MACHON MEIR
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT KI-TEZE
Nr. 213
9. Elul 5759
 

AUF DEUTSCH:
DIE TOLERANZ
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
NEU Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
 

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 21,10-25,19):
Die Kriegsbraut, geliebte u. gehaßte Frau, ungehorsamer
Sohn, Fundsachen, Dachgeländer, div. Eherecht, Verhältnis zu
Nachbarvölkern, Entlohnung, Zinsen, Pfand, Schwagerehe,
Ehefrau greift in Streit ein, korrekte Gewichte, gedenke
Amalek.
 
 
 
 
 
Frage und Antwort

Selbstverwirklichung

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim" in der Jerusalemer Altstadt

Frage: Ist der Begriff der "Selbstverwirklichung", der mehr und
mehr die Geister und Herzen erobert, eigentlich dem Judentum
fremd?

Antwort: Der Begriff der Selbstverwirklichung reflektiert die
großen Probleme des Menschen mit der Akzeptierung von
Weisungen, Werten und Idealen von außen. Diesen wird er nur
zustimmen, wenn er sie in seiner eigenen Lebenswirklichkeit
erlebt. Er muß jedes Ideal selbst durchleben. Anstelle des
Mottos: 'Gut, für unser Land zu sterben' (Josef Trumpeldor),
wird er sagen: 'Gut, für uns selbst zu sterben'. Er ist an seinem
eigenen Erfolg und dem Aufbau seiner eigenen Persönlichkeit
interessiert, insbesondere seiner Spiritualität und seiner
Kreativität.

Die "Selbstverwirklichung" wurde natürlich nicht erst in unseren
Tagen erfunden. Schon die Renaissance kämpfte gegen die
dem Menschen von Religion und Glauben auferlegten
Wertvorstellungen. Zeitgenössische Philosophen mühten sich
schwer, die moralischen Werte auf eine nicht in Religion und
Glauben verankerte Basis zu stellen. Dann kam die
Philosophie des Existenzialismus mit ihrer Betonung der
faßbaren, tatsächlichen und realen Existenz des Individuums,
die diesem keine vorangehende Wesenheit einräumt, wonach
es seine Wirklichkeit hätte ausrichten können; im Gegenteil,
die eigene Existenz wird zum Ausgangspunkt. Von hier aus
fand der Begriff "Selbstverwirklichung", eigentlich
psychologischen Ursprungs, Eingang in den allgemeinen
Sprachgebrauch.

Rabbiner Hillel Zeitlin schrieb einmal, daß die
"Selbstverwirklichung" in diametralen Gegensatz zum
Judentum stünde, weil dessen Anliegen die "Selbstverneinung"
in Beziehung zu G~tt sei. Dieser Ausdruck wird häufig vom
MaHaRaL aus Prag verwendet, und die Chassidim adaptierten
ihn für ihre Zwecke. Nach den Worten Rabbiner A.J.Kuks gibt
es eine Art "Selbstverneinung" im Sinne des Aufgehens in der
jüdischen Gemeinschaft, in das man sich versetzen sollte.

Trotzdem kümmert sich die Tora nicht nur um die
Allgemeinheit, sondern auch um den Einzelnen. Viele der
Gebote betreffen gerade den individuellen Juden. Sie weist uns
den Weg durch unsere Probleme, durch unsere Existenz,
durch unsere Bedürfnisse und durch unsere Leiden. Die Tora
erlernt der Mensch nur am Ort, der seinem Herzen zusagt, der
seiner persönlichen Neigung entspricht. Viele Verse haben das
Glück des Einzelnen zum Thema, "auf daß es dir gut gehe", in
materieller, spiritueller und psychologischer Hinsicht.

Der moderne Mensch hat so seine Schwierigkeiten mit dem
Wort des G~ttes, der ihm sein Joch auferlegt. In der Tat sieht
die Tora die "Aufsichnahme des Joches der himmlischen
Herrschaft" und die "Aufsichnahme des Joches der Gebote" vor
[und in dieser Reihenfolge!]. Auch der Staat legt ihm sein Joch
auf. Da schlägt ihn die "Selbstverwirklichung" in ihren Bann:
'Was mich interessiert - das bin ersteinmal ich selber, mein
Glück und mein Erfolg; ich bin mir die Quelle meiner eigenen
Wertvorstellungen und akzeptiere nicht die der Lehrer und
Erzieher; ich muß eine Beziehung zu den Dingen haben'.

