DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT NASSO
Nr. 306
11. Sivan 5761

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Num. 4,21-7,89)
Weitere Aufgabenverteilung für den Stiftszelttransport; Prozedur
für Ehebruchsverdächtigte; Enthaltungsgelübde und deren
Opfervorschriften; die Gaben der Stammesfürsten zur
Einweihung des Wüstenheiligtums (Stiftszelt).
 
Am Schabbes-Tisch...

Der Segen

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Vor einigen Tagen kam ein Schüler zu mir mit der Bitte, ihn zu
segnen. Ehrlich gesagt machte mich das etwas verlegen.
Weder bin ich ein großer chassidischer "Rebbe" noch ein in den
Geheimnissen der Kabbala besonders bewanderter Rabbiner.
Doch der Junge blieb hartnäckig: "Ich kann mir nicht selber
helfen; bitte segnen Sie mich". Immerhin konnte ich mich auf die
talmudischen Weisen berufen: "Der Segen eines einfachen
Menschen sei keine kleine Sache in deinen Augen" (Brachot
7a). Er wiederholte: "Ich kann mir nicht selber helfen. Vielleicht
wird Ihr Segen helfen". Ich drückte seine Hand und sprach den
Priestersegen: "Es segne dich der Ewige und behüte dich; Der
Ewige lasse dir leuchten sein Antlitz und sei dir gnädig; Der
Ewige wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden!" (Num.
6,24-26). Doch der Junge ließ nicht locker: "Wird dieser Segen
mir wirklich helfen?"

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns den Inhalt des
Priestersegens einmal genauer vornehmen: Was bedeutet
eigentlich "Es segne dich der Ewige"? Rabbiner Naftali Z.J.
Berlin, Vorsteher der Woloschiner Jeschiwa vor etwa 120
Jahren, zitierte dazu den Gründer der Jeschiwa, Rabbi Chajim,
daß "Segen" eine "Zugabe" bedeute. Erst einmal hilfst du dir
selber, und dann fügt G~tt dem hinzu und segnet deiner Hände
Werk. Auch ist es sicher kein Zufall, daß die Wurzelbuchstaben
des Wortes "Segen" (Bracha) bet, resch und chav ihrem
Zahlenwert nach 2, 200 und 20 bedeuten, zusammen 222, eine
deutliche Betonung der Zahl Zwei. Die 1 ist die menschliche
Tat, dazu gibt G~tt seine 1, zusammen 2. Ebenso "und behüte"
- behüten kann man nur etwas schon Vorhandenes. Nachdem
du durch eigene Mühe etwas erworben hast, kommt der
göttliche Schutz, darüber zu wachen.

Ich machte diesem Jungen also klar, daß er keine Wahl habe.
Er müsse sich selber bemühen, und dann könne er um
himmlische Hilfe für das Ergebnis bitten. Doch er blieb fest auf
seinem Standpunkt. "Ich kann mir nicht selber helfen".
Daraufhin sagte ich ihm: Dann segne ich dich hiermit, daß G~tt
dir die Kraft gebe, dir selber zu helfen, und danach kann dir der
göttliche Segen weiterhelfen.

Nach einigem Nachdenken war ich mir nicht mehr so sicher, ob
ich die richtige Antwort gegeben hatte. Sicher war es richtig, ihn
von seinem lähmenden Gefühl der Machtlosigkeit zu befreien,
doch die Fortsetzung des Priestersegens deutet in eine andere
Richtung: "Der Ewige lasse dir leuchten sein Antlitz und sei dir
gnädig" - die Gnade deutet auf ein Geschenk hin für jemanden,
der dessen eigentlich nicht würdig ist und nichts dafür getan hat.
Manchmal befindet sich der Mensch in einer Situation, in der er
sich nicht selber helfen und nur auf göttliches Eingreifen ohne
eigenes Zutun hoffen kann. Dieser Zustand hat viel für sich, weil
er dem Menschen bewußtmacht, daß er nicht allmächtig ist und
sein Schicksal letztendlich in G~ttes Händen liegt. Das
"Leuchten des göttlichen Antlitzes" weist auf die offenbare,
unverhüllte göttliche Vorsehung. Diese Vorsehung zeigt sich
meist dann, wenn der Mensch nicht mehr weiter weiß, und in
dieser Situation kann er erkennen, daß die göttliche Vorsehung
ihm auch dann Segen und Schutz gewährt, wenn er glaubt,
ganz aus eigener Kraft zu handeln und alles nur von ihm
abhänge. -

Vielleicht hat dieses Gespräch gar nicht stattgefunden und sollte
nur als Gleichnis dienen - für das jüdische Volk und den Staat
Israel in diesen Tagen des "Oslokrieges". In diesem Falle bleibt
uns nur übrig, mit dem letzten Teil des Segens zu schließen:
"Der Ewige wende sein Antlitz dir zu und gebe dir Frieden!"
 
