MACHON MEIR
DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT NEZAWIM-WAJELECH
Nr. 215
23. Elul 5759
AUF DEUTSCH:
DIE
TOLERANZ
Über
die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das
Gebot der Einwanderung nach Israel
Der
Holocaust
DAS
VOLK ISRAEL
Politik
und Judentum
Die
Tora und der Mensch
NEU Die
Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
AUF HEBRÄISCH:
"Schall
und Ru'ach"
Kurze Vorträge
von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten
Themen,
zum Zuhören
online
Diese Woche in der Tora (Dt. 29,9-31,30):
Das ganze Volk am Bund mit G~tt beteiligt,
nochmalige
Ermahnung zur Einhaltung der Gebote, göttliches
Versprechen,
auch nach schwerer Strafung zu G~tt und
Land
zurückzukehren. Moschehs 120. Geburtstag,
moralische
Unterstützung für seinen Nachfolger,
Jehoschua, Ausblick auf
die Zukunft, Wohlstand wird zur Abwendung
von G~tt und
Strafe führen.
| Frage
und Antwort
Haß und Liebe Rav Schlomo Aviner
|
![]() |
Frage: Worin unterscheiden sich grundloser Haß und
"normaler" Haß?
Antwort: Es kann schon mal vorkommen, daß einer den
anderen haßt, weil er ihm einen Schaden zufügte, weil er
ihn
ärgerte oder beleidigte. Doch auch in solchen Fällen löst
man
das Problem nicht auf diese Weise, sondern durch ein
gemeinsames Gespräch, durch Ermahnung, durch Erklärung,
aber nicht durch ewiges Nachtragen. Immerhin hat der Haß
hier einen Grund.
Grundloser Haß hingegen hat, wie der Name schon sagt,
keinen äußerlichen Grund, sondern entspringt dem Charakter.
Der Betreffende mißtraut allem Andersartigen. Er fürchtet
sich
vor jedem, der anders denkt und handelt als er. Er sieht in ihm
den Staatsfeind und Weltzerstörer, den Gegner aller Existenz
und der Menschheit. Er haßt ihn wegen seiner ideologischen
Distanz. Das heißt "grundlos". Er kennt den anderen gar nicht,
sprach kein einziges Mal mit ihm, kennt weiß nichts von seinen
Taten, seinen Eigenschaften und seinen Besonderheiten, doch
weil er anders denkt und einer anderen Richtung angehört,
haßt er ihn.
Genau das zerstörte den Tempel und unsere Herrschaft.
Sicher unterscheidet sich ein Jude vom anderen, ihre
Gesichter unterscheiden sich, und ihre Ansichten
unterscheiden sich, ebenso ihre Ziele und ihre Gefühle - das ist
doch ganz natürlich. Auf dem ganzen Erdball gibt es keine zwei
Menschen, die sich in jeder Sache vollkommen einig wären,
und das birgt die Quelle für Haß bis hin zu Gewalttätigkeiten.
Selbst mit sich selbst eins zu sein, ein ausgeglichener Mensch,
ist nicht immer selbstverständlich.
Gewalt ist immer verboten, ob es sich um physische, wörtliche
oder gedankliche handelt. Haß ist verboten! Nun wird jeder
sofort fragen: Muß man denn immer zustimmen, schweigen und
wegschauen, wenn die andere Seite alles Gute zerstört?!
Natürlich nicht. Man darf diskutieren, einen ideologischen Streit
führen - aber ohne Haß. Alles hat seine Grenzen. Vor dem
Unabhängigkeitskrieg gab es scharfe
Meinungsverschiedenheiten. Die jüdische Selbstverwaltung
und die "Haganah" ("Verteidigung") hielten es für notwendig,
mit den Engländern zusammenzuarbeiten, um einen eigenen
Staat zu erhalten. Demgegenüber hielten "I.Z.L." (Irgun Zwa'i
Le'umi, "Militärische nationale Organisation") und "L.Ch.I."
(Lochamej Cherut Israel, "Kämpfer der Freiheit Israels")
die
Briten für eine Verbrecherbande und für Verräter, die
es zu
bekämpfen galt, wenn man einen eigenen Staat wollte. Das
kann man wohl eine scharfe Meinungsverschiedenheit nennen.
Doch leider glitten die Dinge in Haß, Denunziation,
Beleidigungen und sehr bedauerliche Taten ab. Damals trat
unser Lehrer Rabbiner Zwi Jehuda Kuk zum ersten Mal mit
einem Artikel an die Öffentlichkeit: "Wo ist mein Bruder?". Wir
dürfen nicht vergessen, daß wir Brüder sind. Man darf
diskutieren, fordern, kritisieren, mit Nachdruck auf einem
Standpunkt bestehen, doch alles innerhalb von bestimmten
Grenzen. Ohne Haß, ohne Schimpf und ohne Gewalt.
