DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT BERESCHIT
Nr. 325
26. Tischri 5762

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Gen. 1,1-6,8)
Schöpfung, Adam und Chawa, Schlange, Vertreibung aus dem
Garten Eden, Kain und Hewel, die Generationen bis Noach,
Planung der Sintflut.
 
Frage und Antwort

Alles einkalkuliert

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Jeden Tag nehme ich mir soundsoviele Dinge zur
Erledigung vor, und dann kommen alle möglichen Sachen
dazwischen, die von mir verlangt werden, sei es von meinen
Kindern, sei es von anderen Leuten, oder neue Aufgaben. Oder
ich finde etwas Interessantes zu lesen, oder ich versinke in
Gedanken, die mich von meinen Vorhaben ablenken (obwohl
sie manchmal zu meinem spirituellen Nutzen sind). Trotzdem
laufe ich meistens mit dem Gefühl herum, etwas zu verpassen.

Wie kann ich meine kleine Welt ordnen, damit ich immer sicher
bin, in meiner Beziehung zu G~tt das Richtige zu tun, unter
Wahrung voller Entscheidungsfreiheit über meine Taten?

Antwort: Ich habe so den Verdacht, daß es den meisten
Menschen auf der Erde wie Ihnen geht. Die Zeit zerrinnt ihnen
zwischen den Fingern, Sie erreichen nichts, und übrig bleibt
große Frustration. Für dieses Problem gibt es zwei Lösungen,
eine praktische und eine geistige.

Die praktische Lösung besteht im sorfältigen Planen der zur
Verfügung stehenden Zeit. Man nehme ein großes Blatt Papier
und mache sich einen realistischen Stundenplan für den ganzen
Tag, d.h., der eine Chance auf Verwirklichung hat. Vorhaben,
die unsere Kräfte übersteigen, führen todsicher zu
Enttäuschung und enden in Verzweiflung. Prüfen wir zunächst,
wieviel Zeit wir zur Verfügung haben, und dann verteilen wir sie
auf die unserer Ansicht nach wichtigsten Vorhaben. Auf den
Rest verzichten wir ruhigen Gewissens, denn man kann nicht
gleichzeitig auf allen Hochzeiten tanzen und alle Aufgaben
erfüllen. Stimmen Sie die Planung auf Ihre persönlichen Kräfte
ab. Auf jeden Fall müssen Sie sich eine feste Zeit für erbauliche
Lektüre einrichten.

Sie werden einwenden, die unvorhersehbaren Störungen seien
bei Ihnen schon eine chronische Erscheinung. Dann muß man
sie von vornherein einkalkulieren. Ein kampferprobter Offizier
weiß unvorhergesehene Ereignisse zu bewältigen. Die
Improvisierfähigkeit des israelischen Offiziers hat bereits
sprichwörtlichen Charakter. Eine Mutter wie Sie gleicht allemal
einem kampferprobten General. Dafür braucht sie nicht einmal
beim Militär gewesen zu sein.

Und dann gibt es die geistige, philosophische und
glaubensorientierte Lösung. Nichts geschieht aus Zufall. Wenn
Ihnen der Herr der Welt Störungen schickt, oder, genauer
gesagt, Mitzwot (Gebote), so ist das ein Zeichen für Ihre
Bestimmung in dieser Welt. Die heutige Jugend kennt diese
Betrachtungsweise sehr gut: 'Ich bin auf der Suche nach
meinem Selbst. Ich fahre nach Indien, um den Sinn meines
Lebens zu finden'.

Das ist gar nicht nötig. Ihre Bestimmung findet von alleine zu
Ihnen. Der Herr der Welt verläßt sich nicht auf Sie. In seiner
Weisheit und Güte schickt er Ihnen Ihre Bestimmung. Ihre
Kinder, die Sie verrückt machen - sie sind Ihre Bestimmung; die
größte Bestimmung, die es auf der Welt gibt, nämlich
Mildtätigkeit. "Die Welt wird auf Mildtätigkeit gebaut" (Psalm
89,3). Dasgleiche gilt auch in Bezug auf andere Leute. Die Zeit
läuft Ihnen nicht davon, sondern wird mit Inhalten gefüllt, mit
erhabenen Inhalten.

