DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT LECH LECHA
Nr. 277
13. Marcheschwan 5761

AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Die Sudeten von Palästina
Der Kampf um Israel

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Gen. 12,1-17,27):
Awra(ha)ms Umzug nach Kana'an, göttliches Versprechen,
seinen Nachkommen das Land zu geben, ägyptisches
Intermezzo, Trennung von Lot, dessen Rettung aus der
Gefangenschaft nach den Kriegen mit 4-5 Königen, "Bund der
Opferteile", Geburt Jischma'els durch die ägyptische Magd
Hagar, Awram>Awraham, Sarai>Sara, Versprechen der
Fruchtbarkeit, Gebot der Beschneidung
 
Frage und Antwort

Freie Fahrt?

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Darf man in der heutigen Situation auf den Straßen von
JeSchA (Jehuda/Judäa, Schomron/Samaria und 'Asa/Gasa)
überhaupt fahren, oder vielleicht nur, wer dort wohnt? Oder
auch wer dort arbeitet oder wer nur zu Besuch kommt? Heißt es
doch: "Besonders hütet eure Seelen" (Dt. 4,15)! Zwar erfüllen
wir ein göttliches Gebot mit unserer Anwesenheit in JeSchA,
aber Pikuach Nefesch (akute Lebensbedrohung) befreit von der
Gebotserfüllung, oder etwa nicht?

Antwort: Das stimmt so nicht ganz genau - Rabbiner Moscheh
Chajim Luzatto behandelte in seinem Buch Messilat Jescharim
("Der Weg der Frommen") im 9.Kapitel (Über die
Hinderungsgründe der Eifrigkeit und ihre Beseitigung) die
seelischen Ursachen, die die Lust zur Gebotserfüllung
beeinträchtigen. Eine davon ist die Angst vor Gefahren. Er
erklärte dort, man solle nicht übertreiben und kann nicht jedes
Bedenken als Vorwand zur Vermeidung der Gebotserfüllung
heranziehen, vielmehr muß man zwischen berechtigter und
übertriebener Furcht unterscheiden, zwischen berechtigten und
aufgebauschten Befürchtungen. Sonst traute man sich ja für gar
nichts mehr aus dem Hause.

"Der Kluge sieht das Übel und birgt sich" (Sprüche, 22,3), ein
Weiser sieht die Gefahr und sucht Deckung, z.B. erspäht er
einen Löwen auf dem Wege und versteckt sich. Aber hier ist
wirklich nur die Rede von dem Fall, wo er sich vor dem Bösen
versteckt, das er sieht, nicht aber vor dem, was vielleicht
möglicherweise passieren könnte; das nähme ja gar kein Ende,
und zuletzt fürchtete er sich noch vor seiner eigenen Einbildung
und hält inne - auch wenn er weiß, daß er eine wichtige
Aufgabe zu erfüllen hat.

Der Talmud verlangt nach einer Unterscheidung zwischen
"hoher Wahrscheinlichkeit der Schädigung" und geringer
Wahrscheinlichkeit (Pessachim 8b), zwischen Gefahren, vor
denen man sich inachtnehmen muß, und denen, die man
vernachlässigen kann. "Boten einer g~ttgefälligen Handlung
kommen nicht zu Schaden" (ebda.), sie brauchen nichts zu
befürchten, G~tt schützt sie - aber nicht bei "hoher
Wahrscheinlichkeit der Schädigung".

"'...danach verlanget seine Seele'; weshalb stieg dieser auf die
Leiter, hing sich an den Baum und setzte sich der Todesgefahr
aus: etwa nicht wegen seines Lohnes?" (Dt. 24,15/Baba Mezia
112a) - bei der Obsternte besteht die Gefahr, g~ttbehüte, vom
Baum zu fallen, doch ist man schließlich gezwungen, für sein
täglich Brot zu sorgen. Und für einen Arbeitslohn darf man sich
in Gefahr begeben und "Besonders hütet eure Seelen"
übertreten?! Allerdings, denn hier besteht keine "hohe
Wahrscheinlichkeit der Schädigung". Es kommt nur selten vor,
daß jemand vom Baum fällt, und für seinen Broterwerb darf man
bestimmte Risiken aufsichnehmen (siehe Responsa "Noda
beJehuda" tan.J.D.§10). Natürlich hat niemand das Recht, sich
einfach nur so in eine gefährliche Lage zu bringen. Die
Ausübung der Berufstätigkeit fällt allerdings nicht in die
Kategorie "einfach nur so".

