MACHON MEIR
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT NASSO
Nr. 200
7. Sivan 5759  (außerhalb Israels 2. Tag Schawuot)

NEU AUF DEUTSCH:
DIE TOLERANZ
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
 

Diese Woche in der Tora (Num. 4,21-7,89):
Weitere Aufgabenverteilung für den Stiftszelttransport;
Prozedur für Ehebruchsverdächtigte; Enthaltungsgelübde und
deren Opfervorschriften; die Gaben der Stammesfürsten zur
Einweihung des Wüstenheiligtums (Stiftszelt).
 
 
 
Frage und Antwort

Tora-Wissenschaft

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: In den Jeschiwot macht sich immer stärker die Neigung
zur wissenschaftlichen Lernmethode der Universitäten
bemerkbar, z.B. beim Tanach(=Bibel)studium; es geht um
Quellenvergleiche, geschichtliche Anmerkungen, Stilanalyse,
moralische Kritik und sogar Sinn für Ästhetik. Eigentlich ist
doch nichts dabei, denn schließlich wollen wir unser Wissen
vermehren - oder etwa nicht?

Antwort: Natürlich wollen wir Wissen vermehren - schrieb unser
Lehrer Rabbiner Zwi Jehuda Hakohen Kuk in seinem Aufsatz
"Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den jüdischen
Quellen" ("LeNetiwot Israel" II, S.242/3). Damit beschäftigen wir
uns in den Jeschiwot Tag und Nacht, mit dem Wissen der Tora,
der Mischna, der Gemara und der Halacha. Wir sind echte
Wissenschaftler, bemüht um das Lernen und die Forschung,
um Verstehen und Erkenntnis. "Wir sind doch daran
interessiert, die jüdischen Quellen zu erlernen und zu
verstehen. Setzen wir uns denn nicht mit ihnen in der Absicht
auseinander, sie zu kennen?!" Vielmehr kommt es auf den
Ausgangspunkt an. Sehen wir den Stoff vom ersten bis zum
letzten Buchstaben als himmlische Lehre an, oder halten wir
ihn für Menschenwerk? Es gibt Gelehrte, die die Bibel als
Produkt menschlichen Denkens ansehen, etwa als literarisch-
historischen Text. Sie fühlen sich über ihn erhaben, und sie
entscheiden nach eigenem Gutdünken, ob ein bestimmter Teil
als wahr und ethisch akzeptabel anzusehen ist. Diese
"Methode der Auseinandersetzung mit den Quellen Israels, mit
dem Tanach, mit dem Talmud und mit den Aggadot
(Gleichnissen) ist gänzlich indiskutabel".

Diese unsinnige Methode nennt sich "Wissenschaft", ihre
Vertreter behaupten in ihrer grenzenlosen Arroganz das
Monopol auf Wissenschaftlichkeit, und kanzeln das in den
Jeschiwot Gelernte als unwissenschaftlich ab.

Für diese Art des Torastudiums gilt nicht der Spruch, daß die
ihr inhärente Erleuchtung schon das Ihre tun werde, d.h. diese
"Wissenschaftler" auf den richtigen Weg zu bringen, denn der
Betreffende schottet sich vor dem Lichte ab, indem er ja dem
Text mit Verächtlichkeit begegnet und der Forscher letztendlich
darüber entscheidet, ob ihm irgendein Wert beizumessen ist
(siehe Maimonides, "Mischne Tora", Gesetze vom Torastudium
4.Kap.,§1).

Mit dieser divisiven Methode läßt sich trotz ihrer scheinbaren
Objektivität nichts begreifen. Die Tore der Tora bleiben dem
Studenten verschlossen, denn er glaubt nicht an ihren
göttlichen Ursprung. Die göttlichen Tore unendlicher Weisheit,
die der Welt voranging und die der Schöpfer zu ihrer Schaffung
benutzte, bleiben vor ihm verschlossen.

"Würden wir nach Wissen in seiner vollen Bedeutung streben,
Wissen durch Vertiefung, vom Ausgangspunkt, die wahre
Lehre vor uns zu haben, die 100%ige Wahrheit,
unerschütterliche Wahrheit, himmlische Wahrheit und nicht
Menschenwahrheit, und unser ganzes Ziel bestünde in der
Offenlegung dieser Wahrheit, im Verständnis dieser Wahrheit
in Glauben und in der Überzeugung, vor der Wahrheit zu
stehen, nur daß sie zur Zeit unseren Augen verborgen ist -
dann wäre unser Bestreben positiv und konstruktiv.

Dieses Bestreben beinhaltet die Pflicht, sich mit allen Gebieten
zu befassen, die in unseren Quellen zum Ausdruck kommen.

