DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT NOACH
Nr. 276
6. Marcheschwan 5761
AUF DEUTSCH:
Was
ist TOLERANZ wirklich?
Über
die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das
Gebot der Einwanderung nach Israel
Der
Holocaust
DAS
VOLK ISRAEL
Politik
und Judentum
Die
Tora und der Mensch
oder
"Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die
Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion
"2000"-
Israel und das Christentum
- Briefe der Oberrabbiner
Israels
- Israelfreundliche
Christen?
Wie
man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Die
Sudeten von Palästina
Der
Kampf um Israel
"Jerusalem
Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals
jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim
AUF HEBRÄISCH:
"Schall
und Ru'ach"
Kurze Vorträge von
Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten
Themen,
zum Zuhören
online;
desgleichen auf Französich
Diese Woche in
der Tora (Gen. 6,9-11,32):
Sittenverfall, Bau
der Arche, Sintflut 150 Tage, Neubesiedlung
der Erde, noachidische
Gebote, Noach betrunken, Sünde
Chams, Nachkommen
Schem, Cham und Jafets, Turmbau zu
Babel, Sprachenverwirrung,
die Generationen bis Awra(ha)m
und Sara(i).
| Am
Schabbes-Tisch
Keine Sintflut mehr Rav Jakov Halevi Filber |
In unserer Lebenswirklichkeit gibt es sowohl gut als auch böse,
und unser Ziel ist natürlich die Räumung des Bösen aus
der
Welt, die dann im Ganzen gut verbleibt. Auf zwei verschiedenen
Wegen kann das Böse aus der Welt geschafft werden; zum
einen, ohne die bestehende Realität anzukratzen oder gar zu
zerstören, sondern sie zu hüten und zu versuchen, langsam
aber sicher das Böse in Gutes umzuwandeln. Der zweite Weg
besteht in der Vernichtung und Auslöschung des Bösen in der
Welt, um auf den Trümmern eine neue, gute, positive Welt zu
erbauen.
Während der zehn Generationen von Adam bis Noach
erkennen wir eine göttliche Oberlenkung, die sich beider
Methoden bedient. Obwohl Adam, der erste Mensch, gewarnt
wurde: "..am Tage, da du davon issest, stirbst du des Todes"
(Gen. 2,17), sündigte er und aß vom Baume der Weisheit -
und
wurde aus dem Garten Eden vertrieben, das Leben aber wurde
ihm belassen. Ebenso Kain; nachdem er Hewel ("Abel") getötet
hatte, wurde über ihn nicht die Todesstrafe verhängt, sondern
Exil: "unstet und flüchtig seiest du auf Erden" (Gen. 4,12). Trotz
ihrer Sünde und des geschehenen Übels gab ihnen die göttliche
Vorsehung eine weitere Gelegenheit, sich des Bösen
anzunehmen und es in Gutes zu verwandeln.
Über die Generation der Sintflut heißt es jedoch: "Als nun
der
Ewige sah, daß die Bosheit der Menschen groß war auf Erden,
und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur immer auf
das Böse ging.." (Gen. 6,5), ihnen gegenüber gebraucht die
Vorsehung Worte des Bedauerns: "Und es gereute den Ewigen,
daß er den Menschen auf Erden gemacht, und er betrübte sich
in seinem Herzen. Und der Ewige sprach: Ich will den
Menschen, den ich geschaffen, austilgen, hinweg von der
Fläche des Erdbodens... denn mich gereut es, daß ich sie
gemacht" (Gen. 6,6-7).
Einerseits bedient sich die göttliche Oberlenkung einer
kalkulierten Milde und löscht das Böse nicht aus, sondern
gibt
ihm die Chance zur Besserung, wie Kain gesagt wird: "Fürwahr,
wenn du recht handelst, kannst du es emporheben" (Gen. 4,7).
Gleichzeitig operiert sie gegen das Böse aber auch mit der
vollen Strenge des Gesetzes, bereut die Schaffung des
Menschen und will ihn vom Angesicht der Erde hinwegfegen -
wie läßt sich diese Doppelstrategie der göttlichen
Vorsehung
erklären?