Genauso verhält es sich bei der Erfüllung eines Gebotes der
Tora. In der Mischna (Brachot 1,3) berichtet Rabbi Tarfon, wie
er einmal auf dem Wege das Schma des Abendgebetes sagen
wollte und sich dazu nach der verschärfenden Ansicht von Bet
Schammai am Wegesrand auf den Boden auf seine Seite legte.
So sah er nicht, wie sich Räuber näherten, die ihn fast
umbrachten. Dafür bezog er auch noch eine Rüge seitens der
anderen Weisen, die ihm vorhielten, er hätte das Gebet auch im
Gehen sprechen können, nach der Entscheidung von Bet Hillel,
die letztendlich als Halacha akzeptiert wurde. - In Bezug auf
unsere Fragestellung erscheint es verwunderlich, warum er sich
für das Schma-Gebet in Gefahr brachte, schließlich handelt es
sich dabei nicht um eines der Gebote, für die man bereit sein
muß, sein Leben zu geben?! Vielmehr herrschte dabei seiner
Ansicht nach keine "hohe Wahrscheinlichkeit der Schädigung".

Ein anderes Beispiel erzählt von Rabbi Akiva, der einmal in
Gefangenschaft sein Trinkwasser fürs rituelle Händewaschen
zweckentfremdete. Offensichtlich hielt er die Gefahr, kein
anderes Trinkwasser zu erhalten, für vernachlässigbar.

So auch in unserer Frage: die Gefahr auf den Straßen von
JeSchA kann als "geringe Wahrscheinlichkeit der Schädigung"
definiert werden. Das ist das Verdienst von Zahal
("Zwa Hagana Le'Israel", die israelischen Verteidigungsstreitkräfte).
Auf jeden Fall ist die Gefahr geringer als die von Verkehrsunfällen,
bei denen täglich durchschnittlich 1,5 Menschen umkommen, und
50 Schwerverletzte. Auch in JeSchA kommen mehr Menschen
durch Verkehrsunfälle zu Schaden als durch Terroristen. Und
trotzdem fahren die Leute weiter Auto - natürlich besonders
vorsichtig!

Das Maß für die erlaubte Selbstgefährdung bei der
Gebotsausübung lernen wir von den für die Berufstätigkeit
erlaubten Risiken. Am Ende des Buches "Kusari" (Rabbi Jehuda
Halevi, Standardwerk über die Grundlagen des Judentums, vor
etwa 1000 Jahren) fragt König Kusar den Rabbi: Warum fährst
du nach dem Lande Israel, die Reise über Land und Meer ist
doch gefährlich? Antwortet ihm der Rabbi: So tut es auch der
Händler, der weite Reisen unternimmt, um an seiner Ware zu
verdienen.

Drei Freunde entschlossen sich einst, mit ihren Familien nach
dem Lande Israel auszuwandern, doch das örtliche
Rabbinatsgericht wollte sie wegen der mit der Seereise
verbundenen Gefahren daran hindern. In ihrer Not wandten sie
sich an den Autor der Responsen "Me'il Zedaka", der ihnen
antwortete: Darin besteht keine Gefahr, und befragt in dieser
Sache nicht die "Inlands"rabbiner, sondern "Küsten"rabbiner. Ich
lebe in einer Hafenstadt und sehe täglich, wie sich Handelsleute
auf Seereise begeben.

Darum ist es erlaubt, auf den Wegen von Jehuda und
Schomron zu fahren, sowohl für den, der dort wohnt, als auch
den der dort arbeitet, und auch für den Besucher - natürlich im
Einklang mit den Weisungen der Armee.

