DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
 
 
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT BEHA'ALOTECHA (außerhalb Israels NASSO)
Nr. 357
14. Sivan 5762

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;    NEU: Jetzt auch Video!
desgleichen auf Französich (audio)
 

Diese Woche in der Tora (Num. 8,1-12,16):
Dienstweihung der Leviten; 1.Pessach in der Wüste und
Ersatztermin für Verhinderte; Reise und Lagern nach der
Wolken-/Feuersäule; die silbernen Alarmtrompeten;
Zugordnung des Lagers; Trennung von Jitro; Klage über
einseitige Diät; Wachtelschwemme und Strafung; Einsetzung
von 70 Weisen zur Unterstützung Moschehs; 2 neue Propheten
im Lager; üble Nachrede von Mirjam und Aharon über Moscheh,
Aussatzstrafung Miriams.
 
Kinder, Kinder...

Nur nicht aufgeben
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

Verschiedene Toragelehrte fanden einen Widerspruch in den
Worten der talmudischen Weisen: Einerseits heißt es: "Werde
nicht zum Bösewicht vor dir selbst" (Mischna "Sprüche der
Väter" 2,13), und andererseits (wenn die Seele des Menschen
vor der Geburt eingeschworen wird): "Welchen Schwur läßt
man ihn schwören? Sei ein Gerechter und sei kein Bösewicht,
und selbst wenn die ganze Welt von dir sagt: 'Du bist ein
Gerechter', sei in deinen Augen wie ein Bösewicht" (Nida
30b). Kann man sich einen größeren Widerspruch vorstellen?!
Mit diesem Widerspruch beginnt das "Sefer HaTanja" von
Rabbiner Schne'ur Salman aus Liadi, dem Gründer des
Chabad-Chassidismus.

Die Größen des Chassidismus, z.B. Rabbi Schne'ur Salman
und Rabbi Elimelech aus Lysensk erklärten, daß dieser
Widerspruch die Komplexität des Menschen widerspiegelt, der
mit einem guten und einem bösen Trieb geschaffen wurde. Der
Mensch sollte sich als "Mittelfeld" sehen, auf dem das Gute und
das Böse auf Tuchfühlung gehen. In der Lehre von Chabad ist
der "Mittelmäßige" ein erhabener Mensch von ausgezeichneten
Taten und vollkommenem Verhalten, der die Gebote der Tora
mit größter Genauigkeit befolgt, allerdings noch nicht den
endgültigen Sieg über den bösen Trieb in seinem Innern
errungen hat. Den "Mittelmäßigen" warnen die talmudischen
Weisen, er solle sich niemals einbilden, er hätte den bösen
Trieb endgültig besiegt "und niemals glauben wenn man ihm
sagt, das Böse in ihm habe dem Guten platzgemacht" (Tanja).
Gleichzeitig darf er aber auch nicht seine spirituellen Erfolge im
Kampf gegen das Böse herunterspielen: "Werde nicht zum
Bösewicht vor dir selbst". Nach Rabbi Elimelech aus Lysensk
gilt dies als Anweisung für alle Juden, die in ihnen verborgenen
guten Kräfte nicht geringzuschätzen und nicht an sich selbst zu
verzweifeln.

Eine positive Selbsteinschätzung gehört zu den Fundamenten
der erzieherischen Lehren des Rabbi Nachman von Breszlav.
Rabbi Nachman betonte, der Mensch müsse auch bei sich
selber gute Seiten suchen. "Sogar wenn der Mensch beginnt,
sich selbst zu betrachten und kein bißchen Gutes sieht, er ist
nur voller Sünden... muß er suchen und bei sich irgendetwas
Gutes finden, denn wie kann es möglich sein, daß er alle seine
Lebtage nicht ein Mal ein Gebot oder eine gute Tat ausgeführt
hat... denn der Mensch muß suchen und versuchen, bei sich
selbst irgendetwas Gutes zu finden, um sich selbst wieder zum
Leben zu bringen" (gesammelte Schriften, § 282).

