DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT KI TEZE
Nr. 319
13. Elul 5761

AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Dt. 21,10-25,19)
Die Kriegsbraut, geliebte u. gehaßte Frau, ungehorsamer Sohn,
Fundsachen, Dachgeländer, div. Eherecht, Verhältnis zu
Nachbarvölkern, Entlohnung, Zinsen, Pfand, Schwagerehe,
Ehefrau greift in Streit ein, korrekte Gewichte, gedenke Amalek.
 
 
Frage und Antwort

Ich bin ein Linker

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Wenn ich Ihre Artikel lese, komme ich durcheinander.
Mal stehen Sie rechts, mal links, mal in der Mitte - nennen Sie
mir bitte deutlich Ihre Einstellung!

Antwort: Ich habe mich entschieden: Ich bin ein Linker - ein
echter Linker! Nicht ein schlapper Linker, sondern links von
allen Linken.

Und warum? Weil unser Lehrer Moscheh - natürlich im Namen
G~ttes - ein ganz radikaler Linker war. Wodurch zeichnet sich
denn die Linke aus? Da geht es zum Beispiel um die Sorge für
die Schwachen der Gesellschaft, um Schutz der Arbeiter und
der Armen. - Die Tora ist links eingestellt. Im Siebentjahr
(Schmitta) werden alles Obst, Gemüse und Getreide an Alle
gleichmäßig verteilt. Das ist doch reiner Sozialismus! Im
Joweljahr (alle 50 Jahre) fallen alle Grundstücke automatisch an
ihre ursprünglichen Eigentümer zurück. Wenn jemand schwere
wirtschaftliche Krisen durchmacht und gezwungen ist, sein Land
zu verkaufen - und trotzdem weiter runterkommt, ist das sein
Ende? Nein! Sein Grund und Boden kehrt zu ihm zurück. Das
ist Sozialismus! "Doch es wird unter dir keinen Dürftigen geben"
(Dt. 15,4). Laßt uns alle Mittel ergreifen, die Armut zu
beseitigen. Karl Marx, der die Armut aus der Welt schaffen
wollte, hätte diesen Vers zum Motto seines Lebensweges
machen können.

Als Schüler unseres Lehrers Moscheh bin ich ein Sozialist. Auch
als Talmudstudent bin ich ein Sozialist. Denn der Talmud fordert
Gerechtigkeit, besonders in der Traktat-Ordnung "Von den
Schädigungen". Die talmudischen Weisen lehren die Pflicht,
sich um die Armen zu kümmern, ihre Bedürfnisse zu erfüllen
und ihnen einen normalen Lebensstandard zu ermöglichen.
Dafür werden besondere Steuern kassiert. Wer freiwillig aus
gutem Herzen spenden will, umso besser. Wenn nicht, nimmt
man von den Reichen und gibt den Armen. Die Weisen
instituierten die Pflicht der Abgabe des Zehnts (10% des
Einkommens), und das ist keineswegs graue Theorie, sondern
Juden handeln danach, auch wenn sie nicht reich sind. Welches
Glück.

Ich bin gleichzeitig auch Schüler von Rabbiner A.J. Kuk, der
viele erhabene, hochgeistige und abstrakte Dinge schrieb, die in
den höchsten Höhen schweben. Dazu lehrte er uns aber auch,
daß hochgeistige Ideen, in denen das tägliche, tätige Leben
nichts gilt, Lüge sind. Einmal wurde er von der Führung des
"HaPo'el HaMisrachi" (religiös-zionistische Arbeiterschaft)
gefragt, welche Wirtschaftsform nach der Tora die richtige sei.
Er antwortete: Sicher nicht die absolute Herrschaft des
Privateigentums, das ist weder möglich noch nützlich, wenn
man die Gebote erfüllt und sogar übererfüllt - was auch geboten
ist.

