MACHON MEIR
                       DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

Anschrift: Sderot Hame'iri 2, Kirjat Mosche
IL - 91032 Jerusalem ISRAEL  Tel. +972 2 6511906
Fax +972 2 6514820             http://www.machonmeir.org.il

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
Telefax: (+972 2) 6519 780
e-mail: kimizion@012.net.il
Internet: http://www.kimizion.org
(enthält Archiv der "Betrachtungen")
>>Kostenloser Antwortservice "Frag' den Rabbi"<<

Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJIKRA
Nr. 191
3. Nissan 5759

Diese Woche in der Tora (Lev. 1,1 - 5,26):
Der Opferdienst: welche Tiere oder Nahrung, wer, wo, wie und
wofür; die zentrale Bedeutung der Kohanim (Priester) und des
Wüstenheiligtums (Vorläufer des Tempels in Jerusalem).
 
"Tal Chermon"
Die richtige Himmelsrichtung
Rav Schlomo Aviner

Im Talmudtraktat "Brachot" lesen wir die Geschichte vom kranken
Rabbi Elasar, den Rabbi Jochanan besuchen kam, und ihn weinend
vorfand. Rabbi Jochanan fragte ihn nach dem Grund dieses
Gefühlsausbruches: "Vielleicht weinst du, weil du nicht viel Tora
gelernt hast? Das ist doch kein Grund, denn wir haben gelernt: Ob
viel oder wenig, wenn er nur seine Gedanken auf den Himmel
richtet" (Brachot 5b). Nicht die Menge des Lehrstoffes entscheidet,
sondern das Ausrichten der Gedanken auf unseren Vater im Himmel.

In der gleichen Gemara (17a) finden wir den folgenden Wahlspruch
der Weisen aus Jawne [Sitz des Sanhedrins nach der Zerstörung
des Tempels]: "Ich bin ein Geschöpf und mein Nächster ist ein
Geschöpf" - das heißt 'ich, der sich mit der Tora befaßt, bin ein
Geschöpf, und ebenso ist mein Nächster vom einfachen Volke ein
Geschöpf' (Raschikommentar), "meine Arbeit ist in der Stadt und
seine Arbeit ist auf dem Felde"..."Vielleicht aber sagst du: ich tue
viel, er aber wenig, so haben wir gelernt: ob man viel oder wenig tut,
wenn man nur sein Herz auf den Himmel richtet". Die gleiche
Gesellschaft umfaßt Gelehrte und Arbeiter, und beide Gruppen
haben die Pflicht, sich mit der Tora zu beschäftigen (MaHarscha
ebda.), und wenn jeder dies mit Einsatz aller seiner Kräfte tut,
"erhalten sowohl der, der viel tut, als auch der, der nur wenig tut,
den vollen Lohn" (Raschi).

Die Quelle für die oben erwähnte Deutung finden wir in der letzten
Mischna des Traktates "Menachot" (Von den Speiseopfern), die sich
auf Verse unseres Wochenabschnittes stützt: Beim Vieh-Brandopfer
heißt es (Lev.1,9): "ein Feueropfer angenehmen Geruches", beim
Geflügel-Brandopfer (Lev.1,17): "ein Feueropfer angenehmen
Geruches", und beim Speiseopfer (Lev.2,9): "ein Feueropfer
angenehmen Geruches", [d.h., alle sind G~tt gleich lieb], um dir zu
sagen: ob viel oder wenig, wenn er nur sein Herz zum Himmel
richtet. Und die Gemara bringt dazu einen Vers aus dem Buche
Prediger (5,11): "Süß ist der Schlaf des Ackerbauers [nach der
talmudischen Auslegung: des Diensttuenden, des Opferbringenden,
er braucht seine Sünden nicht zu fürchten], er esse wenig oder
viel..".

Wenn dem so ist - warum also ein großes Opfer bringen? Nun, es
versteht sich wohl von selbst, daß hier das individuelle Vermögen
maßgeblich ist. Für den Armen bedeutet eine Handvoll Mehl soviel
wie für den Reichen ein ganzes Vieh. Es ist eben alles relativ. Und
wenn jeder das in seinen Kräften Stehende tut und seine Gedanken
vollständig auf den Himmel richtet, dann gilt "ob viel oder wenig".
Jemand, der viel tun könnte, sich aber nur wenig abringt, ist sicher
nicht damit gemeint.

Es ergeben sich daraus zwei Lehren, die in gegensätzliche
spirituelle Richtungen weisen und doch einander ergänzen:
Einerseits soll man sich anstrengen, mit voller Kraft Tora zu lernen
und gute Werke zu vollbringen, andererseits muß man auch in
spiritueller Hinsicht mit seinem Teil zufrieden sein. Dies soll kein
Freibrief für Faulpelze sein, obwohl geschrieben steht: "Dir liegt
nicht ob, das Werk zu vollenden"; denn es heißt auch: "du bist aber
nicht befugt, davon müßig zu bleiben" (Traktat "Sprüche der Väter"
2,21). Über das schon Erreichte darf man sich gerne freuen, sollte
es aber als Ausgangspunkt für weitere Anstrengungen ansehen.
G~tt verlangt von niemandem mehr, als in seinen Kräften steht;
wenn also jemand wirklich geradlinig und ohne sich selbst etwas
vorzumachen, sein Potential ausschöpft, erhält er Lohn für das
Wenige wie für das Viele.