Dazu müssen wir die Geschichte der Menschheit vom ersten
Menschen an bis hin zur Übergabe der Tora am Berge Sinai als
eine Periode der Suche nach dem rechten Wege sehen. Sowohl
die zentralen Einzelpersonen als auch die Gesellschaft in ihrer
Gesamtheit versuchten, Verhaltensregeln zu erarbeiten, die der
Prüfung der Geschichte letztendlich nicht standhielten und
schließlich versagten. Doch diese Rückschläge waren
nicht
umsonst, bieten sie doch wertvolle Lehren für die zukünftigen
Generationen, nach dem Motto: "Niemand erfaßt [den Sinn] der
Worte der Tora, ohne an ihnen gestrauchelt zu sein" (Gittin
43a). Dieses 'Erfassen' erlernt sich nicht nur aus dem
'Straucheln' des Menschen, sondern auch aus der Reaktion der
göttlichen Oberlenkung, auch daraus können wir Lehren für
zukünftige Generationen ziehen. Die Lehre besteht darin, daß
der Herr über alle Taten auch ein Vater der Barmherzigkeit ist,
dem es um jedes seiner Geschöpfe, selbst das Allerniederste,
schade ist, und keine Facette der Schöpfung verlöschen lassen
will.
Demnach sollte der Mensch, wenn möglich, zuerst den Weg der
geduldigen, barmherzigen Arbeit der Verbesserung wählen und
keine schnellen Ergebnisse erwarten, und nicht den Weg der
totalen Vernichtung des real existierenden Bösen auf der Welt.
So gehen die zur Zeit negativen Kräfte nicht verloren, und nach
angemessener Behandlung werden sie am Ende einen
positiven Beitrag leisten. So sollte man immer verfahren, und
nur wo es keinen anderen Ausweg gibt, wo das Böse so
verdorben ist, daß es keine Hoffnung auf Besserung mehr gibt,
gehe man nach der Methode "zerstöre, verbrenne und
vernichte" vor, wie bei der Sintflut, als alles Leben ausgelöscht
wurde. Doch dies war ein einmaliges Ereignis in der Geschichte
der Menschheit, und G~tt versprach, nie wieder eine solche
Sintflut über die Welt zu bringen. Eine weitere Lehre aus der
Sintflut besteht darin, daß sie zwar der Strenge des Gesetzes
entsprach, doch wenig für die positive Entwicklung der Welt
nutzte, denn der Aufbau einer guten, neuen Welt auf den
Trümmern der alten mißlang. Noach, die Hoffnung der sich
erneuernden Menschheit, hielt der Prüfung nicht stand - nicht
nur, daß er sich nicht über menschliche Schwächen erhob,
um
ein Musterbeispiel für den "neuen Menschen" abzugeben,
sondern er wälzte sich noch von Wein betrunken und
unbekleidet in seinem Zelte umher. Wir schließen also, daß
die
Verbesserung der Welt nicht durch Maßnahmen der
Vernichtung böser Realität erfolgt, sondern gerade durch
positive Aktivitäten, in Toleranz und Mäßigkeit, die
am Ende das
Böse in Gutes verwandeln.
| Frage
und Antwort
Emotionale Intelligenz Rav Schlomo Aviner
|
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Frage: Eine neues Schlagwort erfüllt den Äther der
Welt, und
auch Antennen in unserem heiligen Lande haben es bereits
aufgefangen: die "emotionale Intelligenz". Handelt es sich um
eine positive oder um eine negative Erscheinung?
Antwort: Eine großartige Sache! Wir waren schon immer dafür,
wenn auch mit anderen Worten: "gute Eigenschaften".
Intelligenz ist nicht alles. Es genügt nicht, mit brilliantem
Verstande und mit gewaltigen intellektuellen Erfolgen zu
glänzen. Sowohl für den Umgang mit anderen Menschen als
auch im Verhältnis zu sich selbst braucht man auch gute
Charaktereigenschaften. Man muß sich zurückhalten können.
Man darf sich nicht von seinen Trieben beherrschen lassen,
sondern muß über seine Triebe und Gefühle herrschen.
Emotionale Intelligenz, der "Emotionsquotient" EQ, ist eine sehr
gute Sache. Warum sind wir nicht schon vorher darauf
gekommen? Wir sind schon vorher darauf gekommen! Wir
haben hunderte von Büchern darüber, z.B. "Messilat Jescharim"
("Der Weg der Frommen", Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto),
das noch weit über jeden EQ hinausreicht. Worin liegt der
Unterschied? Was ist der Ausgangspunkt für die emotionale
Intelligenz, für das intelligente Regeln der Gefühle, oder
in
unserer Sprache: der "Held, der seine Triebe bezwingt"
(Mischna "Sprüche der Väter" §4,1)? Die Antwort lautet:
Alles,
was gut für mich ist, damit ich mich gut fühle, damit ich
ausgeglichen bin, für gute Beziehungen zu meinen Freunden,
für gesellschaftlichen Erfolg. Nach "Messilat Jescharim"
liegt der
Beweggrund im Willen, G~tt zu dienen. Das ist natürlich ein viel
erhabener Ausgangspunkt.
