DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJESCHEW
Nr. 283
26. Kislew 5761

AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;
desgleichen auf Französich

Schabbat Chanukka    Midrasch Ma'asse Chanukka

Diese Woche in der Tora (Gen. 37,1 - 40,23):
Josefs Träume, Feindschaft seiner Brüder, als Sklave nach
Ägypten, Jehuda und Tamar, Josef im Hause Potifar, im
Gefängnis, deutet die Träume Pharaos Mundschenks und
Bäckers.
 
Frage und Antwort

Ein Promille reicht

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Vor vielen, vielen Jahren fragten die Schüler des Rabbi
Elijahu von Wilna, genannt "Wilna'er Gaon", wie es zu
bewerkstelligen sei, dem Volke Israel die Erlösung zu bringen.
Natürlich könne G~tt die Erlösung bringen, wie es ihm beliebe,
mit oder ohne Wunder, und ist dabei nicht auf unsere guten
Ratschläge angewiesen - aber wie tragen wir dazu aus eigener
Kraft das Menschenmögliche bei? Der Gaon überlegte lange
Zeit und sagte dann: Man müsse 60 Myriaden Juden (=600.000)
nach dem Lande Israel bringen. Diese Anzahl werde den
Ausschlag geben. Ist diese Prophezeiung jemals eingetroffen?

Antwort: Diese Zahl ist uns bekannt. "60 Myriaden" zogen aus
Ägypten, und "60 Myriaden" zogen unter Jehoschua im Lande
Israel ein, und die talmudischen Weisen schrieben, auch in der
kommenden Zukunft werden es "60 Myriaden" sein. Wer
600.000 Juden versammelt sieht, sagt sogar einen besonderen
Segensspruch: "Baruch ata..., chacham harasim" [gepriesen sei
der Allweise der Geheimnisse]. Die Weisen sagten ferner, eine
funktionsfähige Gesellschaft bestehe aus mindestens 600.000
Bürgern, dem Minimum für ein Volk. Rabbiner Awraham Jizchak
Kuk (erster Oberrabbiner Israels) schrieb in seinem Kommentar
zum Gebetbuch über den genannten Segensspruch, daß eine
Ansammlung von 60 Myriaden Juden in Israel den Beginn der
Endzeit der Erlösung signalisiere. Diese Schwelle wurde etwa
zur Zeit des Unabhängigkeitskrieges überschritten.

Zur Zeit des Wilna'er Gaon aber erschien so eine Zahl als
vollkommen unrealistisch, ja unmöglich. Man konnte 600 Juden
zur Einwanderung nach dem Lande Israel bewegen, nicht aber
600.000, und selbst für diese Wenigen bedeutete es ein hohes
Maß an Selbstaufopferung, wie die Schüler des Gaon
bezeugten, die selber einwanderten.

Der Wilna'er Gaon stützte seine Antwort auf das kabbalistische
Prinzip der Buchstabenkombination Taw-taw-kuf-zade-tet,
deren Zahlenwert "999" ergibt: Wir bemühen uns, einen Teil
beizutragen, und G~tt ergänzt auf Tausend. "Der kleine wird zu
Tausend" (Jeschajahu 60,22) - das ist ein
Partnerschaftsvertrag. Wir sind dabei eher stille Teilhaber, denn
den Löwenanteil erledigt der Herr der Welt. Doch wir müssen
den Anfang machen, wir müssen unseren wenn auch
bescheidenen Anteil beisteuern. So wie beim Lotto, wo man ein
Los für wenig Geld kauft und damit Millionen gewinnen kann.
Aber wenn man kein Los kauft, kann man auch nichts
gewinnen. Mit G~ttes Hilfe haben wir "beim Lotto gewonnen":
die Rückkehr nach Zion und den Aufbau des Landes, die
Gründung eines eigenen Staates und eine eigene Armee, die
Rückkehr der Tora ins Land.

All dies gab es nicht umsonst, sondern kostete eine Menge
Selbstaufopferung vieler unterschiedlichster Juden: religiöse
und nichtreligiöse, Charedim und Zionisten, Neueinwanderer
und Siedler, Kämpfer und Landarbeiter. Kein kleiner Beitrag,
doch erhielten wir viel mehr zurück, als wir einsetzten. Wunder
über Wunder. Ein kleiner Ölkrug, der so sehr lange reichte.
Natürlich kann G~tt es auch so einrichten, daß die Flamme
ganz ohne Öl brennt, er aber entschied in seiner Weisheit, daß
wir durch unserer Hände Werk am Wunder beteiligt seien. So
steht auch im Schulchan Aruch, daß der göttliche Segen nur
über ein irdisches Gegenstück in die Welt kommt (Ta"s zu
O.C.§670,1). So geschah es auch in der Begebenheit mit dem
Propheten Elischa und der Witwe, die nichts im Hause hatte wie
ein kleines Fläschchen Öl zum Einreiben, aus dem sie dann
viele Gefäße füllte (Könige II, 4.Kap., 1-7).

