MACHON MEIR
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT TASRIA-MEZORA
Nr. 195
1. Ijar 5759

Diese Woche in der Tora (Lev. 12,1-15,33):
Das Gebot der Beschneidung; Geburtsunreinheit und Reinigungsopfer; Ausschläge, deren Bedeutung auf
den Reinheitsstatus des Befallenen, die Begutachtung durch den Priester und die Behandlung;
Reinigungsprozedur und zugehörige Opfer; entsprechende Behandlung eines vom Aussatz befallenen
Kleides oder Hauses; entsprechende Regelungen für Ausflußleidende und die Monatsblutung.
 
 
 
Der Stand der Dinge...
Von der Unabhängigkeit zum wahren Selbst
Rav Dov Begon

Vor nunmehr 51 Jahren erlangte der Staat Israel seine politische Unabhängigkeit, womit
der Weg zur Klärung und Offenbarung des Nationalcharakters geebnet war. Bekanntlich
hat die Auferstehung des jüdischen Volkes in seinem Lande in zwei Stufen zu erfolgen,
wie es im Tischgebet heißt: "..[1.] breche unser Joch von unserem Halse und [2.] führe uns
aufrecht zu unserm Lande" - erstens "aufrecht" im Sinne des physischen National-
"Körpers", denn während des fast 2000jährigen Exils galten wir als "vertrocknete
Knochen" (Jecheskel 37.Kap.), und heute leben wir als freies Volk in eignem Lande. Die
zweite Stufe bildet die spirituelle Auferstehung, die Offenbarung der Seele Israels als "das
Volk, das ich mir gebildet, meinen Ruhm soll es verkünden" (Jeschajahu 43,21) - "Israel
verkündet den Ruhm G~ttes in der Welt" (Rabbiner A.I. Kuk).

So wie der Übergang vom Exil zur politischen Unabhängigkeit von enormen
Schwierigkeiten, Machtkämpfen und Kriegen begleitet war, bis wir schließlich über unser
eigenes Land verfügten, so wird auch die Übergangsperiode von der Unabhängigkeit bis
zur Klärung unseres wahren 'Selbst' nicht ohne innere wie äußere Probleme, Kämpfe und
Komplikationen vonstattengehen. Jede Übergangsperiode verlangt von uns ein großes Maß
an Geduld und langen Atem, bis sich die Dinge zum Schluß klären, so wie beim
Heranwachsen des Kindes zum Jugendlichen, oder vom Erwachsenendasein
zum Seniorenalter - auch hier muß man mit Problemen und Krisen fertigwerden.

Nach dem Stand der Dinge befinden wir uns auf dem Höhepunkt eines stürmisch
geführten Wahlkampfes, in dem ein Teil der Parteien und die Kandidaten für die
Führungsposition im Lande um die Macht mit dem Ziel kämpfen, das spirituelle
Erscheinungsbild des Staates zu beeinflussen. Diese Kämpfe sind ein deutlich fühlbares
Zeichen für die derzeitige Übergangsperiode von der staatlichen Unabhängigkeit zur
Klärung der eigenen Identität, der Besonderheit und der Bestimmung der israelitischen
Nation auf ihrem Wege zur Heilung und endgültigen Erlösung. Wir müssen uns selber
anstrengen und in Geduld fassen in festem Glauben an die Erfüllung des göttlichen
Versprechens "ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein" (Ex.
19,6).
 
 
Frage und
Antwort
Verstehen oder Glauben? (Forts.)
Rav Schlomo Aviner

[Frage: Gibt es rationale Antworten auf alle Fragen, die mit G~tt und Judentum zu tun
haben, oder liegen manche Dinge unfaßbar jenseits unseres Horizontes?]