Frage und Antwort

Drei Dinge

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Angesichts der schwierigen Situation von fast täglichen
Terroranschlägen, G~tt behüte, sollte man doch eigentlich sein
Heil im Gebet zu G~tt suchen, auf daß er uns von dieser Pein
befreie?!

Antwort: Natürlich muß man beten, und genau das tun wir ja
auch die ganze Zeit, beim Morgen-, Mittags- und Abendgebet.
Vielleicht mag jemand einwenden, daß sich unsere Gebete nicht
auf die aktuelle Lage beziehen? Aber selbstverständlich
beziehen sie sich auch auf die aktuelle Lage, denn das Gebet
beinhaltet "alle Bedürfnisse des Menschen" (Maimonides,
Mischne Tora, Gesetze des Gebetes 2,1). Wir beten in der
Schmone-Esre: "Schaue an unser Elend, und streite unsern
Streit, und erlöse uns bald um Deines Namens willen; denn ein
starker Erlöser bist Du; gesegnet seist Du, G~tt, Erlöser
Israels". Entsprechende Bitten finden sich in den
Segenssprüchen vor dem Schma-Gebet und in den "Versen des
Lobgesanges" (Psukej desimra). Wir müssen uns allerdings
auch auf den Sinn der Worte konzentrieren. Es ist überdies
erlaubt, in jedem Segensspruch passend zu dessen Thema
private Bitten einzufügen: "Wenn er in einem der mittleren
Segenssprüche passend zum Thema hinzufügen möchte, so
füge er hinzu. Auf welche Weise? Für seinen Kranken - erbittet
er Gnade im Segensspruch von der Heilung der Kranken.
Benötigt er Lebensunterhalt, bittet er darum im Segensspruch
der Jahre" (Schulchan Aruch, O.C. §119,1), wobei es noch viele
Einzelheiten zu beachten gilt (siehe Kommentatoren zur Stelle).

Doch das ist gar nicht das Problem. Gottseidank beten wir, wir
beteten auch schon vorher und wir werden auch in Zukunft
beten, sowohl in den Synagogen als auch an der
West("Klage")mauer, sowohl die regulären Gebete als auch
besondere zu speziell dazu einberufenen
Gebetsversammlungen. Doch das alles reicht nicht aus. Unser
Vorvater Jakov "bereitete sich [für seine Begegnung mit Eßaw]
auf drei Dinge vor: Geschenk, Gebet und Kampf"
(Raschikommentar zu Gen. 32,9). Nicht genug mit
"Geschenken", nicht genug mit Gebeten - unseren Todfeinden
müssen wir auch kämpfend begegnen.

Zuerst: Geschenke. Man sollte G~tt nicht mit Bittgebeten
belästigen, wenn sich das Problem mit Geschenken beseitigen
läßt. Unser Vorvater Jakov verzichtete auf sein Vermögen
zugunsten von Eßaw, um Spannungen zu vermeiden. Auch wir
gaben den Arabern unglaublich große Geschenke, die wir nach
den Gesetzen der Tora, der Ethik und der nationalen
Verantwortung überhaupt nicht hätten machen dürfen.
Furchtbare Verbrechen an der Nation! Sie erhielten und
erhielten und fordern noch dazu.

Jetzt müssen wir uns durch Kampf verteidigen. Im Exil (Galut)
hatten wir keine Wahl. Die Nichtjuden veranstalteten Pogrome.
Was konnten wir schon unternehmen? Wir gaben Geschenke
und beteten. Die großen Fürsprecher, wie z.B. Rabbi Jossel aus
Rosheim, zogen durch die Gemeinden, sammelten Gelder und
traten vor den Königen auf, während draußen die Juden für den
Erfolg der Mission beteten; kämpfen aber konnten wir nicht.

Doch jetzt befinden wir uns im Lande Israel, und wenn Feinde
daherkommen, um uns zu töten, dann müssen wir sie schlagen
bis sie aufgeben. Beten alleine reicht nicht. Der Heilige gelobt
sei er gab uns eine Armee und Waffen - damit wir sie benutzen.

