DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT HA'ASINU
Nr. 272
8. Tischri 5761

AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Die Sudeten von Palästina
Der Kampf um Israel

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;
desgleichen auf Französich

SCHABBAT SCHUWA - JOM KIPPUR

Diese Woche in der Tora (Dt. 32,1-32,52):
Weltgeschichte von ihren Anfängen bis zum Ende in kurzer
Gedichtform, nochmalige Ermahnung des Volkes, Vorschau auf
Moschehs Tod.
 
 
Frage und Antwort

Erwartung der Erlösung (I)

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Viele Juden sorgen sich wegen unserer politischen Lage.
Was wird nur aus uns werden?

Antwort: Genau für diese Situation gibt es eine Mitzwa (Gebot
der Tora): die Erwartung der Erlösung. Am Tage des Gerichtes
[nach seinem Tode] werden dem Menschen einige Fragen
gestellt, und eine davon lautet: hast du die Erlösung erwartet?
(Schabbat 31a).

Was hat es mit dieser Frage auf sich? Welchen spirituellen und
ethischen Einsatz erfordert die "Erwartung der Erlösung"? Gibt
es denn überhaupt jemanden, der nicht die Erlösung erwartet,
der nicht am sofortigen Kommen des Maschiach ("Messias")
und unserer Befreiung von allen unseren Sorgen interessiert
ist?!

Und wo steht überhaupt geschrieben, daß man die Erlösung
erwarten soll? Rabbiner Moscheh aus Corbeil schrieb in seinem
Buch "Sefer Mitzwot Katan" ("das kleine Buch der Gebote"),
daß die Erwartung der Erlösung im ersten der Zehn Gebote
inbegriffen sei ("Ich bin der Ewige, dein G~tt", Ex. 20,2). Sie
gehört zum Glauben an G~tt. Der Glauben an G~tt besteht nicht
darin, daß man nur glaubt, es gebe einen G~tt, ansonsten aber
habe er nichts weiter mit dieser Welt zu tun. Vielmehr beinhaltet
er auch den Glauben an die göttliche Oberaufsicht und
Einflußnahme, die Lenkung der Weltgeschichte durch G~tt.
G~tt ist der Hausherr über die Weltgeschichte. Weder Politiker
noch Könige machen wirklich Geschichte, sondern nur der Herr
der Welt - und er ist unser Erlöser.

Wie geht das alles aus diesem einen Vers (Ex. 20,2) hervor? -
"..der dich aus dem Lande Ägypten herausgeführt hat". Das ist
die berühmte Frage, die Rabbi Awraham ibn-Esra Rabbi Jehuda
Halevi (beide aus der Periode der Rischonim von vor über 1000
Jahren) stellte: Wenn von der Macht G~ttes die Rede ist,
warum steht nicht geschrieben "der Himmel und Erde schuf",
sondern "der dich aus dem Lande Ägypten herausgeführt hat"?
Daraus lernen wir, daß G~tt ein starker Erlöser in unserer Mitte
ist. Er wacht über uns und lenkt den Ablauf der Geschichte. So
wie er uns aus Ägypten herausführte, wird er uns in Zukunft
erlösen. Alles in allem eine einzige, langgezogene Erlösung, wie
unser Lehrer Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner
Israels) in seinem Buch "Orot" ("Lichter") schrieb.

Die Erwartung der Erlösung gehört zum Glauben an G~tt, der
die Geschichte lenkt und ordnet; nicht nur, wenn er Wunder
vollbringt, sondern auch, wenn es keine Wunder gibt, so wie wir
G~tt als die erste Ursache für alle physikalischen, biologischen,
astronomischen und mechanischen Erscheinungen ansehen.
Nicht nur der "Sonnenstillstand von Giv'on" (Jehoschua 10, 12-
13) stammt von G~tt, sondern auch der Gang aller Sterne auf
ihren Bahnen. G~tt schickt nicht nur wundersame Heilung,
sondern steht auch hinter dem täglichen Leben: "..der den
Menschen mit Weisheit gebildet und ihm mannigfache
Öffnungen und Höhlungen anerschaffen hat. Offenbar und
bekannt ist es vor dem Throne deiner Herrlichkeit, daß, wenn
eine von ihnen geöffnet, oder geschlossen würde eine von
ihnen, es nicht möglich wäre sich zu erhalten und vor deinem
Angesichte zu stehen" (Segensspruch nach dem WC-Besuch).
Nicht nur das Man ("Manna") vom Himmel stammt von G~tt,
sondern auch das Brot, das vom Boden wächst, auf wir den
Segensspruch sagen: "der das Brot aus dem Boden
hervorbringt". Oder "Deine Hochtaten, die uns täglich begleiten,
und für Deine zu jeder Zeit waltenden Wunder und Guttaten,
abends, morgens und mittags, Du bist der Gute, denn Dein
Erbarmen hat nie geendet, der Barmherzige, denn Deine
Liebeserweisungen haben nie aufgehört, von je haben wir Dein
gehofft" (Schmone-Esre). Sowohl Wunder als auch natürliche
Abläufe kommen von G~tt.