Manche von den Größen Israels verbanden die positive
Selbsteinschätzung mit der Betrachtung des inneren Wesens.
So in der Einleitung zum Talmudkommentar "Schew
Schmatteta", der die widersprüchlichen Talmudstellen zum
einen auf die Ebene des menschlichen Wesens bezog, zum
anderen auf das äußerliche Verhalten. Jeder Jude ist in
seinem Wesen heilig und rein, und die Sünden hängen ihm nur
äußerlich an, abhängig von äußeren Umständen und von
Zufälligkeit gekennzeichnet. Darum heißt es: "Werde nicht zum
Bösewicht vor dir selbst" - bei deinem Selbst. Dein "Selbst" ist
heilig. Auf der Ebene der äußeren Verhaltensweise aber darf
sich der Mensch niemals auf seinen Lorbeeren ausruhen - "sei
in deinen Augen wie ein Bösewicht".

Viele Jugendliche benötigen so einen Funken positiver
Betrachtungsweise von sich selbst. Nicht um anzugeben oder
zu prahlen, sondern zur Ermutigung, zur Bekräftigung, zur
Überwindung und zum Besiegen von Schwächen und
Depressionen, die sie bedrücken. Die Beseitigung einer
negativen Selbsteinschätzung, oder genauer, des negativen
Etikettes, daß sie sich selbst verpaßt haben, würde ihnen das
Tor zum Aufstieg und des Vorankommens öffnen, sie aus ihrer
Fixierung lösen und ihnen helfen, sich weiterzuentwickeln.

Man kann sich gar nicht die wahre Bedeutung der
Selbsteinschätzung für die Wahl des Lebensweges und seiner
Taten vorstellen. Ein hoher Prozentsatz des menschlichen
Verhaltens wird davon bestimmt, wie man sich selbst sieht. Ein
negatives Selbstbild führt zu negativen Taten, und die negativen
Taten bestärken das negative Selbstbild, und so weiter im
Teufelskreis. Manchmal fing alles mit einem Irrtum an, und
trotzdem kommt es zu katastrophalem Ergebnis. Darum müssen
wir mit unserer Kritik an Jugendlichen vorsichtig umgehen:
einerseits darf man das Böse nicht beschönigen und ignorieren,
andererseits darf man nicht ihre guten Seiten herunterspielen
und ihnen negative Attribute anhängen.

Aus der Mischna "Werde nicht zum Bösewicht vor dir selbst"
lernte Rabbiner A.J.Kuk ein Prinzip über den Wert der
"subjektiven Erkenntnis". Die Gefühle der Selbsterkenntnis
haben eine besondere Bedeutung. Daher sollte der Mensch
seine inneren Werte, seine religiösen Gefühle, seine
persönlichen Ansichten und seinen Weg in spirituellen Dingen
nicht mit Abschätzung betrachten, und nicht "die Inhalte
aufgeben, die ihm so sehr nahe sind". Wenn er das Gefühl hat,
seine innere Welt sei nicht vollkommen bzw. mangelhaft nach
bestimmten Normen, werfe er sie dennoch nicht über Bord.
Auch wenn diese Einschätzung durch objektive Kriterien
gestützt wird, entferne man nicht, was einem so nahe am
Herzen liegt, sondern nutze es als Ausgangspunkt für weiteren
Ausbau.
[aus einem längeren Artikel]
 
 
Frage und Antwort

Adoption

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Darf jedes Ehepaar Kinder adoptieren, oder gibt es dazu
religionsgesetzliche Beschränkungen?

Antwort: Es ist eine große Mitzwa (Gebot), ein Kind zu
adoptieren. Vielen Kindern ist es nicht vergönnt, adoptiert zu
werden, und müssen darum ein schweres Leben in diversen
Waisenhäusern zubringen. G~ttseidank gibt es dort hilfsbereites
Personal, das aber nicht Vater und Mutter ersetzen kann.
Bemitleidenswerte Kinder. Nicht immer gelingt ihre Rettung, und
sie geraten an den Rand der Gesellschaft.

Darum ist es eine große Mitzwa, ein Kind zu adoptieren, ihm
diese Gnade zu erweisen. Das gilt als große Mildtätigkeit, nicht
nur in finanzieller Hinsicht, sondern eine viel erhabenere
Mildtätigkeit, eine Mildtätigkeit des Lebendigmachens, der
Wiederbelebung.

