DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT TASRIA-MEZORA
Nr. 301
5. Ijar 5761

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Lev. 12,1-15,33)
Das Gebot der Beschneidung; Geburtsunreinheit und
Reinigungsopfer; Ausschläge, deren Bedeutung auf den
Reinheitsstatus des Befallenen, die Begutachtung durch den
Priester und die Behandlung; Reinigungsprozedur und
zugehörige Opfer; entsprechende Behandlung eines vom
Aussatz befallenen Kleides oder Hauses; entsprechende
Regelungen für Ausflußleidende und die Monatsblutung.
 
Am Schabbes-Tisch

Reinheit und Unreinheit

Rav Jakov Ari'el
Oberrabbiner von 
Ramat Gan

Die Toraabschnitte, die von den Geboten über die
spirituell/physische Reinheit und Unreinheit handeln (Tahara,
Tum'a), sind einerseits von weitreichender Bedeutung,
andererseits schwer zu verstehen, und das nicht nur im Hinblick
auf ihre gesetzlichen Definitionen, sondern auch bezüglich ihrer
Einzelheiten und Grundgedanken. Der begrenzte menschliche
Verstand tut sich schwer, die volle Bedeutung der abstrakten
Begriffe verschiedener Unreinheiten (Tum'a) zu erfassen, sie
erscheinen uns nicht genügend durchschaubar.

Rabbiner Sa'adja Gaon (lebte vor etwa 1100 Jahren) wies
darauf hin, daß der Begriff der Tum'a im allgemeinen mit dem
Tode zusammenhängt: Kadaver verunreinigen, ebenso versetzt
das Berühren einer Leiche den Betreffenden in den Zustand der
Tum'a. Der Aussatz besteht aus abgestorbenen Hautzellen. Ein
Aussätziger gilt als lebende Leiche, und Aharon erbat über die
mit Aussatz gestrafte Miriam: "Daß sie nicht gleich sei einer
Toten.." (Num. 12,12). Beim Ausfluß und der Monatsblutung
handelt es sich um potentielles Leben, das nicht zur
Befruchtung kam. Hier entsteht Tum'a; und die Reinigung
(Tahara) geschieht durch Rückführung zum Ursprung des
Lebens durch das Eintauchen in und den Kontakt mit
"lebendigem" Wasser, in eine Quelle oder ein Becken mit
Regenwasser, so wie es von selbst vom Himmel herunterkam,
ohne Hilfe einer Pumpe; himmlisches Wasser, unverfälscht von
menschlichem Einfluß.

Diese schöne Erklärung wird jedoch durch die
Geburtsunreinheit erschüttert, die gar nichts mit Tod zu tun hat,
sondern im Gegenteil, mit der Schaffung von neuem Leben; wie
entsteht hierbei also Tum'a? Rabbiner Samson Raphael Hirsch
erklärte diese Art der Tum'a als einen Ausdruck der
Distanzierung der Tora von einem übertriebenen körperlichen
Verhältnis, das sich als Folge der Schwangerschaft und des
Säugens zwischen Mutter und ihrem Kind zu entwickeln droht.
Dieses über einen längeren Zeitraum andauernde Verhältnis
verursacht zwangsläufig eine Abhängigkeit voneinander,
verbunden mit engem körperlichen Kontakt.

Diese Sache kann sich zu einem dominant körperbezogenen
Verhältnis im weiteren Lebensverlauf auswirken. Die Mutter
sieht in ihrem Kind nur eine Kreatur, die es mit Nahrung, Schutz
und der generellen Gewährleistung seiner physischen Existenz
zu versorgen gilt, und das Kind entwickelt eine extreme
Abhängigkeit von der Mutter und sieht ihre Aufgabe
ausschließlich darin, seine physische Existenz
aufrechtzuerhalten. Dabei kann die hauptsächliche Beziehung,
die seelische, spirituelle Beziehung leicht zu kurz kommen, und
schon dreht sich das ganze Leben nur um materielle Dinge,
wobei die geistigen Bestrebungen, die den Menschen
auszeichnen und seine Hauptlebensinhalte bieten sollten, zur
Seite gedrängt werden. Um den natürlichen Zustand
wiederherzustellen, muß ein Teil der physischen
Erscheinungen, die die Geburt zwangsläufig begleiten, unter
besondere Kontrolle genommen werden, was durch Erklärung
der Frau als Tme'a erfolgt, die das Heiligtum solange nicht
betreten darf, bis sie ihr Reinigungsopfer dargebracht hat.

