DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT CHAJE SARA
Nr. 279
27. Marcheschwan 5761

AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Die Sudeten von Palästina
Der Kampf um Israel

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online;
desgleichen auf Französich

Diese Woche in der Tora (Gen. 23,1-25,18):
Saras Tod, Kauf der Höhle Machpela bei Chewron ("Hebron"),
Awrahams Hausverwalter Elieser auf Brautschau für Jizchak,
bringt Riwka, Awrahams neue Frau Ketura und ihre
Nachkommen, Awrahams Tod, seine Beerdigung in der Höhle
Machpela durch Jizchak und Jischma'el, Jischma'els
Nachkommen und Tod.
 
 
Frage und Antwort

Suche nach Idealen

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Wie könnte man das große Ideal, das der Mensch
anstreben sollte, definieren? Was sollte man sein?

Antwort: Diese schwere Frage behandelte schon Rabbiner
Moscheh ben Maimon ("Maimonides") am Ende seines Buches
"Führer der Unschlüssigen" (III, §54) in Verbindung mit dem
Vers "So spricht der Ewige: Nicht rühme sich der Weise seiner
Weisheit, und nicht rühme sich der Starke seiner Stärke, nicht
rühme sich der Reiche seines Reichtums. Sondern dessen
rühme sich, der sich rühmen mag: einzusehen und mich zu
erkennen" (Jirmijahu 9,22-23).

Wenn jemand reich ist, muß er noch lange nicht etwas wert
sein. Nur weil er eine hohe "sozio-ökonomische" Rangstufe
erreicht hat, muß er nicht unbedingt etwas taugen. Das "Sozio-
ökonomische" besagt gar nichts und hat nichts mit seinem
Charakter zu tun. Ein Mensch kann gut, gerecht und wundervoll
sein - und dabei arm, und ein Reicher ein Widerling. In diesem
Zusammenhang mangelt das sozio-ökonomische Kriterium, das
so gerne für die Beurteilung herangezogen wird, an
Aussagekraft. Eigentum sagt nichts über den Menschen aus,
sondern steht mit ihm in einer bestimmten, juristisch relevanten
Verbindung. Die Regierung kann jedoch schon morgen diese
Verbindung auflösen. Er kann auch pleitegehen...

Mit der Stärke sieht es schon besser aus, denn sie ist kein
Besitztum, sondern charakterisiert die Person selber. Er ist ein
Starker. Doch auch damit rühmt sich nicht der Rühmenswerte,
denn die körperliche Stärke stellt keine besondere Qualität des
Menschen an sich dar, sondern eine Qualität in seiner
Eigenschaft als Lebewesen, denn auch Tiere können stark sein.
Wie sich der Mensch auch anstrengt, reicht seine Kraft nicht an
die eines Maultiers, geschweige denn eines Löwen oder eines
Elefanten. Von seiner Stärke hat der Mensch keinen
besonderen Nutzen. Die Körperkraft ist nichts anderes als eine
biologische Eigenschaft und gehört zu den tierischen Aspekten
des Menschen. Wir wollen ihren Wert auch nicht verneinen,
aber nicht dadurch rühmt sich der Rühmenswerte. Und wenn er
sich trotzdem damit rühmt, so ist das Unfug, eine Hirnlosigkeit
des Menschen- oder vielmehr Männergeschlechtes, das dem
elitären Zuschauersport frönt. Sport zur Stärkung des Körpers
und der Gesundheit ist natürlich eine gute Sache. Ein
Zuschauersport aber, wo 22 Leute hinter einem Ball herrennen
und 200.000 Leute ihnen dabei zuschauen - das ist Unfug. Und
wenn es dann noch einem von den 22 gelingt, dem Ball einen
besonders starken Tritt zu geben, so daß selbiger in einen
benetzten Rahmen hineinfliegt, und alle 200.000 aufspringen
und sich vor Freude (bzw. Schmerz) die Lunge aus dem Hals
schreien - so kann man sich wohl kaum eine größere Dummheit
vorstellen. Merkwürdig, daß gerade Männer, die doch so
intelligent sein sollen, sich mit solchem Unsinn beschäftigen.
Das ist eine spezielle Männerdummheit. Natürlich gibt es auch
spezielle Frauendummheiten. Ein olympischer Sieger bekommt
eine Medaille umgehängt, weil er eine Zehntelsekunde schneller
gerannt ist als sein Mitbewerber - auch das ist Unfug. Wenn
jemand seinen Mitmenschen mit guten Taten hilft, dem sollte
man Medaillen umhängen!

