MACHON MEIR
                       DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL

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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT SCHOFTIM
Nr. 212
2. Elul 5759
 

AUF DEUTSCH:
DIE TOLERANZ
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
NEU Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
 

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 16,18-21,9):
Regierung: Richter, König, Priester, Propheten; Warnung vor
Götzendienst, Erkennen und Bestrafen desselben - Zeugen;
Wiederholung Totschlägergesetze, -städte; Betrug durch
Verschieben von Landmarkierungen; intrigierende Zeugen;
Gesetze der Kriegführung; Gebot der Vernichtung der
Ka'aniter; die Leiche im Feld/Mörder unbekannt
 
 
Am Schabbes-Tisch

Nicht weiche rechts noch links...

Rav Asri'el Ari'el

"..du sollst von dem Ausspruch, den sie dir verkünden, nicht
rechts noch links abweichen" (Dt. 17,11) - das sagt die Tora im
Zusammenhang mit dem Großen Gerichtshof (Sanhedrin). Der
Raschikommentar erklärt dieses Gebot nach den talmudischen
Weisen: "selbst wenn er dir von rechts sagt, es sei links, und
von links, es sei rechts".

Dieses Gebot hat schon in allen Generationen Verwunderung
ausgelöst, und erst recht natürlich in unserer, die nicht so leicht
höhere Autorität zu akzeptieren gewillt ist: Wie kommt es, daß
hier ein so unbedingter Gehorsam gefordert wird? Warum muß
man auf das Gericht hören, auch wenn dem Betreffenden
absolut klar ist, daß das Gericht sich irrte?

Zuersteinmal hat auch dieser Bereich seine logischen
Begrenzungen. Im Talmud (Jewamot 92a) heißt es
ausdrücklich, wenn das Gericht den Sonnenuntergang
verkündete, und am Ende schien die Sonne, so hat dieser
Richterspruch keine Wirkung, es handelt sich vielmehr um
einen Irrtum. In diesem Fall braucht man dem Gericht keinen
Gehorsam zu leisten. Wann ja? Wenn es sich um gesetzliche
Abwägungen handelt und nicht um Feststellung einer Realität,
die jeder mit eigenen Augen nachvollziehen kann.

Zurück zu unserer Frage. Dazu gibt es verschiedene
Antworten: Das "Sefer HaChinuch" (dessen Autor zu den
Rischonim zählte und alle 613 Gebote kommentierte) erklärte,
G~tt wisse, daß auch das Sanhedrin irren könne; wenn man
aber alles im großen Zusammenhang sehe, wird ganz offenbar,
daß die Zahl der Irrtümer des Sanhedrins unendlich kleiner
ausfalle als die Irrtümer derjenigen, die glaubten, das
Sanhedrin habe geirrt. Darum "schlucke" man lieber einige
wenige Fehler des Sanhedrins als viele Fehler vieler
verschiedener Leute. Darüberhinaus handeln so wenigstens
alle einheitlich nach einer eindeutigen Lehre, und nicht jeder
nach seiner privaten Auslegung.

Nach der Ansicht von Rabbi Jehuda Halevi (lebte zu Beginn
der Periode der Rischonim) genießt das hohe Gericht, das
seinen festen Platz auf dem Tempelgelände ("Lischkat
haGasit", Quaderhalle) hatte, besondere göttliche
Unterstützung bei allen seinen Entscheidungen. Diese göttliche
Hilfe findet sich nicht bei anderen Menschen, und wenn ihnen
demnach sonnenklar scheint, daß ein Gerichtsirrtum vorliegt,
so ist dennoch anzunehmen, daß nicht das Gericht, sondern
der, der dessen Entscheidung anfechtet, irrt.

Diesen Erklärungen läßt sich noch eine weitere Dimension
hinzufügen, ähnlich dem Kommentar "Kli Jakar" (Rabbiner
Schlomo Efraim aus Luntschütz, vor etwa 400 Jahren):

Sich widersprechende halachische Entscheidungen gelten
allesamt als G~ttes Wort. So heißt es über die Entscheidungen
der Schule Schammais und der Schule Hillels, die
gegeneinander stritten: "[Die Worte] der einen und der anderen
sind Worte des lebendigen G~ttes" (Eruwin 13b). Jede
Entscheidung betont einen anderen und unterschiedlichen
Aspekt des Wortes G~ttes, und wo es sich um halachische
Entscheidungen handelt, irrt keine der Seiten. Es geht hier um
eher wesentliche und eher nebensächliche Punkte. Manchmal
umfaßt die eine Entscheidung einen weiten Bereich, die andere
ein eng umgrenztes Feld. Keine der Ansichten aber kann man
als Irrtum bezeichnen.