So ist die "Selbstverneinung" wirklich ein großes Ideal des
Judentums. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine
unbedingte Pflicht. In den ersten 12 Kapiteln des Buches
"Messilat Jescharim" (Der Weg der Frommen) beschreibt
Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto [vor etwa 250 Jahren] die
Pflichten eines jeden Juden bis hin zur Erlangung der
"Untadeligkeit" und der "Gerechtigkeit": Er muß seine Pflichten
gegenüber G~tt erfüllen, Gebote, gute Charaktereigenschaften,
doch darf er dabei seinen persönlichen Weg gehen und das
Leben genießen, unter der Voraussetzung, daß die Genüsse
erlaubt, koscher, sind. Sein Leben dreht sich um eine
Doppelachse: Der Herr der Welt und ich, und es gilt, das labile
Gleichgewicht sorgsam zu bewahren.

Die weiteren Kapitel der "Messilat Jescharim" präsentieren
jedoch das höhere Ideal der "Selbstverneinung". Dies scheint
fast zuviel verlangt zu sein - Selbstverleugnung und ein
Zurückschrauben der Selbstbewertung auf Null gegenüber
G~tt, was anfangs zu Traurigkeit führen kann, wie Rabbiner
Kuk erwähnt (Sidur "Olat Ra'aja", 2.Bd., S.62). Die Demut ist
dabei die wichtigste Eigenschaft. Diese Demut erscheint schon
bei unseren Vorvätern: Awraham war ganz außerordentlich
demütig, "ich bin doch Staub und Asche" (Gen. 18,27). "Ihr seid
das Kleinste von allen Völkern" (Dt. 7,7), und die talmudischen
Weisen erläutern dies: "ihr macht euch klein vor mir" (Chulin
89a). Ebenso äußerte sich unser Lehrer Moscheh: "Was sind
wir schon?" (Ex. 16,7), wir [er und Aharon] gelten doch gar
nichts. Ein Vers bezeugt diese Haltung ganz besonders: "Und
der Mensch Moscheh war sehr demütig, mehr als irgendein
Mensch auf dem Erdboden" (Num. 12,3) - der Höhepunkt der
Selbstleugnung und der Selbstverneinung. Und König David
sagte: "Ich aber bin ein Wurm und kein Mann; der Menschen
Hohn und von den Leuten verachtet" (Psalm 22,7). Kann man
denn überhaupt von sich selber eine so niedrige Vorstellung
haben, eine so absolute Demut, die aus der eigenen
Persönlichkeit Kleinholz macht und rein gar nichts von ihr
übrigläßt?!

Und dennoch macht unser Vorvater Awraham gar keinen so
kläglichen Eindruck. Er verfügt über großen materiellen
Wohlstand, Rinder und Kleinvieh, Knechte und Dienstmägde,
Gold und Silber, zieht gegen vier Könige gleichzeitig in den
Krieg und gewinnt, ein großer Aktivist, tritt auf im Namen
G~ttes, schreibt Bücher in überströmender Kreativität und
ebnet neue geistige Wege. Er macht nicht gerade den Eindruck
eines Waschlappens. Auch Moscheh erscheint nicht als
Schwächling: Er führt das Volk aus Ägypten, leitet es durch die
Wüste und bringt es zum Lande Israel, und nebenbei steigt er
in die Höhe und bringt die Tora mit sich zurück - ein Mensch
von enormen Kräften. Auch König David kann man sich kaum
als Wurm vorstellen, nachdem er soviel geschaffen hat: er
baute das Königtum auf, führte die Kriege Israels, stand dem
Sanhedrin, dem obersten Gericht, vor, ein Dichter von
höchsten Gnaden und großer Schöpfungskraft, dessen Werke
ihresgleichen nicht finden.

Was geht hier vor? Einerseits Selbstverneinung und absolute
Ausradierung, und andererseits sehen wir bei diesen drei
Beispielen wahrhaft große Menschen voller Persönlichkeit und
beispielloser Kreativität.

Die Lösung dieses Rätsels finden wir im Glauben - glauben wir,
daß der göttliche Segen auf unsere Natur abgestimmt ist, daß
es dem Menschen im göttlichen Lichte gut geht, oder glauben
wir das nicht und vertreten die Ansicht, daß G~ttes Wort, seine
Ethik und seine Gerechtigkeit dem Menschen fremd sind,
weswegen er zwischen der Selbstverwirklichung und dem
Dienst an G~tt hin und hergerissen ist. - Wir glauben, daß
unser Selbst ein kleiner Funke des großen göttlichen Selbst,
das alle Welten umspannt,  darstellt und verstehen so, daß die
Selbstverneinung zum größtmöglichen Selbst führt.