"Nicht rühme sich der Weise seiner Weisheit" (s.o.). Das ist
erstaunlich, denn die Weisheit ist eine gute Sache. Maimonides
betont, es komme darauf an, welche Weisheit gemeint ist.
Schon zu Beginn seines genannten Buches erwähnt er, daß mit
dem "Ebenbild G~ttes" der Verstand bezeichnet wird, doch
müsse man sehen, wofür der Mensch seinen Verstand einsetzt -
Gutes zu tun und G~tt zu dienen, oder um Techniken und
wissenschaftliche Methoden zu entwickeln, oder vielleicht um
anderen mit diversen Tricks zu schaden, wie Pharao sagte:
"laßt uns es überlisten" (Ex. 1,10), oder vielleicht um sich
besser in die Gemeinschaft zu integrieren. Über diese vierte
Möglichkeit äußerte sich der Prophet Jirmijahu in dem
genannten Vers, über die praktische, pragmatische und
nutzgerichtete Weisheit, sich nahtlos in die Gesellschaft
einzufügen. Ungefähr jede Woche erscheint ein Buch in
Amerika, etwa "Wie ich Freunde gewinne" oder "Wie ich Erfolg
habe".

Nun wird sich vielleicht jemand wundern, was denn daran
auszusetzen sei, sich in die Gesellschaft zu integrieren?
Natürlich ist gar nichts daran auszusetzen, doch auch damit
"rühmt sich nicht der Rühmenswerte", denn es handelt sich
immer noch um einen nutzenorientierten Prozeß. Man soll das
Gute um seiner selbst willen tun, und nicht, weil es nützlich ist,
wie es die Schule der utilitaristischen Philosophen um Hobbes,
Locke, Hume und Smith behauptet, deren Definition der Moral
lautet: Man muß die Gesetze befolgen und darf den Nächsten
nicht schädigen, dann werden alle angenehm leben. Nein! sagte
der Philosoph Kant, man muß das Gute tun, weil es gut ist, und
nicht, weil es der Gesellschaft und deiner Eingliederung darin
förderlich ist. Wenn ein Bankangestellter sein Leben lang die
Bank nicht betrügt, nur weil er fürchtet, erwischt zu werden -
das soll schon lobenswert sein?! Wenn er aber nicht betrügt,
weil er versteht, das dies schlecht ist - das macht ihn
rühmenswert. Die Weisheit, wie man sich harmonisch in die
Gesellschaft einfügt, wie man Erfolg hat, wie man Freunde und
Einfluß, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status erwirbt,
verschafft einem nicht den erstrebten Ruhm.

Womit kann sich also der Rühmenswerte ja rühmen?
"Einzusehen und mich zu erkennen". Auch das ist nicht leicht zu
verstehen. G~tteserkenntnis scheint doch eine Art erhabenes,
elitäres, aristokratisches Ideal für eine Handvoll Auserwählte zu
sein, die im Elfenbeinturm sitzen und sich mit philosophisch-
theologischen Betrachtungen über G~tt beschäftigen können,
zu denen die breite Mehrheit keinen Zugang hat. Das
behauptete man von den griechischen Philosophen, und das
behauptete man auch von unserem großen Lehrer Maimonides.
Nichts als eitles Gerede über einen großen Gerechten.
Nebenbei stammt dieser Vers vom Propheten Jirmijahu, der nun
sicher nicht dem Einfluß der griechischen Philosophen
ausgesetzt war, und auch Maimonides ließ sich nicht von ihnen
beeinflussen.