Wie gesagt kann G~tt auch Wunder gänzlich ohne unsere
Beteiligung vollbringen und Dinge aus dem Nichts erschaffen,
doch ist es nun einmal sein Wille, daß auch die Wunder einen
natürlichen Bestandteil aufweisen, und "der kleine wird zu
Tausend".

So verhielt es sich in den letzten hundert Jahren. Wir setzen
uns mit Leib und Seele ein, und G~tt vollbringt uns Wunder. Es
besteht eine Verbindung zwischen dem Wunder und unserem
Selbsteinsatz, wie die Weisen sagten, daß der Regen in
direktem Zusammenhang mit unserer Opferbereitschaft steht,
auch, wie im genannten Fall, in Geldfragen (Brachot 20a). Auch
bei der Spaltung des Schilfmeeres geschah das Wunder erst
nach Offenbarung eigener Opferbereitschaft. Wenn ein Mensch
seine Natur überwindet und sich aufopfert - dann ändert G~tt
dessen Natur.

So funktioniert die "Partnerschaft" seit Beginn der Rückkehr
nach Zion. Von unserer Seite Taten und Aktionen nach bester
Kraft, und G~tt bringt eine alle Erwartungen übertreffende
Rettung. Wenn der Gaon von Wilna heute lebte und wir ihn
bitten könnten: Lehre uns die Lösung aller unserer Probleme,
mit den Arabern um uns herum wie mit den Arabern in unserer
Mitte, usw. usf., so würde er antworten: Ich habe keinen
exakten langfristigen Aktionsplan mit Ausblick auf jedes
einzelne Jahr vor meinem geistigen Auge, nur laßt euch dieses
Eine sagen: Fangt mit der Arbeit an; im Verlauf wird sich alles
weitere ergeben. Doch wenn ihr nichts tut, wird sich auch gar
nichts ergeben.

Dieses "Mach dich auf und geh los" ("Lech lecha.."; Gen. 12,1)
haben wir von unserem Vorvater Awraham gelernt. Damit
bestand er seine erste göttliche Prüfung. "...in das Land, das ich
dir zeigen werde" (ebda.) - ohne genau zu wissen, wohin, eine
Prüfung innerhalb der Prüfung.

Du investierst wenig - G~tt investiert viel. Das ist zwar ein
generelles Versprechen, aber kein Vertrag, der für jedes
Einzelgeschäft gilt. Worin bestünde denn die Selbstaufopferung,
wenn sich alles genau kalkulieren ließe?! Nicht immer geschieht
ein Wunder, nicht immer hat man mit allem Erfolg. Das Prinzip
"999" gilt nicht für jeden Einzelfall, aber im Großen und Ganzen
geht die Rechnung auf. Entsprechend dem Gang der Welt
wechseln sich Erfolg und Rückschlag ab, und trotzdem kommen
wir voran.

Wer sich den großen Überblick über unsere Geschichte
verschaffen will und dazu von Tag zu Tag und von Stunde zu
Stunde auf die Ereignisse schaut, kann wirklich durchdrehen:
den einen Moment Licht, den anderen Dunkel. Bei den Vier-Uhr-
Nachrichten guter Laune, bei den Fünf-Uhr-Nachrichten betrübt.
Man muß die Proportionen wahren, aus der richtigen
Perspektive sehen und den allgemeinen Überblick wahren: ein
Jahr, zehn Jahre, hundert Jahre. Wenn man alles einbezieht,
erkennt man das Prinzip "999" - wir Kleinen werden zu
Tausend. "Wäre unser Mund Gesanges voll wie das Meer..., so
würden wir nicht ausreichen, Dir zu danken.." (aus "Nischmat
kol chaj..", Morgengebet für Schabbat).

Leider verwechseln manche Leute Glauben mit
Oberflächlichkeit. Nach ihrer Ansicht wurden am 5. Ijar 5708,
dem Tag der Unabhängigkeitserklärung, alle Probleme des
Staates Israel auf einen Schlag, wie durch Wunder, gelöst, und
deswegen verzweifeln sie bei jedem Problem und schleppen
sich von einer Verzweiflung zur nächsten. Niemand jedoch hat
uns für die Erlösung Problemfreiheit garantiert oder einen
Rosengarten ohne Dornen versprochen. So ist das auf der
Welt, alles hat seinen Preis. Wenn du etwas Wertvolles kaufst,
weine nicht dem Geld nach. Wann darfst du weinen? Wenn
man dir die Sache wegnimmt. In der Schoa wurden sechs
Millionen von uns auf undenkbare Weisen ermordet, eine
schwere Frage. Doch seit dem Anbeginn der Erlösung wußten
wir, daß sie einen Preis hat. Für diesen Preis werden wir
tausendfach entlohnt werden, durch Wunder über Wunder,
kaum zu glauben. Unser eigenes Land; unser eigener Staat,
unsere eigene Armee. Unsere eigene Freiheit! Und die Tora
kehrt in unser Land zurück. Die endgültige Erlösung ist auf dem
Weg. Chasak we'nitchasek.
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
 
 
Kinder, Kinder...