Streit der Meinungen ist möglich, Streit der Herzen nicht. Nur
nicht hassen, nicht übertreiben und nicht über das Ziel
hinausschießen. Auch die schärfste Kritik rechtfertigt nicht
die
Umwandlung der Gegenseite in ein Stereotyp, in ein Monster
oder eine Karikatur, indem man ihr Dinge andichtet, um sie
besser bekämpfen zu können. Keine Vorurteile: die Relgiösen
sind so, die Nichtreligiösen so, die Aschkenasim so und
die
Sefardim so. Man muß sich an die Wahrheit halten!
Keiner hat behauptet, daß man die Wahrheit beschönigen soll,
im Gegenteil, man muß sich an die reine Wahrheit halten und
das Gesamtbild berücksichtigen. "Beurteile alle Menschen
nach der guten Seite" (Mischna "Sprüche der Väter", 1.Kap.,
6). Der Rabbi von Gur, Autor des Buches "Diwrej Emet"
("Worte der Wahrheit"), sagte einmal: "Wenn du über einen
Menschen in seiner Gesamtheit urteilst, so ist dies immer zur
verdienstlichen Seite. Halte dich nicht nur an eine Seite seines
Charakters, als machte sie den ganzen Menschen aus. 'Ja, da
ist kein Mensch gerecht auf Erden, der das Gute tue und
nimmer fehle' (Kohelet 7,20). Schaue nicht auf seinen
Schmutzfleck mit dem Vergrößerungsglas. Berücksichtige
auch
seine guten Seiten".
Es kann nicht sein, daß der Gegner, den du bekämpfst, keine
guten Seiten hat. Wäre er durch und durch schlecht, wäre
er
schon längst von der Bildfläche verschwunden. Er hält
sich nur
wegen seines Anteils an Wahrheit und Recht. Auch das Böse
auf der Welt, das ständig das Gute zu verdunkeln sucht, hält
sich nur durch die Funken aus den höheren Sphären, die es
bei sich gefangen hält.
Vor allem sollten wir uns vor Augen führen, daß die
Gemeinsamkeiten bei weitem das Trennende überwiegen; wir
sind das Volk Israel, wir sind Brüder, ein einziges Fleisch und
Blut, Brüder im Kampf gegen die Feinde und Brüder in der
Freude.
Nicht das Gemeinsame zu betrachten bedeutet Einseitigkeit,
Oberflächlichkeit, fehlenden Durchblick, Zusammenbruch der
Persönlichkeit, gestörte Beziehungen durch Verallgemeinerung
der negativen Aspekte, Verlust des Glaubens, Verlust des
Glaubens an das jüdische Volk und an unsere Generation.
Haben wir denn hier nicht offensichtlich eine ganz
ausgezeichnete Generation vor uns?! Eine Generation, die
Wunder vollbrachte, vollbringt und noch vollbringen wird?
Wenn diese Klarheit verschwimmt, beginnt der grundlose Haß.
Wer nur ein wenig anders ist, wird zum Feinde.
Rabbiner Naftali Z.J. Berlin (Leiter der Woloschiner Jeschiwa
vor etwa 100 Jahren) schrieb in der Einleitung zu seinem Buch
"Ha'emek Dawar", daß wenn man einen Juden mit einer etwas
anderen Weltanschauung sah, mit einem etwas anders
gefärbtem Käppchen, den Bart oder die Pejes etwas
länger
oder kürzer, die Kleidung nicht ganz genau wie gewohnt, sofort
entschieden wurde: ein Ketzer und Spötter, ein Apikores!
So
glauben auch heute einige Leute, daß ein etwas anderer
Lebensstil das Belegen mit einem Stigma rechtfertigt. In
Wirklichkeit ist es jedoch bloß Einseitigkeit, Kleingeistigkeit
und
Oberflächlichkeit!
Erinnern wir uns, daß wir alle Juden sind, daß wir alle
dem
gleichen großen und heiligen Volk angehören, das die
Weltgeschichte auf seinen Schultern trägt.
Gegen andere Ansichten darf man schon ankämpfen, doch wie
es Rabbiner A.J. Kuk seltsam ausdrückte, als "Bruderkrieg" -
im positiven Sinne, ein Krieg zwischen Zweien, die sich bewußt
sind, Brüder zu sein und einander lieben. Das Gemeinsame zu
sehen spiegelt Einsicht wieder, wirkliche Wissenschaft, und auf
diesem Wege gelangt man zur grenzenlosen Liebe.