"Wer mit der Ausübung eines Gebotes (Mitzwa) beschäftigt ist,
ist [solange] von der Ausübung eines anderen Gebotes frei"
(Sukka 25a). Die Ausübung einer Mitzwa überträgt höchste
Anhänglichkeit an G~tt, ob man diese nun spürt oder nicht.
Rabbiner Israel Meir HaKohen, genannt "Chafez Chajim" (nach
seinem gleichnamigen Buch über die Vermeidung der üblen
Nachrede), erzählte, daß seine Mutter niemals betete. Sie war
immerzu mit dem Haushalt beschäftigt, und "Wer mit der
Ausübung eines Gebotes beschäftigt ist, ist von der Ausübung
eines anderen Gebotes frei". Gilt denn nicht das Gebet als
Ausdruck höchster Anhänglichkeit an G~tt? - Auch Mildtätigkeit
gegenüber den Haushaltsmitgliedern ist ein Ausdruck von
Anhänglichkeit an G~tt.

Vielleicht haben Sie das Gefühl, immer nur für Andere da zu
sein, selbst aber zu kurz zu kommen? Auch Sie sind doch ein
Mensch! Das ist doch nicht fair! - Keine Sorge; alles, was sie
mit ganzem Herzen gegeben haben, werden Sie tausendfach
zurückerhalten. Manchmal dauert dieser Kreislauf eine ganze
Weile, darum rüste man sich mit Glauben und Geduld. Unser
großer Lehrer, Rabbiner Awraham Jizchak Kuk, schrieb: "Man
denke nicht, daß man durch die Beschäftigung mit
Angelegenheiten der allgemeinen Vervollkommnung nicht in
dem Maße zu seinem Anteile komme, als wenn man sich
[stattdessen] mit seiner individuellen Vervollkommnung
beschäftigt hätte; dem ist nicht so, vielmehr vereinigen sie sich,
und die innere Kraft der allgemeinen Vervollkommnung wirkt hin
zur Vervollkommnung des einbegriffenen Einzelnen, und zwar
wirklich gleichwertig und sogar noch mehr, als hätte man sich
[nur] mit der individuellen Vervollkommnung beschäftigt...",
"hinsichtlich der universalen göttlichen Lenkung scheint es ihm,
als würden die von ihm verursachten Einflüsse zugunsten
Anderer umgeleitet werden, in Wirklichkeit aber kehren
dieselben Einflüsse zu seinem individuellen Nutzen zurück"
(Ma'amarej Hara'aja, S.447).

Jede kleine gute Tat, die Sie tun, ist eine Großtat, riesig. Auch
auf diese Weise erreichen Sie spirituelle Erfolge in Ihrer
Beziehung zu G~tt, selbst wenn Sie sich dessen nicht bewußt
sind. Darum seien Sie nur stark und fest, sorgen Sie sich nicht,
und dann wird G~tt Ihrem Leben gute und lange Jahre
hinzufügen.

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
http://www.israelnn.com
- auf russisch:
http://www.sedmoykanal.com
 
Kinder, Kinder...

Welche Alternative?
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

Die zahlreichen Aspekte der Kindererziehung lassen sich
niemals gänzlich bewältigen. Der Kampf gegen negative
Kultureinflüsse ist eine sehr komplizierte Arbeit. Manche Leute
glauben, man brauche nur die negativen Brennpunkte zu
identifizieren und zu markieren, um die Kinder von ihnen
fernzuhalten. Ganz einfach durch die Aufstellung eines großen,
grellen Schildes mit der Aufschrift "Eintritt verboten" retten wir
unsere Kinder vor spiritueller Gefahr. Irrtum! Der Mensch hängt
am Schlechten auch nachdem er weiß, daß es schlecht ist, und
manchmal tut er das Böse sogar in dem Bewußtsein, daß er
einen hohen Preis zahlen wird, wenn man ihn ertappt. Warum
tut er es dennoch? Weil irgendetwas im Bösen eine anziehende
Wirkung auf ihn ausübt. Er spürt dadurch eine spirituelle oder
körperliche Befriedigung. Es "belebt" einen Teil seiner
Persönlichkeit. Rabbiner A.J. Kuk erklärte, daß die seelischen
Leiden, die die Rückkehr zum toratreuen Leben begleiten, "der
Abtrennung derjenigen schlechten Teile der Seele entstammen,
deren Heilung unmöglich ist" (Orot Hateschuwa, §8,1). Welche
sind die "schlechten Teile der Seele"? Aspekte der
menschlichen Persönlichkeit, die wegen schlechter Taten
verkümmerten. Es gibt aber auch andere Teile der Seele, die an
sich nicht schlecht sind, die allerdings vom Schlechten genährt
werden. Diese können durch Klärung und Reinheit geheilt
werden, doch muß man ihnen dazu eine alternative geistige und
seelische Nahrung anbieten, da sie anderenfalls wieder den
schlechten Gewohnheiten verfallen.