Antwort: Wie wir voriges Mal erwähnten, kann der Verstand wohl zu jeder Frage eine
Antwort geben, aber nur bis zu einem bestimmten Limit. Dennoch besteht weiterhin die
freie Entscheidungsmöglichkeit des Menschen auch in Bezug auf den rationalen Beweis,
wie Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") in den "8 Kapiteln" (der Einleitung
seines Kommentares zu der Mischna "Sprüche der Väter") erklärte: Wenn der Mensch
will, erkennt er die Wahrheit, und wenn er will, begeht er einen Irrtum. Er kann nicht
geltend machen, er habe sich ohne böse Absicht geirrt, denn in spirituellen Dingen gilt
das Talmudwort (Baba Mezia 33b): "Sei vorsichtig bei der Lehre, denn bei der Lehre wird
aus dem Versehen eine Vorsätzlichkeit". Der Mensch ist sich der grundsätzlichen
Möglichkeit des Irrens bewußt, und darum sollte er gründlich lernen und weisere
Menschen als sich selbst zu Rate ziehen, bevor er sich zu einem so wichtigen Thema wie
der Existenz G~ttes eine endgültige Meinung bildet. Dem Menschen steht frei, seinen
Verstand zu benutzen oder auch nicht, die Ergebnisse seines verstandesmäßigen
Denkens zu berücksichtigen oder sie zu unterdrücken.

Als treue Schüler unseres Vorvaters Awraham beziehen wir unser G~ttesverständnis nicht
aus verstandesmäßigen Beweisen oder Rückschlüssen aus der materiellen Welt, sondern
aus den innersten Quellen unserer Seele.

Wie gesagt steht es dem Menschen frei, an G~tt zu glauben oder seine Existenz
abzustreiten. Zwar ruht der Glauben tief in seiner Seele, doch kann der Mensch darüber
entscheiden, ob er mit ganzer Kraft ihm anhängen oder aber ihm widerstreben will.

Man muß sich vergegenwärtigen, daß sich der Glauben an G~tt nicht nur in geistigen
Sphären abspielt, sondern auch praktische Handlungen nach sich zieht. "Anhängen an
G~tt" bedeutet Anhängen an seinen Eigenschaften. Die Verse "So spricht der Ewige:
Nicht rühme sich der Weise seiner Weisheit, und nicht rühme sich der Starke seiner
Stärke, und nicht rühme sich der Reiche seines Reichtums. Sondern des rühme sich, wer
sich rühmen mag: einzusehen und mich zu erkennen, daß ich der Ewige Liebe, Recht und
Gerechtigkeit übe auf Erden; daß ich daran Wohlgefallen habe - ist der Spruch des
Ewigen" (Jirmijahu 9, 22-23) erklärt Maimonides am Schluß seines Buches "Führer der
Unschlüssigen" damit, daß das Wissen um G~tt in Liebe, Recht und Gerechtigkeit zum
Ausdruck kommen muß.

Schlechte Charaktereigenschaften wirken wie ein Bollwerk vor dem Glauben, ebenso ein
verwirrtes Vorstellungsvermögen und Trägheit des Verstandes, und manchmal entsteht
ein monströses Glaubenszerrbild durch falsche Vorstellungen des Menschen aus
Dummheit, Bosheit und durch einen verdorbenen Charakter. Je mehr sich der Glauben
von diesem Ballast befreien kann, umso besser kann sich ihm der reine Menschenverstand
annähern.

Blinder Glauben ist der Glauben eines Menschen, der den rationalen Überlegungen aus
dem Wege geht und sich so selbst betrügt. Im Gegenteil - jeder muß
Glaubensangelegenheiten mithilfe seines Verstandes klären, so gut er eben kann. Doch
wie wir oben erwähnten, ist der Verstand blind im Verhältnis zum Glauben, zur Emuna!
Die Emuna führt zu weit tiefgehenderer und erleuchtenderer Erkenntnis als der Verstand.
Auch manche dem Verstand untergeordnete Sinne wie das Sehen können in bestimmter
Beziehung zu klarerer Erkenntnis gelangen. In der Winternacht des Nordpols könnte man
vielleicht die Sonne ganz vergessen, in unseren Gefilden aber, wo sie sich täglich zeigt,
braucht sicher niemand Beweise ihrer Existenz. Wir sind ja nicht blind! Die Emuna
entspricht dem deutlicheren, klareren Sehen gegenüber dem verstandesmäßigen Beweise,
der rationale Verstand ist nur ein kleiner Schüler der Emuna. Awraham Awinu war ein
großer Denker, doch darüberhinaus verfügte er über den klaren Durchblick der Emuna.

Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen können Sie jede
Woche auf hebräisch im Internet-Radio hören; eine Programmvorschau
(auch für englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel) erhalten Sie unter:
http://www.a7.org
 
 
 
Am Schabbes-Tisch...
Am achten Tag
Rav Asri'el Ari'el

Bekanntlich unterscheidet sich das jüdische Volk von allen anderen Völkern besonders im
Gebot der Beschneidung. Eigentlich ist dieses Gebot schwer zu verstehen; die
Feststellung, daß ein jüdischer Mensch verbesserungsbedürftig in mangelhaftem Zustand
geboren wird, und man muß ihm erst die Vorhaut entfernen, damit er ein vollgültiges
Mitglied der Gemeinschaft werden kann - hat gewisse ideologische Tücken. Kann man
sich überhaupt vorstellen, daß dem Schöpfer bei der Krönung seines Werkes - dem
Menschen - ein Fehler unterlaufen sein soll, Ausschußware sozusagen, den der Mensch
eigenhändig reparieren muß?!

Diese Frage hat schon eine lange Geschichte hinter sich. Sie kam bereits anläßlich der
theologischen Disputation zwischen Rabbi Akiwa, dem größten der talmudischen Weisen,
und dem bösen römischen Statthalter Turnusrufus [Tinejus bzw. Tyrannos Rufus; vor etwa
1800 Jahren] auf. Der Dialog wird vom Midrasch Tanchuma wie folgt wiedergegeben:

"Der böse Turnusrufus fragte Rabbi Akiwa: Wessen Werke sind wohlgefälliger - die des
Herrn der Welt, oder von Fleisch und Blut?
RA: Von Fleisch und Blut...
TR: Warum beschneidet Ihr die Neugeborenen?
Da legte Rabbi Akiwa eine Ähre und ein Brötchen vor ihm hin und sagte: Jene ist das
Werk G~ttes und dies von Menschenhand - ist es nicht gefälliger als die Ähre?!
TR: Wenn er also die Beschneidung so sehr wünscht, warum kommt dann das Kind nicht
schon beschnitten zur Welt?
RA: Und warum kommt es mit der Nabelschnur heraus, und die Mutter muß sie
entfernen? Vielmehr gab G~tt den Juden die Gebote, um sie dadurch zu veredeln".

Auf den ersten Blick scheint die Behauptung des Statthalters einleuchtend. Sie birgt
jedoch einen großen Stachel - wenn schon der Mensch perfekt geschaffen wurde, muß
man daraus schließen, daß erst recht die übrige Schöpfung perfekt ist. Wenn wir nun darin
Fehler und Mängel, Leiden und Schlechtigkeit wahrnehmen, kann es sich nur um eine
optische Täuschung handeln. Die Welt ist schließlich eine göttliche Schöpfung, mit allem
Drum und Dran! So bleibt für den Menschen keine andere Rolle, als das Leben zu
genießen...

Doch Rabbi Akiwa sieht die Sache ganz anders. Er weiß, daß die Welt nicht perfekt
geschaffen wurde. Im Gegenteil, sie wurde mit Absicht unvollkommen geschaffen. G~tt
konfrontierte uns mit der Herausforderung, sie nach seinen Weisungen und in seinem
Auftrag zu vervollkommnen. Mit der Beschneidung verkündet der Israelit seinen Mangel
und seine Aufgabe, diesen zu beheben. Die Beschneidung, Brit Mila, zeigt dem Juden und
durch ihn der Welt, daß sein Leben die Herausforderung enthält, als Partner des Herrn
der Welt bei der Schöpfung der Welt mitzuwirken und sie zu ihrer Vervollkommnung zu
bringen.
 

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