Es gab einmal Jeschiweschüler, die im Speisesaal saßen,
weinten und flehten: Wir sind hungrig, wir sind hungrig. Da
sagte ihnen der Vorsteher: Ich verstehe euch nicht - ihr habt
volle Teller vor euch, mitsamt Eßbesteck..? Darauf antworteten
die Schüler: Sie verstehen nicht - das Essen auf dem Teller
vertreibt doch nicht unseren Hunger. Dafür muß sich das Essen
doch im Munde befinden! - Unglaublich! Sie können das Essen
nicht nehmen und in den Mund stecken! Ein Säugling hat
wirklich keine andere Möglichkeit. So war es beim Auszug aus
Ägypten, G~tt säugte das Baby-Volk Wunder, direkt aus der
Hand in den Mund.

Doch heute haben wir Waffen; wollen wir etwa, daß G~tt uns
Engel schicke, die den Soldaten die Waffen wegnehmen und
selber auf den Feind schießen?!

Ein anderes Beispiel: Ein Wohnhaus brennt, die Feuerwehrleute
spannen unter dem Fenster eines Bewohners das Sprungtuch
auf und rufen ihm zu: Spring! Nein, sagt dieser gelassen, mit
G~ttes Hilfe wird alles gut ausgehen.

Das Feuer breitet sich aus, und die Helfer können sich schon
nicht mehr nähern. Man bringt einen Leiterwagen und schiebt
die Leiter in sein Fenster."Komm runter!". Er antwortet: Nein, ich
bete zu G~tt, Er wird mir helfen.

Das ganze Haus steht nun in Flammen, und der Mann steigt
aufs Dach. Die Armee schickt ihm einen Hubschrauber mit
Rettungskäfig, man ruft ihm zu: Steig ein! Doch er antwortet:
Mein ganzes Leben lang habe ich G~tt unter Selbstaufopferung
gedient, ich glaube an G~tt, ich habe Vertrauen auf G~tt, "Wer
im Schutze des Höchsten sitzet, der ruhet im Schatten des
Allmächtigen" (Psalm 91,1), wenn Gefahr droht, muß man
beten.

Am Ende kommt er in den Flammen um und gelangt in die
höhere Welt. Dort spricht er zum Herrn der Welt: Ich habe eine
Beschwerde vorzubringen! Mein ganzes Leben diente ich dir mit
ganzer Kraft, du aber hast mich verlassen und meine Gebete
nicht erhört.

Da antwortete ihm der Herr der Welt: Und wer, glaubst du, hat
dir die Feuerwehr und den Hubschrauber geschickt?!

So haben wir zu G~tt gebetet, und er schickte uns einen Staat
und eine Armee - und wir benutzen sie nicht. Am Ende des
Talmudtraktates Sota werden in der Mischna eine ganze Reihe
Leiden erwähnt, und am Schluß steht: "Und auf wen können wir
uns stützen? Auf unseren Vater im Himmel" (49b). Der vor
wenigen Jahren verstorbene frühere israelische Oberrabbiner
Schlomo Goren gab dazu einmal folgende Deutung ab: "Das ist
das größte Leiden! Anstatt die Probleme anzupacken, sitzen wir
tatenlos da und jammern: 'Wir müssen uns auf unseren Vater
im Himmel stützen'...".

Wir gaben Geschenke auf unbeschreiblich verächtliche und
kriminelle Weise. - Wir beteten, und wir werden weiter beten.
Doch um das Problem zu lösen, muß man mit Nachdruck
vorgehen. Laßt uns Mut fassen, und wir werden zu unserer
Stärke finden, damit unser Staat, unsere Regierung und unsere
Armee ihr Arsenal nutzen.

G~ttseidank haben wir Fortschritte gemacht. Die niederen
Ränge drücken sich schon nicht mehr vor Verantwortung, nach
dem Motto "ohne ausdrücklichen Befehl tue ich gar nichts". Der
neue Befehl lautet, nach bester Einschätzung unverzüglich
einzugreifen, und nicht erst die Genehmigung durch den
Regierungschef, Verteidigungsminister oder Generalstabschef
abzuwarten. So ist das nämlich normal, man vertraut dem
Offizier vor Ort, und hinterher gibt man ihm Rückendeckung.

Wir werden weiter beten, und Tatkraft und Heldenmut stärken.
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
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