zur unverhüllten Herrschaft
einer Minderheit über die Mehrheit mißbraucht wurde, wie im
Falle der Minderheitsregierung. Damals nannte dies unser
Lehrer Rabbiner Zwi Jehuda Kuk "eine unglaubliche
Entheiligung des göttlichen Namens". Es war das genaue
Gegenteil des demokratischen Ideals. Das nennt man Tyrannei.

Es gab Fälle, wo der Ministerpräsident genau wußte, daß
Nation und Knesset gegen ihn waren, und trotzdem setzte er
seine Politik fort. Das ist das Gegenteil von Demokratie.

Auch die Beteiligung von Nichtjuden an
Regierungsentscheidungen ist nicht demokratisch und richtet
sich gegen das Wohl der Nation. Vielmehr handelt es sich dabei
um das abgekartete Spiel einer Minderheit, die sich ihren Weg
mithilfe von Fremden bahnt, die nicht das Wohl der Nation im
Auge haben, sondern im Gegenteil einen fremden Staat in
unserem Land gründen wollen. Unser Staat interessiert sie
überhaupt nicht, was sie sogar noch lautstark hinausposaunen.
Ihre Beteiligung an Entscheidungen bedeutet eine
ungeheuerliche Aushöhlung des Begriffes der Demokratie. So
wie mancher die Gesetze der Tora für unlautere Ziele
mißbraucht, geschieht dasgleiche auch im Rahmen der
Demokratie. Wird der innere Wert vergessen, bleibt nur eine
äußerliche Hülle.

Auch der Gedanke, Teile des Landes einer Nation an ihren
Feind auszuhändigen, bedeutet eine absolute Aushöhlung der
Demokratie. Der demokratische Mechanismus wandelt sich in
ein Monstrum, das sich gegen seinen Schöpfer wendet. Laßt
uns nicht das Wesen der Demokratie vergessen: die nationale
Verantwortung!

Wir kehrten heim, wieder eine Nation zu sein. Laßt uns zu
wahrer Demokratie zurückkehren, erhaben und idealistisch:
Verantwortung und Treue zur Nation und allen Generationen
ihrer Geschichte.
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
http://www.israelnationalnews.org
- auf russisch:
http://www.sedmoykanal.com
 

MACHON MEIR
Jüdische Studien in Hebräisch und Englisch in jeder Schwierigkeitsstufe,
Anfängerkurse auch auf Russisch
Tanach, Mischna, Gemara, Themen der jüdischen Weltanschauung
-gelockerte Atmosphäre
-religiöser Zionismus
-Emuna nach den Lehren Rav Kuks
-Anerkannte Hebräisch-Kurse (nachmittags)
Bitte richten Sie Ihre Anfragen an obige Anschrift von
Machon Meir

SPENDENKONTO
Postal Bank, Jerusalem, "Machon Meir", Konto Nr. 4-16179-3
oder per Scheck direkt an obige Anschrift

Lichterzünden/Schabbatausgang in:
Jerusalem: 16.52/18.04
Tel Aviv: 17.10/18.06
Haifa: 17.02/18.05
Winterzeit !