Weitere Kommentare
von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige
Sendungen und Nachrichten aus Israel
| Am
Schabbes-Tisch
Rabbiner Kuk und die Umkehr Rav Jakov Ari'el |
![]() |
Um das Prinzip von der Umkehr (Tschuwa) verstehen zu
können, müssen wir uns etwas eingehender damit
beschäftigen. Dazu benötigen wir die Hilfe des größten
"Dichters der Umkehr", des Dichters des Lebens, des
Wiedererstehens, der vor ihrer Erlösung stehenden Seele des
jüdischen Volkes. Er, der die Umkehr in höchste Höhen
erhob
und ihr Fundamente in den Tiefen der Seele schuf - Rabbiner
Awraham Jizchak HaKohen Kuk. Der Tradition früherer
Kommentatoren folgend, konzentrierte sich Rabbiner Kuk auf
den Gedanken der Tschuwa und sah darin nicht nur einen
persönlichen Vorgang bei einer einzelnen Person, ja nicht
einmal die nationale Entwicklung eines ganzen Volkes;
vielmehr einen gewaltigen kosmischen Prozeß, der das ganze
Universum umfaßt. Die Umkehr stellt nach seiner Ansicht nicht
nur die zufällige Entscheidung eines Einzelnen oder einer
Gruppe dar, ihr Verhalten zu ändern, vielmehr handele es sich
dabei um eine natürliche Entwicklung, der die ganze Welt
unterliegt, ob willentlich oder unwillentlich, sowohl diejenigen,
die über freie Entscheidung verfügen, als auch diejenigen,
die
nicht über den Instinkt hinausgelangen. Zweifellos ragt der
Mensch mit Bewußtsein und freier Entscheidungsmöglichkeit
weit über den natürlichen Prozeß hinaus und überspringt
einige Stufen zur Spitze der Rangleiter. Doch auch an der
Wurzel der persönlichen, individuellen Tschuwa befindet
sich
der natürliche Vorgang, auf dem die gesamte Schöpfung fußt.
"Die Tschuwa ging der Welt voran", denn sie ist der Rahmen,
in dem die Welt geschaffen wurde und in dem sie existiert. Die
Welt wurde in Stufen geschaffen, von unten nach oben,
angefangen von Licht und Wasser, über die leblosen
Feststoffe, die Pflanzen und die Tiere bis hin zum Menschen,
wobei der Vorgang durch ein Bestreben zur Weiter- und
Höherentwicklung angetrieben wird. Die Kraft, die alles Leben
bewegt, ist die Tschuwa. Heute wie eh und je entwickelt sich
die Welt weiter, jedes Geschöpf auf seine Art und Weise, allen
voran der Mensch mit seiner Erkenntnis und freien Wahl.
Jeder, der nur zu schauen versteht, erkennt eine
Weiterentwicklung in allen Bereichen des Lebens: in der
Gesellschaft, in der Wirtschaft, in der Kultur, in der
Wissenschaft und in der Technologie. Woher kommt dieser
unaufhörliche Antrieb zu verbessern, zu entwickeln und
voranzukommen? Warum sind die Menschen nicht fähig, sich
mit dem Erreichten zu begnügen und in einem statischen
Zustand zu verharren? Woher der Mangel an innerer Ruhe, die
Dynamik, das Streben, neue Dinge zu entdecken, alle
Lebensbedingungen ständig funktionsfähig zu erhalten und
zu
verbessern? Dafür gibt es keine rationale Erklärung. Der
Mensch hat auch kein klar gestecktes Ziel. Er wird wie
zwangsläufig vorangetrieben, auf scheinbar blinde Weise, sich
und andere zu ändern, voranzukommen und voranzubringen.
Manchmal bringt der Fortschritt Terror und Zerstörung mit sich,
manchmal wiederum Verbesserungen und Wohltaten. Doch der
Prozeß selber ist ein natürlicher, unaufhaltsamer. Nach
Rabbiner Kuk gibt es nur eine Reaktion auf dieses wunderbare,
gewaltige Phänomen - nämlich Tschuwa.
Dieser große Vorgang dient einem einzigen Ziel: "..wenn du
zurückkehren wirst zu dem Ewigen deinem G~tte" (Dt. 30,10).
Die Bestimmung liegt nicht nur in äußerlichem Fortschritt,
sondern vor allem in innerem, spirituellem, ethischem und
religiösem Fortschritt. In der Natur kommt körperliche
Entwicklung vor der seelischen. So wächst jeder Mensch auf:
Erst der Körper, dann der Verstand mit seiner moralischen
Verantwortlichkeit und seinen geistigen Bestrebungen. So auch
die gesamte Menschheit. Nach dem Erlangen der seelischen
Reife wird sie die Hauptkraft des Fortschritts auf den
spirituellen Bereich lenken. Darum sehen wir den
wissenschaftlichen, technologischen, gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Fortschritt als etwas Positives, obwohl er
scheinbar doch in vielen Fällen unseren spirituellen und
ethischen Wertvorstellungen fremd, wenn nicht gar feind ist.
Doch wir erkennen darin die natürliche Entwicklung, die uns am
Ende die Hauptsache, den spirituellen Fortschritt bringen wird.
Mit dem Prozeß der Rückkehr des jüdischen Volkes verhält
es
sich ganz ähnlich. Zu Anfang handelt es sich um eine rein
materielle Entwicklung: Rückkehr ins Land, zum Boden, zu den
lebensnotwendigen Rahmenbedingungen. Im weiteren Verlauf
erfolgt dann die Rückkehr zur Tora, zur Heiligkeit (Keduscha)
und zur Reinheit (Tahora) - und am Ende zur vollständigen
Erlösung.
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