Die Bedeutung des Opferdienstes

[aus einem längeren Artikel]
1. Über die Bedeutung des Opferdienstes gibt es bei unseren nach-
talmudischen Rabbinern ("Rischonim") verschiedene Ansichten.
Maimonides (Rabbiner Moscheh ben Maimon, lebte vor etwa 800
Jahre) erklärt im "Führer der Unschlüssigen" (III,32), daß der
Opferdienstes die Entfernung vom Götzendienst zum Ziel habe: die
Tora lenkt den Menschen anhand realer, irdischer Situationen und
ihrer Beschränkungen. Die Tora ist nicht "im Himmel" (Baba Mezia
59b), sondern vom Himmel, hier bei uns auf der Erde. Ihre Regeln
berücksichtigen die Beschränkungen des Menschen und erhöhen
und erheben ihn langsam Stufe um Stufe. Zum Beispiel heißt es in
Ex.13,17: "..da führte sie G~tt nicht den Weg in das Land der
Philister, der doch nahe war; denn G~tt sprach: Es könnte das Volk
bereuen, wenn es Krieg vor sich sähe, und nach Ägypten
zurückkehren wollen", obwohl der kürzeste Weg ins Land Israel
gerade durch das Land der Philister führte. Wäre es nicht von der
göttlichen Vorsehung zu erwarten gewesen, uns auf schnellstem
Wege ins Land zu bringen, uns also auf diesem kürzesten Wege zu
befördern, selbst wenn dies das Volk zu kriegerischer
Auseinandersetzung gezwungen hätte? Wir sehen daran, daß G~tt
die psychlogische Schwäche des jüdischen Volkes berücksichtigte,
das gerade von langanhaltendem Sklavendienst befreit und noch
nicht kriegsbereit war und es deshalb einen Umweg machen läßt.

Entsprechendes gilt auch bei unserem Thema: Götzenreligionen und
deren Riten waren über die ganze Welt verbreitet, und mit ihnen das
Darbringen von Opfern, was sich auch bei den Kindern Israels
eingebürgert hatte. Die Tora, die unter anderem die Ausmerzung
des Götzendienstes zum Ziel hat, verlangt dies nicht von uns in
einem Mal. Sie berücksichtigt die Gewohnheit der Juden, Opfer
darzubringen, und befiehlt nunmehr, G~tt zu opfern, weil man nicht
auf einmal von einem Extrem zum anderen gelangen kann. Das
Ablassen vom Opferdienst wäre den Menschen gegen die Natur
gegangen. Die Opfer dienen also als Mittel und Zwischenstation auf
dem Wege der göttlichen Lenkung zur vollkommenen Einheit. [...]

2. Versuche, die Gebote rational zu begründen: In dem oben
angeführten Werk schreibt Maimonides weiter: "Es steht dem
Menschen gut an, die Gesetze der heiligen Tora eingehend zu
studieren und den Dingen nach besten Kräften auf den Grund zu
gehen...und G~tt gebot uns, daß der Mensch auch nicht eines [der
Gebote] mißachte, nur weil er dessen Begründung nicht kenne". Und
am Ende des Buches von den Opfergesetzen schreibt er: "Obwohl
alle Gesetze der Tora strikte Anordnungen sind, wie wir am Schluß
der Gesetze von der Veruntreuung an Heiligem bereits erklärt
haben, ist es angemessen, sie zu studieren, und für alles, das du
eine Bedeutung finden kannst - gib ihm eine Bedeutung. Denn
schon unsere frühesten Weisen sagten, daß König Schelomo die
meisten Bedeutungen aller Gesetze der Tora verstand". Das heißt,
der Mensch sollte sich um das Verstehen der Gebote mit seinem
rational-menschlichen Verstand bemühen, obwohl er dabei zu
beachten hat, daß dieser beschränkt ist und nicht vermag, die
letztendliche Erklärung der Dinge zu erlangen. Wenn er also etwas
nicht begreift, ist diese Sache damit nicht automatisch wertlos. Von
diesem Ausgangspunkt können wir die Methode Maimonides bei der
Erklärung der Gebote und ihrer Bedeutung verstehen.
 
 

MACHON MEIR
Jüdische Studien in Hebräisch und Englisch in jeder
Schwierigkeitsstufe, Anfängerkurse auch in Russisch
Tanach, Mischna, Gemara, Themen der jüdischen Weltanschauung
-gelockerte Atmosphäre
-religiöser Zionismus
-Emuna nach den Lehren Rav Kuks
-Anerkannte Hebräisch-Kurse (nachmittags)
Anschrift siehe oben
 

Lichterzünden/Schabbatausgang in:
Jerusalem: 17.11/18.26
Tel Aviv: 17.29/18.28
Haifa: 17.21/18.27
 

Die Ansprachen von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen können Sie jede
Woche auf hebräisch im Internet-Radio hören; das Programm und weitere Einzelheiten
erhalten Sie unter:    www.a7.org