Dieser Gedanke läßt sich auf die ehelichen Beziehungen im
allgemeinen ausdehnen. Das Verhältnis von Mann und Frau
zueinander sowie deren beider Verhältnis zu dem aus dieser
Beziehung geborenen Kinde kann auf zwei Weisen betrachtet
werden: Erstens - die körperliche, nutzenorientierte, egoistische
Betrachtungsweise. Jeder sucht seinen individuellen Genuß und
Nutzen und sieht in seinem Partner das Mittel zu diesem
Zwecke. Auch das Kind, das so einem Arrangement entspringt,
kann leicht bloß als nützliches Vehikel für Familie und
Gesellschaft aufgefaßt werden. Wenn das Kind aber eher als
Belastung für die Familie angesehen wird und nicht als
Nutzbringer, dann ist es eben überflüssig, und jedes Mittel ist
recht, diesen Stolperstein aus dem Wege zu räumen: sei es
durch Empfängnisverhütung, sei es durch Abtötung des
Embryos vor der Geburt. Dieses Leben wird also vor allem
durch Gesichtspunkte von Nützlichkeit, Genuß und Befriedigung
körperlicher Bedürfnisse bestimmt, durch individuelle
Egozentrik.

Die zweite Betrachtungsweise ist eine wertebezogene,
spirituelle und altruistische. Die Vollkommenheit der Familie
besteht in dem gemeinschaftlichen Leben von Vater, Mutter und
Kindern. Jeder ist ums Wohl der anderen bemüht. Der Wille der
Väterlichkeit und das Streben der Mütterlichkeit, die dem
normalen Menschen so natürlich sind, entstammen dem Willen,
dem Nächsten zu geben, ihm Gutes zu tun und sich für ihn
einzusetzen. Das Erbarmen der Mutter und die Barmherzigkeit
des Vaters können nur bei ihren Kindern Ausdruck finden. In
jedem Kind offenbart sich die Partnerschaft von seinem Vater
und seiner Mutter. Je mehr Aspekte diese Partnerschaft
aufweist, je facettenreicher sie erscheint, desto tiefer reicht sie
und desto eher gelangt sie zu ihrer Vervollkommnung. Jedes
Kind bedeutet Licht im Hause, einen weiteren Aspekt des
Ebenbild G~ttes; dessen Größe wird umso deutlicher, je stärker
sich seine Erscheinungsformen mehren. Die Familie steht im
Mittelpunkt des Lebens. Der Mensch ist kein Privatwesen,
sondern seinem innersten Wesen nach ein Glied des
Familienkörpers. Die erstgenannte Betrachtungsweise, die
materialistische, ist kleinlich und nieder. Das Leben äußert sich
in ihr nur in minderer und beschränkter Weise; kümmerliches
Leben in egozentrischer Nützlichkeit, mittelmäßigem und
kleinkariertem Streben. Der inhärente Tod lugt aus den Rissen
dieses Lebens. Noch bevor das Kind zur Welt kommt, begleitet
ihn schon sein Tod, der Tod seiner Persönlichkeit, der Tod
seiner Eignungen, der Tod seiner Bestrebungen, der Tod seiner
Fähigkeiten. Die zweite Betrachtungsweise hingegen orientiert
sich an Idealen und Größe. Ihr Leben zeigt sich in seiner vollen
Macht, in seinen großen und intensiven Bestrebungen, in der
Entfaltung seiner Persönlichkeit in allen Fähigkeiten und
Möglichkeiten. Die erste Ansicht - unrein (tameh), die zweite -
rein (tahor).

Nun besteht unser Leben allerdings aus einer Mischung
verschiedenster Einflüsse. Es nimmt nicht nur eine der
genannten Formen an, sondern beide wirken in ihm zur selben
Zeit, nur manchmal überwiegt die eine oder die andere. Um die
positive Seite zu stärken und die negative abzuschwächen,
bestimmte die Tora in ihrer Weisheit die Regelungen von Tum'a
und Tahara. Die Tum'a bleibt immer nur äußerlich. Sie hat
keinen dauernden Bestand und bezieht sich niemals auf das
innere Wesen. Sie läßt sich beseitigen. Sie entsteht durch eine
bestimmte Ursache, und wird durch eine entgegengesetzte
Ursache wieder entfernt. Die Tahara gehört hingegen zum
Wesen - "die Seele, die Du in mich gegeben, rein ist sie. Du
hast sie geschaffen, Du hast sie gebildet" (Morgengebet).

Interessanterweise ist gerade die Periode der Unreinheit der
Frau zur Reinigung der Beziehungen mit ihrem Mann bestimmt.
Gerade in diesem Zeitraum ist die Liebe zwischen ihnen rein
und ideell, ohne persönliches, körperliches Interesse.

Wir lernen daraus, daß die Begriffe von Tum'a und Tahara,
jedenfalls, soweit sie die Beziehung von Mann und Frau
angehen, keine absoluten Begriffe darstellen, sondern relative
Begriffe. Die Tum'a ist nur eine zeitweilige Erscheinung, die
nicht zu unserem Wesen paßt. Wir sollten eigentlich ein ideales,
vollkommenes Leben leben, ohne Makel und ohne Sünden.
"..und lebe auf ewig!" (Gen. 3,22) - ohne Tod: ohne endgültigen
Tod und ohne teilweises Absterben, ohne Tod des Körpers und
ohne Tod des Geistes, sondern wie jene reinen Gewässer, die
ununterbrochen hervorsprudeln: Wasser des Lebens, das jede
Tum'a reinigt. Sozusagen mit unseren eigenen Füßen machten
wir unsere reine Quelle schmuddelig und trübten die Klarheit
ihres Wassers. Doch auch eine verschlammte Quelle kann
wieder zu ihrer Reinheit zurückkehren, wenn die
Verunreinigungen sich setzen. Entsprechendes gilt für den
einzelnen Menschen wie auch das ganze Volk.