Eine halachische Entscheidung bedeutet nicht, daß alle
anderen Ansichten falsch seien, sondern nur, daß das
Sanhedrin gerade die endgültig getroffene Entscheidung in der
Praxis verwirklicht sehen will. Man kann davon ausgehen, daß
die Sanhedrinsmehrheit den wahren Kern des Problems
erkannt und behandelt hat, einmal, weil es sich um die
Mehrheitsmeinung handelt, zum anderen, weil das Sanhedrin
göttliche Unterstützung genießt. Wer eine andere Ansicht als
die des obersten Gerichtes vertritt, muß sich nicht unbedingt
irren, auch seine Meinung kann vollkommen in der Tora
begründet sein. Doch die halachische Entscheidung, die das
ganze Volk Israel bindet, ist die des hohen Gerichtshofes in
Jerusalem. Darum ist dessen Weisungen zu folgen, selbst
wenn er dir auf links rechts sagt.
 
 
Frage und Antwort

Alternative Medizin
oder
Die Taube auf dem Bauch...

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Ist alternative Medizin "koscher"?

Antwort: Die alternative Medizin gewinnt mehr und mehr
Anhänger unter der Behauptung, daß die herkömmliche,
anerkannte Medizin zu häufig versage. Das ist ein großer
Unsinn. Natürlich gibt es Mißerfolge. Bei jeder Sache auf der
Welt gibt es Fehlschläge. Das Problem liegt darin, daß man bei
der herkömmlichen Medizin die Mißerfolge groß
herausposaunt, bei der alternativen Medizin hingegen die
geglückten Heilungen. Das ist eine glatte Lüge. Man muß die
Ergebnisse systematisch untersuchen und dann Vergleiche
anstellen. Es zeugt von vollkommener Verantwortungslosigkeit,
sich nur auf die alternative Medizin und die Intuition des
Heilers zu verlassen, der aufgrund seines persönlichen
Gefühles und ungeprüfter Theorien die Therapie bestimmt, und
der herkömmlichen Medizin den Rücken zu kehren, in die auf
der ganzen Welt doch ganz unvorstellbare Mittel und
Anstrengungen zum Wohle der ganzen Menschheit investiert
werden - und so gibt es dann auch himmlische Hilfe und
ausgezeichnete Ergebnisse.

Natürlich sind wir nicht aus Prinzip gegen die alternative
Medizin. Wenn sie wirksame Heilungen vorweisen kann, denen
die herkömmliche Medizin zustimmt, um so besser.

Auch die Abteilungen für alternative Medizin, die seit Neuerem
in Krankenhäusern und örtlichen Kliniken eingerichtet wurden,
können nicht als Beweis für eine besondere Wirksamkeit
herhalten, denn diese sind vielmehr ein Ausdruck der
Marktwirtschaft - wo eine Nachfrage besteht, schafft man ihr
ein Angebot.

Grundsätzlich muß man die Angelegenheit wissenschaftlich
angehen, und nicht punktuell: X wurde ein Jahr lang von
regulären Ärzten erfolglos behandelt, und sieheda, ein
Naturheiler machte ihn in kürzester Frist gesund. Auch das ist
Unsinn. 1. Vielleicht zeitigte die konventionelle Behandlung
erst nach einem Jahr ihre Wirkung, oder 2. Y hätte vielleicht
ganz anders auf die Behandlung reagiert.

Das jüdische Gesetz (Halacha) schreibt vor, sich der allgemein
akzeptierten, anerkannten und erprobten Medizin zuzuwenden.
Wenn diese bestimmte Dinge von anderen Heilkunden
übernimmt, so werden diese automatisch konventionell. Im
Schulchan Aruch wurde entschieden, daß man zu regulären
Ärzten gehen soll, das ist erlaubt, Gebot und Pflicht. Auch heißt
es dort, daß man den Arzt bezahlen muß, selbst wenn er viel
Geld verlangt, denn er "verkauft seine Fachkenntnisse" - und
diese Fachkenntnisse werden bekanntlich sehr geschätzt.
Viele der größten Rabbiner waren von Beruf Ärzte, z.B.
Maimonides, Nachmanides und Rabenu Jona (von den
Rischonim vor ca. 800 Jahren), die gemäß der damaligen
konventionellen Medizin heilten. Darum ist die Bezeichnung
"alternative" Medizin irreführend. Man sollte sie "ergänzende"
Medizin nennen. Wer sich zusätzlich zur, nicht anstelle der,
konventionellen Medizin einer alternativen Behandlung
unterzieht, soll es ihm zum Segen gereichen.