Alles bis hier Erwähnte gilt für alle Gebote, wie z.B. das Schma-
Gebet oder das rituelle Händewaschen. Das Gebot von der
Besiedlung des Landes Israel hat aber besonderen Vorrang.
Denn auf die Frage des König Kusar antwortete der Rabbi zwar,
daß die Reise nach dem Lande Israel nicht gefährlich sei, doch
fügte er hinzu, selbst wenn sie gefährlich wäre, sei die Gefahr
trotzdem geringer als die derjenigen, die sich in einen von der
Tora gebotenen Krieg begeben ("Milchemet Mitzwa").

So wie sich Zahal mit einem von der Tora gebotenen Krieg um
Israel gefährdet, darf sich der Einzelne in bestimmten Maße
auch für die Einwanderung und die Besiedlung des Landes
gefährden. Dies ist die einzige Mitzwa in der ganzen Tora, für
die man sich a priori in Lebensgefahr begibt. Bei anderen
Geboten heißt es hingegen: "Besonders hütet...". Wer schon in
Gefahr geraten ist, und z.B. Inquisitoren von ihm verlangen:
'Küsse das Kreuz, oder wir werfen dich ins Feuer', dann muß er
eher sein Leben geben. Doch darf er sich nicht freiwillig in solch
eine Gefahr begeben, sondern muß rechtzeitig fliehen. Doch
vom Lande Israel flieht man nicht! Vielmehr wandert man
a priori ein und besiedelt das Land. Das Gebot von der
Besiedlung des Landes wird nicht nur durch den Mitzwa-Krieg
erfüllt, sondern auch durch Einwanderung, Besiedlung und
Offenhaltung der Verkehrsadern. "Jeder, der 4 Amot (ca. 2
Meter) im Lande Israel geht, ist eines Anteiles an der
zukünftigen Welt sicher" (Ketubot 111a), auch im Zentrum von
Tel-Aviv, besonders aber an einem Ort, den unsere Feinde uns
streitig machen wollen. Dafür muß man zur Selbstaufopferung
bereit sein; nicht in gleichem Maße wie ein Soldat, aber so
ähnlich. Und man muß natürlich alle verfügbaren
Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, die die Armee vorschreibt und
empfiehlt.

Doch wenn die Armee den Weg für die Öffentlichkeit freigibt, so
fällt dies unter die Definition "keine hohe Wahrscheinlichkeit der
Schädigung". Natürlich kann die Armee keine absolute
Sicherheit garantieren, aber auch in Tel-Aviv kann mal ein
Mörder sein Unwesen treiben.

So verhielt man sich zu allen Zeiten, und in allen Generationen
siedelte man in Israel, ob nun hohe oder keine hohe
Wahrscheinlichkeit der Schädigung bestand, ob es sich um
religiöse oder um säkulare Juden handelte, um Charedim oder
um Zionisten - und ohne ihre Opferbereitschaft wären wir heute
nicht hier. An der Nordgrenze leben Juden in ständiger Gefahr.
Einmal fragte jemand den berühmten Rabbiner, nach einem
seiner Werke "Chason Isch" genannt (und kein Zionist im Sinne
von Armee + Staat war): Ich wohne nahe der Grenze, vielleicht
sollte ich lieber ins Landesinnere umziehen? Darauf antwortete
der Rabbiner: Wenn das Alle täten, würde ja das Landesinnere
zum Grenzgebiet werden!

Darum laßt uns stark sein, und keine Angst haben.

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
 
 
Am Schabbes-Tisch

Der Streit von Awraham und Sara

Rav Asri'el Ari'el

"Da sah Sara den Sohn Hagars, der Ägypterin, den sie
Awraham geboren hatte, spotten" (Gen. 21,9). Was genau Sara
in Ischma'el sah, schildert der im Raschikommentar erwähnte
Midrasch: "Er stritt wegen der Erbschaft mit Izchak und sagte,
ich bin der Erstgeborene und erhalte den doppelten Anteil; sie
gingen aufs Feld hinaus, da nahm er seinen Bogen und schoß
Pfeile ab, wie wir sagen (Sprüche 26,18): wie wenn einer im
Scherz Brandfackeln schleudert... und sagt, ich scherze nur".