Das trifft nicht nur auf unsere Welt zu, sondern auf die ganze
Geschichte. Die großen historischen Umwälzungen stammen
von G~tt. Aber auch unser tagtägliches Leben, das so
wohlgeordnet abläuft, und die Einflußnahme auf das Herz der
Herrscher, den Geist der Nationen - all das gehört in den
Bereich der geordneten göttlichen Oberlenkung.

Wir wissen und glauben, daß die Weltgeschichte keine Witwe,
keine Waise und keine Sitzengelassene ist, sondern von
göttlicher Hand geleitet wird.

Darum brauchen wir nicht zu befürchten, alleingelassen zu
werden oder daß die Dinge nicht in Ordnung kommen. Sie
werden in Ordnung kommen, weil wir einen starken Erlöser in
unserer Mitte haben.

Manche werden nun einwenden: Wir sehen doch mit eigenen
Augen, wie die Lage aus den Fugen gerät. Es sieht doch so
aus, als sei die Erlösung gestoppt worden und laufe sogar
rückwärts!

Gerade dieser Einwand beantwortet unsere erste Frage: "Worin
besteht eigentlich die Größe in der Erwartung der Erlösung?
Wer erwartet sie nicht?" -Wenn die Lage auf einmal nicht mehr
so rosig aussieht, wenn sich alles scheinbar zurückentwickelt,
und wir trotzdem weiter an unserem Glauben festhalten, daß
G~tt die Erlösung vorantreibt, auch wenn wir uns gerade auf
einem Umweg befinden. So erklärte Rabbiner Kuk in seinem
Kommentar zum Siddur den Begriff "Erwartung der Erlösung" in
der Schmone-Esre.

Der Auszug aus Ägypten dient uns als anschauliches Beispiel.
Auch damals lief nicht alles wie am Schnürchen. Moscheh
verkündete dem Volk: Die Zeit eurer Erlösung ist gekommen.
Das Volk war begeistert und glaubte ihm. Da sagten Moscheh
und Aharon zu Pharao: Let my people go! Pharao aber
erwiderte: Ich kenne den G~tt nicht, in dessen Namen ihr
auftretet, und lasse auch niemanden gehen. Im Gegenteil, damit
erst keiner auf dumme Gedanken kommt, werde ich die
Arbeitslast noch erhöhen. - Nun mußte das Volk selbst für Stroh
und Nahrung sorgen, die Aufseher trieben noch mehr zur Arbeit
an, das Volk litt und beklagte sich bei Moscheh und Aharon: Ihr
habt alles nur noch schlimmer gemacht! Ihr habt unsere Feinde
noch mit Munition versorgt! Und Moscheh sprach zu G~tt: Ich
wurde doch zur Rettung geschickt - nicht nur, daß ich
niemanden rettete, ich habe es dem Volk auch noch schwerer
gemacht! G~tt antwortete: Geduld! Alles wird gut werden - nur
nicht sofort (Ende Parschat Schemot/Anfang Wa'era). Bleibt nur
noch die Frage von Rabbiner Moscheh ben Nachman
("Nachmanides") zu klären, wonach unser Lehrer Moscheh
doch im voraus wußte, "daß der König von Ägypten euch nicht
gestatten wird zu ziehen" (Ex. 3,19). Warum wunderte er sich
also über die Weigerung Pharaos? Antwort: Moscheh wußte
wohl, daß es Verzögerungen geben werde, nicht aber, daß es
noch schlimmer kam, nämlich eine Rückwärtsentwicklung, eine
Verhärtung der Lage - das hatte ihm G~tt nicht vorher verraten.
Erst jetzt wurde klar, daß der Ablauf der Erlösung verborgene
Seiten haben kann. Es gibt verschiedene Stufen, und es gibt
verborgene Stufen, d.h., scheinbare Rückschläge. Die
talmudischen Weisen verknüpften den folgenden Vers aus dem
Hohelied mit dem Auszug aus Ägypten. Die Ägypter
umzingelten uns am Schilfmeer, die schlimmste Lage, in der wir
uns jemals befanden; sie hätten das ganze Volk auf einen
Schlag auslöschen können. Wir glichen einem kleinen Vogel,
der sich vor einem großen Raubvogel unter einem Stein
versteckt. "Meine Taube an Felsenriffen, an heimlicher Stiege"
(Hohelied 2,14). Man braucht bloß Geduld und Glauben.
(Fortsetzung in der nächsten Ausgabe)