Einst erkrankte ein Toragelehrter an der Gelbsucht und litt
lange Zeit, bis seine Schüler ihn bedrängten, die Heilung durch
Tauben zu versuchen. Diese Therapie entstammt einem
jüdischen Buch von Heilmitteln und Körpern, denen eine
Heilkraft zugesprochen wird, hat ihren Ursprung aber weder in
heiliger Inspiration noch in den talmudischen Schriften,
sondern in den Heilmethoden jener Zeit. Es gibt viele Zeugen
über den Erfolg dieser Methode, der sich allerdings schwer
beweisen läßt, da jeder irgendwann sowieso von dieser
Krankheit gesundet. Wie dem auch sei, dieser Toragelehrte
gab dem Druck der besorgten Schüler schließlich nach und
stimmte der Behandlung zu, unter der Bedingung, daß zwei
reguläre Ärzte anwesend seien. Es kam also ein Jude mit den
Tauben und begann die Behandlung. Dazu wird der Taube der
After glattrasiert, und dann setzt man sie mit selbigem auf den
Bauchnabel des Patienten - worauf sie stirbt. Das gilt jetzt als
Beweis, daß sie die Krankheit in sich aufgesogen habe. So fuhr
man fort, bis fünf Tauben verendet waren; die sechste blieb am
Leben, also war der Patient von seiner Krankheit befreit. Die
Ärzte begutachteten die toten Tauben und diagnostizierten Tod
durch Ersticken. Allerdings hatte der Heiler sie gar nicht
gewürgt, vielmehr hielt er sie mit ganz außerordentlichem
Feingefühl. Auf jeden Fall fühlte sich der Patient kein Stück
gesünder und zeigte auch sonst keine Anzeichen einer
Besserung. Nach einiger Zeit bedrängten ihn die Schüler
wiederum, er gab nach und auch diesmal waren Ärzte
anwesend. Nach der ersten Taube verlangte der Patient zu
allseitiger Überraschung: Jetzt setzt mal eine Taube einem
Gesunden auf den Bauch! - und auch diese starb. Darauf sagte
der Rabbi: Hört erstmal mit der Behandlung auf und bringt mir
aus der Universität ein Buch über die Physiologie der Tauben.
Da sagten die Ärzte: Was ein echter Toragelehrter ist, der wird
dem Geheimnis schon auf die Spur kommen. Dem Weisen war
ja nicht entgangen, daß die Tauben erstickt waren und nicht an
Gelbsucht starben, die sie angeblich aufgesogen hatten. So
fand er schließlich heraus, daß an der Atmung das Zwerchfell
beteiligt ist und daß zu dessen Funktionieren der Taubensterz
frei beweglich sein muß, anderenfalls der Vogel erstickt. Was
die überlebende Taube angeht, so handelte es sich wohl um
ein besonders kräftiges Exemplar, und vielleicht hatte man sie
auch nicht so sehr angedrückt. Zur Prüfung hätte man nach der
überlebenden Taube noch eine weitere Taube benutzen sollen.

Jedenfalls lernen wir daraus, daß man exakte vergleichende
Versuche anstellen muß und sich nicht auf allerlei seltsame
Zufälle verlassen darf.

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
 

Finanzier gesucht:
Zur Herausgabe ausgewählter Kommentare zur Parscha und
anderen jüdischen Themen von Rabbiner Schlomo Aviner in
Buchform auf deutsch werden Spender gesucht, die z.B. das
Andenken von Angehörigen auf diese Weise ehren wollen.
(Kosten für Hardcover /Taschenbuchformat ca. DM 5000,-
/Auflage v.1000 St.). Interessenten werden gebeten, sich mit
der deutschen Redaktion (s.o.) in Verbindung zu setzen.

Bereits erschienen (Auswahl):

MACHON MEIR
Jüdische Studien in Hebräisch und Englisch in jeder Schwierigkeitsstufe,
Anfängerkurse auch in Russisch
Tanach, Mischna, Gemara, Themen der jüdischen Weltanschauung
-gelockerte Atmosphäre
-religiöser Zionismus
-Emuna nach den Lehren Rav Kuks
-Anerkannte Hebräisch-Kurse (nachmittags)
Bitte richten Sie Ihre Anfragen an obige Anschrift von
MACHON MEIR

Lichterzünden/Schabbatausgang in:
Jerusalem: 18.49/20.04
Tel Aviv: 19.07/20.06
Haifa: 19.01/20.07