Wir müssen unser Vordringen in den Tanach, den Worten der
Prophetie und ihrer Form, einen, uns mit der Wahrheit
beschäftigen, die in der Schönheit der Dinge liegt, mit der
Wahrheit in den historischen Erzählungen, mit der Wahrheit in
den ethischen Gedanken, und erst recht mit der Wahrheit in
den heiligen Geboten" (ebda.).

Wir bemühen uns, die Wahrheit ans Tageslicht zu fördern,
aber nicht, sie zu erzeugen. Wir stellen keine
Wahrheitszertifikate aus. Vielmehr stehen wir unterwürfig vor
der göttlichen Wahrheit und wollen sie verstehen. Wir glauben,
und sind davon überzeugt, daß wir hier den unendlichen
göttlichen Verstand vor uns haben, daß G~tt seinem Volk in
seiner Gnade Tora lehrt und uns die Tora gibt, die wir zu
lernen imstande sind, in die wir uns vertiefen  und die wir in uns
aufnehmen können.

Aller Anfang ist die Himmelsfurcht. Wessen Himmelsfurcht
nicht seiner Weisheit vorangeht, wird beim Torastudium auf
keinen grünen Zweig kommen. Der scheinbar objektive
Bibelforscher steht außerhalb G~ttes Wort und bestimmt nach
eigenem Ermessen, was wahr und was primitiv ist. Diese
Einstellung "vergaß das erste Glaubensprinzip - daß die Worte
der Tora vom Himmel stammen. Diese Einstellung
unterscheidet nicht zwischen himmlischem und menschlichem
Schrifttum und hält beide für gleichwertig. Wenn so einem
demnach eine Idee unverständlich erscheint, wird sie sofort
abqualifiziert, weil alles nach menschlichen Maßstäben
gemessen wird" (ebda.). Darum steht dieser Einstellung nicht
die Möglichkeit zu spiritueller Erhebung offen und kommt nicht
in den Genuß des Lichtes der Wahrheit aus höheren Sphären.

Der Ausgangspunkt bestimmt den weiteren Verlauf. Sicher sind
kritische Fragen erlaubt, aber auf der Basis von Glauben und
Himmelsfurcht. Wenn der gelehrte Rabbi Akiwa Eger einen
Toßafot [einer der Talmudkommentare] nicht verstand, schrieb
er: WNN, "weiteres Nachforschen nötig". Wer muß hier weiter
nachforschen? Der Toßafot etwa? Nein. Der Talmud ist
vielleicht zu schwer und unverständlich? Nein! Uns fällt es
schwer, wir verstehen nicht. Morgen kommt vielleicht ein
anderer Gelehrter, erklärt es uns, und das ganze Problem löst
sich in Wohlgefallen auf.

"Wir nähern uns den jüdischen Quellen wie vom Himmel
gegebenen, deren Worte die Wahrheit enthalten,
unerschütterliche Wahrheit, und unsere Bestrebung liegt darin,
sie zu offenbaren, sie zu offenbaren und nicht zu erzeugen,
und zu ihrer Offenbarung bedienen wir uns aller uns zur
Verfügung stehenden Mittel" (ebda.).
 

Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen
können Sie jede Woche auf hebräisch im Internet-Radio hören;
eine Programmvorschau (auch für englischsprachige Sendungen
und Nachrichten aus Israel) erhalten Sie unter:   http://www.a7.org
 
 
Kinder, Kinder...

Vor der Bar Mitzwa (2)
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

Voriges Mal erwähnten wir die Worte des MaHaRAL (der
"Hohe Rabbi Löw" aus Prag), wonach ein Junge, der sofort bei
Erreichen der Altersgrenze von 13 Jahren eine Mitzwa (Gebot
der Tora) erfüllt, auf der Stelle die spirituelle Vollkommenheit
erlangt. Von diesem Zeitpunkt an braucht er "nur" darauf zu
achten, daß sie ihm nicht verlorengeht! Er beginnt seinen
Lebensweg als Erwachsener oben auf dem Gipfel, und nun
heißt es Vorsicht, nicht zu schwanken und nicht zu fallen.