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
 
 
Am Schabbes-Tisch

Zum Jahresnfang

Rav Asri'el Ari'el

Nein, das ist diesmal kein Druckfehler. So steht es ausdrücklich
in der Tora, im Zusammenhang mit der göttlichen Vorsehung im
Lande Israel: "Ein Land, für das der Ewige dein G~tt sorgt;
beständig sind die Augen deines G~ttes darauf, vom nfang des
Jahres bis zum Ende des Jahres" (Dt. 11,12; das Wort "Reschit"
/Anfang wird hier ohne den Buchstaben Alef geschrieben). Beim
Vortrag in der Synagoge wird das Wort jedoch mit "Alef"
gelesen, um uns darauf hinzuweisen, daß G~ttes Fürsorge und
seine Vorsehung mit dem Zyklus des Jahres gehen, der mit
dem landwirtschaftlichen Jahresanfang am 1. Tischri beginnt
und mit dem landwirtschaftlichem Jahresende am 29. Elul
aufhört. Geschrieben steht jedoch "Reschit" ohne Alef.

Die Weisen erklärten diesen Unterschied im Traktat Rosch
Haschana (16b): "Ferner sagte Rabbi Jizchak: Ist das Jahr am
Anfang arm [dem "Anfang" fehlt was], so ist es am Ende reich"
Dieser Spruch bedeutet: Gerade ein Jahr, das in Armut beginnt,
wird mit Reichtum endigen, wie es heißt: "Und dein Früheres
wird gering sein; denn dein Späteres wird sehr hoch
aufschießen" (Ijow 8,7).

Nun sind wir zu Beginn dieses Jahres, 5761, wirklich arm dran.
Doch in diesem Gefühl der Armut verbirgt sich große Macht.
Der Reiche kann sich auf seinen Reichtum verlassen. Er kann
es sich sozusagen leisten, auf himmlische Unterstützung zu
verzichten. Er hängt nicht von himmlischer Gnade ab. Ihm steht
viel Geld zur Verfügung. Auch fürs Alter hat er durch Einzahlung
in die Rentenkasse vorgesorgt. Sollte ihm ein Schaden
entstehen, so zahlt die Hausratsversicherung. Wird er
entlassen, erhält er Arbeitslosengeld. Im Krankheitsfalle zahlt
die Krankenkasse, und für teure Operationen hat er eine
Zusatzversicherung. Und selbst im schlimmsten Fall ist für die
Familie durch seine Lebensversicherung gesorgt. Der Arme
jedoch kann sich auf keines dieser Dinge stützen. Er hat keine
andere Wahl als seine Augen himmelwärts zu richten und sein
Schicksal in G~ttes Hand zu legen. Gerade dann offenbart sich
ihm die wahre Sicherheit und der stabile Schutz. "Besser ist es,
sich bergen beim Ewigen, als auf Menschen vertrauen" (Psalm
118,8).

Das ist auch die Situation des israelischen Landwirtes, der "an
das Leben der Welten [=G~tt] glaubt und sät" (Midrasch
Bamidbar raba, §13,15/16). Er ist vollkommen von der Gnade
des Himmels abhängig und fühlt die göttliche Vorsehung an sich
auf Schritt und Tritt. Erst recht in diesem Jahr, einem
Siebentjahr (Schmitta), an dem vom Bauern verlangt wird, an
"das Leben der Welten zu glauben" - und nicht zu säen!, in
Erwartung des göttlichen Segens, wie es heißt: "Ich aber werde
euch meinen Segen entbieten im sechsten Jahre, daß es den
Ertrag bringe auf drei Jahre" (Lev. 25,21). Der Reichtum kommt
zu ihm gerade auf dem Wege über ein Gefühl der Armut und
des Mangels. Möge sich dieser Spruch der Weisen an uns
bewahrheiten - "Ist das Jahr am Anfang arm, so ist es am Ende
reich" (s.o.). So werden wir auch beten, wenn wir vor G~tt
bedürftig und mittellos, arm und elend stehen: "Schafft von
seiner Hand Reichtum und Mangel, singen wir zu seiner Ehre"
(sefardischer Gebetsgesang); "Sei das Lied des Armen teuer in
Deinen Augen, wie ein Lied, das bei Deinen Opfern [im Tempel
von den Leviten] gesungen wird" (aus "An'im Semirot").
 

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