Wenn man sich um die Schwachen der Gesellschaft kümmert,
bleibt Einem kein Geld mehr in der eigenen Tasche.
Entsprechend blieb Rabbiner Kuk kein Geld in der Tasche. Sein
schmales Gehalt verteilte er an die Armen, obwohl er sich
deswegen in wirtschaftlicher Hinsicht sehr einschränken mußte.
Folgende Geschichte wird von Rabbiner David Kohen erzählt,
genannt "der Enthaltsame", ein Schüler von Rabbiner Kuk, der
sich seinem Meister eines Freitags mit der Bitte um ein
Streichholz zum Anzünden der Schabbatkerzen näherte.
Rabbiner Kuk antwortete ihm: "Dieser wackelige Tisch gehört
mir nicht, er ist nur geborgt, ebenso die Stühle wie auch das
Sofa; ja sogar mein Mantel. In diesem Haus gehört mir rein gar
nichts - außer der Streichholzschachtel! Und darum gebe ich dir
hiermit ein Streichholz". Er war ein Sozialist!

Eine andere Geschichte erzählt von Rabbiner Moscheh
Feinstein (bis zu seinem Tode vor einigen Jahren
bedeutendster Rabbiner der USA), der in seinen früheren
Jahren in Rußland lebte und einmal Spenden für einen
nichtreligiösen, kranken Juden sammelte, um ihn an einen
Kurort zu schicken. Nach einiger Zeit wurde er, wie alle anderen
Rabbiner, von der Obrigkeit verhaftet und fand sich nun einem
nichtjüdischen, kommunistischen Kommissar und einem
jüdischen Kollaborateur der "Jevsektzia" gegenüber. Plötzlich
befahl der Jude: "Laß ihn gehen, er ist ein Kommunist! Er hat
Geld für einen Menschen in Not gesammelt, der gar nicht
religiös war, und machte keinen Unterschied zwischen dem
einen und dem anderen. Jener Mensch war mein Bruder. Dieser
Rabbiner ist ein Kommunist!".

Ein Minister oder Knessetabgeordneter, der einer sogenannten
"linken" Partei angehört und sich nicht um die Benachteiligten
kümmert - der ist kein echter Linker! Es kann natürlich sein, daß
er sich um die Araber kümmert, doch das ist kein Sozialismus!
Anstatt armen Juden finanzielle Unterstützung zukommen zu
lassen, gibt er sie an Araber, die Juden morden! Das soll
Sozialismus sein?! Das ist eine "linke" Entheiligung des
göttlichen Namens, die in allen Ländern der Welt schon eine
lange Tradition hat. Unsere "Linke" ist überhaupt nicht links!
Und der Beweis: Für wen stimmen die in sozio-ökonomischer
Hinsicht benachteiligten Schichten der Bevölkerung? Bestimmt
nicht für die sogenannten Linksparteien!

Und das ist noch nicht alles. Auch wenn ein Minister, ein
Knessetabgeordneter oder ein bedeutender Professor viele
Ideen zur Wohlfahrt der Arbeiter vorträgt, er selber jedoch in
ungestörtem Reichtum lebt, obwohl er genau weiß, daß es in
unserem Lande viele Arme unter der Grenze des
Existenzminimums gibt - so belügt er sich selber. Daran wird er
gemessen.

Die Weisen Israels lebten in allen Zeiten ein bescheidenes
Leben. Sie waren eben Sozialisten. König Schlomo ("Salomo")
war ein Sozialist. Psalm 72 beinhaltet Weisungen, die er von
seinem Vater, König David, vor dem Übergang der Königswürde
auf ihn erhielt. "Denn er rettet den Dürftigen, der nach Hilfe ruft,
und den Gebeugten, der keinen Beistand hat. Er schaut mild auf
die Armen und Dürftigen, und die Seele der Dürftigen rettet er"
(12-13). Das ist die Aufgabe des Königs, die Sorge für die
Armen; ein einfacher Mensch ist dazu nicht imstande. Auch
Parteien können das. "Und er lebt und gibt ihm Besseres als
Scheba's Gold" (ebda.,15). König Schlomo war bekannt für
seinen Reichtum, doch jenes Gold verteilte er an die Armen. In
seinen Tagen "aßen und tranken [sie] und waren fröhlich" (Kö.I,
4,20). Während seines ganzen Lebens war er Sozialist, das
Problem der Armut bedrückte und beschäftigte ihn fortwährend,
wie man dem Buche "Kohelet" (Prediger) entnehmen kann, wo
er "die Träne der Unterdrückten" (4,1) erwähnt.