Nicht umsonst benutzte der Prophet Jecheskel den Vergleich
mit der Tum'a bei seiner Beschreibung des Volkes Israel:
"Menschensohn, das Haus Israel, da sie auf ihrem Boden
wohnten, verunreinigten sie ihn durch ihren Wandel und ihre
Handlungen, wie die Unreinheit einer Abgesonderten war ihr
Wandel vor mir" (36,17). Diese Unreinheit besteht nicht inhärent
im jüdischen Wesen, sondern entsteht je nach Sachlage. Sie
besteht nur äußerlich, zeitlich begrenzt und macht am Ende
wieder dem Zustand der Reinheit platz. Darum hat sie keinen
dauerhaften Status, denn sie kann sich ändern, entweder, weil
sie selbst zeitlich beschränkt ist, oder durch menschliche
Reinigungsmaßnahmen. Das Gleiche gilt für das ganze Volk.

"Und werde auf euch sprengen reines Wasser, und ihr werdet
rein sein von allen euren Unreinheiten, und von all euren
Scheusalen werde ich euch reinigen" (36,25).
 
 
Frage und Antwort

Den wollen wir nicht reinlassen

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Wie bekämpft man seine Triebe?

Antwort: Das ist eine ganze Wissenschaft für sich. Den ersten
Ratschlag in dieser Hinsicht erteilte schon der Herr der Welt
dem ersten Menschen, Adam, daß der Kampf gegen den bösen
Trieb ein Kampf ums Ganze ist. Der Schlange wurde gesagt:
"..er wird dir den Kopf zermalmen, und du wirst ihn in die Ferse
stechen" (Gen. 3,15). Wenn sich die Schlange - der böse Trieb
- schon um die Ferse des Menschen ringelt, dann ist es fast um
ihn geschehen. Die Hoffnung des Menschen besteht nur darin,
der Schlange den Kopf zu zermalmen.

Das läßt sich nur bewerkstelligen, wenn man sofort an etwas
anderes denkt, sobald sich triebhafte Gedanken einstellen (der
"hohe Rabbi Löw" aus Prag; Rabbiner Chajim Vital).

In diesem Zusammenhang muß man zwischen Gedanken
unterscheiden, die zu einem Vergehen führen können und die
aus den inneren Kämmerlein der Persönlichkeit aufsteigen, aus
der tierischen Seele, vom bösen Trieb, aus dem
Unterbewußtsein - und den triebhaften Gedanken, die der
Mensch aus freien Stücken in seinen Gehirnkasten hineinläßt,
was als vollwertige Sünde gilt. Für die Gedanken, die sich aus
seinem Unterbewußtsein bei ihm einschleichen, kann er nichts.
Diese wiegen nicht schwer, wie Rabbiner Schne'ur Salman aus
Liadi, Autor des chassidischen Fundamentalwerkes "Sefer
HaTania" bei der Beschreibung des Durchschnittsmenschen
erklärte. Wenn einen diese Gedanken ununterbrochen
heimsuchen, muß man sie sofort verdrängen, man muß zu sich
selbst "Nein!" sagen und gleich an etwas anderes denken.

Das ist die beste Methode, sich vor dem bösen Trieb in
Sicherheit zu bringen. Man muß die Aufmerksamkeit von allen
möglichen Gedanken ablenken, die einen zu schlechten Taten
gegen Mitmenschen oder G~tt verleiten wollen, oder gegen
seine Frau, wie Eifersucht, Nachtragen, Haß und Wut. Und man
muß auch jede Gier sofort zurückweisen.

Das ist relativ leicht zu bewerkstelligen, denn noch hat der Trieb
"keinen Fuß gefaßt", sich noch nicht um die Ferse geringelt.
Jeder Mensch ist der Hausherr über seine Gedanken, und was
er will, das tut er, was er will, das redet er, und was er will, das
denkt er. Außer, wenn er g~ttbehüte an einer Krankheit mit
psychopathologischen Zuständen leidet.

Über die Gedanken, die pausenlos im Menschen aufsteigen, ist
er nicht der Hausherr, doch entscheidet er allerdings über sein
Vorgehen in dem Moment, wenn er sich der sündhaften
Gedanken bewußt wird - dann wendet er sich nämlich sofort
etwas anderem zu.

Wenn der Feind erst an die Tür klopft - mach sie ihm nicht auf,
laß ihn nicht herein. Im Gegenteil, verschließe die Tür fest und
schieb noch ein Gitter davor. Ist der Feind ersteinmal in die
Wohnung eingedrungen, dann braucht man schon eine
spezielle Antiterroreinheit.

Den bösen Trieb muß man auf der Stelle abweisen.

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
 

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