Es ist aber auch eine schwere Mitzwa. Glauben Sie nicht, es sei
leicht, ein Kind zu adoptieren. Einen Säugling zu adoptieren ist
kein Problem, aber ein Kind, das adoptiert werden muß, weil es
schlimme Dinge erlebte, die sich in sein Wesen einprägten - so
ein Kind ist sehr schwer zu erziehen.

So ist das aber mit den Geboten: große Gebote, große
Schwierigkeiten. Für dieses Gebot werden starke Familien
gebraucht. Nicht jede Familie eignet sich dafür, besonders,
wenn sie selbst alle Hände mit der Erziehung der eigenen
Kinder vollhat.

G~ttseidank gibt es aber Familien, die ausgezeichnet
zurechtkommen, einschließlich kinderreicher Familien,
einschließlich Familien mit Problemkindern. Starke Familien
müssen Kinder adoptieren, auch problematische, auch wenn sie
schon 14 oder 16 Jahre alt sind. Das ist wahre Lebensrettung.

Manche schieben halachische Probleme vor. Wie wird das sein
mit Vater und Adoptivtochter, mit der Mutter und dem
Adoptivsohn? Ja, da gibt es Probleme; na und? Man adoptiert ja
schließlich nicht zu seinem Vergnügen, sondern zur
Lebensrettung. Bei Lebensgefahr darf man nicht zuviele Fragen
stellen und nicht einen Berg von Problemen auftürmen. Hier
geht es um Lebensgefahr, oder, genauer gesagt, um
Seelengefahr. Darum laßt die Fragerei, adoptiert Kinder.

Wenn man behauptet, es bestehe ein Problem zwischen
Adoptiveltern und heranwachsenden -kindern, dann dürfte man
auch einer Geschiedenen oder einer Witwe mit Tochter nicht
die Wiederheirat erlauben, denn dabei besteht genau
dasgleiche Problem! Doch von so einem Verbot haben wir noch
nie gehört. Demnach dürfte auch ein Geschiedener oder Witwer
mit Sohn nicht wieder heiraten. Vielleicht mag man einwenden,
dabei liege der Fall anders, denn er ist nach der Tora
verpflichtet, wieder zu heiraten, darum ist man ganz zu recht
bereit, die halachischen Probleme abzufangen. Das gilt
allerdings auch in unserem Fall: Es ist ein Gebot, diese Kinder
zu adoptieren. Anderenfalls ist ihr Leben kein Leben. Hier geht
es nicht um Luxus, sondern um Leben oder Nicht-Leben!

Auch wenn ein Paar schon eigene Kinder hat, bleibt es trotzdem
ein Gebot, weitere zu adoptieren. Die Adoption ist nicht nur ein
Ausweg aus der Kinderlosigkeit, wenn alle anderen Mittel
versagten. Und auch dann gibt es noch wählerische Paare.
Vielmehr geht es vor allem um das Wohl des Kindes.

Denk daran - ohne Aba und Ima ist das Leben furchtbar. Nur ein
Gesicht unter vielen zu sein - das ist grausam. Darum seid stark
und fest - und adoptiert feste.

* * *

Nachtrag zum Artikel "Fauler Zauber", Nr. 350, zum Thema
"Zauberei in der Kinderliteratur" von Rabbiner Schlomo Aviner:

In dem oben angeführten Artikel warnte ich vor auf die
Einbildung zielende Kinderliteratur, die zu der falschen
Vorstellung erzieht, Probleme seien durch Zauber oder andere
Tricks zu lösen und nicht durch eigene Anstrengung und Mühe.
Einige Leser machten mich darauf aufmerksam, daß die als
Beispiel erwähnten "Harry Potter"-Bücher genau diese Moral
vermitteln, da es diesem jugendlichen Zauberer in den
Geschichten verboten sei, seine übernatürlichen Kräfte zur
Lösung von Problemen des täglichen Lebens einzusetzen und
all seine Zauberei nur als Kulisse diene. Die Hauptsache aber
seien Freundschaft und Mut. - Das ändert natürlich nichts am
Prinzip, Probleme durch eigene Anstrengung und nicht durch
Tricks zu lösen.
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
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