Zwei Dinge sah Sara in Ischma'el: 1. Er will den Löwenanteil am
Erbe Awrahams übernehmen, d.h. das Land Israel. 2. Um
dieses Ziel zu verwirklichen, will er Izchak beseitigen.

Wie bewerkstelligt Ischma'el den Mord an Izchak? Er nähert
sich nicht mit gezogenem Schwerte in offenem Krieg. Er
befürchtet, sein Vater Awraham könnte seine Absichten
durchschauen. Stattdessen verhält sich Ischma'el wie ein
Jugendlicher, der mit Pfeilen, Steinen und Flaschen spielt...

Unser Vorvater Awraham hört sich die Dinge an, und er kann es
kaum glauben. "Dies mißfiel Awraham sehr, um seines Sohnes
willen" (Gen. 21,11). Es fällt ihm schwer, solche Dinge von
seinem geliebten Sohn zu glauben, besonders, wo er so lange
auf Nachwuchs warten mußte und dann in dessen Unterhalt
und Erziehung so sehr investierte. Awraham "schließt seine
Augen, um das Böse nicht zu sehen", nach den Worten des
Midrasch, und hört nicht auf Sara. Darum muß G~tt ihn
ausdrücklich anweisen: "Laß es dir nicht leid sein um des
Knaben willen..." (Gen. 21,12).

Unser Vorvater Awraham ist ein Mann der Mildtätigkeit, "Vater
vieler Völker". Er verfügt über den ausgeprägten Blick, das Gute
in Allem zu sehen, und darum liebt er alles, sogar die Leute von
Sdom ("Sodom")... Diesem großen Überblick erscheinen die
Taten Ischma'els als unbedeutend. Er glaubt, ihn immer noch
auf den rechten Weg zurückbringen zu können, denn er ist ja
noch jung, und seine Taten die eines Jugendlichen. Es wird sich
schon alles einrenken, es ist nur eine Frage der Zeit und des
Entwicklungsprozesses.

Sara leitet Awrahams Haushalt und sieht die Dinge anders. Sie
ist die Mutter von Izchak und nicht der ganzen Welt, sie ist die
Stammutter des Volkes Israel. Sie sieht das Leben aus einer
wirklichkeitsnahen Perspektive. Dadurch versteht sie, daß es
sich bei Ischma'el nicht um einen harmlosen Jungen handelt,
der bloß allerlei dumme Streiche mit Pfeilen, Steinen und
Messern ausführt. Sie versteht, daß sich Ischma'el das ganze
Land aneignen und Izchak aus der Welt schaffen will. Darum
fordert sie von Awraham: "Jage diese Magd und ihren Sohn fort;
denn es soll der Sohn dieser Magd nicht erben mit meinem
Sohne, mit Izchak" (Gen. 21,10).

Awraham hört sich die Dinge an; sein Mitgefühl für seinen
geliebten Sohn überwältigt ihn, der doch trotz aller
Anschuldigungen sein Sohn ist, nicht weniger als Izchak. Da
erhält er den Befehl G~ttes, der den Standpunkt von Sara
unterstützt. Die Bestimmung des Volkes Israel besteht zwar in
der Vervollkommnung aller Völker, "durch dich sollen alle
Geschlechter des Erdbodens gesegnet werden" (Gen. 12,3),
und in diesem Sinne muß es alle lieben. Das hält es aber nicht
davon ab, sein Leben und sein Land zu verteidigen. "..denn von
Izchak sollen die stammen, die deine Nachkommen genannt
werden" (Gen. 21,12).

Im Lande der Vorväter und Stammütter stehen sich heute die
Söhne von Awraham und Sara gegenüber und tragen den alten
Streit aus, was mit den Nachkommen Hagars und Ischma'els zu
geschehen habe. Dieser Streit hat schon eine lange Geschichte
hinter sich. Ein schwerer und brennender Streit, der prinzipielle
Fragen von Sein und Existenz berührt. Noch lacht Ischma'el...
 

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Tel Aviv: 16.25/17.21
Haifa: 16.15/17.18