Lieber "Linker", öffne deine Augen und siehe, wieviele Arme es
in unserem Land gibt. Sicher nicht soviele wie in manch'
anderem Land auf der Erde, aber trotzdem immer noch zuviele.
Warum kümmerst du dich nicht um die mittellosen Einwanderer
aus Äthiopien? Besuche sie doch einmal in ihren Wohnvierteln!
Stattdessen überweist du Millionen an Mörder. Du bist kein
Sozialist. Auch bei den Nicht-Äthiopiern gibt es viele Arme. In
Israel gibt es zwei Millionen Kinder, 400.000 davon leben in
Armut, d.h. ein Fünftel. Echte Armut; sie ernähren sich von Brot
und Nudeln, und für den Winter haben sie keinen warmen
Mantel und keine festen Schuhe. Der Zustand wird durch neue
Gesetze noch verschlimmert, wonach kostenlose Leistungen
der öffentlichen Hand verringert werden. Sie haben niemanden
in der Regierung, der ihre Interessen vertritt, schon gar nicht bei
den "Linksparteien", höchstens ein wenig bei den
"Rechtsparteien". Ein interessantes Paradox.

30.000 Kinder gehen nicht zur Schule, sondern treiben sich auf
der Straße herum, was nicht selten in Kriminalität mündet. Wie
kann sich jemand mit der idealistischen Bezeichnung "links"
schmücken und diese Kinder vernachlässigen?!

Ich kenne einen charedischen Rabbiner, der jede Woche
hunderte von Fertig-Mahlzeiten an Hungrige im ganzen Land
verteilt. Er finanziert das aus Spenden und aus seiner eigenen
Tasche. Wenn er manchmal eine zeitlang keine Spenden erhält,
geht sein Bankkonto ins Minus, und er hat Angst, daß seine
Schecks platzen. Dieser charedische Rabbiner ist ein echter
Linker!

Natürlich muß man den Armen auch durch eine Gesetzgebung
helfen, die die Armut von vornherein durch öffentliche
Sozialleistungen verhindert. Manche Familien leben schon seit
sieben Generationen im Lande, und seit sieben Generationen
leben sie unter dem Existenzminimum; von den "Linken" haben
sie nichts zu erwarten. Das ist ein Skandal, Schmach und
Schande. Es ist nicht ganz klar, wann die Umwandlung der
Linken im Lande stattfand.

Den Arabern, die einiges an uns auszusetzen haben, obwohl wir
mit ihnen besser umgehen, als sie es verdienten, stehen 22
Länder zur Verfügung, wohin sie sich wenden können. Doch die
Armen der Juden, unser eigen Fleisch und Blut - wohin sollen
sie sich wenden?

Die echte Linke führte schwere Kämpfe für die Rechte der
Benachteiligten und Armen und erzielte gewaltige Fortschritte.
Die Araber jedoch haben schon 22 Länder und möchten noch
eins dazu stehlen. Andere beanspruchen zu unrecht die
Bezeichnung "links". Das ist kein Wortspiel, sondern ein
furchtbares, bedrohliches und schmerzliches Problem.

Würde sich doch nur eine echte Linkspartei gründen!
G~ttseidank braucht unsere Sozialpolitik keinen Vergleich zu
scheuen, worauf wir sehr stolz sind. Trotzdem haben wir noch
viel Arbeit vor uns, und wer sich nicht daran beteiligt, weder auf
der politischen Ebene noch im privaten Bereich, hat nicht das
Recht, die Bezeichnung "links" für sich zu beanspruchen und sie
in den Schmutz zu ziehen, die doch der Menschheit zur Ehre
gereicht.

Laßt uns beten: Gib uns unsere Linken wieder wie ehedem...
(dem Segensspruch der Schmone-Esre nachempfunden: "Gib
uns unsere Richter wieder wie ehedem").
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
http://www.israelnn.org
 

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