Am Ende der Mischna heißt es: "in der Zukunft wird der
Heilige, gepriesen sei er, jedem Gerechten 310 Welten
verleihen, wie es heißt: 'zu verleihen meinen Freunden Habe'
[Jesch, Zahlenwert der Buchstaben 310]" (Ukzim 3,12/Sprüche
8,21).

Je mehr der Mensch ein Zaddik, ein Gerechter, wird, um so
mehr gewinnt er an "Selbst". Der Übergang fällt ein wenig
schwer und macht etwas traurig. Am Anfang läuft er noch mit
seinem eigenen "Selbst" herum, und am Ende schwillt es
tausendfach an, wenn er "in den Körper des Königs
aufgesogen" (Sohar) wird. Nur der Übergang ist problematisch,
denn es scheint dem Menschen, als habe er sein Selbst
verloren, seine Persönlichkeit ausradiert und seinen Charakter
gelöscht. Doch der neue Charakter läßt noch auf sich warten.
So befindet sich der Mensch in einer Art Dämmerung und ist
daher etwas traurig. Hier sind Mut und Durchhaltevermögen
vonnöten, denn man gelangt nicht mit einem Schritt in die
Verneinung voller Licht. Auch mag er denken: Weil ich religiös
bin, verpasse ich Dinge, zu denen ich Lust habe. "Ich" habe
Lust. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn der Mensch
sein "Ich" verwirklicht. Das Problem liegt vielmehr darin, daß
nicht immer ganz klar ist, um welches "Ich" es geht: Das "Ich"
der göttlichen Seele, des "Ebenbildes G~ttes", oder das "Ich"
der unreinen, körperlich-tierischen Seele, das aus seinem
Inneren spricht. Der Mensch beinhaltet beides, das Super-Ego,
das erhabene "Ich", und das "Id", das niedere "Ich"; das
"Ebenbild G~ttes im Menschen" und "das Tier im Menschen".
Die Selbstverwirklichung - welchen Selbstes?

Rabbiner Kuk verfaßte zahlreiche Kapitel über die Entwicklung
der Persönlichkeit des Menschen, doch immer unter der
doppelten Überschrift "Die Selbständigkeit und der innere
Kampf". Zur Erlangung der eigenen Selbständigkeit muß man
Krieg führen, um die unerwünschten "Trittbrettfahrer der Seele"
loszuwerden, die nicht zum inneren Wesen gehören.

Auf dem Weg zur Liebe zu G~tt kann der Mensch wegen der
Unterdrückung dieser Teile der Persönlichkeit am Anfang
etwas traurig, werden. Doch diese Teile gehören nicht zu
seiner wahren Persönlichkeit, vielmehr sind sie ihr vollkommen
fremd.

Je mehr sich der Mensch dem Herrn der Welt nähert und G~tt
dient, umso mehr begegnet er seinem eigenen Selbst - und er
fühlt sich richtig gut.

Weitere Kommentare von Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen
Themen auf hebräisch im Internet (audio/online):
http://www.a7.org
- auch englischsprachige Sendungen und Nachrichten aus Israel
 

Finanzier gesucht:
Zur Herausgabe ausgewählter Kommentare zur Parscha und
anderen jüdischen Themen von Rabbiner Schlomo Aviner in
Buchform auf deutsch werden Spender gesucht, die z.B. das
Andenken von Angehörigen auf diese Weise ehren wollen.
(Kosten für Hardcover /Taschenbuchformat ca. DM 5000,-
/Auflage v.1000 St.). Interessenten werden gebeten, sich mit
der deutschen Redaktion (s.o.) in Verbindung zu setzen.

Bereits erschienen (Auswahl):

MACHON MEIR
Jüdische Studien in Hebräisch und Englisch in jeder Schwierigkeitsstufe,
Anfängerkurse auch in Russisch
Tanach, Mischna, Gemara, Themen der jüdischen Weltanschauung
-gelockerte Atmosphäre
-religiöser Zionismus
-Emuna nach den Lehren Rav Kuks
-Anerkannte Hebräisch-Kurse (nachmittags)
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