Doch auch ein Anreiz durch weniger erhabene Motive mindert
nichts vom Werte der E.I., nur daß es eben noch höhere Stufen
gibt. Man sollte auch nicht verachten, wie das amerikanische
Volk, das so durch und durch materialistisch eingestellt ist, so
erfolgsorientiert, so praktisch und pragmatisch, den Nährboden
für eine Theorie stellte, nach der technische Errungenschaften,
Verstand und Geld nicht alles sind, sondern auch ein Bedarf an
guten Eigenschaften besteht. Zwar geht man von einer
Grundeinstellung der Suche nach dem Glück aus, nach
Ausgeglichenheit und gesellschaftlichem Erfolg; na und? Auch
der "Dienst an G~tt nicht um seiner selbst willen" hat einen
Wert. Die Formulierung erfolgt in einem anderm Stil als der, den
wir von der Tora her gewöhnt sind. Statt zu sagen, der Mensch
müsse seine Triebe bezwingen, heißt es: man muß seine
Gefühle regeln. Statt "guter Eigenschaften": "emotionale
Intelligenz". Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides")
nannte den ersten Teil seines 14teiligen Gesetzeswerkes
"De'ot", Weisheiten, d.h. man versteht von alleine, daß
man
sich so verhalten sollte; man regelt seine Gefühle auf
intelligente Weise.
G~ttseidank verbreitet sich diese Methode auch hierzulande.
Form und Stil sprechen Leute an, die ihre Ohren sonst nicht
Worten neigen wie: es ist deine Pflicht, deine Eigenschaften zu
bessern und G~tt zu dienen. Es fehlt ihnen zwar der erhabene
Beweggrund, doch auch der niedere Beweggrund ist schon
ganz ausgezeichnet.
Ein großer Toragelehrter, Rabbiner Mendel aus Satnow,
verfaßte ein Buch über die Arbeit an den
Charaktereigenschaften mit dem Titel "Cheschbon Hanefesch"
(etwa: Abrechnung mit sich selbst), das von den großen
Rabbinern Litauens, z.B. von Rabbiner Israel Salanter und
Rabbiner Jizchak Malzahn besonders gepriesen wurde. Dort
wird eine Methode zur Verbesserung der
Charaktereigenschaften verzeichnet, die von keinem anderen
als Benjamin Franklin stammt, dem bekannten amerikanischen
Erfinder, Schriftsteller und Politiker. Der war aber doch
Nichtjude?! Na und? Seine Methode war richtig! Rabbi Mendel
aus Satnow nahm sich dieser Methode an, "konvertierte" sie
zum Judentum und stellte sie auf ein erhabeneres Fundament.
Rabbi Israel Salanter selbst schrieb in seinem Buch "Or Israel",
daß die notwendigen Hilfsmethoden auf dem Gebiete der Ethik
zu den Weisheiten der Nichtjuden gehören, derer wir uns
bedienen dürfen.
Vor etwa 60 Jahren schrieb ein Amerikaner namens Dale
Carnegie ein Buch darüber, wie man Freunde und Einfluß
gewinnt. Die Schüler von Rabbiner Elijahu Dessler, Autor des
"Michtav me'Elijahu", fragten ihn, wie es komme, das sein Werk
so auffallende Ähnlichkeiten mit dem Buch von Carnegie
aufweise? Er gab zur Antwort, daß hier keine "Ähnlichkeit"
bestünde, sondern er vielmehr einige Gedanken direkt von dort
entnommen habe. Natürlich hatte auch er diese Ideen dem
Judentum angepaßt und das Siegel des Heiligen aufgeprägt.
Auch Rabbiner Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner
Israels) erwähnte, daß man sich der neuen Erkenntnisse der
Nichtjuden auf dem Gebiet der Psychologie bedienen dürfe,
nachdem man sie mit einer neuen Seele versehen hat ("Orot
Hakodesch" III, S.234).
Möge es uns gelingen, emotionale Intelligenz und gute
Eigenschaften zu mehren und zu einer höheren Stufe von
Heiligkeit zu gelangen, um unserem G~tt zu dienen.
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
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