Die Macht des Einzelnen
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

Chanukka bietet eine Vielfalt von spirituellen Inhalten. Wollen
wir uns diesmal mit einem erzieherischen Aspekt befassen.

Man unterscheidet normalerweise zwischen zwei
gesellschaftlichen Grundeinstellungen: die eine betont das
Individuum, die andere die Gemeinschaft.

Die Weltanschauung, die die Individualität hervorhebt, fördert
eher die Bildung von selbständigen Persönlichkeiten, frei in
ihrem Geiste, kreativ und intellektuell. Das ist ihre Sonnenseite;
doch wo viel Licht ist, gibt es auch Schatten: der Einzelne kann
eine enge egozentrische Einstellung entwickeln, sich ganz
seinem Selbst widmen und nur seinen Eigeninteressen folgen.

Demgegenüber betont die gesellschaftsbezogene
Weltanschauung die Gemeinschaft, sie lenkt den Einzelnen ab
von der Beschäftigung nur mit sich selbst und gibt ihm dadurch
die Möglichkeit, Verantwortung für die Gemeinschaft zu
entwickeln, seinen Beitrag zu leisten und sogar darüber hinaus
freiwillige Aufgaben zu übernehmen. Soweit das Positive.
Andererseits droht der Einzelne im Meer der Masse
unterzugehen und vermeidet jegliche Eigeninitiative, da er sich
nur als kleines Rädchen im Getriebe sieht, oder als Sandkorn in
einer ungeheuren Masse.

Matitjahu gibt die Antwort zu diesem soziologischen Dilemma.
Matitjahu zeigte, daß auch ein Einzelner die Welt verändern
kann, eine Revolution verursachen, Selbständigkeit und
Kreativität zeigen und der auf der Gemeinschaft lastenden
Lähmung entkommen kann. Doch die Kreativität des
Hohepriesters Matitjahu entsprang nicht der Notwendigkeit,
seinem Ego Ausdruck zu verleihen, sondern wollte der
Allgemeinheit und der Nation nützen, und beeinflußte so den
Lauf der Geschichte.

Von Matitjahu lernen wir die Macht des Einzelnen. Die
talmudischen Weisen schildern wieder und wieder den Wert des
Einzelnen, wie: "Warum wurde der Mensch einzeln erschaffen?
Damit er sage: 'Für mich wurde die Welt erschaffen'" (siehe
Sanhedrin 37a), oder "Das ganze Jahr über betrachte sich der
Mensch, als hätte er gleichviel verdienstliche wie schlechte
Taten zu verzeichnen; dasselbe gilt von der Welt. Sündigt der
Mensch nur eine Sünde, so hat er dadurch sich und die ganze
Welt nach der Seite der Verschuldung hin entschieden und hat
Verderbnis über sie gebracht. Durch die Erfüllung eines
Gebotes (Mitzwa) aber kann man sich und die ganze Welt nach
der Seite des Verdienstlichen hin entscheiden, und sich und der
ganzen Welt bringt man so Rettung und Hilfe, denn so heißt es:
'der Gerechte ist das Fundament der Welt'" (Sprüche 10,25;
Maimonides, "Mischne Tora", Gesetze von der Umkehr, 3.Kap.,
Hal.4). Diese beiden Zitate behandeln den potentiellen Wert des
Individuums, Matitjahu aber deckte einen zusätzlichen Aspekt
des Wertes des Einzelnen auf: Er zeigte vor aller Augen, wie
groß die tatsächliche Macht des Einzelnen ist, welche
gewaltigen Änderungen er im Ablauf der Weltgeschichte
verursachen kann. Es gibt zwar viele Beispiele von standhaften
Persönlichkeiten, die sich äußerlichem Druck nicht beugten und
ihre geistige Unabhängigkeit bewahrten, doch blieb ihr Werk
örtlich begrenzt. Matitjahu hingegen verkörperte die
Kombination von individueller Unabhängigkeit mit dem
Beitragen zum Gemeinwohl.

Wir müssen uns Matitjahu zum Vorbild nehmen. Er lehrt uns,
das Licht unseres Selbstwertes nicht unter den Scheffel zu
stellen und nicht in der Masse aufzugehen. Er fordert uns auf,
an unsere Fähigkeiten zu glauben und an die darin verborgenen
Kräfte; er ruft uns zur Eigeninitiative auf, und gleichzeitig mit der
jüdischen Gemeinschaft verbunden zu bleiben. Matitjahu lehrt
uns alle, nicht von vornherein die Hoffnung aufzugeben, die
Welt verändern zu können, weder auf der Ebene des
Spirituellen, noch auf nationaler Ebene.

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Haifa: 16.10/17.18