Darum darf man es nicht bei einer pädagogischen Anleitung des
"weiche vom Bösen" (Psalm 34,15) belassen und die Kinder mit
endlosen Verboten belegen, sondern muß ihnen positive
Alternativen im Sinne von "tue Gutes" (ebda.) anbieten, die jene
seelischen Bedürfnisse befriedigen, die vorher vom Bösen
versorgt wurden. Kurz gesagt: Man kann keine Verbote und
Beschränkungen aufstellen, ohne Alternativen zu bieten.
Erstens ist es nicht recht, und zweitens funktioniert es auch
nicht.

Das Böse aktiviert wichtige seelische Energien des Menschen,
die sich nicht einfach abstellen lassen; darum muß man ihnen
positive Wege des Ausdruckes finden. Dieses Prinzip wurde
bereits von Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") im
Zusammenhang mit den Opfern der Götzenanbeter und dem
Opferdienst im Tempel erwähnt. Im "Führer der Unschlüssigen"
(III,32) erklärte er als eine der möglichen Deutungen den
Opferdienst im Tempel als positive Alternative anstelle des
Götzendienstes. Die Vorschrift, G~tt ohne Tieropfer zu dienen,
wäre vom Volk nicht akzeptiert worden. Das an Opferdienst
gewöhnte Volk wäre wieder dem früheren Götzendienst
verfallen, wenn man ihm nicht die Möglichkeit der erlaubten und
sogar wünschenswerten Opferung gegeben hätte.

Einem Jugendlichen, der sich dubiosem Zeitvertreib hingibt,
kann man nicht einfach den Besuch jener Stätten untersagen,
sondern muß ihm eine passende Beschäftigung anbieten. Ein
an stundenlanges Fernsehglotzen gewöhntes Kind läßt sich
nicht so einfach davon abbringen, wenn man ihm nicht eine
mindestens ebenso spannende und seine Neugier reizende
alternative Unterhaltung anbietet, die seinen Erlebnishunger
anzieht, wie es vorher die Mattscheibe tat. Man kann einen
Jungen oder ein Mädchen nicht einfach von "schlechtem
Umgang" Gleichaltriger trennen, wenn sie nicht von einer
anderen Gruppe, die viel Liebe und Warmherzigkeit ausstrahlt,
aufgenommen werden. Die Kunst des "tue Gutes" ist eine weit
schwerere als die des "weiche vom Bösen". Die Weisheit der
Alternative verlangt mehr als nur die Lokalisierung des Bösen.

Die Weisen des jüdischen Volkes sahen darin die Bedeutung
des Laubhüttenfestes, das auf die "Tage des Gerichtes" folgt.
An den "Tagen des Gerichtes", besonders an Jom Kippur,
mindern sich viele Kräfte des Menschen, verstärkt sich die
Himmelsfurcht und schärft sich die Vorsicht vor Sünden, bis hin
zu jener erhabenen Stufe des Jom Kippur, auf der fast alle
menschlichen Funktionen stilliegen. Zwar wird das Schlechte im
Menschen geschwächt, doch ebenso sein Wille zum Guten.
Diese Einschränkung der Persönlichkeit läßt sich jedoch nicht
lange aufrechterhalten. Da kommt das Sukkot-Fest mit seiner
Vielzahl von Geboten und großer Festfreude, und die
spirituellen Energien strömen von Neuem mit positiver und
segensreicher Macht, "den Willen zum Guten zu festigen und
die Kraft des reinen Lebens" (Orot Hateschuwa, §9,10).
 

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