Vielmehr schrieb Maimonides weiter: Wenn der Vers damit
geendigt hätte, "einzusehen und mich zu erkennen", könnte
man vielleicht von einem philosophischen Ideal des Wissens
höchster göttlicher Wahrheiten reden, doch geht der Vers noch
weiter: "daß ich der Ewige Liebe, Recht und Gerechtigkeit übe
auf Erden; daß ich daran Wohlgefallen habe, ist der Spruch des
Ewigen". Hier geht es nicht um abstraktes theologisches
Wissen von G~tt, wie z.B. über seine Körperlosigkeit oder das
Fehlen eines Bildes einer Körperhaftigkeit, über seine
Allwissenheit und seine Vorsehung, sondern daß er "Liebe,
Recht und Gerechtigkeit übe auf Erden".

Im vorangehenden Kapitel des "Führers der Unschlüssigen"
(III,53) erläuterte Maimonides, daß das "Recht" eine vollgültige
Pflicht sei, und wenn der Mensch sie nicht erfülle, er vor ein
himmlisches Gericht gestellt werde, genau so, als hätte er einen
ungedeckten Scheck ausgestellt oder wie für andere
Auswüchse einer lockeren Zahlungsmoral. Auf der anderen
Seite steht die "Liebe", ein Geschenk ohne Gegenleistung, wie
z.B. jemand einen Fremden, der sich in der Stadt nicht auskennt
und verlaufen hat, auf den rechten Weg zurückführt, ihn auch
noch sicher zu seinem Ziel begleitet und ihm obendrein einen
Imbiß spendiert.

"Gerechtigkeit" liegt zwischen "Liebe" und "Recht". Wenn dein
Nächster hungrig ist, sollst du ihn mit Nahrung versorgen. Das
ist allerdings keine juristische Verpflichtung, sondern eher eine
moralische. Doch auch eine moralische Verpflichtung ist eine
Verpflichtung.

Der Ewige übt Liebe, Recht und Gerechtigkeit - auf Erden. Er,
der Hochgelobte, weilt in den Höhen, doch kümmert er sich um
seine Geschöpfe auf Erden. Das ist noch nicht alles: "daran
habe ich Wohlgefallen, ist der Spruch des Ewigen". D.h., wenn
du G~tt kennst, übst du selber Liebe, Recht und Gerechtigkeit
auf Erden. Hier geht es nicht um G~tteserkenntnis im
abstrakten, erhabenen Sinne - obwohl auch diese sehr wichtig
ist - aber nicht damit "rühmt sich der Rühmenswerte", sondern
im Wissen um G~ttes Liebe, Recht und Gerechtigkeit auf Erden
und im Wandeln in diesen Wegen. Und diese Wege stehen
jedermann offen.

Nimm die fünf Bücher Moscheh zur Hand und sieh darin Liebe,
Recht und Gerechtigkeit des Herrn der Welt, mit denen er seine
Welt lenkt. Und wer keine Zeit zum Toralernen hat, wie z.B.
Frauen, die mit den häuslichen Geboten, für die Familie zu
sorgen, mehr als ausgelastet sind - so findet sich all dies auch
in den Gebeten. Maimonides erläutert die Aufgabe des Gebetes
als darin bestehend, die großen Wahrheiten tief in die Seele
einzupflanzen. Durch den Dienst an G~tt mit dem Herzen und
mit dem Gefühl werden die theoretischen Erkenntnisse in die
Tiefe der Persönlichkeit aufgesogen. Im Gebet werden
unaufhörlich Liebe, Recht und Gerechtigkeit G~ttes erwähnt.
"Das sehe, und heilige es" (Rosch Haschana 20a). Dessen
"rühme sich, der sich rühmen mag", oder, wie es Rabbiner
A.J.Kuk ausdrückte, "G~ttes Weisheit auf Erden" (Eder
Hajakar).
 

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
 

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