Welches ist nun die erste Mitzwa, die der Bar-Mitzwa erfüllen
soll? Darauf antwortete Rabbiner Zadok aus Lublin ("Zidkat
Hazadik", 4.Abschnitt): "Das erste Gebot, zu dem der Mensch
mit Erreichen des 13. Lebensjahres pflichtig wird, ist das
abendliche Lesen des Schma-Gebetes, das Reschit, mit dem
alles anfängt". Bei Anbruch der Nacht wird der Jugendliche
zum Schma-Lesen pflichtig, das ist also seine erste Mitzwa.
Warum wurde gerade dieses Gebot dazu erwählt? Weil "das
Hauptanliegen dieses Gebotes darin besteht, das Joch der
himmlischen Herrschaft auf sich zu nehmen, ebenso wie das
Joch der Tora und der Gebote" (ebda., 3.Abschnitt, nach
Brachot 13a) Das Reschit, d.h. Fundament der spirituellen
Bemühungen des Menschen, besteht in der Akzeptierung des
Jochs der himmlischen Herrschaft und des Jochs der Tora und
der Gebote. Mit den übrigen Mitzwot wird diese Akzeptierung
nurmehr in die Tat umgesetzt. Am Anfang muß der Jugendliche
seine Einstellung zu G~tt und zur Tora bestimmen. Das Wort
"Joch" hat in unserer heutigen, modernen Gesellschaft keinen
angenehmen Klang. Die gängige Parole lautet vielmehr: "Der
Mensch ist sein eigener Herr". Doch Ausgangspunkt des
israelitischen Glaubens - das Reschit - ist nunmal die
Aufsichnahme des himmlischen Jochs. Der Mensch ist kein
Herrscher. G~tt ist der Herrscher. Es gibt keinen passenderen
Beginn für den spirituellen Lebensweg eines Bar-Mitzwa-
Jungen.

Der "Chatam Sofer" (Rabbi Moses Sofer [Schreiber], Gründer
der Preßburger Jeschiwa, einer der scharfsinnigsten
Talmudisten der neueren Zeit, lebte vor ca. 200 Jahren) vertrat
jedoch die Überzeugung, daß nicht das Schma-Lesen die erste
Mitzwa darstellt. Es gibt noch vorher ein anderes Gebot. Und
welches? Die Freude über das himmlische Joch! So schrieb er
(in seinem Kommentar zum Wochenabschnitt Wajchi): "..und
ich sagte, dies ist die erste Mitzwa des Bar-Mitzwa-Jungen
gleich beim Eintritt ins 13. Lebensjahr mit Sternenaufgang, daß
er Freude und freudige Erregung wegen des Erhaltes des
Joches der Gebote seines G~ttes spürt, und die Freude ist
eines der Gebote der Tora - dem Herrn 'in Freude und guten
Herzens in Überfluß an Allem' zu dienen" (Dt. 28,47). Die
Freude über den Erhalt des Joches geht dem Erhalt voran. Wie
schön, daß wir G~tt dienen dürfen!

Aber, fragt der "Chatam Sofer", wenn es also ein Gebot der
Freude gleich beim Eintritt ins 13. Lebensjahr gibt - warum
steht das nicht ausdrücklich in der Tora? Er antwortet darauf,
daß "die Tora hierzu schwieg, genauso wie sie zur Pflicht der
Freude am Tage des Erhaltes unserer heiligen Tora
(Wochenfest) schwieg". Warum schwieg die Tora zu diesen
beiden Themen? "Weil es nicht angeht, daß sie uns mit einem
ausdrücklichen Gebot zur Freude über den Erhalt des Joches
auf unserem Nacken verpflichtet, denn dann wäre ja diese
Freude selber ein Joch auf unserem Nacken!" D.h., wenn die
Freude über den Erhalt des Joches sein soll, kann die Freude
selber nicht Teil dieses Gebotes bzw. Joches sein, sondern
muß diesem vorangehen. "G~tt befahl uns [die Freude] nicht,
vielmehr freuen wir uns von ganz alleine über die Ehre, das
Joch unserer Tora auf uns zu nehmen... ebenso am Tage der
Bar-Mitzwa".

Der "Chatam Sofer" lehrte uns, keine Angst vor dem göttlichen
Joch zu haben, weil es in uns Freude und Befriedigung
erzeugt. Unsere religiösen Bemühungen drücken uns nicht wie
eine schwere Last, binden nicht unsere Hände und jagen uns
auch keine Angst ein. "Die Höheren freudig, und die Niederen
überschwenglich, beim Erhalt der Tora" (aus einer
Gebetsdichtung zum Wochenfest).

Kehren wir zu unserem Bar-Mitzwa-Jungen am Abend seines
13.Geburtstages zurück. An diesem Abend werden alle Gebote
der Tora für ihn zur Pflicht. Bevor er mit der aktiven Erfüllung
der Gebote anfängt, muß der Jugendliche seinen spirituellen
und glaubensmäßigen Standpunkt vor G~tt und der Tora
definieren - die Aufsichnahme der himmlischen Herrschaft
(G~tt) und die Pflicht der Gebote (Tora). Doch noch vorher
muß sich der Jugendliche über seine innere Einstellung
gegenüber dem Erhalt der Pflichten im klaren sein. Er muß sich
in ein "positives seelisch-psychologisches Gefühl" im Hinblick
auf den Erhalt des himmlischen Joches versetzen - in das
Gefühl der Freude.
 

MACHON MEIR
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